Theorien sozialer Bewegungen: Ein Überblick

Theorien sozialer Bewegungen: Ein Überblick

Schon lange versuchen Sozialwissenschaftler zu erklären, warum und wann sich überhaupt soziale Bewegungen formieren? Ich habe mich mit diesen Theorien bisher nur in so weit beschäftigt, dass ich immer ein ausgesprochenes Interesse daran hatte, warum sozialer Wandel überhaupt stattfindet. Mein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den Theorien von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe (siehe Theorien der neuen sozialen Bewegungen). Mit den klassischen Theorien der Bewegungsforschung habe ich mich bisher kaum auseinandergesetzt.

Dieser Beitrag ist der erste in einer Reihe von Beiträgen in denen ich mich näher mit den wichtigsten Ansätzen in diesem Feld beschäftigen möchte. Ich werde deshalb hier zunächst nur sehr kurz auf jede Theorie eingehen, zentrale Kritikpunkte nennen, soweit ich sie der verwendeten Literatur entnehmen konnte1 und einen Literaturhinweis nennen, der auch die Grundlage für einen weiteren ausführlichen Beitrag zu der jeweiligen Theorie sein wird.

Theorie der relativen Deprivation

Die Theorie der relativen Deprivation besagt, dass soziale Bewegungen immer dann entstehen, wenn Menschen das Gefühl haben um ihren fairen Anteil in der Gesellschaft betrogen zu werden. Sie fühlen sich demnach entweder im Vergleich zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft benachteiligt oder ihre steigenden Erwartungen, korrespondieren nicht mehr mit ihrer materiellen Situation. Diese Ausgangsidee findet sich schon bei Karl Marx:2

Ein Haus mag groß oder klein sein, solange die es umgebenden Häuser ebenfalls klein sind, befriedigt es alle gesellschaftlichen Ansprüche an eine Wohnung. Erhebt sich aber neben dem kleinen Haus ein Palast, und das kleine Haus schrumpft zu Hütte zusammen. Das kleine Haus beweist nun, daß sein Inhaber keine oder nur die geringsten Ansprüche zu machen hat; und es mag im Laufe der Zivilisation in die Höhe schießen noch so sehr, wenn der benachbarte Palast in gleichem oder gar in höherem Maße in die Höhe schießt, wird der Bewohner des verhältnismäßig kleinen Hauses sich immer unbehaglicher, unbefriedigter, gedrückter in seinen vier Pfählen finden.

Kritik: Die relative Deprivation mag eine notwendige Bedingung für die Entstehung von sozialen Bewegungen sein, sie kann diese aber nicht alleine erklären, da viele historische Beispiele existieren in denen Menschen sich ungerecht behandelt gefühlt haben und dennoch nicht politisch aktiv geworden sind.

Literaturhinweis:

  • Ted Robert Gurr (1970). Why Men Rebel, Princeton University Press.

“Value-Added”-Theorie

Neil Smelser, ein Schüler von Talcott Parlson, steht für eine strukturfunktionalistische Erklärung zur Entstehung von sozialen Bewegungen. Seine “Value-Added”-Theorie beschreibt sechs Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit sich soziale Bewegungen formieren. Die sechs Bedingungen lauten:

  1. Strukturelle Zuträglichkeit: Die Menschen müssen sich über ein soziales Problem bewusst sein und die Möglichkeit zum kollektivem Handeln haben
  2. Strukturelle Spannungen: Die Gesellschaft ist unfähig das Problem im Sinne der betroffenen Menschen zu lösen
  3. Verbreitung einer allgemeinen Überzeugung: Es muss eine klare Aussage über das soziale Problem, dessen Ursache, Auswirkungen und Lösungen geteilt werden.
  4. Auslösende Faktoren: Um die bestehende allgemeine Überzeugung zu verstärken, muss es ein Schlüsselerlebnis geben (Bsp. Explosion eines Atomkraftwerkes)
  5. Mobilisierung: Anführer und erste Organisationsstrukturen entstehen
  6. (Fehlende) Soziale Kontrollfaktoren: Ein hohes Level an sozialer Kontrolle kann die Entstehung einer sozialen Bewegung oder die Teilnahme an kollektiven Aktionen erschweren bzw. gar verhindern

Kritik: Für die “Value-Added”-Theorie sind soziale Bewegungen die Antwort auf  sozialen Krisen. Soziale Bewegungen sind damit keine eigenständigen Akteure, sondern ihre Entstehung ist allein strukturell bedingt. Durch diese Sichtweise ist das Auftreten von sozialen Bewegungen auch immer als negativ zu beurteilen, da es letztendlich bedeutet, dass das gesellschaftliche Gleichgewicht nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte.

