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Philosophie und Ethik in Deutschland

Das ideologiekritische Verfahren der immanenten Kritik

Undatierte Aufnahme des deutschen Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno (1903-1969). Copyright: picture-alliance / dpaSokrates / Portraetbueste  Antike Kopie nach einer Bueste des 4.Jh.v.Chr., Lysipp zugeschrieben. Paris, Musee du Louvre. Copyright: picture-alliance / akg-images / Erich LessingIn der Wissenschaft ist von Ideologiekritik kaum noch die Rede. Das ideologiekritische Verfahren der immanenten Kritik, das mit dem Philosophen Karl Marx in Verbindung gebracht wird, gilt als verpönt. Zu Unrecht. Sie ist eine Methode der Philosophie die bis zu Sokrates zurückgeht und sich seitdem fortentwickelt hat.

Baruch de Spinoza hat 1677 für Textinterpretationen die Regel aufgestellt "dass man der Schrift keine Lehre zuschreiben soll, die nicht mit völliger Deutlichkeit aus ihrer Geschichte sich ergibt". Ohne ein Verständnis für Ideologiekritik bleibt auch der Zugang zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule versperrt.

Die Liebe zur Wahrheit verlangt vom Philosophen, dass er die Wahrheit findet, da sie ihm nicht wie dem Gottesfürchtigen offenbart wird. Auf Sokrates geht die Ansicht zurück, dass ein systematisches, grundlegendes Prüfen der Begriffe zur Wahrheit führe. Die Wahrheit zu finden, ist ein hermeneutisches Unterfangen: Sie muss ans Licht geholt werden, da sie von selbst als Wesen nur erscheint und die Erscheinung nicht das Wesen ist. Es bedarf also eines Weges hinein (met-hodos): einer Methode.

Begriff der Ideologie

Ideologie ist im Verständnis der materialistischen Geschichtsauffassung ein geistig-kulturelles Abbild des real Bestehenden, welches rückwirkend das Bestehende mitformt und strukturiert. Das Denken gilt gebunden an zeitliche und räumliche Formen gesellschaftlichen Seins. Hegel schrieb, das Individuum sei ein Sohn seiner Zeit, und Marx präzisierte: Das Bewusstsein ist durch das gesellschaftliche Sein bestimmt, somit der Mensch ein "Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse".

Politische Positionierungen, welcher Art auch immer, werden demnach als Ausdruck des bestehenden und sich wandelnden Zeitgeistes und dieser als Ideologie verstanden. Der Zeitgeist formuliert einen Anspruch, dessen ideologische Gestalt als "geistiges Aroma" (Marx) Ausdruck der herrschenden Verhältnisse ist, worin ein historisch gewachsenes und sich mit den Verhältnissen wandelndes Bedürfnis zum Vorschein kommt. Das macht das Allgemeine von Ideologien aus, die sich aus komplexen Diskurspraktiken in bestehenden Machtstrukturen ergeben.

Undatierte Aufnahme des deutschen Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno (1903-1969). Copyright: picture-alliance / dpaIdeologie verschleiert diese Machtverhältnisse vor allem auch in demokratischen Gesellschaften. Theodor W. Adorno schreibt in seinem Beitrag zur Ideologienlehre, dass dort, wo bloße unmittelbare Machtverhältnisse herrschen, es keine Ideologien gebe. Denn Ideologie ist Rechtfertigung. "Zur Ideologie im eigentlichen Sinne bedarf es sich selbst undurchsichtiger, vermittelter und insofern auch gemilderter Machtverhältnisse." (Adorno)

Bei Karl Marx heißt es, Wissenschaft sei nicht nötig, wenn Wesen und Erscheinung einer Sache zusammenfallen. Die Differenz von Wesen und Erscheinung macht erst das Spannungsfeld von Ideologien aus. Ideologie wird von Marx als "gesellschaftlich notwendiges und zugleich falsches Bewusstsein" begriffen. Mit falschem Bewusstsein ist mithin nicht gemeint, dass es sich bei Ideologien um einen Verblendungszusammenhang handelt, der bloß der anthropologischen Grundbeschaffenheit der Menschen oder der logischen Unreinheit des Bewusstseins zur Last gelegt werden könnte, wie es etwa in der "Idolenlehre" von Francis Bacon unternommen wird.

Die Unwahrheit von Ideologien muss stattdessen aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, das heißt aus objektiven Verblendungszusammenhängen abgeleitet werden – nicht als mechanische und vielleicht verzerrte Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins im Bewusstsein, vielmehr liegt der Ideologie immer eine selbständige geistige Tätigkeit zugrunde, die mit einem eigenen Anspruch aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen hervorscheint.

