«Wir müssen zurück auf den Mond»

Das grosse Interview mit EDGAR MITCHELL

In einer Woche jährt sich die erste Mondlandung der Apollo-11-Mission zum 45. Mal. Edgar Mitchell (83) war Astronaut der Apollo-14-Mission und bis heute einer von nur elf Moonwalkern – Menschen, die ihren Fuss auf den Mond gesetzt haben. Im Interview spricht er über die Erkenntnisse seiner Reise, sagt, weshalb seine Ehe danach in die Brüche ging und wieso er von der Existenz von UFOs und Aliens überzeugt ist.

Von Benjamin Weinmann (Text)
und Jean Revillard (Bilder)

Herr Mitchell, was spüren Sie, wenn Sie nachts zum Mond schauen?

Edgar Mitchell: Der Blick auf den Mond löst bei mir all diese Fragen aus, mit denen ich mich in den letzten Jahren beschäftigt habe. Kosmologische Fragen. Wie hat alles begonnen? Wie weit können wir gehen? Schon vor rund sechzig Jahren setzte ich mich in meiner Doktorarbeit am Massachusetts Institute of Technology mit der Frage auseinander, ob und wie wir mit elektrischem Antrieb bis zum Mars fliegen könnten. Ich interessierte mich schon damals für die Weltall-Exkursion.

Vor Ihrer Mission kam es bei Apollo 13 beinahe zu einem Desaster. Die Astronauten konnten den Mond wegen technischer Probleme nie betreten und wären bei der Rückkehr auf die Erde fast verglüht. Hatten Sie vor Ihrer Mission nie Angst?

Es gab schon vor Apollo 13 Ausfälle aus verschiedenen Gründen. Menschen machten Fehler, die Ausrüstung war nicht so zuverlässig, wie sie hätte sein sollen, und so weiter. Aber für all diese Fälle hatten wir genaue Prozeduren geübt, um jede Situation im Griff behalten zu können, Fehler zu korrigieren und dabei nicht umzukommen.

Wie oft waren Sie vor der eigentlichen Mission im Simulator zum Mond geflogen?

Ach, das kann man gar nicht zählen. Hunderte Male! Ich flog Stunden um Stunden im Simulator. Und wir verbrachten zig Stunden auf der künstlichen Mondoberfläche im Cape Kennedy, um unsere Mission zu üben. Bei der eigentlichen Reise war für uns somit nichts neu, ausser dass wir auf dem Mond und nicht auf der Erde waren.

Trotzdem waren Sie bestimmt nervös vor Ihrem ersten Schritt auf dem Mond nach der dreitägigen Reise im Raumschiff.

Zuerst blieben wir einige Stunden in der Mondlandefähre. Wir mussten die Maschinen runterfahren, uns etwas ausruhen und unsere Instrumente vorbereiten. Aber wir waren nicht nervös. Im Gegenteil. Wir konnten es nicht erwarten, endlich rauszugehen und unseren Job zu erledigen. Wir waren die erste Apollo-Mission, die wissenschaftliche Arbeiten auf dem Mond ausführte. Vorher ging es nur darum, der Welt zu zeigen, dass Mondlandungen möglich sind. Zu unseren Arbeiten gehörte übrigens auch ein Experiment aus der Schweiz.

Das Solar Wind Composition Experiment der Universität Bern.

Genau. Ich installierte dafür eine Art Rollvorhang mit Datenbox. Wir mussten Weltall-Partikel sammeln und schickten diese nach unserer Rückkehr an die Universität Bern, die die Daten analysierte.

Nebst Ihrer wissenschaftlichen Mission sind vor allem die Spässe bekannt, die Sie und Ihr Astronauten-Kollege Alan Shepherd auf Film aufnahmen und die noch heute auf Youtube zu sehen sind.

(lacht) Ja, das war wirklich lustig. Al hatte einen Golfschläger mitgenommen, um damit ein paar Bälle zu schlagen. Wegen des sperrigen Anzuges konnte er nur mit einem Arm spielen. Ich selber warf einen Speer. Wir nannten es die ersten Olympischen Spiele auf dem Mond. Aber viel Zeit für solche Spässe hatten wir nicht.

Wären Sie gerne irgendwann wieder auf den Mond geflogen?

