Clockwork Orange

„Was soll es denn geben, mh?“

Das Buch von Anthony Burgess Hier kommt Alex - Vorhang auf für seine Horrorshow! Anthony Burgess´ Klassiker über die kranke Jugend in einer erschreckend nahen Zukunft. Der fünfzehnjährige Alex und seine drei Freunde Pete, Georgie und Doofie sitzen wie jeden Abend zusammen und überlegen, was sie machen sollen. Vielleicht einen alten Mann zusammenschlagen, oder, wie Alex im örtlichen Jugendslang Nadsat sagen würde, einen ‚Fecken tollschocken‘? Ein geiles Stück vergewaltigen? Oder einen Laden überfallen und 'der Petieze' den letzten 'Deng' aus der Ladenkasse klauen? Alex und seine Droogs(=Freunde) sind die Jugendlichen einer Welt, in der Gewalt und Brutalität sich selbst rechtfertigen und in ihrer Allgegenwärtigkeit eher betäuben als erschrecken. Als Alex schließlich bei einem Überfall unabsichtlich eine alte Frau umbringt, wird er von seinen Freunden aufgrund vorhergegangener Hierarchiestreitigkeiten verraten, von der Polizei festgenommen und zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Um der Haft in voller Länge zu entgehen, willigt Alex ein, Testobjekt eines neuen Resozialisationsprogramms zu werden: der Ludovico - Methode. Grausam wird Alex konditioniert und zu einer menschlichen Maschine umgepolt ("Clockwork Orange" - Anspielung auf Maschine und Orang = Mensch), die beim geringsten Gedanken an Gewalt oder Sexualität von grausamen Schmerzen und schrecklicher Übelkeit übermannt wird. Wieder auf freiem Fuß, wird Alex so hilflos zu einem Spielball seiner ehemaligen Opfer, Freunde und machthungriger Politiker. Zu Beginn des Buches stolpert der Leser gleich über die Jugendsprache Nadsat, die zu dieser Zeit verbreitet und bei Alex' und seinen Droogs beliebt ist. Über das Buch will nachgedacht werden, viele Anspielungen und Metaphern des Autors bleiben bei flüchtiger Betrachtung im Dunkeln. 'Clockwork Orange' bringt den Leser überdies in eine Zwickmühle der Gefühle: Auf der einen Seite der freie, aber auch mordende und brutale Alex, auf der anderen ein total kontrolliertes, gedemütigtes Objekt der Politik, der Vorführkriminelle der Oberen. Trotz aller Antipathie, die man gegenüber des gewissenlos brutalen Alex hegt, durchleidet man seine "Heilung" bzw. staatliche Gehirnwäsche mit ihm und fühlt sich ihm verbunden. Das Kranken der Gesellschaft und nicht des Einzelnen wird im ganzen Buch sehr deutlich und auf die vielfältigste Art und Weise dargestellt, auch hier kommt der Sprache 'Nadsat' wieder eine tragende Rolle zu, verdeutlicht sie doch den Zerfall eben jener Gesellschaft, in der Alex und seine Freunde zu bestehen versuchen. Uhrwerk Orange ist ein fantastisches Buch, welches das Böse, das Abartige im Menschen oder eher doch in uns allen beschreibt und anprangert. Alex ist einerseits ein wichtigtuerisches Würstchen, aber andererseits auch ein dynamitgepolstertes Ruhekissen, auf dem es sich nicht lohnt zu sitzen. Er birgt Gefahr und verkörpert die Rebellion der Jugend, die sich gegen alles und jeden auflehnt. Er läuft durch die Gegend und schlägt, stiehlt, vergewaltigt und mordet letztendlich - alles in einer Welt, in welcher eine ganz andere Sprache gesprochen wird. Man geht eben in die Bar und bestellt sich ein Glas Moloko Plus(=Milch mit Psychopharmaka) und quatscht eine Dewotschka(=Mädel) an. Trotz all den ekelhaften Taten, welche die Hauptperson Alex in dem Buch begeht, fühlt man sich auf unheimliche Weise vertraut mit seiner Sprache, seinem Charakter, seiner Zukunft und mit ihm selbst, als er Testperson der "Ludovico - Methode" und somit eine hilflose Menschmaschine wird. Das Buch bietet reichlich Stoff zum diskutieren. Soll man sich jetzt auf Alex' Seite stellen, der, als er noch einen freien Willen hatte, ohne mit der Wimper zu zucken getötet, vergewaltigt und geraubt hat, oder auf die Seite der machthungrigen Politiker, die ihn zu einem guten Menschen gezwungen haben und ihn nun für ihre Zwecke ausnutzen? Das Buch beschreibt Gewalt sehr genau, ist aber auf jeden Fall lesenswert für jeden, der sich Gedanken über Gut und Böse macht. Letztendlich wird aufgezeigt, daß es kein Gut ohne Böse geben kann, daß eine Welt ohne die Möglichkeit Böses zu tun, keine wirkliche Welt mehr ist. Es gibt nur die Alternative zwischen Freiheit mit all ihren Schwächen und Trieben und einer unmenschlichen Welt der totalen Kontrolle und Überwachung. Welche Antwort auf diese Fragen unsere heiß geliebte deutsche Staatsmacht uns in den Stadien immer wieder gibt, wissen wir ja alle leider nur zu gut! Der Film von Stanley Kubrick Stanley Kubricks (Full Metall Jacket, Shining) bemerkenswerte visuelle Interpretation des berühmten Romans von Anthony Burgess ist ein wahres Meisterwerk und avancierte bereits in den 70ern zum Kultfilm. Malcolm MacDowell liefert eine clevere, nicht ganz ernst gemeinte Performance als Alex, Anführer des Quartetts der "Droogs". Wo andere Regisseure vermutlich das immense Gewaltpotential der Geschichte ohne den enthaltenen Subtext ausbeuten würden, legt Kubrick großen Wert darauf, Burgess düster satirischen und sozialkritischen Kommentar auch in seinem Film zu berücksichtigen. Uhrwerk Orange erzählt Alex' Transformation vom vogelfreien Bösewicht zum Sträfling, der in einem Experiment der Regierung mit dem Ziel, Kriminelle zu resozialisieren, unorthodoxen medizinischen Methoden ausgeliefert ist und so seinerseits zum Opfer wird. Die Therapie soll als Allheilmittel für eine kaputte Gesellschaft dienen, die immer mehr unter einer überhand nehmenden Verbrechensrate zu leiden hat, welche eben dieses Gesellschaftssystem hervorbringt. Die Katze beißt sich also in den Schwanz. Uhrwerk Orange funktioniert auf vielen unterschiedlichen Ebenen - auf visueller, sozialer, politischer und sexueller - und ist einer der wenigen Filme, die auch nach mehrmaligem Ansehen ihrem Anspruch gerecht werden und nichts von ihrer Aussagekraft einbüßen.

