12. Juni 1932: DEUTSCHER FUSSBALLMEISTER!

Auf den Tag genau vor 80 Jahren wurde unser FC Bayern München erstmals Deutscher Fußballmeister.
Wir wollen den Tag nutzen, um an den ersten großen Erfolg unserer Vereinsgeschichte zu erinnern. 32 Jahre nach der Vereinsgründung hatte unser FC Bayern endlich den Gipfel erklommen: Die erste Deutsche Meisterschaft war errungen! Doch der Reihe nach.

Bayern trat als Staffelsieger in der Südbayerischen Liga an und durchschritt ein Wellenbad der Gefühle: Einem überzeugenden 3:1 - Sieg gegen die Blauen vor 25.000 Zuschauern im Stadion an der Grünwalder Straße folgte eine 2:6 - „Klatsche“ gegen den 1. FC Pforzheim. Erst in der Rückrunde stabilisierte sich die Mannschaft von Trainer Richard „Little“ Dombi und qualifizierte sich vor dem 1. FC Nürnberg für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft.

Doch vorher galt es, die Süddeutsche Meisterschaft zu erringen, aber gegen den Staffelsieger Nord/West, Eintracht Frankfurt, gerieten die Bayern im Finale in Stuttgart schnell mit 0:2 in Rückstand. Nach krassen Fehlentscheidungen von Schiedsrichter Glöckner stürmten Bayern-Fans das Spielfeld, so dass das Spiel in der 80. Minute abgebrochen werden musste. Die Münchner verzichteten auf eine Neuansetzung, Eintracht Frankfurt wurde zum Süddeutschen Meister erklärt.

Eine Woche später begannen die Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft: Der FC Bayern erreichte nach glanzlosen Siegen gegen Minerva 1893 Berlin und den Mitteldeutschen Meister PSV Chemnitz das Halbfinale. Dort wartete in Mannheim der Erzrivale, der fünffache Deutsche Meister aus Nürnberg. Nach einer starken Abwehrleistung sorgten Rohr und Welker für einen 2:0 – Erfolg.

Es kam zum großen Finale gegen Eintracht Frankfurt! Ausgerechnet Eintracht Frankfurt, die im zweiten Halbfinale den FC Schalke 04 mit 2:1 bezwangen. Nicht nur der Gegner und die Vorkommnisse im Finale um die Süddeutsche Meisterschaft, auch der Austragungsort sorgte für Brisanz: Nürnberg! Das Spiel fand zu allem Überfluss auch noch in Nürnberg statt! Trainer Dombi schirmte seine Mannschaft vor dem Finale komplett ab.

Der 12. Juni 1932 war der Tag des Finales. Nürnberg erwartete bei größter Hitze von 30 Grad im Schatten einen gewaltigen Zuschauerandrang von 55.000 Menschen. Der FC Bayern hatte sich zudem bereits sozial gezeigt und für 421 Arbeitslose, die mit dem Fahrrad die 200 Kilometer nach Nürnberg fuhren, Verpflegung, Übernachtung und Eintrittskarten bezahlt.

Personell setzte Trainer Dombi auf die beiden ursprünglichen Offensivspieler Heidkamp und Haringer in der Verteidigung. Kapitän Heidkamp spielte trotz kaum ausgeheiltem Muskelfaserriss. Rechtsaußen Welker stürmte auf links, Bergmaier auf dem rechten Flügel. Zunächst aber übernahmen die Frankfurter das Kommando, die Münchner befreiten sich nach 20 Minuten und kombinierten immer sicherer. Als Bergmeier eine Flanke gefühlvoll vor das Tor brachte und Frankfurts Torhüter Schmitt den Ball fallen ließ, setzte Rohr nach. Ein sicherer Treffer konnte nur durch Handspiel auf der Linie verhindert werden. Den fälligen Strafstoß verwandelte Rohr derart stramm, dass Zeitzeugen behaupten, man könne bei genauem Hinsehen den Kreidestaub am Elfmeterpunkt noch heute im Nürnberger Stadion sehen… Nachdem Naglschmitz verletzt ausgeschieden war - Auswechslungen waren nicht zulässig - rettete Bayern die Führung mit zehn Mann in die Halbzeit. In der 75. Minute sorgte Krumm mit einem Schuss ins lange Eck für die Entscheidung.

