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»Ich habe keinen Hass auf die Deutschen ...«

Max Mannheimer im Interview

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Max Mannheimer: Fast seine gesamte Familie wurde im Konzentrationslager ermordet. Er überlebte Theresienstadt, Auschwitz, Warschau und Dachau. Deutschland bedeutete für ihn trotz Holocaust den Neubeginn nach dem Krieg. Ein Gespräch gegen das Vergessen – und für die Zukunft.

P.M. HISTORY: Herr Mannheimer, was ist Ihre erste Erinnerung an München?
Max Mannheimer:
Das ist keine schöne Erinnerung: Ich fuhr auf einem LKW der SS aus einem Außenlager Dachaus durch das zerbombte München, sah brennende Häuser, den brennenden Ostbahnhof. Deshalb hoffte ich, dass der Krieg bald zu Ende sein würde.

Zuvor waren Sie in Auschwitz. Wollen Sie darüber sprechen?
Ja, ich will darüber sprechen. Ende Januar 1943 wurde ich mit meinen Eltern, meiner Frau, meinen zwei Brüdern und meiner Schwester über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. An der
Todesrampe von Birkenau sah ich meine Familie zum letzten Mal. Von 1000 Männern, Frauen und Kindern durften vorerst 155 Männer und 63 Frauen am Leben bleiben. Die anderen wurden in der gleichen Nacht vergast. Nach fünf Wochen waren nur noch ich und mein sechs Jahre jüngerer Bruder Edgar am Leben. Und ich musste mich daran gewöhnen, plötzlich neben einem toten Mithäftling aufzuwachen.

Dachten Sie an Selbstmord?
Am ersten Morgen wollte ich aus Verzweiflung in die Hochspannungsdrähte laufen. Ein Stromstoß, dann wäre alles vorbei. Da fragte mich mein jüngerer Bruder: »Willst Du mich allein lassen?« Diese Frage hat zwei Dinge bewirkt: Erstens schämte ich mich. Und zweitens drehten sich meine pessimis­tischen Gedanken um 180 Grad. Von da an wollte ich nur noch überleben.

Wie gelang es Ihnen, dem Vernichtungslager zu entkommen?
Unser »Glück« war, dass wir im Oktober 1943 als nichtpolnische Juden einem Kommando zugeteilt wurden, das im zerstörten Warschauer Ghetto aufräumen sollte. Wir fanden unter den Trümmern auch Leichen. Es wurde uns klar, was hier geschehen war.

Die Juden im Warschauer Ghetto haben zu den Gewehren gegriffen. Dachten Sie nie darüber nach, sich auch so gegen den Nazi-Terror zu wehren?
Wir hatten keine Möglichkeit, mit Waffen versorgt zu werden. Aber ich hätte auch nicht den Mut gehabt. Ich hatte immer nur Angst.

Von Warschau ging es nach Dachau ...
... wegen der Nähe der Roten Armee wurden wir am 27. Juli 1944 in Holzpantinen in Marsch gesetzt, 120 Kilometer. Wer das Tempo nicht mithalten konnte, wurde getötet. Später in einen Güterzug gepfercht, kam ich dann als einer von 3956 Häftlingen am 6. August 1944 in Dachau an. Mein erster Gedanke war: Hier sind die meisten Häftlinge aus politischen Gründen inhaftiert, hier haben wir eine Chance zu überleben. Dann kam ich in das Außenlager Karlsfeld/Allach, übrigens ein Lager, wo der jetzige Papst als Siebzehnjähriger an der Fliegerabwehrkanone stand. Hier musste ich als Häftling unter anderem im Freigelände der BMW-Flugmotorenwerke arbeiten. Über eine Holzbrücke mussten wir die Münchner Straße überqueren. Links und rechts war ein Maschendrahtzaun. Die außerhalb marschierenden SS-Wachen trieben uns an. Und der sadistische Kommandoführer Jäntzsch hetzte oft seinen Schäferhund auf uns.

Gab es niemanden, der Ihnen half?
Es gab Deutsche, die uns Häftlingen Nahrungsmittel zusteckten. Man sah auch, dass manche Leute Mitleid hatten. Ein Fall: Mein Bruder Edgar, der im Kommando »Gleisbau Karlsfeld« arbeitete, wurde jeden zweiten Tag von einer Frau mit Brot beschenkt, das sie hinter einen Baum legte.

Wie erlebten Sie den 30. April 1945, den Tag Ihrer Befreiung?
Wir wurden circa 300 Meter vor dem Tutzinger Bahnhof von den Amerikanern befreit. Die erste Reaktion, als die Tür aufging, war, dass ich weinte. Ich war 25 Jahre alt, ein Skelett, wog noch 37 Kilo. Man hob mich herunter, aber ich war zu schwach und musste wieder zurück. Am nächsten Tag kamen wir nach Feldafing, in die Adolf-Hitler-Schule, die als provisorisches Krankenhaus diente. Sie können sich nicht vorstellen, was es bedeutet, nach 27 Monaten in einem sauberen Bett zu liegen – und keine Angst mehr haben zu müssen, getötet zu werden. Nach vier Wochen, als ich mich erholt hatte, habe ich mir geschworen, Deutschland zu verlassen und nie mehr deutschen Boden zu betreten. Ich wollte nicht
unter Menschen leben, die andere Menschen wegen ihrer Religion in Gaskammern stecken.

