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Der Architekt

Mit dem Mut zur Größe

Michael Ohnewald, veröffentlicht am 11.04.2006
Foto: Gottfried Stoppel

STUTTGART. Alt wollen alle werden, aber alt sein will keiner. Denn "alt sein" klingt nach Altersheim und ist nicht positiv besetzt. Dabei steckt unsterbliches Potenzial im Alter. Grund genug für eine Serie über Menschen mit Lebenserfahrung. Heute: der Architekt.

Von Michael Ohnewald

Er hatte plötzlich das Gefühl, als ob ein Vorhang weggezogen worden sei, der ihm den Blick auf die Tatsachen verstellt hatte. Hinter ihm lagen damals Tage voller großartiger Versprechen, und er hatte sich von ihnen täuschen lassen. Heinz Rall war Staffelkapitän bei der Luftwaffe und hatte todbringende Fracht über den Stützpunkten des Feindes abgeworfen und danach kühl ins Flugbuch geschrieben, was sie angerichtet hatte.

Genau lässt sich das nicht mehr datieren, aber es war irgendwann am Ende des totalen Wahnsinns, als der junge Oberleutnant aus dem Cockpit seiner Messerschmidt hinabschaute auf die irdische Hölle. Über sich hatte er die Wolken und unter sich ausgebombte Städte und das wahre Ausmaß eines Flächenbrands, den er als Soldat mitbefeuert hatte. In jenem Augenblick hat unbewusst die steinerne Mission des Architekten Heinz Rall begonnen, welcher nach dem Krieg viele große Häuser baute, in denen die Zukunft wohnt. Allein mehr als dreißig Kirchen sind nach seinen Plänen entstanden.

"Ich habe darin eine Chance gesehen, vielleicht wieder was gutmachen zu können, von dem, was wir kaputtgemacht hatten", sagt der Baumeister heute, wohl wissend, wie er gerne zugibt, dass er sich dies ein wenig hingebogen hat, um bewältigen zu können, was nur schwer zu bewältigen ist. Manche von denen, die es miterlebt haben, verarbeiten es still. Andere verarbeiten es lautstark, indem sie trotzig behaupten, sie wären im Widerstand gewesen oder hätten von alledem nur eine vage Ahnung gehabt. Heinz Rall hat seine eigene Wahrheit. "Ich bin mitgetragen worden von der Woge der Begeisterung, die den Nationalsozialisten entgegengeschlagen ist", sagt er. "Das will ich nicht leugnen, obwohl das heute viele tun."

Heute ist jetzt, und jetzt sitzt Heinz Rall auf dem Fell eines sibirischen Wolfs in seinem lichtdurchfluteten Atelierhaus am Ortsrand über Güglingen im Zabergäu. 85 Jahre alt ist er, aber das Feuer des Lebens glimmt noch immer in seinem Gesicht. Der Hausherr trägt eine schwarze Designerbrille und ein dunkles Hemd unter seinem grauen Jackett. In den Regalen stehen dicke Bücher über geglückte und weniger geglückte Architektur, und nicht wenige davon sind von ihm, der sich in Stuttgart einen Namen gemacht hat als Kirchenbauer. Sein Büro gewann nach dem Krieg so viele Wettbewerbe in den Pfarrgemeinden, dass manche seiner Kollegen witzelten: "Klarer Fall, Jesus Rall."

Man kann es eine Ironie der Geschichte nennen, dass aus dem Exponenten des Luftkriegs ein Exponent des modernen Sakralbaus wurde. Aber solche Geschichten hat es gegeben nach dem Dritten Reich, und er schämt sich ihrer nicht. Heinz Rall steht zu seiner Vergangenheit, erzählt ohne Pathos von Feindflügen und mit Respekt von britischen Piloten, die ihn 1942 bei Tunis abgeschossen haben. Der Motor brannte, und er konnte sich und die Mannschaft durch eine Bauchlandung retten. "Ich bin heute noch davon überzeugt", sagt er leise, "dass die Jagdflieger uns eine Chance zur Notlandung lassen wollten. Ein letzter Feuerstoß hätte genügt, uns endgültig abzuschießen."