Der FC Bayern München war erstmals Deutscher Fußballmeister, die Viktoria in München angekommen! Tausende stürmten das Spielfeld, die Spieler wurden auf den Schultern der Fans vom Platz getragen.

Der folgende Tag brachte einen Triumphzug in Pferdedroschken durch München, vom Hauptbahnhof über den Stachus zum Marienplatz. Im „Löwenbräukeller“, wo die Maß Bier 48 Pfennig bei einem damaligen Stundenlohn von 96 Pfennigen kostete, fand die Meisterfeier statt.

Die Mannschaft feierte im Anschluss tagelang ihren Triumph. Es ahnte niemand, dass damit der Grundstein für den zukünftig erfolgreichsten deutschen Fußballverein gelegt war. Es war in dieser Stunde des Triumphes aber genauso wenig zu erahnen, dass die nächsten 25 Jahre von Mittelmaß und Krisen geprägt sein würden - überschattet von der unsäglichen Zeit des Nationalsozialismus, deren Vorboten bereits spürbar waren. Der FC Bayern war den nationalsozialistischen Machthabern ein Dorn im Auge. Verächtlich wurde er als „Judenclub“ bezeichnet. Der Verein widersetzte sich dem Unrechtsstaat. Bereits 1932 kam es in Dachau, im Rahmen einer Ehrung der Meistermannschaft, zu einer Schlägerei zwischen den Spielern des FC Bayern und Angehörigen der SA. Unser Spieler Sigmund Haringer bezeichnete den Nazi-Aufmarsch vor der Feldherrenhalle als „Kasperltheater“ und hatte es seiner Popularität zu verdanken, dass er nach einer Woche Haft wieder auf freien Fuß kam. Präsident Kurt Landauer und Trainer Dombi mussten fliehen, um einer Deportation zu entgehen, die Spieler Krumm und Bergmaier starben 1943 beim Russlandfeldzug.

Wir freuen uns sehr darüber, dass die Meistermannschaft samt Trainer Richard Dombi und Präsident Kurt Landauer einen Ehrenplatz im neuen Museum des FC Bayern bekommen hat. Auch unsere Gruppe wird zu Beginn der neuen Saison an die Helden von 1932 erinnern!

 

Im folgenden Text zitieren wir unseren ehemaligen Spieler aus der Meistermannschaft von 1932, Sigi Haringer, aus seinem Buch „Ich spielte gegen die Besten der Welt“. Ein wunderschöner Text, man merkt sofort, dass unsere damaligen Spieler voller Stolz für unseren FC Bayern München gespielt haben und alles mögliche dafür gegeben haben, um den ersten großen Titel an die Isar zu holen!

Auszüge aus Sigi Haringer: „Ich spielte gegen die Besten der Welt“
Der schönste Tag in meinem Leben

10.000 Schwaben werden böse

Und da ging’s dann los! So was von Pfeiferei und Lärm habe ich selten gehört. In der Ecke, wo ein paar hundert Münchner Schlachtenbummler standen, fing es an. Und die 10.000 Stuttgarter, denen die Gaudi sichtlich gefiel, schlossen sich an.
Schon fingen die Zuschauer der Tribünengegenseite an. Sie spazierten gemächlich auf den Platz und „demonstrierten“. Wir drängten die Eindringlinge zurück und fast schien es, als ob wir Glück damit hätten, da tobte die zweite Welle los. Eine Welle, gegen die es keinen Widerstand gab. Die Platzordner wurden überrannt. Spazierstöcke wild in der Luft geschwungen und ehe wir wussten, was geschah, hatte man uns „Bayern“ schon auf die Schultern gehoben und wir ritten mit unseren 0:2 Toren vom Spielfeld. Ich sah noch von oben, allerdings aus einiger Entfernung, wie der Schiedsrichter mit einem Stuhl niedergeschlagen wurde und dann trafen wir uns in der Kabine wieder.
Keinem Frankfurter Spieler ist auch nur das geringste passiert. Später wurde ihnen die Süddeutsche Meisterschaft am grünen Tisch zugesprochen. So endete die Süddeutsche Meisterschaft von 1931/32!
Wir fingen dann sofort an, uns auf die DFB-Runde vorzubereiten. So hatte dieses Spiel ein merkwürdiges Ende gefunden und wir mussten wohl auf eine Wiederholung gefasst sein. Aber woher die Termine nehmen? Denn mit der Eintracht, uns Bayern und dem 1. FC Nürnberg standen die süddeutschen drei Teilnehmer an der „Deutschen“ schon längst fest. Nur hätte Süddeutschland gern seinen Meister gehabt, was man ja verstehen wird. So rechneten wir mit der Ansetzung der Wiederholung im Beginn der nächsten Saison, da momentan weder die Eintracht noch wir Zeit hatten, weil schon der kommende Sonntag die Vorrunde um die Deutsche brachte, in der uns auf Münchner Boden die Berliner Minerva beschert wurde, mit der wir ohne grosse Mühe 4:2 fertig wurden. Das Resultat war an sich nicht wichtig für uns. Was uns grossen inneren Halt gab, war die Tatsache, dass unser Sturm in diesem Spiel endlich mal auf Touren gekommen war. Zeitweise hatte er Aktionen durchgeführt, die auch der sagenhafte Pöttinger-Sturm nicht schöner hätte machen können. Dabei hatte sogar Bergmaier gefehlt. Abends hörten wir, dass „unsere“ Eintracht in Ostpreussen gegen Allenstein 6:0 herausgeholt hatte.