Kubrick arbeitet mit farbenfrohen Bildern und setzt darüber hinaus die klassische Musik speziell zur Untermalung der Gewaltszenengeschickt als Stilmittel ein, um den Zuschauer emotional gefangen zu nehmen. Szenen, die als Abbild reinsten Nihilismus auch heute noch verstörend wirken. Das Gesicht starrt uns brutal an, bildschirmfüllend. Langsam fährt die Kamera zurück. Alex sitzt auf einer Couch der Korova Bar, umgeben von weißen Skulpturen nackter Frauen. Er nippt an seiner gedopten Milch(=Moloko Plus), die dich heiß macht, auf ein bißchen von der alten „Ultra-Brutalität". So beginnt "Uhrwerk Orange", eine qualvolle Reise in eine nahe Zukunft, durch verfallene Städte voll mörderischen Gesindels und alptraumhafter Methoden der Kriminalität und ihrer Bestrafung. Im Mittelpunkt steht Alex, der kämpft, raubt, schändet und mordet wie ein gewissenloses Raubtier. Man verhaftet ihn und sperrt ihn ein. Er wird einem grausamen Verfahren unterzogen, das ihn wieder gesellschaftsfähig machen soll, funktionierend wie ein Uhrwerk Orange, äußerlich gesund und intakt, im inneren jedoch verkrüppelt und begrenzt auf Reflexe, die er selbst nicht mehr kontrollieren kann.


ACO in den Kurven – ein Kult greift um sich!

Auch in vielen Fankurven und Szenen tauchen Motive und Begriffe aus Buch und Film auf. Warum eigentlich?

Genauso wie Musikgruppen oder andere Jugendsubkulturen lassen sich natürlich auch Fußballfans von gängigen Kultfiguren, -büchern oder –filmen inspirieren.

