Nun singet und seid froh-ho-hoo (FAZ, 22.12.2003)

Gregorianischer Choral oder neues Lied: Die Lage der Kirchenmusik ist ernster, als die Realisten glauben / Von Michael Gassmann

  In diesem Jahr feiert die katholische Kirche die Jubiläen zweier für ihre Musik wichtigen Dokumente: Vor hundert Jahren erließ Pius X die Kirchenmusikinstruktion "Tra le sollecitudini", vor vierzig Jahren erschien die Konstitution über die heilige Liturgie "Sacrosanctum Concilium", in der die Grundsätze der vom Zweiten Vatikanischen Konzil initiierten Liturgiereform dargelegt werden. Das Doppeljubiläum gibt Gelegenheit, über den gegenwärtigen Zustand der katholischen Kirchenmusik in Deutschland einige Anmerkungen zu machen - dass über sie heute nicht mehr gestritten würde, wie Stefan Klöckner an dieser Stelle festgestellt hat (F.A.Z. vom 24. November), muss nicht bedeuten, dass sich ein solcher Streit schon nicht mehr lohnt.

  Die liturgischen Entwicklungen, die von der Liturgiekonstitution von 1963 angestoßen wurden, die sich ändernde Stellung der Kirche in der Gesellschaft und auch Veränderungen in der Gesellschaft selbst in bezug auf die häusliche und schulische Musikpraxis - all das hat, auf vielfältige Weise miteinander verquickt, nachhaltige Auswirkungen auf die Kirchenmusik, die dadurch in eine Rolle geraten ist, in der sie zugleich Arzt und Patient sein muss.

  Am deutlichsten wird dies, wenn man betrachtet, welche Rolle der Gesang heute im katholischen Gottesdienst spielt. Pius X sah die Hauptaufgabe der Musica Sacra darin, den liturgischen Text mit einer geeigneten Melodie zu bekleiden. Sie müsse "Heiligkeit und Güte der Form" aufweisen, zudem "wahre Kunst" sein. Vom Gregorianischen Choral sah er diese Anforderungen in höchstem Maße erfüllt, dem einzigen Gesang, den die Kirche von den Vätern geerbt habe. Deshalb sei eine für die Kirche komponierte Musik um so heiliger, je näher sie dem Gregorianischen Choral stehe. Auch die klassische Vokalpolyphonie sei vorzüglich für die Liturgie geeignet. Und da die Kirche immer den Fortschritt der Künste anerkannt und gefördert habe, werde auch moderne Musik zugelassen, sofern sie den Gesetzen der Liturgie entspreche. Pius X denkt hier in den musikalischen Kategorien Form und Stil. Indem er sie als Kriterien für die Liturgietauglichkeit von Musik benennt, sagt er, dass es der spezifische Kunstcharakter eines musikalischen Werkes ist, das dieses zur Musica Sacra macht.

  Diese Definition wurde von "Sacrosanctum Concilium" in bemerkenswerter Weise modifiziert. Dort heißt es nun: "So wird denn die Kirchenmusik um so heiliger sein, je enger sie mit der liturgischen Handlung verbunden ist." Nicht die Nähe zum Choral, sondern ihre Verbindung mit der Liturgie wird zum entscheidenden Kriterium. Zugespitzt könnte man formulieren: Nicht mehr ihre musikalische Gestalt, sondern vor allem ihre Zweckdienlichkeit macht die Musik geeignet für die Liturgie. Zwar fügt auch die Liturgiekonstitution hinzu: "Dabei billigt die Kirche alle Formen wahrer Kunst", doch eine Definition dessen, was wahre Kunst sei, unterbleibt.