Wenn sie es getan hätten, da macht er sich nichts vor, hätte es keinen Schuldlosen getroffen. Er kann das nicht ändern, aber was er ändern konnte, das hat er versucht zu ändern an seinem Platz. Getrieben von einer verletzten Liebe zu seiner Heimat, hat Heinz Rall nach dem Krieg Architektur studiert und ist in Stuttgart geblieben, wo der Vater lebte und Kirchenrat an der Pauluskirche war. Das Gotteshaus im Westen der Stadt bestand nur noch aus Ruinen. Als 1956 ein Wettbewerb um den Wiederaufbau ausgeschrieben wurde, machte sich Heinz Rall ans Werk. Mit seinem Partner Hans Röper, der mit ihm im Krieg in einer Maschine geflogen war, gewann der Architekt den Wettbewerb unter 63 Teilnehmern, baute die Kirche und empfand dies "als eine ganz besondere Fügung".

Das Büro hatte schon bald volle Auftragsbücher, er war selbstständig und ein freier Mann, aber irgendwie blieb er gefangen in der Vergangenheit. Wohl auch deshalb suchte er Trost in der Zukunft. Heinz Rall arbeitete wie besessen, verbrachte halbe Nächte am Reißbrett, überwachte viele Baustellen gleichzeitig und engagierte sich nebenbei auch noch im Verein für Kirche und Kunst. "Ich wollte möglichst viel in die Welt setzen, das sie schöner macht", sagt er. Für die anderen hat er das getan - und für sich.

Der Architekt reifte mehr und mehr zu einem Dekorateur des Glaubens und baute vor allem in der Region Stuttgart. Zu seinen Werken gehört die Christuskirche in Sindelfingen, die Stephanuskirche in Cannstatt, die Böblinger Paul-Gerhardt-Kirche, die Backnanger Matthäuskirche und die Kreuzkirche in Ludwigsburg. Die meisten dieser Sakralbauten fielen auf, ohne die Umgebung zu brüskieren. Manche hat er gebaut an neuen Plätzen, andere auferstehen lassen aus Ruinen.

Für ihn waren diese Kirchen nicht nur Gefäße für die Liturgie, sondern mehr noch Zeugnisse seines Zukunftsglaubens. Er verstand sie als Boten neuer Formen kirchlichen Lebens, in denen sich der Wunsch nach mehr Freiheit und weniger Firlefanz spiegelte. All das war für ihn verbunden mit seinem Lebenslauf, in dem alles stürzte, floss und aufeinander stieß. So was lässt sich übersetzen in die Sprache der Architektur.

Es ging langsam aufwärts mit dem Land, aber das Geld fehlte den Kirchen schon damals. Bei einigen seiner Projekte musste Heinz Rall mit zwei Millionen Mark auskommen. Er hat aus dieser Not eine Tugend gemacht und die Botschaft der begrenzten Mittel ebenso in seine Pläne einfließen lassen wie die Überzeugung, dass kirchliches Bauen in einer Welt voller Not einfach und dauerhaft sein sollte. Rall bevorzugte daher Baustoffe wie Beton, Naturstein, Ziegel und Holz. Und weil das auch weniger kostet, hat er versucht, Stimmungen zu erzeugen mit irrationalen Lichtspielen. Er hielt es mit der Abstraktion und weniger mit dem Abbild.

Solche Kirchen sind nicht in allen Augen schön. Viele Gläubige verstehen auch heute noch unter "richtigen Kirchen" neugotische und neuromanische Kirchen. Seine waren anders. Das hat er auch zu hören bekommen. "Heiliger Bimbam", brummten manche Kirchgänger vor sich hin, als sie erstmals den Geist seiner Bauten atmeten und dabei unter dem Kreuz Jesu nicht auf festgeschraubten Kirchbänken saßen, sondern auf beweglichen Stühlen. Heinz Rall blieb sich treu und baute weiter, was er glaubte. Dabei scheint er rückblickend betrachtet nicht ganz falsch gelegen zu haben, denn neuerdings findet er häufiger Einladungen zu Jubiläen in seinem Briefkasten. Einige seiner Gedenkstätten sind fünfzig Jahre alt - und werden noch gefeiert.

Die letzte Kirche, die nach seinen Plänen gestaltet worden ist, war die evangelische Mauritiuskirche in Güglingen. Das war in den siebziger Jahren und in jener Zeit fand er sich plötzlich in einer Gegend wieder, in welcher der Pinsel der Natur mit breitem Strich aufgetragen war. Nur, dass ihm die Farbe in der Stadt selbst nicht gefiel. Sie wirkte grau und die meisten Bauten waren es in seinen Augen auch. Er blickte sich um und dachte an einen Satz von Brecht, den er oft zitiert hat: "Sieh, diese Stadt, und sieh, sie ist kalt."