Ideologiekritik

Ideologiekritik arbeitet sich mithin an dem Kern von Rationalität in der synkretistischen Verschränkung von Wahrem und Unwahrem ab. Auch wenn Adorno allerdings der Ansicht gewesen ist, dass selbst die Nachkriegsgesellschaft dafür zu durchsichtig geworden sei und das gesellschaftlich bedingte, falsche Bewusstsein von heute nicht mehr von einem objektiven Geist getragen, sondern mit den Erzeugnissen der Kulturindustrie wissenschaftlich auf die Gesellschaft zugeschnitten werde, sind die Herrschaftsverhältnisse dieser demokratisch-kapitalistisch verfassten Gesellschaft, die nach 1945 entstanden ist, – gerade auch aufgrund der Kulturindustrie – doch nicht so durchsichtig wie etwa im Faschismus, so dass auf Ideologiekritik im traditionellen Sinne verzichtet werden, bzw. durch die bloße Analyse des cui bono ersetzt werden müsste.

Die Ideologie hat eine Hülle; sie ist nicht das ungeschminkte "drohende Antlitz der Welt" (Adorno). Die gegenwärtige Welt ist, obwohl in ihr viel Terror ist, ihrer eigenen Gestalt nach nicht wieder in Terror übergegangen. Auch gegen die Annahme, dass im Spätkapitalismus durch das Prinzip der Konsensproduktion auf Legitimationstheorien verzichtet werden könne und demzufolge die herkömmliche Ideologie obsolet geworden sei, ist einzuwenden, dass gegensätzliche durch Machtinteressen transportierte Positionen, die in der Demokratie in einem Konsens zu harmonisieren wären, mit Sinn erfüllt sein müssen. Das heißt, es kann nicht einfach Unsinn durch bloße Gewalt- oder Machtausübung Eingang in den Konsens finden.

Immanente Kritik

Karl Marx, Grab in London; Copyright: picture-alliance/ dpa Die Methode, die imstande ist, verschleierte Rechtfertigung, dass heißt im wesentlichen Partikularinteressen, die sich als Allgemeininteressen getarnt haben, zu entschleiern, ist das ideologiekritische Verfahren der immanenten Kritik, wie es von Marx in Bezug auf die bürgerliche Gesellschaft entscheidend entwickelt wurde.

Immanente Kritik stellt nicht einfach ein von außen als Abstraktion gesetztes Dogma einer Ansicht entgegen, sondern knüpft an die in den Ansichten verborgenen Bedürfnisse und Interessen an, um sie freizulegen und an ihrem eigenen Anspruch zu bewerten. Damit befindet sich die immanente Kritik in der Tradition des Sokratischen Dialogs. Es geht mit anderen Worten darum, theoretische und politische Positionen nachzuvollziehen, auf immanente Widersprüche zu überprüfen und ihren Wahrheitsgehalt vor allem hinsichtlich der sozialen Bedeutung zu reflektieren.

Da ideologische Annahmen ein Synkretismus aus Wahrem und Falschem sind, der als verdinglichte Grundposition einen Zweck erfüllt, kann der Maßstab der Kritik kein äußerlicher sein, sondern muss immanent erfolgen, das heißt, an der Ausrichtung des Zweckes kritisiert werden. Die Kritik muss dabei bis zu den neuralgischen Schnittstellen der verdinglichten Synkretismen in den Begriffen vordringen und durch das "Scheiden" den Begriff in die Krise zwingen, das heißt, das Gravitationszentrum, die Kräfteverhältnisse im Begriff verändern, wodurch der Begriff in Bewegung gerät und ein neues Gravitationszentrum erhält. Mit anderen Worten: Vermöge der immanenten Kritik wird der Begriff von innen heraus umgeleitet und sich im wahrsten Sinne des Wortes bewusst angeeignet.

Kritische Theorie

Immanente Kritik versteht sich insofern auch als ein Eingriff in die bestehende Praxis. Kritische Theorie, die sich der immanenten Kritik programmatisch verschrieben hat, beansprucht, die "blinde Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens" dem Bewusstsein der Einzelnen zu erhellen, schreibt Max Horkheimer, damit sie die Einrichtung einer "Gesellschaftsform, in der die Menschen ihr gesellschaftliches Leben bewusst für ihre eigenen Bedürfnisse und Zwecke solidarisch organisieren und immer aufs Neue damit in Einklang bringen" können, angehen.

Weil es den Menschen nur schwer in den Sinn kommt, über das Bestehende hinauszudenken, kommt der Kritischen Theorie die Aufgabe zu, die Menschen daran zu erinnern, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse veränderbar sind und die Geschichte von Menschen gemacht wird. Dass Geschichte vernünftig gemacht werden kann, setzt voraus, dass man sich ihrer begrifflich bewusst wird. "Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein." (Goethe) Weil mit Worten sich trefflich streiten und ein undemokratisches System bereiten lässt, ist es ein Anspruch der aufklärerischen Wissenschaft, dass ein Begriff bei dem Worte sei.

Dr. Marcus Hawel
ist Publizist, Soziologe und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift Sozialistische Positionen. Zurzeit lehrt er an den Instituten für Politische Wissenschaft sowie Soziologie und Sozialpsychologie der Leibniz Universität Hannover.

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Mai 2008

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