Wir schlagen den Club 2:0 und kommen ins Endspiel
Wenig später kam die erste Zwischenrunde, in der wir in Chemnitz die dortige Polizei mit dem berühmten Helmchen 3:2 schlugen. Für mich war dieses Spiel doppelt interessant, weil ich ausnahmsweise rechter Verteidiger spielen musste mit dem Sonderauftrag, den Halblinken Helmchen zu halten. Zur gleichen Stunde schlug die Eintracht die Berliner Tennis-Borussia in Frankfurt 3:1. Und dann kam die zweite Zwischenrunde, die uns nach Mannheim brachte, wo sich der Club aus Nürnberg gegen uns das Endspiel verdienen wollte, während Schalke die gleiche Absicht gegen die Eintracht hatte. Aber es kam einmal wieder anders, als die Fachleute es für möglich hielten. Die Mannheimer wurden Augenzeugen, wie wir den sehr, sehr stark kommenden Club mit Kalb als Mittelläufer 2:0 schlugen. Unerbittlich! Und durch unser besseres Spiel! Dazu wussten wir auch, welche Aufstellung bei uns die beste war. Und siehe da, die Eintracht war mit Schalke mit 2:1 fertig geworden und so stand denn die Endspielpaarung Eintracht-Bayern fest, für die das herrliche Nürnberger Stadion ausersehen war. Also eine Neuauflage der Schlacht von Stuttgart! Uns war’s recht und auch die Eintracht meldete indirekt aus Frankfurt, dass sie sich keinen anderen Gegner gewünscht hätte. Sie war mit uns der Meinung, dass der abgebrochene Stuttgarter Kampf zu Ende gespielt werden solle.
Die 14 Tage bis zum Endspiel vergingen blitzschnell. Trainer Dombi beschränkte sich auf ganz normales Training und war der Meinung: „Ihr seid gut in Form. Fußballspielen könnt ihr auch, warum also unnötige Krämpf’ machen!“

[…]

Eine Reise mit Umwegen
Am Donnerstag vor dem Spiel stieg unser letzter Kegelabend in geradezu wunderbarer Stimmung und ein paar Stunden später trafen wir uns auf dem Münchner Hauptbahnhof zur Reise nach – Fürth. Keiner von uns kannte das direkte Reiseziel, aber das interessierte uns auch gar nicht, denn Präsident Kurt Landauer war der richtige Mann, die vorbereitenden Dinge richtig zu machen. Aber dumme Gesichter machten wir doch, als wir in Fürth in bereitstehende Taxis stiegen und nach riesigen Umwegen – wir fuhren sogar durch Schwabach! – vor dem Hotel Württemberger Hof direkt am Nürnberger Hauptbahnhof landeten. Also keine Sommerfrische in der Fränkischen Schweiz oder in Franken, sondern Hauptquartier mitten im Zentrum der Feststadt. Das war ein ganz raffinierter Trick und es hat lange, lange gedauert, bis uns die Fanatiker und die Presse gefunden hatten.
Sogar bei unsern Spaziergängen verließen wir das Hotel durch einen kleinen Neben- bzw. Küchenausgang an der Rückfront des mächtigen Gebäudes. Sonntag früh schliefen wir lange und besahen uns das Treiben auf dem Bahnhofvorplatz von unsern Fenstern aus an, Präsident Landauers Weisung, uns ja nicht sehen zu lassen, ließ sich natürlich nicht durchführen. Der eine oder andere von uns musste ja gesehen werden und wurde auch gesehen. Dann gab’s unten immer ein riesiges Hallo mit Sprechchören „Conny!“ oder „Berge!“ Auch „Sigi“ wurde gerufen. Wir hörtens nicht ungern, aber Dombi trieb uns immer wieder von den Fenstern zurück: „Leut, seid’s doch gescheit. Legts euch lieber in die Betten und ruht euch aus!“

