Gesundheit

Wie sinnvoll ist die Herpesimpfung?

(Foto: Dr. J. Wiedemann)

Tierarzt Prof. Dr. Dr. Peter Thein erläutert den aktuellen Wissensstand zur Impfung gegen das Herpesvirus.

Die Infektionen mit Equinen Herpesviren der Typen 1 und 4, also dem Abortvirus EHV 1 und dem Rhinopneumonitisvirus EHV4, sind in unseren Pferdebeständen überall verbreitet. Nur von diesen beiden Viren ist in diesem Beitrag die Rede.
Etwa 80  % der untersuchten Pferde beherbergen EHV1 in latenter Form, bei EHV4 sind es 40 % und mehr. Und dies trotz jahrzehntelanger, zum Teil obligater Schutzimpfungen, die mit keinem der eingesetzten Impfstoffe diesen Status beeinflussen konnten.
Denn keiner dieser Impfstoffe kann die Feldinfektion mit Absiedelung im Pferdeorganismus, daraus folgender jahrelanger Erregerlatenz und Virusausscheidung verhindern.

Die direkten klinischen Folgen der EHV1- und EHV4-Infektionen, die zu wirtschaftlichen Ausfällen in der Pferdezucht beitragen, beschränken sich auf den Virusabort, der in erster Linie durch EHV1-Stämme verursacht wird.
Die mögliche Infektion der Atemwege mit klinischen Folgen, die bei erwachsenen Pferden eine untergeordnete Rolle spielen, betrifft in erster Linie Fohlen im Absetzalter. Hier finden deren Primärinfektionen vor allem mit EHV4 statt, die jedoch beim nicht gestressten Pferd vorwiegend klinisch nicht in Erscheinung treten.

Bleibt noch die dritte Verlaufsform, die sich vergleichbar dem EHV1-Abort je nach individueller Disposition des Pferdes über virusinduzierte Gefäßveränderungen, speziell in der grauen und weißen Substanz des Rückenmarks entwickelt und zur paretisch-paralytischen Verlaufsform, auch Schlaganfall des Pferdes genannt, führen kann.
Daran kann EHV1 ebenso wie EHV4 beteiligt sein. Diese Form sorgt wegen der zum Teil dramatischen klinischen Bilder immer wieder für Aufregung, auch gefolgt von nicht ratsamen „Notimpfungen“, auf die ich noch zu sprechen komme, und zum Teil hysterischem Aktionismus.

Impfziel verfehlt

Nachdem mit keinem der verfügbaren Impfstoffe die natürlichen Virusinfektionen, deren Manifestation und Latenz verhindert werden können, sind sie auch nicht in der Lage, die daraus resultierenden, genannten klinischen Folgen mit der nötigen Sicherheit und in erforderlichem Umfang nach der Impfung zu verhindern.
Was hat man vom Einsatz eines Impfstoffes zu erwarten?
1. Schutz vor der Infektion, gegen die geimpft wurde.
2. Schutz vor der krank machenden Wirkung des Erregers, gegen den geimpft wird.
3. Schutz vor Ausscheidung des Erregers aus dem Impfling zur Unterbindung der Gefahr, dass von diesem andere, empfängliche Individuen angesteckt werden können.
Keines dieser klassischen Impfziele, die die reale Grundlage der Entwicklung und Erlaubnis für Produktion und Einsatz von Impfstoffen sind, wird von den im Markt befindlichen Herpes–impfstoffen für das Pferd erreicht.

Infolgedessen können auch die geimpften Pferde nach der homologen wie heterologen EHV-Infektion eine Virämie (Verbreitung des Virus über das Blut) entwickeln, was ein klares Indiz dafür ist, dass die Impfung nicht infektionsverhindernd wirken kann. Daraus entwickelt sich die manifeste EHV-Infektion mit der jeder Zeit möglichen Virusausscheidung.
Antikörper ebenso wie cytotoxische Lymphozyten (CTL, zellgebundene Abwehr) verhindern dies nicht. Die nach Impfung gebildeten Antikörper gewähren in keiner Weise einen Immunschutz. Stuten mit hohen Antikörper-titern abortieren zum Beispiel nach Infektion genauso wie Stuten ohne Antikörper. Dazu kommt, dass zwischen den Vertretern von EHV1 und EHV4 kein immunologischer Kreuzschutz besteht und dass die Vielfalt biologisch differenter Virusstämme diese Situation ebenso kompliziert wie die komplexe Immunabwehr nach Herpesvirusinfektionen, die durch keine derzeitige Impfung stimulierbar ist.

Internationaler Stand des Wissens ist, dass die virusneutralisierenden Antikörper keinen Immunschutz bedingen, zugesicherte (Produktinformation) Eigenschaften von EHV-Impfstoffen beruhen jedoch auf dieser postvakzinalen Antikörperantwort.
Die Hauptindikation für den seit ca. 40 Jahren gepflegten Einsatz von EHV-Impfstoffen ist der Virusabort wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung und wegen der mit dem Abort erfolgenden Ausscheidung großer Virusmengen mit deren Weiterverbreitung im Bestand.

Entgegen den Zulassungsbedingungen wird für diesen Einsatz auch wieder ein Lebendimpfstoff (Prevaccinol) empfohlen. Dieser Impfstoff war seit seiner Markteinführung vor 42 Jahren nicht in der Lage, den Abort zu verhindern, wie umfangreiche Untersuchungen im Feld wie im Infektionsexperiment belegen. Daher enthält seine derzeitige Produktinformation auch nur die folgende Anwendungsempfehlung:
„Wird der Impfstoff wie empfohlen verwendet, induziert er komplementbindende (CF) und virusneutralisie-rende (VN) Antikörper, die zu einer
signifikanten Verringerung der Virämiehäufigkeit, der Dauer und Höhe der Virusausscheidung, Körpertemperaturanstiege sowie der klinischen Symptome der Rhinopneumonitis führen, wie in einem „Challengeversuch“ (Infektionsbelastungsversuch) mit einem pathogenen EHV-1-Stamm gezeigt wurde. Eine Immunität wird innerhalb von zwei bis vier Wochen nach der Grundimmunisierung erreicht. Wiederholungsimpfungen in Sechsmonatsintervallen führen zur Erhaltung der aktiven Immunität.“

Prof. Dr. Dr. Peter Thein

Lesen Sie den kompletten Artikel in der Ausgabe 12/2012 von Reiter & Pferde in Westfalen.

Unser Autor

(Foto: S. Heüveldop)

Prof. Dr. Dr. Peter Thein aus Oberzeitlbach in Bayern ist Fachtierarzt für Pferde und Mikrobiologie. Er lehrte an der Universität München, leitete die weltweite Forschung und Entwicklung Biologie der Bayer AG, ist Berater der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) sowie Leiter der Arbeitsgruppe Infektionsschutz der Gesellschaft für Pferdemedizin.