Rall hat am Ende nicht nur die Kirche renoviert, sondern auch gleich damit angefangen, den ganzen Ortskern zu erneuern. Da hatten sich zwei gefunden, die Stadt auf dem Land und der Architekt aus der Stadt. Es kam dann noch eine Dritte hinzu, nämlich die Stuttgarter Künstlerin Ursula Stock. Inzwischen sind sie verheiratet und davon hat die Stadt Güglingen ungemein profitiert. Viele Millionen Euro sind für die Sanierung ausgegeben worden, was man der Stadt ansieht, die auch ein Kleinod für Kunstliebhaber ist. Das eine hat vor allem mit ihm zu tun, und das andere vor allem mit ihr.

In diesem Kosmos haben sich beide auf seine alten Tage gemütlich eingerichtet. 1986 baute Heinz Rall ein 700 Quadratmeter großes Wohn- und Atelierhaus, das weithin seinesgleichen sucht. Das im Stil mediterraner Landhäuser erschaffene Anwesen reflektiert spiegelbildartig den Seelenzustand seiner Bewohner, die nicht denkbar sind in kühlen Wohnwelten, wie man sie häufiger an den Rändern deutscher Städte findet.

Heinz Rall sind solche Auswüchse der Baukultur zuwider. Er kann sich regelrecht hineinsteigern in die Abrechnung mit einer Architektur, "die vorwiegend von kommerziellen Überlegungen geleitet ist". Wenn er durch das Land fährt, und sich umsieht, kommt es ihm manchmal vor, als stehe er wieder vor Ruinen, nur dass es jetzt die Ruinen der Moderne sind. "Hauptsache, die Rendite stimmt", grantelt er nach solchen Begegnungen der unästhetischen Art.

Es ärgert ihn, wenn Kinder in austauschbaren Wohngebieten groß werden, weil sie das prägt. "Wir müssen die Qualitäten einer räumlichen Umwelt wieder schätzen lernen", sagt er, "und wieder menschlicher bauen und Heimat schaffen." Je länger er darüber nachdenkt und redet, desto mehr bricht es aus dem leidenschaftlichen Planer heraus, der in den sechziger Jahren eine Zeit lang auch Landesvorsitzender im Bund Deutscher Architekten war. Es ist, als würde er gleich aufspringen und den Stock kreisen lassen wie Gene Kelly, nur dass Heinz Rall nicht im Regen singt, sondern sich im Trockenen aufregt über das verhunzte Äußere, das sich auf sein Innerstes überträgt und ihn schmerzt, dort wo die Rezeptoren des guten Geschmacks sitzen. "Die Baukultur spielt bei uns weder in den Schulen noch in der Erziehung die ihr gebührende Rolle", sagt er. "Das ist unser Problem und dieses Problem begegnet einem in vielen neuen Wohnsiedlungen, die alles andere sind als identitätsstiftend."

Dabei weiß der erfahrene Architekt, dass die Menschen, die solche Räume bewohnen, oft sehr zufrieden sind mit ihrer Wahl und gerne ihre monatlichen Raten an die Bausparkassen überweisen. Er kann das verstehen, und doch ändert es nichts an seiner Kritik. Auch ein Karpfen, der in einer Badewanne aufwächst, wird sie irgendwann für seine natürliche Heimat halten. Und für Rall gibt es auf dieser Welt einfach zu viele Badewannen.

Er baut noch immer dagegen an. "Ich bin einer von den Alten", sagt er, "die nicht aufhören können." Jetzt will Rall in Güglingen aus dem alten Rathaus noch ein Römermuseum machen und hat dafür aus seinem Privatvermögen 150 000 Euro gespendet. Das ist es ihm wert. Er will auch im fortgeschrittenen Alter noch was hinterlassen.

Sein Anwesen in Güglingen hat der kinderlose Baumeister der Kunststiftung des Landes Baden-Württemberg überschrieben. Wenn sie nicht mehr sind, soll das Atelier bleiben und junge Künstler beherbergen, deren Werk die Welt vielleicht ein bisschen schöner macht. "Das", sagt Heinz Rall, "ist für mich ein beglückender Gedanke."
 
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