  In Verbindung mit der Forderung nach "aktiver Teilnahme" der Gläubigen an der Liturgie hat sich aus diesem Ansatz heraus zunächst ein ganz neues Repertoire entwickelt: Das Gesangbuch "Gotteslob" von 1975 verfügt über eine Fülle von neuen Liedern und Wechselgesängen, ergänzende Handbücher für Kantoren, Scholen und Chöre sollen die umfassende Einbindung der Gläubigen in den Vollzug der Liturgie sicherstellen. Zusätzliche Liederhefte sind in großer Zahl in Umlauf. Musikalisch gesehen aber sind viele dieser auf den Zweck hin komponierten Gesänge eine Enttäuschung. Die einseitige Betonung der Zweckdienlichkeit hat die liturgische Musik jenes Kunstcharakters entkleidet, den Pius X noch als unerlässlich ansah. Statt Kunstmusik hat die liturgische Bewegung einen gewaltigen Korpus "Gebrauchsmusik" geschaffen - ein Terminus übrigens, der in Kirchenmusikerkreisen ganz selbstverständlich benutzt wird. Die unzähligen Kehrverse und Rufe haben ihre Aufgabe inzwischen übererfüllt: Statt des ermüdenden Alternatimsingens (Bezeichnung für das wechselweise ein- und mehrstimmige Singen oder für wechselweises Singen und Orgelspiel der aufeinander folgenden Verse oder Strophen kirchlicher Gesänge, besonders im 15.þ17. Jahrhundert; Anm. d. Webmasters) wünschen sich inzwischen viele Gottesdienstbesucher die Gelegenheit zu Ruhe und Versenkung, die ihnen ebenjene Gebrauchsmusik nicht bieten kann.

  Hinzu kommt, dass die Idee der "aktiven Teilnahme" eine Umdeutung erfahren hat, die von den Verfassern der Liturgiekonstitution wohl nicht gewollt war: Aus ihr ist im Laufe der Jahre eine Mitbestimmung der Gemeinde an der Gestaltung der Liturgie geworden, die neben der "Aktivierung" vor allem eine Aufspaltung der Gemeinde in die verschiedensten Interessengruppen mit sich gebracht hat. Polemisch gesagt: In vielen Gemeinden ist die Liturgie mehr auf Senioren, junge Paare, Alleinstehende oder Jugendliche als auf Christus hin ausgerichtet. Seelsorgerische Erwägungen überlagern liturgische. Die Folgen für den gottesdienstlichen Gesang sind gravierend: War früher das Gemeindelied, dessen Melodie von Generation zu Generation tradiert wurde, ein die Gemeinde einigendes Band, so ist dieses Band inzwischen allenthalben zerschnitten: Die Älteren singen Traditionelles, die Jugendlichen "Neue Geistliche Lieder", Gebildete schätzen den lateinischen Choral. Mit dem Sterben der Älteren stirbt ein Repertoire, aber ein neues bildet sich nicht mehr heraus. Damit kann der gottesdienstliche Gesang seine Aufgabe, die "Einmütigkeit" der Gläubigen zu fördern, nicht mehr erfüllen. Eine solche Aufsplitterung der Gemeinde in Alters- und Interessengruppen hat auch Konsequenzen für die kirchenmusikalische Arbeit: Jugendliche lassen sich kaum noch für Kirchenchöre gewinnen.

  Es wäre ungerecht, würde man die Liturgiekonstitution von 1963 für diese Entwicklungen alleine verantwortlich machen. Vielmehr spiegelt schon die Instruktion von 1903, mehr noch aber "Sacrosanctum Concilium" eine Entwicklung wider, auf die die Kirche letztlich keinen Einfluss nehmen konnte. Das Schreiben von Pius X lässt bereits erahnen, dass die dauerhafte Abkoppelung der Kunst- von der Kirchenmusik im zwanzigsten Jahrhundert nicht mehr aufzuhalten war. Spätestens mit dem Aufkommen der Zwölftonigkeit trennten sich die Wege - eine Musik, die vom einfachen Gottesdienstbesucher nicht nachvollzogen und von durchschnittlichen kirchenmusikalischen Kräften nicht aufgeführt werden kann, ist schon aus praktischen Gründen nicht als Musica Sacra denkbar. Was übrigbleibt, ist eine Analogbildung zur außerkirchlichen Musikkultur mit ihrem Gegensatz von U und E, klassischem Konzertleben und Popularmusik. In der Kirchenmusik lautet dieser Gegensatz schlagwortartig verkürzt: Mozart-Messe und Sakro-Pop.

  Die Konstitution "Sacrosanctum Concilium" spiegelt diese Entwicklung, indem sie einerseits indirekt zur Produktion jener mit der liturgischen Handlung verbundenen Gebrauchsmusik ermuntert, andererseits dazu auffordert, die überkommene kirchliche Kunstmusik in Ehren zu halten: "Der Schatz der Kirchenmusik möge mit größter Sorge bewahrt und gepflegt werden." Und: "Die Kirche betrachtet den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang; dem gemäß soll er in ihren liturgischen Handlungen ... den ersten Platz einnehmen."

