Herbert Wehner: 

netzeitung.deEin politischer Scharfrichter

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Herbert Wehner (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Herbert Wehner
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Zum 100. Geburtstag Herbert Wehners ist eine Biographie des späteren SPD-Fraktionschefs erschienen. Im Gespräch mit der Netzeitung kritisiert der Historiker Reinhard Müller systematische Auslassungen im Buch.

Christoph Meyer ist seit 1998 Leiter und Geschäftsführer des in Dresden befindlichen Herbert-Wehner-Bildungswerkes und seit 2003 Vorstand der Herbert- und Greta-Wehner-Stiftung. Meyer hat zum 100. Geburtstag des 1990 verstorbenen, langjährigen SPD-Politikers Herbert Wehner bei dtv eine Biographie vorgelegt. «Herbert Wehner», die «Geschichte eines Staatsmannes» darf als quasi offizielles SPD-Geschichtsdokument gelten.

Wehner war einer der wichtigsten Politiker der Bonner Republik, vor seinem Eintritt in die SPD 1946 war er kommunistischer Kader. Dieser Lebensabschnitt ist bis heute umstritten, der SPD-Bundestagsabgeordnete Stefan Hilsberg fragte im Hinblick auf diesen Teil der Wehner'schen Biographie sogar jüngst, ob seine Partei Wehner im Wissen um diese Vorgeschichte bei Eintritt 1946 wohl verziehen hätte.

Jetzt meldet sich der Historiker und Wehner-Experte Reinhard Müller zu Wort, der Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung ist. Müller wertete Akten in Moskauer Archiven erstmals für zwei Bücher über Wehner und die stalinistischen Säuberungen aus. Die neue Biographie, kritisiert Müller, unterschlage Details, die Wehner in seiner Zeit als führender Funktionär der KPD belasteten, und übernehme ungeprüft Informationen, um den «Jahrhundertpolitiker» weich zu zeichnen.


Netzeitung: Herbert Wehner ist zwar nicht auf seine Moskauer Zeit zu reduzieren. Es sind aber doch die Jahre, die ihn als «Gebrannten», wie er es selbst nannte, entscheidend prägten. Wird Christoph Meyers Buch dieser Zeit gerecht?

Reinhard Müller: Der Autor unterschlägt bei seinem angestrengten Versuch, ein allzu gradliniges Bild von Wehner zu zeichnen, nicht nur für die Moskauer Zeit sehr viele Details, die seine Wehner-Ikone beschädigen könnten. Es sind auch solche, die bereits Wehners Rolle im Parteiapparat vor 1933 in einem anderen Licht erscheinen lassen. Zum Beispiel bei dem von Wehner betriebenen Parteiverfahren gegen Willi Münzenberg im Jahre 1932 und dann beim Parteiausschluss erneut 1939.

Wehner hatte schon vor 1933 ein immenses Herrschafts- und Kontrollwissen über Abweichler und Häretiker angehäuft. Dazu gehören etwa auch seine Versuche als technischer Sekretär des Politbüros, KPD-Funktionäre wie Heinz Neumann und Hermann Remmele nicht nur zu kontrollieren, sondern auch ihre Schreibtische durchsuchen zu lassen, um belastende Materialien nach Moskau zu senden. Wehner zeichnete sich bereits vor 1933 als ideologischer Wachhund und politischer Schieds- und Scharfrichter aus.

Netzeitung: Hat Meyer die Ergebnisse Ihrer Recherchen zur Kenntnis genommen?

Müller: Meyer benutzt zwar meine Bücher über die Moskauer Zeit, lässt aber belastende Details systematisch weg. Er übernimmt das Wehnersche Selbstbild, dass er sich in «Moskau ehrlich und anständig durchschlagen wollte», dass allenfalls der Parteiapparat seinen «reinen, revolutionären Willen in den Schmutz gezerrt» habe.

Nicht nur Meyer übersieht geflissentlich, dass die KPD-Führung einen großen Anteil an der vorgängigen Stigmatisierung und Selektion von Häretikern, von Abweichlern, von Links- oder Rechtsopportunisten hatte, die nach diesen innerparteilichen Überwachungs- und Kontrollverfahren vom NKWD verhaftet wurden.

