POLITIK IN DER KURVE?

Wenn man sich denn daran machen will uns irgendwie politisch einzuordnen, wird man zu folgendem Ergebnis kommen: Das Spektrum im „Harten Kern“ der Gruppe, speziell der Führungscrew, geht von einer mitdenkenden, kritischen Mitte bis hin zu einer alternativen Linken. Will man dies in Zahlen ausdrücken, kommt man auf vielleicht 50% eher „Linke“ und 50% eher kritische Mitte, wobei es natürlich keine so klare Trennung gibt, sondern die Übergänge fließend sind. Es gibt also durchaus ein breiteres Bild von Ansichten und verschiedenen Auffassungen und diese Vielfalt halten wir auch für sehr wichtig. Die allen gemeinsame eindeutige Basis lautet allerdings: Für gewissenlose Geldgeier, Rassisten und Faschisten ist in unserer Mitte kein Platz! Diese Grundwerte versucht der „Harte Kern“ somit auch vorzuleben und an neue und jüngere Mitglieder weiterzuvermitteln. Aufgrund eben dieser Einstellungen und des Auftretens der meisten Leute des „Harten Kerns“ der Münchner Ultraszene wurde uns von einigen die Frage gestellt, ob wir (externe) Politik in die Kurve hineintragen wollen. Nein, das wollen wir nicht! Sind wir dann gegen jegliche Politik in der Kurve? Nein, auch das sicher nicht! Folgen wir nur einem momentanen Modetrend, Ultragruppen einen „pseudo-linken“ Anstrich zu geben? Nein, dies noch viel weniger! Denn was andere diesbezüglich machen interessiert uns im Wesentlichen nicht – wir verfolgen unseren eigenen Stil, allerdings nicht ohne immer wieder über den Tellerrand hinauszublicken, denn Wissen ist Macht! Es gibt vieles das woanders in der Welt besser ist als bei uns oder vielleicht auch nur in Teilen nachahmenswert. Entscheidend für uns, ob wir Meinungen teilen oder Anregungen aufnehmen, ist aber nie ob es cool ausschaut oder lässig rüberkommt sondern immer ob wir es für richtig halten und uns damit identifizieren können! Wir machen was wir für richtig halten, weil wir es für richtig halten, nicht weil irgendwer anderes irgendwas macht. Wir leben in unserer Stadt, in unserem Umfeld, in unserer Kurve – und dieses Selbstverständnis bringen wir zum Ausdruck. Wir sind in München, und das ist der Anspruch, dem man gerecht werden muß: Weltoffen, mit Herz, Hirn & Verstand und mit unserem eigenen Stil! Stupide irgendwelchen Parolen hinterherlaufen oder billige Vorurteile leben, können sie woanders... mia san mia! Ist Politik innerhalb einer Fankurve nun unserer Meinung nach fehl am Platz oder nicht?

Die Antwort darauf hängt einzig und allein davon ab, wie man Politik in der Kurve definiert.

„Football without politics!“ – diesen Slogan hört man von manchen immer wieder, wenn das Thema diskutiert wird. Stellt sich nur die Frage: Geht das überhaupt? Geht es, Fußball und Politik vollständig voneinander zu trennen, vor allem wenn man tagtäglich den Ultragedanken lebt?

Das Wort „Politik“ kommt aus dem griechischen und ist ursprünglich die Lehre von der Verfassung einer „Polis“, einer Gemeinde, einer Stadt. Heute versteht man darunter die Ausgestaltung einer Gemeinschaft, die auf die Durchsetzung von Vorstellungen zur Ordnung dieser Gemeinschaft, auf die Verwirklichung von Zielen und die Definition von Werten ausgerichtet ist. Zu den Grundelementen von Politik gehören Macht, Gestaltungskraft und das Bestreben nach Verwirklichung der definierten Werte (z.B. Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden). Jeder von uns ist auch und speziell als Fan ständig mit Innenpolitik, Kulturpolitik, sowie Sozial- und Gesellschaftspolitik des Staates konfrontiert. Und damit herausgefordert bzw. gezwungen, sich innerhalb dieses Umfeldes selbst politisch zu bewegen.

