netzeitung.deRund 1000 Verletzte in Rostock

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Krawalle in Rostock (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Krawalle in Rostock
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Am Rande der friedlichen Demonstration gegen den G8-Gipfel sind bei Krawallen am Samstag rund 1000 Menschen verletzt worden. Die Demo-Organisatoren distanzieren sich von den Gewalttätern.

Fast 1000 Verletzte, aufgerissene Bürgersteige, ausgebrannte Autos - ein Mob vom rund 3000 Gewalttätern aus der Autonomenszene ließ die friedliche Auftaktdemonstration der Globalisierungskritiker vor dem G8-Gipfel am Samstag in Rostock im Chaos versinken. Polizei und Veranstalter waren schockiert über die Gewaltbereitschaft der meist jungen Täter.

Ein zur Verkehrsregelung abgestellter ungeschützter Polizist erlitt im Hagel von katzenkopfgroßen Steinen einen offenen Oberarmbruch. Sogar zum Löschen brennender Autos angerückte Feuerwehrmänner wurden angegriffen, ein Löschfahrzeug beschädigt. Insgesamt verzeichnete die Polizei 433 verletzte Beamte, die Demonstrationsleitung berichtete von 530 verletzten Teilnehmern. Die meisten hatten Augenreizungen vom Tränengas. Aber 30 Polizisten und 20 Demonstranten mussten mit schweren Verletzungen in Krankenhäusern behandelt werden, wie beide Seiten am Sonntag mitteilten.

Mindestens 128 Verdächtige wurden von der Polizei festgenommen, davon waren 63 am Sonntag noch in Haft. Die Demonstrationsleitung sprach von mindestens 165 Festnahmen. Der Sachschaden ließ sich kaum abschätzen: Mehrere Autos wurden demoliert, zwei Wagen brannten aus, gepflasterte Bürgersteige wurden von Autonomen für Wurfgeschosse aufgerissen, Verkehrsschilder und ein Parkscheinautomat umgeworfen, Müll angezündet. Am Sonntag rückten Arbeiter zum Aufräumen an: Pflastersteine wurden wieder eingesetzt, die ausgebrannten Fahrzeuge abgeschleppt und der Müll abtransportiert.

Friedliche Demonstration
Die Demonstration hatte am Samstagmittag friedlich mit zwei Zügen begonnen, die sich am Stadthafen treffen sollten. Während die Polizei 25.000 Teilnehmer zählte, sprachen die Veranstalter von rund 80.000 Menschen. Mit Musik und bunten Aufführungen zogen die Demonstranten vorbei an geschlossenen Läden und misstrauischen Einwohnern. «Das ist wie früher zu kommunistischen Zeiten, da habe ich bei so etwas auch nicht mitgemacht», sagte Anwohner Heinrich Holdt.

Die Krawalle brachen gegen 15 Uhr aus, als die Menschenmassen auf das Gelände am Stadthafen strömten. Ein Polizeiauto wurde angegriffen mehrere Beamte verletzt. Daraufhin stürmten Polizeitrupps in die Menge, um Tatverdächtige festzunehmen. Die Stimmung explodierte: «Die Autonomen schlagen alles kurz und klein, was sich ihnen in den Weg stellt», sagte ein Polizeisprecher. Schwarzer Rauch zog durch die Straßen, die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer gegen die Angreifer ein. Dabei wurden auch unbeteiligte Demonstranten getroffen.

Distanzierung von den Gewalttätern
Kleinere Übergriffe hatte es schon vorher gegeben: Ein Polizist wurde mit einem Messer verletzt. Farbbeutel, Flaschen und Steine flogen auf ein Hotel, wo eine US-Delegation wohnen soll.

Die Veranstalter distanzierten sich von den Gewalttätern und räumten Versäumnisse ein: Es habe verbindliche Absprachen mit allen Teilnehmern, auch den Linksradikalen, gegeben, dass die Demonstration «absolut friedfertig ohne Auseinandersetzungen mit der Polizei über die Bühne geht», sagte Mani Stenner von der Demo-Leitung. «Wir haben es versäumt, bis zum letzten Moment vorsichtig zu sein und Vorkehrungen zu treffen.» Dass Polizisten bei der Ankunft auf dem Kundgebungsplatz angegriffen worden seien, sei durch nichts zu rechtfertigen. Stenner lobte die Polizeitaktik bis zu diesem Zeitpunkt. Nach der Attacke auf den Polizeiwagen allerdings habe auch die Polizei «rüpelhaft zugeschlagen».

Demonstranten hätten Knochenbrüche und Schädeltraumata erlitten. Die Demonstration unter dem Motto «Eine andere Welt ist möglich» war von zahlreichen Gruppen aus dem In- und Ausland organisiert worden. Die Teilnehmer wandten sich unter anderem gegen die Existenz von Atomwaffen und die Irak-Politik der USA. Zudem warfen sie den Industriestaaten Ausbeutung der Dritten Welt vor und forderten Maßnahmen gegen den Klimawandel.

Um Ausschreitungen zu verhindern, war die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort und hatte strenge Sicherheitsauflagen erlassen. Insgesamt sollen bei den Protesten und zum Schutz des G8-Gipfels vom 6. bis 8. Juni in Heiligendamm 16.000 Polizisten eingesetzt werden. (Claus-Peter Tiemann/ AP)