Geschichte


Reporter Jörg Laaks mit Kamera

"Ruhe bitte, Vorspann ab!"

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Es ist 19 Uhr am 1. Dezember 1957. Im Studio K des Westdeutschen Rundfunks beginnt die erste Sendung. Buchstaben tanzen über eine Karte Nordrhein-Westfalens und ordnen sich zu den Worten "Hier und Heute". Ein Schriftband kündigt an: Der Westen in Bildern, Berichten und Begegnungen. Dazu erklingt Schumanns Rheinische Sinfonie - 35 Sekunden lang.

Start ins Fernsehzeitalter

Werner Höfer im Studio 1957

Werner Höfer im Studio 1957

Werner Höfer begrüßt das Premieren-Publikum an den Bildschirmen mit sonorer Frühschöppner-Routine: "Guten Abend, meine Damen und Herren". Das Fernsehzeitalter in NRW ist angebrochen. 25 Minuten später ist der junge Sportreporter Ernst Huberty kreuzunglücklich. Von der Hand in den Mund wolle man leben, hatte Höfer einige Tage zuvor auf einer Pressekonferenz erläutert. Keine lang vorbereiteten Berichte für die Ewigkeit, sondern was hier und heute im Lande passiere, das gehöre abends in die Sendung.

Ein anspruchsvolles Programm war das - und ein Erfolgsrezept. Allerdings war der 1. Dezember ein Sonntag und es wollte im Lande nichts wirklich Wichtiges passieren. Oder es hatte sich nicht bis Köln herumgesprochen. Immerhin hatte Walter Erasmy einen Bericht gedreht über den populären "Speckpater" van Straaten, der gerade im Europadorf Aachen Geschenkpäckchen für Bedürftige packte.

Walter Erasmy mit Maskenbildnerin

Walter Erasmy mit Maskenbildnerin

Höfer stellt Erasmy vor, der kommentiert live seinen Bericht. Zuvor hatte Hörfunkchef Dr. Fritz Brühl fünf Minuten Weltnachrichten verlesen. Hubertys Bericht vom torreichen Oberligaspiel Köln gegen Düsseldorf soll der zweite Film werden. Aber dann gerät Höfer bei der Vorstellung der neuen Sendung zeitaufwändig ins Schwärmen.

Ernst Huberty

Ernst Huberty

Erzählt von seinem Einfall, Goethe als Namensgeber zu bemühen, zitiert aus der "Kampagne in Frankreich": "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen". Huberty ist an diesem Sonntag beim Spitzenspiel der Oberliga West dabeigewesen. Ein Motorradfahrer hatte schon während des Spiels die ersten Filmmeter ins Kopierwerk gebracht. Wenige Sekunden vor Beginn der Sendung hat er mit der Cutterin den Film fertig geschnitten.

Huberty's erste Reportage

Cutterin Lieselotte Dehn

Cutterin Lieselotte Dehn

Jetzt erlebt er aufgeregt im Studio, wie Höfer ein kleines Mädchen ein Adventsgedicht aufsagen lässt und mit ihm plaudert. Endlich läuft sein Film an, das erste Tor für den FC fällt - und Höfer bricht ab. Es sei 19:25 Uhr, man müsse jetzt umschalten zum Wochenspiegel der Tagesschau in Hamburg. Aber, verspricht er, morgen werde der Film natürlich wiederholt, in voller Länge. Huberty ist geknickt. Seine erste Reportage fürs Fernsehen wird morgen von gestern sein. Höfer später über die ersten Wochen: "So entwickelte sich die Sendung von Panne zu Panne, von Erfolg zu Erfolg". Eine Woche später taucht ein "Hier und Heute"-Team in Waldniel bei Mönchengladbach auf.

Marktanteil von 100 Prozent

Überraschung für Frau Margarethe Bergh. Sie ist die 500.000. Fernseh-Teilnehmerin in NRW. Frau Bergh aber fühlt sich gestört bei der Hausarbeit: Eine Waschmaschine habe sie gewonnen? Eine Couch sei ihr lieber. Jeder 20. Haushalt hat jetzt ein TV-Gerät. "Einschaltquote" ist ein Fremdwort in den Gründerjahren des Fernsehens. Jede "Hier und Heute"-Ausgabe bringt es ohnehin auf einen Marktanteil von 100 Prozent. Der Grund ist einfach: Fernsehen in der Bundesrepublik gibt es erst seit drei Jahren. Und zwar genau ein Programm. Kein zweites, keine dritten Programme und kommerzielle Sender schon gar nicht. Der Fernsehtag beginnt mit der Tagesschau. Und WDR, das ist Rundfunk. Es war also eine ziemlich gewagte Idee von Intendant Hanns Hartmann, eine tägliche Fernsehsendung ins Leben zu rufen.

