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Schmerzliche Suche nach dem eigenen Geschlecht

Michaela Raab dachte lange, sie sei als Mädchen geboren, aber sie ist intersexuell — Klage gegen Erlanger Uni-Klinikum - 04.11.2013

Die 39-jährige Michaela Raab leidet seit vielen Jahren, weil sie ihrer Ansicht nach falsch behandelt wurde.

Die 39-jährige Michaela Raab leidet seit vielen Jahren, weil sie ihrer Ansicht nach falsch behandelt wurde. © Meyer


„Ich bin wie ich bin“ — das ist für die meisten Menschen reine Selbstverständlichkeit. Manche erklären damit störende Marotten, andere beenden so lästige Auseinandersetzungen. Wenn Michaela Raab diese Worte am Ende ihrer Geschichte ausspricht, wiegen sie schwer. Es vergingen viele Jahre des Kampfes mit sich, mit Ärzten, mit Gerichten, bis die ganze Erleichterung dieses Satzes auch für sie Gültigkeit besitzen konnte.

Als Michaela Raab in einem kleinen mittelfränkischen Ort auf die Welt kam, hielten die Eltern ihr Kind für ein Mädchen. Sie wurde von allen so behandelt und erzogen. Es sind nur kleine beiläufige Begebenheiten, die sie heute, im Rückblick, als Hinweise darauf wertet, „dass ich wohl ein männliches Kind war“. Damals hat sie die übergangen.

„Für ein Mädchen langst du ganz schön hin“

„Eine Tante sagte zum Beispiel mal zu mir: Jetzt bewegst du dich wenigsten mal wie ein Mädchen“, erzählt Raab. Und dem Bäcker, bei dem sie in der Lehre war, gefiel ihre kräftig zupackende Art. „Für ein Mädchen langst du ganz schön hin“, meinte der Chef. Was sie als Jugendliche belastete, war ein nicht fassbares Gefühl, „dass irgendwas nicht passt“. In Gesellschaft mit anderen fühlte sie sich selten wohl. „Ich war froh, wenn die Schule vorbei war.“

Als junge Erwachsene mit 19 Jahren leitete Michaela Raab unbeabsichtigt eine Wende in ihrem Leben ein. Sie wandte sich zum ersten Mal an eine Frauenärztin. Sie wollte wissen, warum sie immer noch keine Menstruation hat. Auch Busen war kaum zu sehen.

Vonseiten der Eltern oder eines Arztes sei die junge Frau „nie“ auf Fragen der sexuellen Entwicklung angesprochen worden, „ebenso wenig wie auf die körperlichen Veränderungen, die sind in der ländlich konservativ geprägten sozialen Umgebung totgeschwiegen worden“. Ein normaler Uterus oder normale Keimdrüsen „sind nicht abgrenzbar“. Das schreibt diese Frauenärztin 1994 in einem Überweisungbrief an die Erlanger Uni-Frauenklinik. Dort sollte abgeklärt werden, was mit Michaela Raab los ist. In Erlangen begann dann eine medizinische Behandlung, die Raab als brutalen, seelisch verletzenden und bis heute körperlich schmerzhaften Eingriff sieht. „Mir wurde das weibliche Geschlecht zugeschrieben, und ich sollte da mit aller Gewalt reinverbogen werden.“



Operative Eingriffe wurden vorgenommen, Tests und Untersuchungen. Und es begann eine langjährige Behandlung mit weiblichen Sexualhormonen. Dabei hatte sie das männliche Y-Chromosom. Korrekt aufgeklärt über ihren körperlichen Zustand und den Sinn der langwierigen Behandlungen mit „wesensverändernder Wirkung“ fühlte sie sich nie. Heerscharen von Ärzten hätten sie interessiert angeschaut, aber nicht offen gesprochen. Dabei war sie schließlich damals schon alles andere als ein unmündiges Kind.