Allgemein fasziniert vom Vorbild Italien verstärkte sich der Trend, die dort benutzten Motive zu hinterfragen und zu ergründen. So entdeckten schließlich auch deutsche Gruppierungen den Clockwork Orange – Kult für sich. Die Motivation für diverse Ultragruppen sich Dinge aus ACO anzueignen, stellen zunächst einmal die vielen coolen Motive rund um Alex und seine Droogs dar, die auch prima zur eigenen Ultragruppierung passen. Dann ist da natürlich das ganz eigene Flair dieses Werks: Die Gruppe der Droogs, ihre Szenesprache, ihre Szenedrogen, ihr Szenelokal, ihre Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Gruppen, ihre Rebellion gegen alles und jeden, ihre Coolness. Alles Dinge, die halt irgendwie schon von selbst mit der Welt der Ultras und ihrer Gruppen verwandt sind. Da ja sowieso häufig Metaphern und Symbole gewählt werden, die Härte, Unnachgiebigkeit und den „Machismo“ zum Ausdruck bringen sollen, kommt die fiese Gang der Droogs da gerade recht. In Italien werden die verschiedenen ACO – Motive in unzähligen Kurven verwendet. Bei uns am prominentesten dürfte die Verwendung in Genua und Turin sein: Die „Ultras Tito Cucchiaroni 1969“ (UTC) von Sampdoria haben Alex als ihr Gruppensymbol gewählt und nutzen mehrere verschiedene seiner Darstellungen auf ihren Fahnen und Artikeln. Bei Juventus Turin war die Identifikation mit dem Werk und den Droogs noch stärker. Im September 1987 tauchte plötzlich eine neue Gruppe namens „Arancia Meccanica“ (ital. für Clockwork Orange) auf, welche auf den Pfaden der altehrwürdigen Fighters schreitend, rasch akzeptiert wurde und sich binnen kürzester Zeit zur größten und bedeutendsten Gruppe entwickelte. Da dieses Werk nicht nur die Gemüter der „Arancia Meccanica“ - Mitglieder erregte, sondern auch die der Ordnungshüter und Offiziellen, gab es ständig Ärger um das Anbringen des Transparentes in den Stadien der Halbinsel. Zuhause wurde man auch nicht gerne gesehen, aber geduldet. „Arancia Meccanica“ wirkte nur ca. ein Jahr und änderte dann aufgrund des äußeren Drucks seinen Namen in „Drughi Bianconeri“ (ital. für schwarz – weiße Droogs). Somit blieb trotz der Namensänderung der Ultragruppe der Bezug zu Clockwork Orange gewahrt. Seit 1988 Führungsgruppe der Juventus – Kurve galten die „Drughi“, eine ausgewogene Mischung aus eher gemäßigten und gewaltbereiten Ultras, bald als ganzer Stolz der „Vecchia Signora“. „Drughi“ und „Fighters“ einigten sich im Sommer 96 dahingehend, eine neue Ära einzuläuten, in der nur noch eine Gruppe in der Kurve den Ton angeben sollte. Die Wahl fiel auf die „Fighters“ und man beschloß die „Drughi Bianconeri“ ad acta zu legen. Clockwork Orange in unserer Kurve Welche Bedeutung hat Clockwork Orange nun für uns? Warum verwenden auch wir die Symbole von Alex und den Droogs? Zunächst einmal bedeutet der Ausdruck „Droogs“ ja nichts anderes als Freunde. Deshalb steht er auch bei uns für die Freundschaft in unserer Gruppe, für unsere Clique, für die Gruppe selbst. Ebenso ist der Clockwork – Kult auch eine kleine und dezente Reminiszenz und Verbeugung vor dem großen Vorbild Italien und der dortigen Verwendung der ACO – Symbolik. Die durchaus aggressive Symbolik aus Uhrwerk Orange beziehen wir auch auf uns, allerdings differenziert. Während ja die Droogs in Anthony Burgess‘ Original völlig gewissenlos vorgehen und Gewalt aus Spaß, aus Prinzip, ja als Selbstzweck betreiben, was wir selbstverständlich absolut ablehnen, beziehen wir die martialischen Motive darauf, daß jeder, egal wer, wissen soll, daß wir in der Lage und Willens sind uns zur Wehr zu setzen, wenn man uns dumm anmacht oder angreift. Damit kann ein saftiger argumentativer Gegenschlag gegen jemanden gemeint sein, der in der Öffentlichkeit über uns herzieht, aber auch eine