Kurt-Landauer-Turnier 2012

7. ANTIRASSISTISCHES EINLADUNGSTURNIER DER SCHICKERIA MÜNCHEN UM DEN KURT-LANDAUER-POKAL 2012 vom 08. - 10. JUNI 2012

 

An einem nass-ungemütlichen Juni-Wochenende fand die 7. Auflage des Kurts statt. Das überwiegend schlechte Wetter tat der guten Atmosphäre und der mittlerweile fast zu reibungslosen Organisation keinen Abbruch. Da das Wetter viele abschreckte, konnten wir dieses Jahr nicht so viele Besucher wie in den Jahren zuvor begrüßen. Die Anwesenden erlebten trotzdem drei Tage mit gemütlich-familiärer Stimmung.

Das Kurt 2012 widmeten wir nicht nur Kurt Landauer selber, sondern der ganzen Meistermannschaft von 1932, da wir am 12. Juni diesen Jahres das 80ste Jubiläum der ersten deutschen Meisterschaft des FC Bayern feiern durften. An diesem Triumph hatte Kurt Landauer nicht unerheblich Anteil. Er war der Architekt dieses ersten großen Titels in der erfolgreichen Geschichte der Rothosen. Der Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1932 durch den „Juden-Club“ Bayern München war ein kleiner Lichtblick in einer Zeit, in der sich längst dunkle Schatten über dieses Land gelegt hatten und Unheil über die ganze Welt brachten. Nur kurze Zeit nach dem erfolgreichen Finale in Nürnberg wurde Kurt Landauer gezwungen, vom Präsidenten-Amt zurückzutreten und schließlich ins Exil in die Schweiz zu gehen. Andere Protagonisten der ersten Meisterschaft des FC Bayern wurden ebenfalls von den Nazis verfolgt. Auch der Erfolgstrainer Richard „Little“ Dombi ging ins Exil, der Jugendleiter Otto Beer wurde von den Nazis im KZ Kaunas ermordet. Dombi, Beer und Landauer, aber auch die Spieler Rohr, Haringer, Heidkamp und Co. zierten entsprechend die diesjährigen Pokale und wurden auch mit einem ausführlichen Text im mit über 50 Seiten etwas überdimensionierten Programmheft gewürdigt. Wie schon in den letzten Jahren stand auch der Kurt-Landauer-Pokal 2012 wieder unter einem Thema, das die groben Leitlinien für das inhaltliche Programm vorgab. Diesmal widmeten wir uns dem Thema „Subkultur wider den Mainstream“. Das beinhaltet Interessantes über die Swing-Jugend, die nicht so recht ins Bild der Nazis von der „deutschen Jugend“ passte und im 3. Reich schon für zu lange Haare oder die falsche Kleidung verfolgt wurde. Auch ein Text über die Mods fand seinen Weg ins Programmheft. Außerdem haben wir einen Blick auf die Münchner Streetart- und Graffiti-Szene geworfen, die es in den 80ern zu großer Bekanntheit geschafft hat und zu einem Aushängeschild unserer Stadt wurde. Abgerundet wurde das Programmheft mit einem Text über den Olympiapark und das dazugehörige Stadion. Warum das, werdet Ihr Euch vielleicht fragen? Mit dem 40 jährigen Bestehen des Olympiaparks und des Stadions, in dem viele von uns ihr Fansein begonnen haben, steht 2012 das nächste Jubiläum auf der Agenda. Entsprechend ging es Freitag Nachmittag für einen Teil der Kurt-Teilnehmer zum Olympiazentrum zu einer Führung durch den Park und seine Anlagen. Eine weitere Gruppe machte sich auf ins Glockenbach-Viertel, das als das schwule Viertel Münchens gilt. Was natürlich richtig, aber nur eine Facette eines schon immer vielfältigen Stadtquartiers ist. Bei dem Stadtspaziergang wurde den Teilnehmern ein Einblick in Geschichte und Gegenwart dieses Stadtteils und seiner Bewohnerinnen und Bewohner gegeben: Handwerker, Pestkranke, Nutten, Arbeiter, Juden, Schwule, Lesben. Immer schon ein Viertel eher für gesellschaftliche Randgruppen, hat das Glockenbachviertel mittlerweile mit den Problemen der Gentrifizierung zu kämpfen.

Zurück auf dem Kurt-Gelände gab es für unsere Gäste die traditionelle Pasta und anschließend einen informativen Bericht unserer jahrelangen und gern gesehenen Gäste von der Karawane München. Darin wurde von einer Recherche-Reise nach Italien berichtet, die sich mit der Situation von Flüchtlingen beschäftigte. Wir sind auf die Veröffentlichung des schriftlichen Berichts gespannt. Anschließend wurde es sich im Shisha-Zelt gemütlich gemacht, das anscheinend zu einer Institution des Kurt wird. Aber auch außerhalb gab es das ein oder andere gemütliche Bier, interessante Gespräche, Gesänge und allerlei Schabernack.