Schon allein deshalb kann man wohl zu Recht sagen, daß Fußball ohne Politik nicht vorstellbar und schon gleich gar nicht umsetzbar ist. Unser Ziel als aktive Fans/Ultras ist die Freiheit und Autonomie der Kurve. Die Freiheit den Rahmen eines Spiels so gestalten zu können, wie wir es wollen. Die Freiheit uns in dem Lebensbereich der uns allen als Fans/Ultras gehört, in unserer Kurve, nach unseren Vorstellungen und unseren Werten selbst zu verwirklichen. Hierbei müssen wir uns gegen den Widerstand anderer, die völlig gegensätzliche Interessen verfolgen (z.B. Polizei o. Sponsoren), durchsetzen. Bereits dieser Ansatz ist aber schon in höchstem Maße politisch.

Indem wir beispielsweise Stellung beziehen gegen Repressalien der Polizei und Ordner oder gegen die uneingeschränkte Kommerzialisierung unserer Erlebniswelt, engagieren wir uns in höchstem Maße politisch: fan- und gesellschaftspolitisch! Weiter kämpfen wir für die Freiheit unsere Meinung frei äußern zu können, sei es durch Spruchbänder, Zeitschriften oder Gesänge. Auch dieser Kampf ist politisch im Sinne unserer Wertvorstellungen. Die Gruppe entscheidet auch darüber welche und inwieweit sie politische Strömungen im Stadion gutheißt oder toleriert. Daß die Gruppe sich eindeutig und klar gegen Rassismus und Faschismus ausspricht, zeigt ebenfalls, daß „Football without Politics!“ so nicht funktioniert.

Wir sind im Stadion die Menschen, die wir sonst auch sind, nicht nur „Fans“, die ihr Hirn am Eingang abgeben und dann für 90 Minuten einen anderen Charakter annehmen. Unsere Ziele, Werte und Ideale verfolgen wir gerade auch im Stadion, einem der Lebensbereiche, der uns schließlich am wichtigsten ist, weiter. Ultra zu leben heißt, sein ganzes Leben und Umfeld immer wieder zu hinterfragen und kritisch zu betrachten und nie die eigenen Werte, wie etwa Gerechtigkeit und Freiheit, aus den Augen zu verlieren. Nie werden wir blind und bedingungslos einer, wie auch immer gearteten, übergeordneten Autorität folgen. Die einzige Autorität sind unsere Ideale! Ultra heißt Liebe für die Gruppe, die Stadt, die Mannschaft. Ultra heißt in guten wie in schlechten Zeiten immer dabei sein, den Alltag und seine Gedanken in die Kurve investieren, die eigenen Farben unterstützen und verteidigen, Choreos, Material und Auswärtsspiele sowie die Koordination eines farbenprächtigen und lautstarken Tifo organisieren. Ultra heißt aber vor allem, jeden Tag leben und arbeiten um die eigenen Ideale zu erfüllen! Seine Moralvorstellungen, Werte und Ideale aus dem Alltag legt man aber nicht ab wie ein Kleidungsstück, wenn man ein Stadion betritt. Sie sind tief in einem drin und man muß ihnen immer wieder aufs Neue gerecht werden.

Die Kurve sollte sich ruhig um verschiedene Problematiken unseres Lebens, zu dem Fußball gehört wie alles andere, denn Fußball ist keine unabhängige Traumwelt, sondern Teil unserer Lebensrealität, kümmern. Dies kann Rassismus, Krieg, Menschenrechte, Kommerzialisierung, ausufernden Kapitalismus, Auswirkungen der Globalisierung etc. betreffen. Aber immer spontan, aus sich selbst heraus und ohne Einfluß politischer Parteien. Unabhängigkeit ist der erste und wichtigste Punkt der Ultra-Mentalität. Es ist richtig und wichtig, daß man in einem Stadion und der Kurve auch über Dinge und Argumente, die nichts mit Fußball zu tun haben spricht oder auch mal dementsprechende Aktionen durchführt – aber genau so wichtig muß die Trennung von Ultras und Politik im Sinne von Parteipolitik sein!

