Repression

Über die Mechanismen der Repression
oder wie in Deutschland mit Fans umgegangen wird


Im „modernen Fußball“ geht es für die Hauptakteure -Vereine, Verbände und Unterhaltungsindustrie- darum, das „Produkt Fußball“ bestmöglich zu vermarkten und den eigenen Gewinn zu maximieren. Organisierte Fans, die ihre Interessen in Verein oder Kurve zu artikulieren wagen und womöglich noch eine kritische Einstellung zur Kommerzialisierung haben, sind für diese Ziele eher hinderlich. Da trifft es sich gut, dass die staatliche Exekutive, die nach dem Ende der Hooligan-Kultur Mitte der Neunziger in den Stadien ihre Daseinsberechtigung sucht, neue Herausforderungen braucht, um den Normalbürgern eine Gefährdungssituation und damit verbunden die Notwendigkeit einer Aushöhlung der Bürgerrechte zu verkaufen. Die „Ultras“ als im Stadion einzige wahrnehmbare Gruppe, die aus dem Kundenschema der neuen Stadiengänger heraus fällt und mit dem Anspruch, eine unabhängige Subkultur zu sein, auf den ersten Blick durchaus suspekt erscheint, bieten hierfür genug Angriffsfläche. Den besagten Akteuren des modernen Fußballs kommt das gerade recht, sind es doch die Ultras, die ihre kommerzkritische Einstellung zu artikulieren wagen. Die staatliche Exekutive beweist durchaus Kreativität wenn es darum geht, neue Formen der Repression zu entwickeln und an den Angriffsflächen der Ultras anzusetzen, sind doch Stadionverbote und Datei „Gewalttäter Sport“ längst etabliert.

Traditionellerweise setzt Repression nicht nur auf der kollektiven Ebene, dem Vorgehen gegen die Gruppen an sich, sondern auch und zunehmend besonders auf der individuellen Ebene an. Hier lässt sich besonders gut „arbeiten“, ist der durchschnittliche „Ultrà“ doch meist jugendlich und aus geregelten sozialen Verhältnissen. Gerade die WM 2006 in Deutschland bot einen guten Anlass, im Rahmen so genannter „Gefährderansprachen“ unter fadenscheinigen Gründen (die meisten Ultras interessieren sich überhaupt nicht dafür, die Spiele der WM zu besuchen) „Zielpersonen“ zu Hause oder sogar in der Arbeit zu besuchen. Der Nutzen darin liegt offensichtlich nicht im „Gespräch“ selber, auch haben die „Gefährderansprachen“ weder eine rechtliche Grundlage noch rechtliche Folgen, vielmehr geht es darum, den Betroffenen in seinem sozialem Umfeld (Familie, Freunde, Arbeit) zu diskreditieren. Gerade bei Jugendlichen, die noch daheim wohnen oder in der Arbeit noch in einem Ausbildungsverhältnis stehen, oft mit fatalen Folgen. Ein netter Nebeneffekt ist, dass das soziale Umfeld, die Lebensverhältnisse und andere Informationen bei den Besuchen gleich mit abgeschöpft werden können. Auf der kollektiven Ebene, dem Vorgehen gegen die Gruppe an sich, werden wir in unserem Hauptbetätigungsfeld, der Stimmung im Stadion, immer mehr durch nicht zu rechtfertigende Verbote und Einschränkungen bezüglich der üblichen Fanmaterialien wie beispielsweise Megaphon und Fahnen behindert. Gleichzeitig wird unsere Reputation in der Öffentlichkeit gezielt torpediert, sei es dadurch, dass wir durch Gerüchte, Halbwahrheiten und zusammenhangslose Erwähnung unseres Gruppennamens, beispielsweise im Kontext mit DNA-Tests für Hooligans, in der Presse diskreditiert werden, sei es dadurch, dass Vermieter oder Partner bei unseren Veranstaltungen, die meist in einem sozialen, kulturellen oder antirassistischen Kontext stehen, von der Polizei vor uns „gewarnt“ werden. Die alte Schiene „Gewalttäter“, die immer zieht; besonders absurd in einem Fall, in dem uns unterstellt wurde, unser antirassistisches Fußballturnier hätte einen „rechtsradikalen Hintergrund“! An Spieltagen sehen wir uns fast immer mit einem martialischem Polizeiaufgebot konfrontiert, dass sich offensichtlich gezielt uns als Feindbild und Zielobjekt herausgesucht hat und uns allumfassend begleitet. Dies geht soweit, dass einzelne kleine Gruppen nach Heimspielen abends bis in die Stammkneipe im Viertel verfolgt und dort bis spät nachts von „zivilen Kräften“ beschattet werden.

Nicht nur, dass diese Vorgehensweisen die Bürgerrechte der Betroffene massiv einschränken (was nach unseren Erfahrungswerten die wenigsten interessieren dürfte), die Kosten dieser Maßnahmen, bei denen sprichwörtlich mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird, müssten jeden Steuerzahler auf die Barrikaden treiben (was in Zeiten von Kürzungen und sozialem Kahlschlag schon mehr Leute interessieren sollte).

Stadion Einmaleins - Tipps zum Stadionbesuch