Netzeitung: Der ehemalige SPD-Parteivorsitzende Hans-Jochen Vogel sieht Wehner dank Meyers Werk als rehabilitiert an. Wehner könne nicht mehr länger als der eigentlich Verantwortliche für die «Säuberungen gegen deutsche Kommunisten» bezeichnet werden.

Müller: Es gab nicht nur den allmächtigen sowjetischen «Staatsschutz», wie Meyer den stalinistischen Terrorapparat sehr verharmlosend und allzu aktualisierend nennt; sondern es gab auch die Vorarbeit der KPD-Führung. Wehner gehörte bereits 1935 als Vorsitzender zu einer Untersuchungskommission, die den «Fall» von August Creutzburg behandeln sollte. Dieser wurde mit einer scharfen Rüge bedacht, dann in die Provinz strafversetzt, 1938 verhaftet und 1941 erschossen.

Wehner war ebenfalls 1935 in Moskau Mitglied einer KPD-Kommission, die gegen seinen früheren Rivalen Werner Hirsch ermittelte. Der 20-seitige Bericht wurde an das NKWD weitergegeben. Wehner wusste sogar in seinen «Notizen» um die Folgen der Parteiuntersuchung, wenn er schreibt, dass «Hirsch zum Objekt einer Untersuchung» wurde, «die im Gefängnis der GPU endete». Wehner und folgerichtig auch Meyer vergessen zu erwähnen, dass Wehner als eifriges Subjekt in dieser Untersuchung tätig war.

Netzeitung: Fehlen bei Meyer weitere «Fälle», in die Wehner involviert war?

Müller: Am Beispiel von Helmut Weiss, einem jungen kommunistischen Schriftsteller aus Wehners Heimatstadt Dresden, wird das vorsätzliche Beschweigen Meyers noch deutlicher. Helmut Weiss veröffentlichte 1937 in der Sowjetunion ein Buch, und Wehner verurteilte es in der Deutschen Zentral-Zeitung mit einer Gnadenlosigkeit, die im damaligen deutschsprachigen Rezensionswesen in der Sowjetunion einmalig ist. Wehner forderte unter dem Pseudonym Kurt Funk am Schluss seiner Rezension die «entsprechende Instanz», das heißt das NKWD auf , sich mit dem Autor und den Redakteuren dieses «schädlichen Buchs» zu beschäftigen.

Das NKWD hat sich damit beschäftigt. Helmut Weiß wurde 1937 verhaftet, zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt und überlebte den Gulag als gebrochener Mann. Wehner kannte ihn sicherlich aus Dresden, nicht zuletzt da Weiss als Gymnasiast von der Schule relegiert wurde. Über diese Schulverweise diskutierte der sächsische Landtag und berichtete die KPD-Presse.

Weiss lebte 1933 als jüdischer Kommunist in Deutschland noch Monate illegal und flüchtete dann in die Sowjetunion. Seine Frau schrieb nach seiner Verhaftung an den NKWD-Chef Jeshow und fragte in ihrem Brief : «Wer ist eigentlich dieser Kurt Funk?» Sie gab selbst die Antwort: «Ich halte ihn für einen Denunzianten.» Diese Bezeichnung umreißt nicht nur Wehners Rolle im Falle Weiss, sondern auch bei anderen Rezensionen, die er 1946 als bloße «literarische Angelegenheiten» herunterzuspielen suchte.

Netzeitung: Wehner kam Anfang 1937 ein zweites Mal nach Moskau. Was konnte er vom Terror wissen?

Müller: Wehner kam keineswegs, eine fatale Grundannahme Meyers, als naiver, gutwilliger Funktionär nach Moskau, der erst nach und nach «das Ausmaß und die Folgen des nun einsetzenden Wahnsinns» begriffen habe. Tatsächlich hatte Wehner schon 1936 in Paris sehr viel begriffen. Er war ausführlich über die Verhaftungen deutscher Emigranten in der Sowjetunion und den Schauprozess im August 1936 informiert, berichtete über die politischen Auswirkungen des Prozesses im Exil und hatte bereits alle stalinistischen Feindbilder verinnerlicht.

In Paris schloss er 1936 Günter Reimann und Heinrich Blücher, den späteren Ehemann Hannah Arendts, aus der KPD aus. Meyer schreibt dazu, wenig subtil verfälschend, dass die Auseinandersetzung bei Reimann 1935 «zum Bruch mit der Partei führte».