In Ihrer alten Heimat haben Sie dann Ihre zweite Ehefrau getroffen – die Sie zur Rückkehr nach Deutschland überredete. Wie hat sie das geschafft?
Sie versicherte mir, dass Deutschland, nach allem, was dort passiert war, ausgezeichnete Chancen hat, eine Demokratie zu werden. Da ich verliebt war, glaubte ich ihr. Und so war ich am
7. November 1946 wieder zurück ...

... um mit denen zu leben, die Ihre Familie töteten. Keine Spur von Hass?
Ich habe keinen Hass auf die Deutschen. Hätte ich so gefühlt, dürfte ich hier nicht leben und wäre mit meinen bitteren Erfahrungen auch nicht fertig geworden. Aber ich musste mich beruhigen: Es waren Deutsche, die Widerstand leisteten. Es gab Deutsche, die Juden versteckten. Und meine Frau, die Widerstand leistete, war Deutsche.

In München erlebten Sie 1958 auch die 800-Jahr-Feier der Stadt.
Es war ein großes Ereignis mit einem reichen Kulturprogramm. Ich denke gerne an die Feierlichkeiten im Cuvilliés- Theater zurück. Auch 50 Jahre später soll das Stadtjubiläum dazu dienen, positive Entwicklungen hervorzuheben. Historisch gesehen ist es nicht so einfach: München hat sich während des Dritten Reichs nicht sehr gut gegenüber den Juden verhalten. Erfreulicherweise gibt es jetzt großes Interesse am Jüdischen Zentrum und der Synagoge. Jüdisches Leben ist in Deutschland wieder möglich, und es ist willkommen – auch wenn es immer wieder Leute gibt, die das nicht wollen.

Wie stehen sie zur »Kollektivverantwortung« für NS-Verbrechen?
Die meisten Deutschen, die nicht beteiligt waren, fühlten sich unschuldig und verführt. Ich mache es Ihnen jetzt leicht: Wenn ich damals in Deutschland gelebt hätte, hätte ich wahrscheinlich auch nicht den Mut gehabt, dem Nationalsozialismus zu widersprechen. Denn das bedeutete Lebens-gefahr. Aber wir erleben heute, dass viele sagen: »Wir haben im Krieg auch gelitten!« Da wird so getan, als seien Verbrechen durch einen Vergleich relativierbar. Das ist falsch. Man muss jedes Verbrechen eigens unter die Lupe nehmen und verurteilen. Schülern sage ich: »Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.«

Wenn Sie in die Zukunft blicken ...
... da wünsche ich mir mehr Humanität, mehr Erziehung zur Menschlichkeit. Solche Gedanken habe ich schon immer gehabt. Lessings »Nathan der Weise« hat mich geprägt und dessen Vorbild Moses Mendelssohn. Als ich 14 Jahre alt war, habe ich das Stück, wie es sich für einen Juden gehört, im »Katholischen Gesellenverein« gesehen. Da war ich ein bisserl stolz auf meine Vorfahren.

Interview: Sascha Priester

Max Mannheimer wird am 6. Februar 1920 in Neutitschein (Nový Jicín, Tschechien) geboren. Sein Vater Jakob, der in der österreichischen Armee gedient hatte, betreibt dort ein Großhandelsgeschäft. Als Hitler nach dem Münchner Abkommen das Sudentenland am 10. Oktober 1938 besetzt, muss die jüdische Familie Beschlagnahmung und Boykott ertragen. Nach der »Reichkristallnacht« wird Jakob Mannheimer verhaftet und nach drei Wochen wieder entlassen. Er muss eine Verpflichtung unterschreiben, das deutsche Reichsgebiet nie mehr zu betreten. Am 27. Januar 1939 wandern die Mannheimers nach Ungarisch-Brod aus. Wenige Wochen später marschieren die Deutschen auch dort ein. Der gelernte Kaufmann Max Mannheimer schlägt sich beim Straßenbau durch und heiratet seine Jugendliebe Eva.
Am 31. Januar 1943 wird die Familie über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. In der Nacht zum 2. Februar steht Max Mannheimer an der Todesrampe von Auschwitz-Birkenau. Er wird Häftling Nr. 99728; die Nummer ist noch immer in seinen Unterarm tätowiert. Mannheimers Eltern, Ehefrau, Schwester und zwei seiner Brüder werden in Auschwitz ermordet. Max und sein jüngerer Bruder Edgar leiden danach noch in den Lagern Warschau, Dachau und Mühldorf. Am 30. April 1945 befreit sie die US-Armee bei Seeshaupt im Süden Münchens.
1946 kehrt Max Mannheimer von seiner alten Heimat nach Bayern zurück. Seine zweite Ehefrau überzeugt ihn davon, nach Deutschland zurückzugehen. Mannheimer umgibt sich fast nur mit Menschen aus dem jüdischen und sozialdemokratischen Umfeld. Als Maler »ben Jakov« (»Sohn des Jakob«) versucht er, seine traumatischen Erfahrungen in Gemälden zu verarbeiten. Er schreibt seine Erinnerungen auf, die 1985 als »Spätes Tagebuch« erscheinen.
Jetzt beginnt Mannheimers »drittes Leben«: als öffentlicher Zeuge der NS-Verbrechen. Er führt Besucher durch das ehemalige KZ Dachau, sucht das Gespräch mit Jugendlichen und zögert nicht, auch mit Neonazis zu sprechen. Max Mannheimer lebt heute in der Nähe von München.

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