Literaturhinweis:

Theorie der Ressourcenmobilisierung

Die Theorie der Ressourcenmobilisierung heben hervor, dass eine Reihe von Ressourcen notwendig sind, damit soziale Bewegungen überhaupt entstehen können. Es lassen sich unter anderem folgende Ressourcen unterscheiden:3

  • Moralische Ressourcen: Legitimation, Solidarität, Sympathie, Berühmtheit
  • Kulturelle Ressourcen: Konzeptuelle Werkzeuge und Spezialwissen (z.B. Strategisches oder taktisches Wissen um eine Demonstration zu organisieren)
  • Sozial-organisatorische Ressourcen: Infrastruktur, soziale Netzwerke und Organisationen
  • Menschliche Ressourcen: Arbeitskraft, Erfahrung, Fähigkeiten, Expertise, Führungsfähigkeiten
  • Materielle Ressourcen: Finanz- und Anlagevermögen (z.B. Geld, Büros)

Die Vertreter der Theorie der Ressourcenmobilisierung gehen davon aus, dass Menschen rationale Akteure sind, die sich auf der Basis des Ziels der Bewegung, der verfügbaren Mittel und den Kosten der Mobilisierung und des kollektiven Handelns an einer Bewegung beteiligen.

Kritik: Der Ansatz kann nicht erklären, warum auch immer wieder Gruppen mit sehr begrenzten Ressourcen Erfolg haben.

Literaturhinweis:

Frame-Analysis

Die Frame-Analysis beruht auf einer konstruktivistischen Sichtweise der Welt. Sie geht davon aus, dass die Handlungen oder Ereignissen unterschiedlich interpretiert werden können. Denn welche Bedeutung wir Dingen zuschreiben, hängt immer davon ab aus welchem Blickwinkel (“Framework”) wir sie betrachten. Im Kontext der sozialen Bewegungen untersucht die Frame-Analysis folglich insbesondere wie Akteure versuchen soziale Problemen und ihren Handlungen eine Bedeutung zu zuschreiben.

Soziale Problem werden zunächst mit Hilfe von drei Framing-Ansätzen konstruiert:

  • Diagnostisches Framing: Identifiziert ein Problem und eine Ursache in Verbindung mit einer Gruppe oder Einheit, damit die Soziale Bewegung ein Ziel für ihre Aktionen hat
  • Prognostizierendes Framing: Vorschlag von Lösungen für das Problem, sowie Strategien, Taktiken und Ziele.
  • Motivierendes Framing: Nennung von guten Gründen um politisch aktiv zu werden.

Ein erfolgreiches Framing schafft es die individuelle vage Unzufriedenheit der Menschen in ein klar definiertes soziales Problem, welches unbedingt gelöst werden muss, zu transformieren.

Neben dem motivierenden Framing sind weitere Framingprozesse notwendig, um eine Kampagne am laufen zu halten. Dies sind:

  • Frame bridging: Die Organisationen der Bewegung versuchen Individuen zu erreichen, welche bereits die Weltsicht der Bewegung teilen, aber bisher nicht in diesem Bereich aktiv sind.
  • Frame amplification: Soziale Bewegungen greifen auf tief verwurzelte Werte in der Gesellschaft zurück und verknüpfen diese mit den Problemen der sozialen Bewegung.
  • Frame extension: Soziale Bewegungen erweitern ihre Frames um andere Bereiche, die für potentielle Unterstützer interessant sind
  • Frame transformation: Der bestehenden Frame ist nicht kompatibel mit den Werten der Gesellschaft und es müssen erst neue Werte und Überzeugungen geschaffen werden, um die Menschen davon zu überzeugen aktiv zu werden.

Kritik: Der Schwerpunkt dieses theoretischen Ansatzes liegt fast ausschließlich auf Ideen und wie sich diese materialisieren. Kaum Beachtung finden Taktiken, Strukturen und veränderte politische Kontexte.

Literaturhinweis:

Theorie der politischen Möglichkeitsstrukturen

Die Theorie der politischen Möglichkeitsstrukturen argumentiert, dass weder gesellschaftliche Probleme noch die verfügbaren Ressourcen die Entstehung einer sozialen Bewegung hinreichen erklärend können. Vielmehr materialisiert sich sozialer Protest immer entlang der politischen Möglichkeiten, die soziale Akteure innerhalb des politischen Systems sehen. Die Menschen werden demnach immer dann kollektiv Handeln, wenn sie am ehesten einen Erfolg für ihre Sache sehen.

