Jens Meiert von Google Inc. auf der Webinale 2009 in Berlin

Sian: Hallo, vielen Dank, dass du heute auf der Webinale nach deinem Vortrag zu Webentwicklung und Wartbarkeit noch kurz Zeit für mich hast. Für die Leser, die nicht auf die Webinale kommen konnten, wie siehst du persönlich die Webentwicklung in den nächsten Jahren?

Jens: Durch die fortwährend steigende Popularität des Internets werden wir vermutlich weiterhin mit einigen unkonventionellen Webentwicklungspraktiken konfrontiert werden, aber die Qualität wird an der Spitze steigen. Zudem werden von mehr Internetnutzern auch viele positive Impulse ausgehen; frische Ideen zeichnet das Internet aus, es lebt davon.

Was Ladezeit und Performance anbelangt, stehen wir vermutlich der Situation gegenüber, dass Websites schnellere Internetanbindungen als Grund interpretieren, sich nicht sonderlich um kürzere Ladezeiten zu bemühen. Dies folgt einer beunruhigenden Entwicklung, die ignoriert, wie positiv die Nutzererfahrung von Geschwindigkeit beeinflusst wird.

Wer den Markt beobachtet, kann sehen, dass HTML (nicht zu verwechseln mit Beinahe-XHTML) eine Renaissance erlebt. Dies wird sicherlich durch die Arbeit an, Implementierung von und steigende Aufmerksamkeit für HTML 5 begünstigt.

Unabhängig davon wird in den nächsten Jahren noch größerer Fokus auf Webentwicklung für mobile Endgeräte liegen.

jens-meiert-sian-ru-lai-xing Sian: Hat man als Webmaster bei Google Einfluss auf die Konzernentwicklung bei Google? Wenn ja, wie und warum?

Jens: Bei Google wird es immer gern gesehen, sich einzubringen. Googles Ziel ist, die Informationen dieser Welt zu organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen. Dabei steht der Nutzer und die Nutzererfahrung im Zentrum. Auch für die Arbeit als Webmaster schließt dies Initiative und eine proaktive, nutzerzentrierte Arbeitsweise ein.

Sian: Es gibt zahlreiche Firmen, die sich ausschließlich mit SEO beschäftigen. Auch viele Geschäftsmodelle, die hauptsächlich nur dann funktionieren, wenn der »SEO-Faktor« stimmt. Wie stehst du dazu? Würdest du als Gründer darauf setzen, dass man mit SEO wirklich auch langfristig erfolgreich sein kann?

Jens: Nützliche Inhalte und Dienstleistungen sowie eine webstandardkonforme, zugängliche technische Basis stellen für mich den Großteil von SEO dar. SEM – Suchmaschinenmarketing – ist dann natürlich bedeutsam, um sicherzustellen, dass man gefunden wird. Wer sich nur um SEO und SEM kümmert, ohne etwas zu bieten, mag seine Strategie vielleicht prüfen. Die Inhalte zählen.

Sian: Wir haben hier auf der Webinale ja noch weitere Speaker mit spannenden Themen. Ist auch für dich privat etwas dabei? Welche Vorträge und welche Speaker findest du persönlich interessant, sodass du dich auch als Hörer in die Reihen setzen wirst (oder es bereits getan hast)?

Jens: Durch meine späte Anreise am Dienstag habe ich leider einige Vorträge verpasst, und ich würde es als nicht fair empfinden, Sprecher besonders hervorzuheben – ich denke, man kann sich bei den Sprechern für viele Sessions bedanken, von denen die Zuhörer etwas mitnehmen konnten, und den Organisatoren für ihr gutes Gespür.

Sian: Was war bisher dein größter beruflicher Misserfolg? Bzw. Was war der größte Fehler den du jemals gemacht hast?

Jens: (Lacht.) Glücklicherweise habe ich schon so viele Fehler gemacht, dass ich mich kaum entscheiden kann. Ich bin froh über jeden einzelnen von ihnen. Fehler sind nur dann ärgerlich, wenn man nicht aus ihnen lernt.

Sian: Wie siehst du die Entwicklung des Internets in 10 Jahren?

Jens: Das ist eine interessante Frage; ein wenig wie die, wohin die Reise geht, wenn man ohne Steuerruder auf dem Ozean treibt. Wenn wir uns die letzten 10 Jahre anschauen, denke ich, werden wir auch in 10 Jahren noch genug zu tun haben, vor allem im Hinblick auf Webdesign und -entwicklung. Wir werden fragwürdige Praktiken kommen und gehen sehen, und einige exzellente. Die Kunst wird wieder darin bestehen, diese exzellenten Ansätze herauszufischen und zuzuschneiden und etwas Nützliches damit anzustellen.

Speziell hervorheben aber kann man »Cloud Computing«, also die Speicherung von Daten auf Servern Dritter. Bereits heute speichern viele Anwender und Unternehmer ihre Daten nicht mehr auf dem eigenen Computer, sondern speichern sie aus Sicherheits- und Kostengründen auf Servern Dritter. Dadurch wird ein Zugriff auf die eigenen Daten weltweit möglich. Einen ähnlichen Trend sieht man mit Mobile. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass es weltweit dreimal soviele Mobiltelefone wie PCs gibt, sind in dieser Hinsicht große Entwicklungen zu erwarten. Google hat mit der Open-Source-Plattform Android einen Schritt in diese Richtung getan.

Was Deutschland anbelangt, das liegt mir persönlich sehr am Herzen, können wir als Webdesigner und Webentwickler uns in 10 Jahren hoffentlich etwas proaktiver positionieren, und das auch international. Wir haben sehr viel Talent in Deutschland, aber dies müssen wir auch nutzen, und uns nicht isolieren. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass sich die Situation verbessern wird.

Sian: Welches Buch hast du als letztes gelesen? Welches würdest du weiterempfehlen?

Jens: Ich habe zuletzt »The Elements of Style« von William Strunk und E.B. White abgeschlossen, nachdem dies endlos in meiner Queue Warteschleifen geflogen ist. Ich lese mehrere Bücher parallel; hervorheben möchte ich gerade »How to Solve It« von George Pólya, ein Klassiker der Mathematik.

Sian: Ich danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast! Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß auf der Webinale.

Mehr Informationen zu Jens Meiert und Google Inc.

http://meiert.com/
http://www.google.ch/

5 Comments

  • 3. Juni 2009 - 11:36 | Permalink

    Ich konnte nicht gehen, danke für den Artikel. Gruss

  • 3. August 2009 - 20:00 | Permalink

    Die Ansichten kann man teilen

  • 9. Juli 2010 - 11:45 | Permalink

    Wow!you are doing great with your job huh?Blessed those people who are industrious and patient.:)

  • Kammreiter
    18. Juni 2011 - 18:57 | Permalink

    George Polya ist wirklich ein großartiger Klassiker; wirklich schade, daß er bei uns so unbekannt ist.

  • 4. August 2011 - 14:33 | Permalink

    Großer Artikel. Hoffnung, mehr zu sehen.

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