Überraschenderweise waren zum Frühstück viele wieder fit und konnten gestärkt in das Fußballturnier starten. Von den größten Stolperern, einer riesigen Pfütze mitten auf dem Spielfeld bis hin zu sportlichen Hochleistungen und hervorragenden Technikern war alles geboten und die Zuschauer verfolgten spannende Spiele, ab und an untermalt von Pyro.

Abends folgten die nächsten Vorträge. Ein Mitglied unserer Gruppe, Nahost-Reisender und Mitverfasser des Blickfang Ultra-Artikels „Umbruch in Ägypten – Ein Blick über den Nil – Ultras zwischen den Fronten“ berichtete von der Situation der Ultras nach der Revolution. In den autoritären Regimen des Nahen Ostens gab es für den Großteil der jungen Bevölkerung lange keine andere Möglichkeit als die Flucht in die Religion, um sich dem staatlich verordneten Mainstream zu entziehen. Andere subkulturelle Gruppen finden sich auch heute noch kaum in der arabischen Welt. Eine gewisse Ausnahme stellen hier die Ultras der Fußballvereine in Nordafrika dar. Sie hatten bereits unter den Diktatoren im Stadion eigene Freiräume mit selbst festgelegten Normen und Regeln geschaffen. Bei der Revolution in Ägypten standen sie in den ersten Reihen der Protestierenden und lieferten sich harte Kämpfe mit den Sicherheitskräften. Anderthalb Jahre nach der Revolution sind die Ultras weiter politisch engagiert. Der gut informierte Referent berichtete uns, was sich in den Gruppen seit der Revolution getan hat und wie sie auf den politischen Racheakt von Port Said reagiert haben. Danach ging es in einem Vortrag von Queerpass Bayern um die queere Community in München. Conträre Sexualempfindung - Sodomiter, Männinnen, Urninge, - immer schon und natürlich auch in München gab es Menschen, die nicht heteronormativ empfunden und gelebt haben. König Ludwig II, Adele Spitzeder, August von Platen, Erika Mann, Stefan George, Freddie Mercury, Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer sind nur einige Persönlichkeiten, die mit der Geschichte Münchens verbunden sind. Der Vortrag stellte Lebens- und Liebesformen „queerer“ Menschen in München vom Mittelalter bis zur Gegenwart dar. Dabei wurde deutlich, dass die Geschichte queerer Kultur bis in die heutige Zeit als Repressionsgeschichte gedeutet werden kann. „Wer, wie ich, Gelegenheit hatte, mit einer großen Zahl urnisch Veranlagter gesellschaftlich in Berührung zu kommen, wird ohne weiteres anerkennen müssen, dass es sich bei ihnen durchweg um fein entwickelte und ästhetisch hochkultivierte Menschen handelt“. Dieser Feststellung von Erich Mühsam bleibt nichts hinzuzufügen. Auch die „urnisch Veranlagten“ feierten anschließend zusammen mit allen anderen zu Roots-Reggae vom Plattenspieler. Vielen Dank an dieser Stelle an die Djs aus Südtirol. Bei der sich anschließend entwickelnden Electro-Party lichteten sich die Reihen zu später Stunde zunehmend, einige Standhafte waren aber immer noch am Tanzen, als andere schon wieder ihr Frühstück zu sich nahmen.

Da unsere Freunde aus Bordeaux wegen der langen Heimfahrt am Sonntag schon früh abreisen mussten, wurde nur ein Halbfinale und kein Spiel um Platz 3 ausgetragen. In besagtem Halbfinale unterlag Ultrà Sankt Pauli dem Team von „Jugendliche ohne Grenzen“, so dass diese im Finale auf die Karawane München stießen. In einem hart umkämpften Spiel konnten sich letztendlich die Spieler der Karawane durchsetzen und zum zweiten Mal und wieder am Kieferngarten das Kurt-Landauer-Turnier für sich entscheiden. Gratulation! Ein würdiger Gewinner. Die Freude der Spieler alleine war alle Mühen wert.

