Ein Lautsprecher ist auch nur ein Instrument

Beim Festival IMATRONIC vom 1. bis zum 5. Dezember ist ein Lautsprecherorchester zu Gast im ZKM in Karlsruhe. Auf deren Internetseite findet man ein Foto davon und könnte sich fragen, warum es nötig ist, mehrere unterschiedliche Lautsprecher auf einer Bühne zu verteilt, wenn man doch mit ihnen nur Klänge wiedergeben kann. Reicht es nicht, mehrere gleiche Lautsprecher im Raum zu verteilen und durch einen oder mehrere Subwoofer zu unterstützen?

Doch schon bei dieser Frage zeigt sich, dass zwei unterschiedliche Lautsprechertypen zum Standard moderner Beschallung gehören. Und jeder dieser Lautsprechertypen hat spezielle Klangcharakteristika und Einsatzzwecke. Die Spanne reicht von den erwähnten Beschallungsanlagen auf Konzerten bis zu winzigen Lautsprechern in Kopfhörern, von Megaphonen bis zu den beliebig teueren Abhörsystemen bei der Musikproduktion. Zwar kann ein ganzes Orchester mit einer geringen Anzahl guter Lautsprecher klanglich abgebildet werden, doch der optische Eindruck enttäuscht in den meisten Fällen. Und auch die virtuelle Verräumlichung der einzelnen Instrumentengruppen bei der Wiedergabe ist und bleibt künstlich.

Eine andere Möglichkeit der Raumverteilung bietet die Bewegung des Lautsprechers im Raum während der Aufführung. Eines der wenigen mir bekannten Beispiele dazu ist das Stück “Speaker Swinging” von Gordon Monahan. Wie der Titel vermuten lässt, schwingen hier drei Performer an Seilen befestigte Lautsprecher im Kreis. Das Klangmaterial wird live mit Hilfe von 9 Sinus- und Rechteckswellengeneratoren erzeugt. Erstmals 1982 aufgeführt, stellt es wohl eines der anstrengendsten Stücke der elektronischen Musik dar, denn eine Aufführung dauert ungefähr 25 Minuten. Einen Ausschnitt daraus stellte der Komponist auf YouTube:


YouTube Direktlink

Während hier der Lautsprecher zum Instrument wird und im wahrsten Sinne des Wortes Klänge verräumlicht, blieb die Bühne bei Aufführungen von Tonbandstücken meist leer. Doch auch mit Musikern kann die Bühnenpräsenz leiden: bei den heutigen Laptopmusikern wird oft bemängelt, dass das musikalische Ergebnis weder der Handlung noch dem Ort des Musikmachenden zugeordnet werden kann. Eine Möglichkeit, dies zu umgehen, wird von vielen Laptop Orchestern genutzt: jedes Orchestermitglied bekommt seinen persönlichen Lautsprecher, wie man auf diesem Foto des Princeton Laptop Orchestra (PLOrk) sehen kann. Das ermöglicht eine Zuordnung des individuellen Klanges zu einem Musiker und durch die Architektur dieser Boxen eine ähnliche Abstrahlung wie mit einem akustischen Instrument im Raum.

Doch während hier viele gleiche Lautsprecher eingesetzt werden, bietet das Lautsprecherorchester die Möglichkeit, das Klangmaterial wirklich für verschiedene Lautsprechertypen/Instrumente zu orchestrieren. Das wird hoffentlich reichlich bei den Konzerten in dieser Woche beim IMATRONIC zu hören sein. Begleitend hält unter anderem am Freitag um 19 Uhr François Bayle eine Keynote und am Samstag und Sonntag findet ein Symposium zu diesem Themengebiet statt.

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