Netzeitung: Meyer will die Folgen von Wehners Kooperation, etwa im Hinblick auf den NKWD-Direktivbrief Nr. 12, der sich gegen die angebliche «terroristische Diversion und Spionagetätigkeit deutscher Trotzkisten im Auftrag der Gestapo» richtete, nicht wahrhaben?

Müller: Er versucht dies in einer Weise zu umschreiben, die Wehners Anteil an diesem NKWD-Direktivbrief, der zu einer Verhaftungswelle unter den deutscher Emigranten in der Sowjetunion führte, relativiert. Dabei weist dieser Direktivbrief eigens darauf hin, dass man erst jüngst durch Agenturberichte, also durch Spitzelberichte, auf die Rolle der «deutschen Trotzkisten» hingewiesen worden sei. Wehner hatte zuvor einen umfangreichen schriftlichen Bericht über die «trotzkistische Wühlarbeit» geliefert und diesen in der NKWD-Zentrale Lubjanka – auch über die «Gestapoarbeit in der KPD» mündlich ergänzt.

Dabei wurden in KPD-Berichten sogar Zenzl Mühsam oder Werner Hirsch als «Gestapoagenten» bezeichnet. Wehner bot sich im Dezember 1937 dem NKWD für weitere Nachforschungen nicht nur über Zenzl Mühsam, die Frau des Anarchisten Erich, an. In seinen «Notizen» behauptet Wehner gegenteilig, dass er diese Zumutung des NKWD zurückgewiesen habe. Auch für Biographien im Stalinismus gilt es, die «persönliche Verantwortung unter einer Diktatur» (Hannah Arendt) genau zu beschreiben.

Netzeitung: Auch Wehner war in Moskau bedroht, wollte in der Zeit der Schauprozesse überleben, sagt Meyer. Selbst die Kaderabteilung der Komintern habe gegen ihn ermittelt, oft die Vorstufe zu späteren Maßnahmen des NKWD.

Müller: So einfach kann man es sich nicht machen mit dem beschönigendem Bild, das er selbst verfolgt hat. Wehner wusste in seinen «Notizen» sehr wohl um die Rolle der KPD-Führung: «Unter dem Eindruck der Moskauer Prozesse haben leitende Funktionäre der KPD in Artikeln und durch mündliche Anweisungen Treibjagden gegen Personen veranstaltet, die sie wegen deren andersgerichteter politischer Auffassung ungestraft und billig als Agenten abstempeln zu können glaubten. Niemand hat in dieser Hinsicht mehr ungerechtfertigte Beschuldigungen auf seinem Konto, als die Organe der Komintern und der KPD.» Leider vergaß er dabei seine eigene Rolle bei diesen Moskauer Treibjagden zu beschreiben.

Bereits Anfang 1937 wies Wehner – ein bezeichnendes Detail, das bei Meyer fehlt – das NKWD auf die Namen von 17 Personen in der Sowjetunion hin, da sie «Beziehungen» zu Raoul Laszlo unterhielten. Gegen diesen «trotzkistischen Gestapoagenten», der später unter ungeklärten Umständen in Frankreich ums Leben kam, führte das NKWD in Prag eine Operation durch, die zu seiner Inhaftierung führte. Wehners personenbezogene Hinweise bedienten nicht nur das stalinistische Feindbild der Kontaktschuld, sondern sollten zur Ausfindigmachung und zur Verhaftung dieser Personen führen.

Das sind Details, die Wehners Moskauer Rolle nicht in dem gemäßigten Licht von anonymen «Organen» erscheinen lassen, wo er dann gleichermaßen als Opfer wie als Täter figuriert. Er war als Kandidat des Politbüros keineswegs so gefährdet wie andere Politemigranten. Seine Untersuchung in der Komintern wurde auf höchster Ebene informell erledigt. Er genoss die Protektion der Komintern- und der KPD-Führung. Das NKWD vernahm ihn nicht in eigener Sache, sondern mehrmals im Februar 1937 und dann erneut im Dezember als Experten zur Verfolgung anderer, der so genannten «Trotzkisten» im Ausland und deren «Verbindungen» und «Beziehungen» in Moskau, z.B. von Margarete Buber-Neumann.

Netzeitung: Hat sich Wehner in Moskau prototypisch verhalten?