Omlette und Mittagsschläfchen
So gegen ½ 12 Uhr wurden wir zu nutzbringender Beschäftigung in den Speisesaal gerufen, wo es zwar kein nahrhaftes und zeitüberbrückendes Mittagessen gab, wo wir uns aber wenigstens mit einer Omlette vergnügen durften und dazu eine Flasche Mineralwasser trinken konnten. Dann wurden wir erbarmungslos zum Mittagsschläfchen in die Betten gesteckt, bis so gegen 2 Uhr Dombi erschien:
„Aufstehen! In einer Stunde ist Anstoss!“ Ich hatte tatsächlich wunderbar geschlafen und war frisch wie nur je! Raus aus den Federn und rein in den Dress. Im Gang herrschte schon aufgeregtes Leben. Conny, Bergmaier, Welker, Schmid, alle waren sie da und keiner von uns war nervös. Das wurden wir erst, als wir im Stadion ankamen und den Lärm der 50.000 hörten. Alles andere wickelte sich programmgemäss ab und schon kam Dombi: „Raus, ihr Buben! Spielt’s ordentlich!“

Das Spiel kann beginnen
Dann liefen wir Elf mit der Eintracht ins Spielfeld. So wie vor zehn Tagen der VfR Mannheim mit den Dortmunder Borussen. Ganz kurz kam mir der Gedanke, dass so ein Schlussspiel doch eigentlich eine erbarmungslos grausame Sache sei. Zwei Mannschaften haben sich da bis zu dieser Minute durchgekämpft und eine von ihnen muss verlieren. Brave Jungens, feine Kerls und große Könner. Und wenn dann der Sieger im Überschwang des Glückes triumphiert, lässt der andere den Kopf hängen und ist todunglücklich. Aber der Gedanke verging so schnell, wie er gekommen war. Wir liefen in unsere Hälfte, probierten das Bällchen aus und inzwischen hatten Heidkamp und Schütz gewählt. Und schon pfiff Birlem, und Ehmer, der Eintracht-Mittelstürmer, stieß an. Gestattet mir, liebe Leser, die beiden Mannschaftsaufstellungen aufzuführen.
Sie sind historisch, so wie die der Mannheimer und Dortmunder vom 10. Juli eines Tages historisch sein werden:
Eintracht Frankfurt: Schmitt; Schütz, Stubb; Gramlich, Leis, Mantel; Schaller, Trumpler, Ehmer, Dietrich, Möbs.
Bayern München: Lechler; Haringer, Heidkamp; Breindl, Goldbrunner, Naglschmitz; Bergmaier, Krumm, Rohr, Schmid II, Welker.

2:0 und Deutscher Meister
Ein großer Gegner, ein wunderbares Spiel – Ein komplizierter Elfmeter - Rohr und Krumm schießen den Sieg heraus - Festlicher Empfang in München und Ausklang.

Eintrachts Prunkstück war ihre international bewährte Verteidigung Schütz und Stubb. Aber die beiden Außenläufer Gramlich und Mantel waren mindestens genau so viel wert. Unser Prunkstück war der Sturm, der Bayernsturm II. Fassung, wie er vor einigen Monaten im „Fußball“ genannt wurde. Die fünf da vorne waren seit dem Stuttgarter Spiel in eine erstaunliche Verfassung gekommen und hatten mit Bergmaier-Krumm einen rechten Flügel, von dem was zu erwarten war.