Wir wollen und brauchen niemand der uns seine Ideologien oder die Leitlinien von politischen Parteien von außen aufdrückt. Wir brauchen weder Jusos noch Leute von der Jungen Union als Organisation im Block und noch weniger Anhänger irgendwelcher radikaler Parteien, die uns für Stimmungsmache in ihrem Sinne benutzen könnten. Letztlich sind die professionellen Politiker doch alle zu einem gewissen Maß gleich korrupt und keine Partei vertritt auch nur annähernd unsere Interessen als Fußballfans. Wir brauchen deren Politik nicht! Externe Parteien und deren Interessen haben in unserem Fanblock nichts verloren. Sie vertreten nicht unsere Interessen! Parteipolitik hat im Stadion nichts aber auch gar nichts zu suchen! Dies bedeutet aber nicht, daß jegliche Art von Politik nichts im Stadion verloren hat.

WIR müssen UNSERE INTERESSEN vertreten!

Mit unserer eigenen, selbstdefinierten Politik!

Die rEvolution der Fans: Nur ein einziger Buchstabe mehr... und schon wird aus der Evolution, der Weiterentwicklung der Fanszene, eine REVOLUTION, eine Umkehrung von Verhältnissen, die einem nicht passen! Ganz so schnell geht’s nicht, aber wir sind auf dem Weg und dazu gehört, sich der eigenen Bedeutung bewußt zu werden. Selbst Verantwortung zu übernehmen, sich mit anderen Fangruppen austauschen, sich weiterentwickeln, von anderen dazulernen, sich verändern. Fehlentwicklungen und Mißstände rund um unser Fansein wahrnehmen und Impulse dagegen setzen, eigene Faninteressen formulieren und öffentlich machen. Sich einsetzen, sich wehren! Raus aus dem bequemen Abseits des passiven machtlosen Konsumenten – rein in die selbstgeschaffene eigene Erlebniswelt! Wer was erreichen will, muß bei sich selbst anfangen. Groß reden kann jeder – aber erst beim Handeln zeigt sich der Charakter, die Mentalität, der wahre Wille!

Vorbei sind die Zeiten, in denen alle Fans in Ehrerbietung vor den Vereinsverantwortlichen förmlich erstarrt sind. Vorbei ist es mit der Einstellung: „Hauptsache, das Verhältnis zu den Offiziellen des Vereins stimmt, denn dann sind wir ja gute Fans.“ Endlich haben viele kapiert, daß Fansein NICHT bedeutet dem „offiziellen“ Teil des Vereins hörig zu sein und möglichst alle sinn- und geschmacklosen Fanartikel, die angeboten werden zu kaufen. Fan sein bedeutet, alles für den Verein, alles für die eigene Fangemeinschaft zu geben: Mut, Einsatz, Engagement, Herzblut... Unser Verein und unsere Kurve gehören uns und nur uns und es liegt an uns sie zu gestalten. Dessen müssen wir uns bewußt werden!

Sich davor zu drücken, sich zu verstecken, statt unsere Welt selbst und in unserem Sinne zu gestalten, wäre nicht nur extrem feige, sondern sogar ein Verbrechen an der Fankultur unserer Kurve. Würden wir alles mitspielen, den Mund halten und alles drunter und drüber laufen lassen, anstatt aus uns selbst und der Situation in unserer Kurve heraus unsere eigene Politik zur Gestaltung unsere Kurvenwelt bzw. zur Vertretung unserer Faninteressen und zur Verwirklichung unserer Werte und Ideale zu entwickeln, wären wir nichts anderes als kleine Rädchen im System, die von anderen gedreht werden. Keine stolzen Ultras mit eigener Meinung und eigenen Idealen und Werten, sondern Marionetten im Spiel der Reichen und Mächtigen. Nicht mit uns...

Ultras, die nicht mehr als Fähnchen im Wind sind. Genau das wollen unsere Widersacher und Gegenspieler doch nur. Die große Konfrontation die sich anbahnt, wird nicht zwischen Ultras stattfinden, wie die „Digos“ (szenekundige Beamte) prophezeien, sondern zwischen Ultras und politischen Parteien, zügellosen Sponsoren und skrupellosen Vorstandsvorsitzenden. Den Führungen der Fußballunternehmen sind kritische, freie Fans ein Dorn im Auge, da sie sie möglicherweise daran hindern könnten, alles nur noch an rein kommerziellen Zielen zu orientieren. Daß dies das einzige Interesse der Sponsoren ist, liegt in der Natur der Sache und muß nicht weiter erläutert werden. Die politischen Parteien sind verantwortlich dafür, daß sich die Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei verschärft haben. Sie stellen die Repression in den Stadien auf eine legale Basis.