Kritik: Soziale Bewegungen sind nicht außerhalb des politischen Spektrums, sondern unmittelbar an der Entstehung von politischen Möglichkeiten beteiligt.

Literaturhinweis:

Theorien neuer sozialer Bewegungen

In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ließen sich zwei Dinge beobachten: (1) Der Wandel von einer industriellen zu einer post-industriellen Gesellschaft, die mit der Formierung einer Reihe von neuen sozialen Bewegungen einherging; (2) Der Schwerpunkt der Soziale Bewegungen verschob sich von materiellen Forderungen zu andern Themen wie Menschenrechten, Umweltschutz oder Pazifismus.

Die Theorien der neuen sozialen Bewegungen stimmen darüber ein, dass orthodoxe marxistische Theorien, diese Entwicklung aus zwei Gründen nicht mehr ausreichend erklären konnten. Diese Kritik findet sich bei so unterschiedlichen Autoren wie Manuel Castells, Alain Touraine, Alberto Melucci, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe und Jürgen Habermas.

Weitere Gemeinsamkeiten der Ansätze sind, dass sie

  • die Bedeutung der Zivilgesellschaft gegenüber der politischen Sphäre als Arena für soziale Konflikte betonen.
  • Prozessen, die zu Selbstbestimmung und Autonomie führen, mehr Raum einräumen als Strategien, welche versuchen Macht und Einfluss zu maximieren.
  • die Rolle von postmaterialistischen Werte gegenüber den früheren Konflikten um materielle Ressourcen betonen.
  • den schwierigen Prozess um die Herausbildung von kollektiven Identitäten und Interessen hervorheben.
  • soziale Konstruktion von sozialen Problemen und Ideologien anerkennen
  • bei kollektive Handlungen keine zentralistische Organisationsform voraussetzen, sondern sich diese oft aus losen, fragilen und zeitlich beschränkten netzwerkförmigen Strukturen herausbilden.

Kritik: Neue Soziale Bewegungen sind möglicherweise weit weniger neu als behauptet wird. Das Label der Theorien der neuen sozialen Bewegungen ist sehr weit gefasst.

Literaturhinweis:

Fazit

Eine weitere Differenzierung ist sicher möglich und ich werde sehen, wo dies auch sinnvoll ist. Wer sich weitergehend mit dem Thema beschäftigen möchte, dem sei schon einmal “Understanding Social Movements: Theories from the Classical Era to the Present” von Steven M. Buechler empfohlen, welches ich hier auch für die weiteren Beiträge lesen werde.


  1. Soweit nicht anders vermerkt, beruhen die folgenden Ausführungen auf diesen beiden Büchern: Diana Kendall (2005). Sociology In Our Times, Thomson Wadsworth; Steven M. Buechler (1999) Social Movements in Advanced Capitalism, Oxford University Press 

  2. Karl Marx (1959) Lohnarbeit und Kapital, in: Karl Marx – Friedrich Engels – Werke, Band 6, S. 397-423, Dietz Verlag 

  3. vgl. Edwards, Bob; John D. McCarthy (2004). Resources and Social Movement Mobilization, in: Snow, Soule, and Kriesi, The Blackwell Companion to Social Movements, S. 116-52, Blackwell 

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Über Jacob Fricke

Jahrgang 1982, studierte an der Hochschule Bremen Politikmanagement und an der Universität Kassel Internationale Politische Ökonomie. Er war Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung und besuchte für zwei Trimester die University of Sussex in Brighton. Nach seinem Studienabschluss Mitte 2010 arbeitete er zunächst für die Grüne Bürgerschaftsfraktion in Hamburg. Danach war er u.a. als Campaigner bei LobbyControl und .ausgestrahlt angestellt.

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  1. [...] ich in meinem Überblicksartikel zu den Theorien der sozialen Bewegungen angekündigt habe, werde ich nach und nach jeweils einen zentralen Text zu jeder Theorie hier [...]

  2. […] Das passt gut in meine Reihe zu den Theorien sozialer Bewegungen, in der ich bereits einen Überblicksartikel und eine Zusammenfassung zu “Why Man Rebel” geschrieben habe. Derzeit lese ich Neil […]

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