Fünfstürmerspiel auf beiden Seiten
Mir ist jede Einzelheit dieses Spiels noch so genau in Erinnerung, dass ich einen seitenlangen Spielbericht schreiben könnte. Aber als ich mit meiner Erzählung anfing, habe ich mir vorgenommen, nicht langweilig zu werden. So will ich es auch heute nicht sein.
Der Fußball, der damals von beiden Seiten auf den Nürnberger Idealrasen gelegt wurde, konnte sich sehen lassen und war feiner und besser, als man ihn in Anbetracht der wichtigen Sache, um die es ging, erwarten konnte. Auf beiden Seiten wurde flach gespielt und an MW- oder WM- oder Betonsystem dachte kein Mensch.
Stürmen war die große Parole auf beiden Seiten und zwar stürmen mit fünf Stürmern und einer offensiven Läuferreihe. Bergmaier war der erste, der in Fahrt kam. Aber in welche Fahrt! Heidkamp rief mir nach etwa 10 Minuten zu: „Der Berge schafft’s heut allein!“ Wir hinten wurden mit den Eintrachtstürmern verhältnismäßig glatt fertig und beobachteten, wie die Frankfurter Hintermannschaft immer mehr überlastet wurde und allmählich in Druck geriet. Aber es war schon mehr als eine halbe Stunde vergangen und es hiess immer noch 0:0. Da legt Rohr eine feine Vorlage auf den freien Raum vor Bergmaier. Der braust los, Mantel folgt hinter ihm her – Stubb war zurückgegangen, das Tor zu decken – jetzt macht Bergmaier seinen berühmten Katzenbuckel – aha, er wird schießen – hat schon geschossen, scharf und einen Zentimeter unter die Latte, genau dahin, wo Stubb stand. Später hat mir Bergmaier das genau erzählt: „Weißt, es kam darauf an haarscharf unter die Latte zu schießen, damit der lange Stubb nicht köpfen konnte. Dann musste er den Ball entweder durchlassen oder Hand machen! Eine dritte Möglichkeit durfte ich ihm nicht lassen. Denn es war eine klare Torchance!“

Ein komplizierter Elfmeter
Genau so kam es denn auch. Stubb konnte den Ball mit dem Kopf nicht erreichen, denn so ein Fußballtor ist bekanntlich 2,44 m hoch und Bergmaiers Schuss lag 2,40 m hoch. So griff Stubb mit beiden Händen hoch und – fing den Ball. Also Elfmeter! Aber Gott sei Dank einer von der Sorte, gegen den auch der schärfste Eintrachtfanatiker nichts einwenden konnte.
Zwar war ich für Elfmeter als Schütze ausersehen, aber ich merkte, dass Ossi Rohr scharf drauf war und ließ ihm sein Vergnügen. Schließlich hatte unser „Bubi“ ja auch einen gesunden Schuß, der sich sehen lassen konnte, und die Tore sollten ja auch von den Stürmern gemacht werden. So scheint es mir psychologisch nicht unwichtig zu sein, dass Rohr antrat.
Aber Rohr wollte den Ball nicht ins Netz knallen, sondern schön plaziert einschieben. Das merkte man – auch Schmitt im Eintrachttor – schon an seinem bedächtigen Anlauf. Ich hätte einen 10-m-Anlauf genommen und mit aller Wucht draufgeknallt, so oben in die Ecke, da wo Pfosten und Latte sich treffen. Wumm! Und wenns Netz in Fetzen geht! Wie Rohr den Ball tritt, trifft er zunächst den Boden, so dass die Kreidemarkierung nur so staubt. Das war sein Glück, denn durch den Stoss in die Erde bekam sein Fuss eine andere Richtung und der Ball ging in die Ecke, für Schmitt unhaltbar. Hätte Rohr den Ball direkt (ohne vorher den Boden zu berühren) getroffen, hätte er ihn dem guten und aufmerksamen Schmitt vor den Bauch gesetzt. Und hierauf war Schmitt schon gefasst gewesen, wie sich später herausstelle. Also 1:0 für uns! Dann wurde das Spiel härter und es war gut, dass die Halbzeit in zehn Minuten kam.
Nach der Pause setzten wir unseren Stil restlos durch. Eintracht begann mit Umstellungen zu operieren und hatte damit schon verloren. Wenn auch eine Zeitlang kein Tor fiel, so war doch die Arbeit, die Schmitt bekam, zu beachten. Sämtliche Stürmer schossen, Chancen wurden herausgearbeitet, dass es nur so eine Art hatte. Conny schüttelte den Kopf. 3:0 müsste es mindestens heißen.
So kam die Krise und die Eintracht begann Hoffnung zu schöpfen, fing sogar an zu drängen. In dieser Phase passierte die Geschichte mit Bergmaier, der zu dribbeln anfing, als wenn ihn alle guten Geister verlassen hätten, es aber ganz bewusst tat. („Lasst mich nur dribbeln! Wenn ich den Ball hab’, haben ihn die anderen nicht!“)