Die Fußballunternehmen, der Staat und die diversen Ordnungshüter bilden eine Art „stille Allianz“, aus der scheinbar alle Nutzen ziehen:

- der Fußball hat sich von einem Sport, der verbindet und Menschen zusammenbringt, zu einem „Business“ entwickelt. Ein Weg, der statt unabhängigen und freien Fangruppen lieber einzelne Klienten, die im neuen „Fußball-Showbusiness“ viel Geld bringen, bevorzugt.

- die Polizei spielt eine immer wichtigere Rolle, wenn es um totale Kontrolle und Überwachung geht. Gerade im Hinblick auf 2006 hat sich der Staat dazu entschlossen, radikal jegliche Subkultur einer totalen, menschenunwürdigen Kontrolle zu unterwerfen, um Dinge von denen er nichts weiß und die er deshalb als Risiko einstuft, im Keim zu ersticken. Das sind also die Fakten vor denen wir stehen. Wir beabsichtigen auf diese Entwicklung ebenfalls mit Politik zu antworten, aber mit unserer eigenen Politik, nicht mit der von irgendwelchen Institutionen und Parteien! Unsere eigene Umgebung und unsere eigenen Probleme haben uns dazu gebracht uns darüber Gedanken zu machen, wie wir unsere Interessen und Vorstellungen am besten vertreten und umsetzen können. Daraus hat sich unsere ureigene (Fan-)Politik entwickelt: Ziele sind unser Territorium zurückzugewinnen, die eigene aktive Teilnahme am Spiel neu zu entdecken, vor allem der jungen Fans wegen. Ihre, unsere Sprache zu sprechen, bei ihren, unseren Bedürfnissen, bei ihren, unseren Problemen anzufangen. Eine Politik, die dem eigentlichen Sinn des Wortes nahe kommt. Eine Politik der Kurve, die in ihr, durch Nachdenken über die dort vorherrschenden Verhältnisse, entsteht - im Gegensatz zu Politik, die von außen in die Kurve gebracht wird. Eine Politik der Kurve, die auf den ursprünglichen Namen „Polis“ zurückgeht. Eine Politik, die von der Gemeinschaft ausgeht, die in der Kurve entsteht und sich dort entwickelt. Die über Antirassismus spricht, als Antwort auf diejenigen, die die Welt der Ultras für ihren faschistoiden Gedankenmüll instrumentalisieren wollen: was die Fans einer Mannschaft verbindet, war niemals die Hautfarbe, sondern immer die Farbe des Schals und des Trikots. Wir wollen eine aufgeschlossene, weltoffene Kurve, die offen für Neues ist und sich Dinge erst anschaut, bevor sie entscheidet, was gut und was schlecht ist. Ob das jemand schon „zu links“ ist, ist uns scheißegal, für uns ist es „OPEN MINDED“! Und so wollen wir auch unsere Stadt vertreten, denn München ist weltoffen und multikulturell, und der FC Bayern war es schon immer! Eine Politik der Rebellion, gegen den menschenverachtenden Umgang mit uns und für unsere Interessen als Fans. Gegen die Klassifizierung von Menschen in Dateien wie der „Gewalttäter Sport“ - Datei. Gegen Willkür, Schikane und Fremdbestimmung seitens Staat (Polizei) und Macht (AG-Bosse) und Geld (Sponsoren). Eine Politik für unser moralisches Recht auf Mitbestimmung in unserem Sport. Eine Politik die unser ureigenes, selbst definiertes ‚YA BASTA!‘ (Es reicht!) zum Ausdruck bringt. Gegen die völlige und uneingeschränkte Kommerzialisierung unserer Fanwelt und unseres Sports und gegen den gewissenlosen Ausverkauf aller ideologischen und moralischen Werte. Eine Politik des Nachdenkens über uns selbst, die schließlich zur Definition unserer eigenen Ultras-Mentalität führt. Eine Politik VON UNS und FÜR UNS! Für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit, für die Jugendkultur Ultras, für unsere Interessen und die unserer Kurve und für niemand anderes! Sich als Gemeinschaft füreinander stark machen, über die eigene Einstellung und Moral nachdenken und daraus eine Mentalität entwickeln, Werte definieren und diese offensiv vertreten, das ist für uns UNSERE POLITIK:


MÜNCHNER KURVENPOLITIK – FREE YOUR MIND!