Zwischen Halbfinale und Endspiel veranstalteten wir noch zusammen mit Vertretern der anwesenden Ultras-Gruppen und einem Vertreter aus dem Kafe Marat eine Podiumsdiskussion, die an den Tagen zuvor Gehörtes in den Kontext Ultras bringen sollte. „Ultras als Subkultur?“ Ultras polarisieren - oft auch beim Anhang der eigenen Mannschaft. Es ist für manchen Fan deshalb auch ein wenig trendy geworden, gegen die eigenen Ultras zu protestieren. „Fußball braucht keine Subkultur“ pinselten deshalb ein paar Anhänger des 1. FC Köln auf ein Spruchband. Auf den ersten Blick nur ein populistischer Slogan gegen die Ultrabewegung, bei genauerer Betrachtung lassen sich aus dieser Tapete aber einige für uns Ultras interessante Fragen entwickeln. Von jedem wird Ultras mittlerweile als subkulturelles Phänomen bezeichnet, von den Medien, der Wissenschaft und auch von uns selbst. Aber was zeichnet eine Subkultur eigentlich aus? Schwendtner (1993) führt an, dass sich Subkulturen vor allem im Hinblick auf zentrale Normen deutlich von der hegemonialen Kultur abgrenzen. Stimmt das? Wie unterscheidet sich Ultras vom Mainstream und wo sucht es die Konfrontation mit ihm? Und wie sieht es mit anderen Elementen aus, die wir als typisch subkulturell verstehen. Haben Ultras einen eigenen Kleidungsstil, ihre eigenen Protestformen, eine eigene Musik? Weitere Fragen werden aufgeworfen wenn wir unseren Blick durch die Kurven Europas und Deutschlands wandern lassen. In Italien stehen 50jährige in der ersten Reihe der Kurve, in Stuttgart feiert man unter dem Motto „Ultras sein heißt Ultras bleiben“ 15 Jahre CC97. In den Fanblöcken der deutschen Ligen stehen aber häufig überwiegend junge Menschen, die entweder so gerade die 20 hinter sich gelassen oder ihr zweites Lebensjahrzehnt noch nicht beendet haben. Ist Ultras in Deutschland vielleicht auch einfach ein bloßes Jugendphänomen ohne großen subkulturellen Anspruch? Eine Sache, die man eben in der Jugend macht, irgendwann dann aber wieder gut sein lässt. Wie sieht es bezüglich dieser Fragen bei den Autonomen aus? Schlussendlich alles interessante und diskussionswürdige Fragen, unabhängig davon, welche Erkenntnisse wir uns erschließen, bleibt die Frage, was das für unser Dasein als Fußballfans bedeutet. Welche Bedeutung hat es für unser Auftreten und Handeln, ob wir uns als Subkultur verstehen oder eben nicht? Kurzum: Braucht der Fußball Subkultur? Mit dieser und anderen Fragen befassten wir uns unter reger Beteiligung des Publikums. Allerdings muss man auch sagen, dass in der Diskussion mit all den verschiedenen interessanten Fragen und Aspekten etwas der rote Faden verloren ging und viele einfach auch von den Tagen davor ziemlich platt waren. Wir wollten aber eh nie die eine Antwort finden und als einzige Wahrheit postulieren. Allein die Frage, ob Fußball Subkultur braucht, wussten alle klar zu beantworten: Fußball braucht und vor allem Fans brauchen Kultur, die über Bratwurst, Bier und Lothar Matthäus hinausgeht. Das Kurt selber ist nur ein Beispiel dafür.

Hinter uns liegen tolle Tage. Sehr gefreut hat uns auch, dass auch 2012 wieder einige Mitglieder und Freunde der Gruppe ihre Kinder zum Kurt mitgebracht haben, die sich mit verschiedensten Spielsachen und Kinderschminken beschäftigen konnten, wenn Vorträge oder Fußballspiele zu langweilig wurden. Auch das bereichert für uns die Atmosphäre am Turnier-Wochenende. Genauso gehört Uri Siegel - Kurt Landauers Neffe - für uns zum Kurt dazu, dessen zweiter Besuch nach dem beim Kurt-Landauer-Turnier 2011 hoffentlich noch einige Fortsetzungen findet.

DANKE an alle, die geholfen haben, Danke an alle, die teilgenommen haben, Danke an alle, die vorbei geschaut haben. IHR SEID KURT!


TEILNEHMER:

Brigate Rossoblu Civitanova
Schickeria München II
Munich Wanderers
Schickeria München
Horda Azzuro Jena
Jugendliche ohne Grenzen
Diffidati
Red Fanatic München
Queerpass Bayern
Mc Laim XX
Munich`s Red Pride
Pommes Rot-Weiß
Ultramarines Bordeaux 1987
Lawyers United
Karawane München
Red G`Sox
NeuROTiker
Ultrà Sankt Pauli
Gartencrew
Generation Olympiastadion


PROGRAMM:

Freitag:
Anreise und Aufbau ab 12 Uhr

14 Uhr Aufbruch vom Turnierplatz zur Führung „Das Glockenbachviertel und die Isarvorstadt – das Szeneviertel Münchens und seine Geschichte “ mit der U-Bahn
alternativ:
14 Uhr Aufbruch vom Turnierplatz zur Führung „40 Jahre Olympiastadion“ mit der U-Bahn

ab 18 Uhr traditionelles Pasta-Essen

20 Uhr Begrüßung
anschließend Vortrag „Vai Via - Flüchtlingssituation in Italien“

danach gemütliches Beisammensein im Shisha-Zelt


Samstag:
9 Uhr Frühstück

10:30 Uhr Beginn des Fußballturniers

18 Uhr Vortrag „Die ägyptische Revolution und die Ultras“
19 Uhr Vortrag „Schwul, lesbisch, bi, transgender – die queere Community in München“

ab 21 Uhr Abendessen mit Schnitzel und Kartoffelsalat

anschließend Barbetrieb und Musik


Sonntag:
10 Uhr Frühstück

11 Uhr Ausspielen der Halbfinale

12 Uhr Diskussionsrunde „Ultras und Subkultur“

13.30 Spiel um Platz 3, Finale und Siegerehrung

ab ca. 15.30 Uhr Abbau

Mehr Fotos findet ihr hier.