Erfolgreiches Radioprogramm für das Fernsehen

Werner Höfer

Werner Höfer

Hartmann beauftragte den Leiter der Aktuellen Hörfunkabteilung mit der Aufgabe, einen Mann, der offenbar einen Riecher für erfolgreiche Sendeideen hatte. "Zwischen Rhein und Weser" hieß sein Erfolgsprogramm, und so ähnlich stellte sich der das auch im Fernsehen vor. Außerdem hatte Höfer unbestreitbare Fernseherfahrungen: Seit einiger Zeit wurde sein sonntäglicher Frühschoppen mit sechs Journalisten aus fünf Ländern auch im neuen Medium übertragen. Da war also schon mal einer der wusste, wie eine Kamera aussah. Lernen konnte man damals den Beruf des Fernsehreporters nicht, außer: Man versuchte es einfach.

Eine konkurrenzlose Übungswiese

Ernst Ludwig Freisewinkel

Ernst Ludwig Freisewinkel

Klaus Plümecke kam von den Hörfunk-Nachrichten, Günter Erst von der Zeitung. Ebenso Friedhelm Porck, der schon mit einer Kamera umzugehen wusste und sich zunächst als freier Kameramann verdingte. Ernst-Ludwig Freisewinkel kam von der Uni, war "Mädchen für alles" und bald Studio-Regisseur und Reporter. Gerd Courts, H.-D. Ebeler, Günter Burike: Sie alle hatten bei "Hier und Heute" eine konkurrenzlose Übungswiese. Hanns Joachim Friedrichs, der wie Bölling, Casdorff, Ruge oder Kronzucker als Moderator dabei war, erinnerte sich später an ein sehr dankbares Publikum: "Das hatte damals so einen Reiz wie die ersten Lampen im Eisschrank: Wenn man die Tür aufmacht, geht das Licht an". Irgendetwas Genießbares war immer drin.

Jeder kennt "Hier und Heute"

Hajo Friedrichs interviewt Sir Laurence Olivier 1962

Hajo Friedrichs interviewt Sir Laurence Olivier 1962

In den 60er Jahren ging der Zuschauer nicht mehr in die Eckkneipe, weil dort ein klotziges Fernsehgerät aufgebaut war. Es sei denn, Borussia Dortmund spielte im Europapokal. 1967 gab es schon vier Millionen Geräte in NRW, immer noch Schwarz-Weiß. "Hier und Heute" war aus dem Leben der allermeisten Westfalen und Rheinländer nicht mehr wegzudenken. Heute muss einer schon eine Million Euro ausloben, um auf Zuschauerzahlen wie "Hier und Heute" damals zu kommen.

Skandal um Moderatorinnen

Jahrzehnte bevor Gleichstellungsbeauftragte und Frauenförderpläne in den öffentlich-rechtlichen Anstalten auftauchten, engagierte Höfer ebenso viele Männer wie Frauen als Moderatoren. Abendredakteure hießen sie damals. Aber da die Redaktionen in den Sendern und Zeitungen ziemlich fest in Männerhand waren , gestaltete sich die Suche schwierig. Die meisten Journalistinnen reisten von weither an. Ob sie nun wirklich weniger wussten über die Eigenheiten des Bindestrich-Landes oder die Probleme mit Kohle und Stahl ist heute nicht überprüfbar.

Es gibt aus den frühen "Hier und Heute"-Jahren keine Sendemitschnitte. Aber mit dieser Begründung setzte Walter Erasmy 1963 die Damen vor die Studiotür. Und "Hier und Heute" hatte seinen Skandal, und der sorgte auch noch 30 Jahre später für Zündstoff.

Manch ein Moderator der ersten Stunden und Jahre konnte seinen öffentlichen Bekanntheitsgrad auf der Karriereleiter gut nutzen. Die Reporter aber fuhren immer noch im Lande herum, hetzten nach Köln zurück, um ihre Geschichte rechtzeitig in den Filmgeber zu bringen.

Manchmal hatte die Sendung da schon begonnen. 1969 ist der spätere Redaktionsleiter Johannes Kaul dazu gestoßen, frisch von der Uni. Werner Höfer ist inzwischen beim WDR Direktor der größten Fernsehanstalt Europas. Jeder im Sender weiß, dass bei ihm drei Fernseher gleichzeitig laufen, weil er sich nichts entgehen lassen will. Und er geizt nicht mit meist kritischen, gelegentlich lobenden Anrufen nach der Sendung.