Allein auf die Therapien führt Michaela Raab die schweren gesundheitlichen Schäden zurück, unter denen sie leidet. „Ich war lange ein Pflegefall“, erzählt sie. Unerträgliche Schmerzen plagten sie, Angst vor Krebs kam hoch, Wasser lagerte sich in ihrem Körper ein. Verschrieben hat man ihr dagegen auch Antibiotika wegen eines Verdachts auf Borreliose. Hinzu kamen psychische Probleme. „Ich hatte unglaubliche Depressionen und Panikattacken. Das war kein Leben mehr.“

Eine Art Befreiung im Alter von 29 Jahren

Ein einfühlsamer Freund brachte das Gespräch auf Intersexualität. Vor zehn Jahren ist der jungen Frau dann nach und nach klar geworden, „dass ich männlich bin, aber kein Mann“. Es war eine Art Befreiung im Alter von 29 Jahren. Erst jetzt entdeckte sie etwas, was schon immer zu ihr gehörte, was sie ausmachte, nämlich etwas zwischen Mann und Frau, aber „eher Mann“. Das war auch der Zeitpunkt, an dem sie sich entschloss, in Selbsthilfegruppen aktiv zu werden. „Andere Kinder und junge Leute sollten das nicht durchmachen müssen, was ich durchgemacht habe.“ Und sie setzte sich vor Gerichten zur Wehr.

Im vergangenen Jahr fiel eine Entscheidung des Bayreuther Sozialgerichts. Dort wollte Michaela Raab erreichen , dass sie wegen der Operationen im Bauchraum sowie im Genitalbereich sowie mit gegengeschlechtlichen Hormonen am Erlanger Uni-Klinikum als „Opfer eines vorsätzlichen rechtswidrigen tätlichen Angriffs im Sinne des Opferentschädigungsgesetzes“ gilt.

Das Gericht lehnte das ab. Eine „egoistische Schädigungsabsicht der behandelnden Ärzte“ sei nicht zu erkennen. Der Richter macht in seinem Urteil aber einen bemerkenswerten Exkurs. In der gesellschaftspolitischen Diskussion habe sich ein erheblicher Wandel vollzogen. Dieser komme etwa in Beschlüssen des UN-Antifolter-Ausschusses zum Ausdruck. Zu einem breiten Konsens habe der Umgang der Gesellschaft mit „rollenanpassenden Genitaloperationen von Intersexuellen“ aber noch nicht geführt. Fehlerhafte ärztliche Eingriffe zur Behandlung von Intersexualität könnten aber allenfalls dann als „feindselig“ gegenüber einem Patienten sein, wenn es entsprechende Gesetze gebe. Die gibt es aber noch nicht.

Vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth hat Raab außerdem eine Klage gegen das Universitätsklinikum Erlangen eingereicht. Sie möchte mindestens 250.000 Euro Entschädigung und eine monatliche Schmerzensgeldrente in Höhe von 1600 Euro. Die 39-Jährige ist wegen ihrer Erkrankungen seit Jahren auf Dauer arbeitsunfähig. Finanziell kommt sie nur mit Hilfe des Staates über die Runden.

Noch keine Entscheidung vor dem Landgericht

Weder sei die Tragweite des Eingriffs dargestellt worden, heißt es in der Klageschrift des Raab-Anwalts, noch seien Behandlungsalternativen genannt worden. Der Eingriff sei somit „mangels wirksamer Einwilligung insgesamt rechtswidrig“. Seine Mandantin sei nun lebenslang auf Einnahme von Hormonen mit vollkommen unklaren Nebenwirkungen angewiesen. Die physischen und psychischen Belastungen seien auf Dauer „erheblich“. Eine Entscheidung vor dem Landgericht ist noch nicht gefallen.

Professor Matthias W. Beckmann, Direktor der Erlanger Uni-Frauenklinik, äußert sich nicht zu dem laufenden juristischen Verfahren. Aber auch er betont, dass sich die Zeiten geändert haben. Er macht das an einem Vergleich deutlich: „Früher war es selbstverständlich, dass Kinder die Religion der Eltern annehmen. Heute lassen das viele offen. Die Kinder sollen sich dann selbst entscheiden, ob sie zum Beispiel evangelisch, katholisch oder islamisch werden wollen.“

Man kann auch erst mal  alles offen lassen

Mit geschlechtsangleichenden Operationen habe man bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts versucht, eine vermeintliche Normalität und eine frühzeitige Festlegung auf eine Geschlechterrolle zu erreichen. Ob das immer zum Wohl des Kindes war, habe niemand gründlich hinterfragt. „Ob die betroffenen Eltern die Situation immer wahrhaben wollen, steht auf einem ganz anderen Blatt“, betont Beckmann.

Heute, so der Professor, versuche die Medizin, mit intersexuellen Menschen äußerst behutsam umzugehen. Es habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass man erst mal auch alles offen lassen kann, wenn es um das Geschlecht eines Menschen geht. So gesehen hat Michaela Raab vielleicht einfach das Pech der etwas zu frühen Geburt.
  

MICHAEL KASPEROWITSCH

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