handfeste Überraschung für denjenigen, der uns auf der Straße attackiert und meint uns eins auswischen zu müssen. Wer uns angreift, egal auf welche Art, wird mit den Konsequenzen seines Verhaltens rechnen müssen... Hierbei ist noch einmal ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß die verschiedene Motive aus ACO als Metapher zu verstehen sind. Mit dem weltberühmten Bildnis des Alex mit dem Messer in der Hand beispielsweise huldigen wir also keineswegs irgendwelchen Messerstechereien. Auseinandersetzungen mit Waffen lehnen wir ausdrücklich grundsätzlich und in jeder Form ab! Einer der wichtigsten Punkte ist aber die philosophische Frage, die das Werk Clockwork Orange aufwirft und die Erkenntnis, die sich daraus ziehen läßt. Gerade im Hinblick auf die durchaus vorhandenen Parallelen in unserem Alltag als aktive Fußballfans. Sind wir gut? Oder sind wir böse? Manchmal sind wir nichts von beidem, manchmal auch beides gleichzeitig... aber niemals irgend etwas ausschließlich! Können wir auch nicht - denn so einfach ist die Welt nun mal nicht. Es kann kein „Gut“ ohne „Böse“ geben, denn wie würde es sich ohne den Gegensatz denn definieren? Eine Welt ohne Freiräume bedeutet auch eine Welt ohne Risiko. Aber ist das erstrebenswert? Denn ohne Freiräume gibt es kein Ausleben mehr, keinen Spaß. Ohne Risiko gibt es auch kein Abenteuer. In völliger und absoluter Sicherheit regiert also auch die totale Langeweile. Diese lehnt das menschliche Individuum aber von Natur aus ab und versucht alles um ihr zu entkommen. Zu Ende gedacht ist der saloppe Spruch „No Risk – No Fun!“ deshalb keineswegs plump und naiv sondern ein Grundparameter menschlichen Wesens. Auf die Verhältnismäßigkeit kommt es halt an. Klar muß irgendwann die Vernunft einsetzten und regieren, nicht jedes Risiko ist geringzuschätzen. Ebenso ist aber völlige Sicherheit genauso ausdrücklich abzulehnen. Letzten Endes, und das muß man sich vor Augen halten, beinhaltet aber Risiko immer auch zumindest die Möglichkeit „Böses“ zu tun. Doch damit muß man umgehen lernen, nicht der illusorischen Versuchung hinterher jagen, völlige Sicherheit zu schaffen und so das „Böse“ zu eliminieren. Hätte man dies geschafft, wäre die Welt nicht mehr lebenswert, ja gar keine wirkliche Welt mehr – denn ohne das „Böse“ gäbe es auch kein „Gut“: keine Freude, kein Glück, kein Vergnügen. Die sture, strikte und stupide Haltung des staatlichen Überwachungsapparates in dieser Frage kennen wir alle und alle anderen wahren und kriminalisierten Fußballfans kennen sie auch. Gegen diese Kurzsichtigkeit und Engstirnigkeit, gegen dieses durch konservative Ideologie völlig verengte Weltbild ohne Weitblick für möglich Folgen, gilt es sich mit Händen und Füßen zu wehren! Gegen den Regulierungswahn der Obrigkeit, gegen die Willkür und Repression seiner ausführenden Organe. Seid stark – und haltet zusammen!!! Nur gemeinsam geht’s! Und nur so... Gerade in unserer heutigen Welt gilt, bei weitem nicht nur auf Fußball bezogen, sondern nur als kleines Beispiel ja auch was die Bedrohung durch Terror, seine Bekämpfung und die damit verbundene Argumentation der Hardliner in Sicherheitsfragen und die daraus resultierende, zum Teil bewußt geschürte und für andere Zwecke instrumentalisierte, Hysterie in Teilen der Bevölkerung angeht, mehr denn je: Es gibt nur die Alternative zwischen Freiheit mit all ihren Schwächen und Trieben und einer unmenschlichen Welt der totalen Kontrolle und Überwachung! Aufgrund dieser Erkenntnis symbolisiert Clockwork Orange für uns vor allem auch eines: FREIHEIT FÜR DIE MENSCHEN, FREIHEIT FÜR DIE ULTRAS, FREIHEIT FÜR UNS! So und nach soviel lesen solltet Ihr am besten Euren nächsten Mesto aufsuchen und a gscheide Messermilch kippen... Was soll es denn geben, mh?“