  Heute ist die Situation folgende: An den Haupt- und Domkirchen floriert eine Kirchenmusik, die vielleicht auf höherem Niveau als je zuvor mit großer Kantorei, Kammer- und Kinderchor, Schola und Orchester das Erbe pflegt. Diese Kirchen üben große Anziehungskraft aus, treten in direkte Konkurrenz zum reichen Angebot des städtischen Musiklebens und ziehen Gottesdienstbesucher aus den kleineren Kirchen mit schlechterem "Image" ab. Eine durchschnittliche Gemeinde sieht anders aus: Wegen Priestermangels werden landauf, landab Pfarreien zu sogenannten Seelsorgebereichen zusammengefasst, die von einem einzigen Pfarrer geleitet werden. Das scheint für den Beruf des Kirchenmusikers zunächst Vorteile zu bieten, denn auf diese Weise sind in den letzten Jahren viele neue hauptamtliche Kirchenmusikerstellen entstanden; an die Stelle des Küster-Organisten tritt der hochqualifizierte, für mehrere Gemeinden zuständige Musiker. Dieser könnte theoretisch die musikalischen Kräfte der Gemeinden zu größerer Effizienz bündeln. Aus der Nähe betrachtet, stellt sich die Situation freilich anders dar: Ein solcher Seelsorgebereichsmusiker begegnet der unglücklichen Aufsplitterung in unterschiedliche Kirchenmusikkulturen gleich in Potenz. Die Erfahrung zeigt, dass zwangsweise zusammengelegte Pfarreien kaum zueinander finden und ebenso wenig deren musikalische Gruppen. Hinzu kommt, dass die Erosion kirchlichen Lebens, die sich durch das Fehlen der Integrationsfigur Pfarrer vor Ort noch verstärkt, auch die Kirchenmusik in Mitleidenschaft zieht: Der Nachwuchs bleibt aus. Und wenn er doch kommt, dann ist zunächst einmal Grundlegendes zu leisten, weil Kinder heute das Singen nicht mehr zu Hause lernen und deshalb nicht die geringsten Voraussetzungen mitbringen.

  In dem bestehenden gesellschaftlichen und kirchlichen Umfeld wächst Kirchenmusikern damit eine ungeheure Aufgabe zu: Idealerweise müssten sie Kinder ohne jegliche musikalische Vorbildung allmählich ans Singen heranführen, müssten über die Arbeit mit den musikalischen Gruppen in den Gemeinden jene Integrationsarbeit leisten, die die Pfarrer, weil es sie nicht mehr gibt, nicht länger zu leisten imstande sind, müssten ganz allmählich mit der Gemeinde wieder ein gemeinsames Liedrepertoire aufbauen und so die Gräben zuschütten, die eine Seelsorge, die es jedem Geschmack recht machen wollte, ausgehoben hat.

  Leider stehen für diese großen Aufgaben immer weniger Leute zur Verfügung. Die Zahl der Studienanfänger im Fach Kirchenmusik sinkt dramatisch, daran hat auch die mutige Erhebung der beiden deutschen Kirchenmusikschulen in Regensburg und Aachen zu Hochschulen nichts geändert. In Nordrhein-Westfalen, wo fünf Ausbildungsstätten nur noch hundertfünfzig Studierende ausbilden (F.A.Z. vom 11. Februar), soll in diesem Jahr die Zahl der Absolventen lediglich ein knappes Dutzend betragen haben. Es ist abzusehen, dass in einigen Jahren der Bedarf an qualifizierten hauptamtlichen Kirchenmusikern nicht mehr gedeckt werden kann. Dann könnte es dazu kommen, dass die in den letzten Jahren eben erst geschaffenen hauptamtlichen Stellen wieder zerstückelt werden, weil nur noch nebenamtliche Kräfte zur Verfügung stehen. Die Krise der Kirche in Deutschland hat auch den Berufsstand der Kirchenmusiker erfasst. Wenn es so weitergeht, dann könnte sich die Abkoppelung der Kirchen- von der modernen Kunstmusik als das kleinere Unglück erweisen. Dann könnte es irgendwann vielleicht keinen mehr geben, der vermitteln kann, wie es ist, wenn man gemeinsam mit den Engeln singt.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 22.12.2003

 

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