Herstatt-Pleite: Informationen aus erster Hand

1974 schaut Werner Höfer bei "Hier und Heute" besonders gespannt zu. Die Bank des Kölner Gesellschaftslöwen Iwan D. Herstatt ist durch Devisenspekulationen in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. In den Tagen vor der endgültigen Pleite berichtet Kaul in jeder Sendung, steht inmitten verzweifelter Menschen vor der verschlossenen Bank. Höfer hat wie viele Kölner Prominente sein Erspartes dem Bankier Herstatt anvertraut. Kaul teilt sein Büro mit einer Kollegin. Höfer ruft jetzt täglich an, will nicht mehr auf die neuesten Hiobsbotschaften am Bildschirm warten. Einmal geht die Kollegin an den Apparat. "Gehen Sie aus der Leitung, Sie dumme...," ruft der "Hier und Heute"-Erfinder in heller Panik, "wo ist der Kaul? Was ist mit meinem Geld?".

Während Höfer den Nutzwert "seiner" Sendung am eigenen Leib erfuhr, mehrten sich die kritischen Stimmen. In der hauseigenen Zeitschrift wdr-print hieß es: "Eine Tüte Landluft, Notizen aus der Provinz, zelebriert nach Hausfrauenart". Das Flaggschiff der regionalen Information war in die Jahre gekommen.

Aber "Hier und Heute" bekam die Kurve noch einmal. Mit den Redaktionsleitern Bernd Müller, Johannes Kaul, Thomas Nell und schließlich Bettina Böttinger sowie einer deutlich verjüngten Redaktion gewann die Sendung wieder Biss, Tempo und die Spielfreude der frühen Jahre.



"Denkmalschutz" für "Hier und Heute"

Nur die Fernsehlandschaft, die hatte sich inzwischen radikal verändert. 35 Jahre nach der ersten "Hier und Heute"-Ausgabe, 1993, haben sich die kommerziellen Sender längst etabliert. Immer mehr Sender buhlen um die Gunst der Zuschauer - und der Werbekunden. Die ARD-Anstalten beschließen ihre Vorabendprogramme zu vereinheitlichen Da ist kaum noch Platz für regionale Information im Ersten. Vergeblich fordert das Grimme-Institut die Sendung unter Denkmalschutz zu stellen. Am 27. Mai ertönt der Schlusspfiff, tränenreiches Ende einer Erfolgsgeschichte in 11.013 Sendungen.

Doch Totgesagte leben länger. Bis 1997 erinnern noch neunminütige "Hier und Heute"-Nachrichten mühsam an glorreiche Pionierzeiten. Aber da ist noch etwas unterwegs. Schon 1979 hatten die "Hier und Heute"-Leute einen halbstündigen Ableger gepflanzt.



Neues Konzept - aber die "Rheinische" bleibt

Mit "Hier und Heute unterwegs" gönnten sie sich und den Zuschauern eine Spielwiese, befreit von der tagesaktuellen Kürze: ein Ort im Lande, ein Thema, ein neugieriger und interessierter Reporter und "Hier und Heute" eroberte sich die Zuschauer zurück. Redaktionsleiter Gerhard Skrobicki entwickelte dann Idee und Konzept für die tägliche Reportage unter dem Markennamen "Hier und Heute" Seit 1998 ist diese Sendung also auch wieder von montags bis freitags für die Zuschauer in NRW und darüber hinaus ein Einschaltpunkt. Geblieben ist die "Rheinische" von Schumann, nicht mehr 35 Sekunden lang wie 1957. Arrangeure und Musiker haben das Titelthema "eingedampft" auf 16 Sekunden, die Melodie aber ist Jedem im Lande bekannt und zum Mitpfeifen geeignet.

2007: Das Jubiläumsprogramm, 50 Jahre "Hier und Heute"

Grafik: 50 Jahre Hier und Heute

Am 1. Dezember 1957 um 19:00 Uhr ging der Welt das Licht von "Hier und Heute" auf. Es leuchtet immer noch! 50 Jahre sind ein guter Grund zum Feiern – wir haben das mit drei Spezialausgaben von "Hier und Heute" getan - und mit einem Wunsch an unsere Zuschauer: "Schicken Sie uns Ihre Geschichte".
Diese Wunsch-Aktion ist nun abgeschlossen.
Herzlichen Dank an alle Zuschauer, die sich daran beteiligt haben.


Stand: 25.03.2011



Reportage-Team auf Acker

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