Müller: Seine Denunziationsbereitschaft schoss in zahlreichen Fällen über das Moskauer Maß an «Wachsamkeit» hinaus, dies vermerkte sogar Wilhelm Pieck. Vergleicht man Wehner mit anderen kommunistischen Politemigranten in der Sowjetunion, die keineswegs alle Denunziationen an das NKWD lieferten, so war er ein radikalisierter, stalinistischer Funktionstäter.

Netzeitung: Meyer erwähnt, dass sich 'Moskauer' Emigranten wie Buber-Neumann Anfang der fünfziger Jahre bei Wehner für «seine Hilfe während der Zeit der 'Säuberungen' bedankten». Kann das Wehner entlasten?

Müller: Als Dresdner Hofhistoriograph bedient sich Meyer hier unkritisch der Perspektive des Kammerdieners, nämlich des früheren Sekretärs Wehners. Dabei hätte er in einem mehrmals veröffentlichten Brief Buber-Neumanns deren unverblümte Meinung über Wehner nachlesen können: «Er macht in den 'Notizen' kaum ein Hehl daraus, mit welcher Treue er für die Einhaltung der Stalinschen Generallinie gesorgt hat. Jeder Abweichler wurde aufgespürt, gefeuert und später, d.h. falls der Unglückliche das Pech hatte, als Emigrant im 'Vaterland des Weltproletariats' zu leben, schlicht und einfach denunziert.»

Wofür hätte sich Margarete Buber-Neumann, die 1938 in Moskau verhaftet, 1940 nach Deutschland ausgewiesen wurde und bis 1945 im KZ Ravensbrück inhaftiert war, ausgerechnet bei Wehner, der sie zudem 1937 beim NKWD vermeldete, bedanken sollen?

Netzeitung: Meyer schreibt, dass Wehner bereits seit 1941 «eine unabhängige demokratische und sozialistische Arbeiterbewegung bzw. -partei» neu organisieren wollte. Dabei dachte er ja wohl zunächst nicht an die SPD?

Müller: Wehner wurde 1941 aus Moskau im Auftrag der Komintern als KPD-Funktionär nach Stockholm beordert. Er sollte die dortige KPD-Leitung kontrollieren und den kommunistischen Widerstand in Deutschland neu aufbauen. Seine politischen Vorstellungen, seine Artikel im Amtsblatt der Komintern, «Die Welt», entsprechen dabei der national und unanbhängig drapierten Einheits- und Volksfrontpolitik der KPD, der Programmatik der so genannten Berner Konferenz der KPD und auch der Komintern-Strategie der nationalen und demokratischen Zwischenetappe.

Zum frühen Sozialdemokraten kann man ihn so schlicht nicht deklarieren, da er noch 1944 um eine Wiedereingliederung in die KPD anstand, 1944 einen Beschwerdebrief nach Moskau schrieb und im März 1945 beim schwedischen KP-Vorsitzenden vorstellig wurde.

Netzeitung: Gibt es, wie Hans-Jochen Vogel hofft, nun ein Ende der Debatte über Wehners dubiose Rolle?

Müller: Wehner schrieb nach dem Hitler-Stalin-Pakt eine Broschüre, «Soll die Arbeiterklasse vor dem Kriege kapitulieren?», und griff darin frontal die «reaktionären, sozialdemokratischen Führer» an. Man kann nicht, wie Meyer, Wehners publizistische Tätigkeit zu jener Zeit mit kurzen Schlagworten erledigen. Man sollte auch aus den Texten zitieren, in denen er mit den trotzkistischen »Schädlingen« und der Sozialdemokratie abrechnet.

Dann wird der scheinbar gradlinige Weg eines Herbert Wehners doch wieder brüchig, dann werden seine plötzlichen Gesinnungswechsel, von denen schon Erich Mühsam 1927 sprach, doch ein Thema für eine Gesamtbiographie, die nicht unterschiedslos alle Wehnerschen Perioden einem vorausgesetzten Bild des hilfsbereiten Menschenfreundes unterordnet. Seine Moskauer Rolle als NKWD-Informant kann zudem nur plastisch werden, wenn man sie mit den Schicksalen anderer Moskauer Emigranten vergleicht.

Benedict Maria Mülder sprach mit Reinhard Müller.