Torschuss in größter Vollendung
Aber dieser Spielabschnitt fand bald sein Ende. Bergmaier flankt weit zum freien Welker herüber. Das zieht die Verteidigung auseinander. Welker läuft und gibt plötzlich seinerseits eine gefühlvolle Flanke zur anderen Seite, aber nicht bis Bergmaier, sondern sehr, sehr genau zu Krumm. Dieser nimmt den Ball mit dem rechten Fuß an, sieht sich im gleichen Moment von Stubb angegriffen. Mit eleganter Wendung, ohne den Gegner zu berühren, bringt er seinen Körper eine Idee nach links herüber, so dass Stubb für den Bruchteil einer Sekunde ausgeschaltet ist. Dieser Sekundenbruchteil genügt „Vasa“, wie wir ihn nannten, den Ball rechts herüber auf den linken Fuß zu legen – das alles auf engstem Raum, auf höchstens einem Quadratmeter! – dann pfeift ein haarscharfer, mit dem linken Fuß geschossener Ball an Schmitts Händen vorbei unhaltbar ins Netz. 2:0 in der 75. Minute! Das war der Sieg! Das war die Deutsche Meisterschaft! Denn jetzt waren wir nicht nur spielerisch, sondern auch moralisch der Eintracht weit überlegen. Unser Sturm kam in volle Fahrt und wurde von den drei Läufern Breindl, Goldbrunner und Naglschmitz derart mit Bällen gefüttert, dass er bald daran erstickt wäre. Die fünf Vorderleute machten sich jetzt sogar das Sondervergnügen, den Nürnberger Zuschauern zu zeigen, wie sie vor ein paar Wochen in Mannheim Nürnbergs vergötterten Club ausgespielt hatten.
Und dann kam nach unserer zweiten Ecke – die Jungens hatten den Ehrgeiz gehabt, den Ball im Spielfeld zu halten – Birlems Schlusspfiff.

Wir waren Deutscher Meister! Wir ritten auf den Schultern närrisch gewordener Fanatiker vom Spielfeld! Wir standen dabei, als Conny die Viktoria in Empfang nahm! In diesem Augenblick wussten wir alle eins und hatten alle den gleichen Gedanken: Das war der schönste Augenblick in unserem Leben!

Ich komme zum Schluss
Was dann noch kam, liegt zum Teil wie ein wildbewegter Traum hinter mir. Das Bankett des DFB in Nürnberg, die Heimfahrt nach München, wo wir den Boden unserer geliebten Heimatstadt durch den Königssalon des Hauptbahnhofs betraten. Die Fahrt in geschmückten Zweispännern durch die weiß-blau geschmückten, von dichtgedrängten Menschenmengen umlagerten Straßen zum Rathaus mit der Ansprache des Oberbürgermeisters im großen Festsaal.
Dann die Feier unseres FC Bayern im Löwenbräukeller. Und die 14 Tage lange dauernde Festivität in allen möglichen und unmöglichen Restaurants und Bars und Nachtlokalen der Stadt: „Hier trifft sich heute der Deutsche Fußballmeister.“ Aber nach 14 Tagen klang das ab und wir wurden langsam wieder normale Menschen. Und wieder ein paar Wochen später hieß es: Mit dem Training anfangen! Höchste Zeit! Kurz darauf das erste Ligaspiel der neuen Saison, in dem wir als Deutscher Meister den Liganeuling aus Landshut 7:1 schlugen. Der Alltag hatte wieder sein Recht bekommen. Aber eins ist uns geblieben, die Erinnerung an jenen Tag, der für uns alles war und geblieben ist:
Der schönste Tag in unserem Leben!