Oh ja, absolut. Vielleicht kommt es ja irgendwann auch so weit. Es gab schon Spekulationen, dass ich mit 100 Jahren nochmals auf den Mond fliege, um John Glenns Rekord zu brechen, der 1998 im Alter von 77 ins Weltall flog.

Wieso kehrten wir seit 1972 nie mehr auf den Mond zurück?

Tja, die Leute im US-Kongress sagten, da waren wir ja schon. Aber zur rechten Zeit werden wir ganz bestimmt wieder zurückkehren. Die Zeit ist noch nicht reif. Aber wir müssen zurück auf den Mond, und das werden wir auch, denn es gibt noch so viel zu entdecken. Wir haben erst gerade angefangen. Wir müssen lernen, unser Sonnensystem besser zu verstehen.

US-Präsident Barack Obama hat einer baldigen Rückkehr zum Mond eine Absage erteilt. Dafür soll ein bemanntes Raumschiff in zirka zwanzig Jahren um den Mars fliegen. Sind Sie mit Obamas Nasa-Politik zufrieden?

Ich wünschte, unser Präsident wäre etwas selbstbewusster. Aber er verspürt viel Druck. Die Tea Party treibt ihn in den Wahnsinn und der Rest von uns macht ihm das Leben auch nicht leicht.

Einige Ihrer Astronauten-Kollegen sagen, die Nasa müsste Mondstationen installieren, um von dort aus auf den Mars zu fliegen. Ist das die richtige Strategie?

Ich glaube nicht, dass er sich als Ausgangspunkt für eine Reise zum Mars eignet. Wir müssen die richtigen Technologien erarbeiten für eine bemannte Marslandung in diesem oder im nächsten Jahrhundert. Vielleicht geht es schneller, als wir alle denken. Vor hundert Jahren reisten die Menschen noch mit Pferdekutschen. Heute fliegen wir regelmässig ins Weltall.

Sie waren bei der Rückkehr 40 Jahre alt, hatten soeben Ihr grösstes Abenteuer hinter sich ...

... oh ja, das war es . ..

... und Sie gehörten dem exklusivsten Klub der Welt an, den Moonwalkern. Was will man da im Leben noch erreichen?

Kurz nach meiner Rückkehr gründete ich das Institut für Noetische Wissenschaften in Kalifornien und begann mit der Forschung zum intuitiven Bewusstsein, also Themen wie Telepathie und Psychokinese. Dafür sammelte ich andere Forscher um mich herum. Nach meinem Erlebnis während der Apollo-Mission erachtete ich diese Forschung als genauso wichtig wie meine Mondreise.

Sie widmeten sich dieser Forschung aufgrund einer Erleuchtung im Weltall.

Ja. Ich sah sozusagen das ganze Bild, als ich die kleine Erdkugel von so weit weg erblickte. Jeder Astronaut erlebt das, nur sprechen nicht alle so offen darüber. Im Weltall leuchten die Sterne zehn Mal so hell als von der Erde aus, und man ist von ihnen umgeben. Ich wusste nicht genau, was ich da erlebte. Es war ein Gefühl der absoluten Schönheit und Ekstase. Dieses Erlebnis hat mich bis heute in meiner Forschung angetrieben und in meinem Vorhaben, unseren Umgang mit unserem Planeten nachhaltiger zu machen. Wir konsumieren zu viel und verbrauchen zu viel nicht erneuerbare Ressourcen. Wenn wir dieses Problem nicht lösen, werden wir auch nie auf dem Mars landen.

Sie hatten mit dem Institut wieder eine Aufgabe, der Sie sich zu hundert Prozent widmen konnten. Andere der elf Moonwalker hatten nach der Rückkehr mentale Probleme. Manche begannen zu trinken, viele Ehen gingen in die Brüche oder sie wurden ultra-religiös. Können Sie das nachvollziehen?

Das war halt ihre Mentalität. Sie machten sich über gewisse Dinge Sorgen, wie wir alle. Jim Irwin (Apollo 15, Anm. d. Red.) widmete sich mit seiner Frau komplett religiösen Themen. Auch Charlie Duke (Apollo 16). Jeder ging seinen eigenen Weg. Ich blieb nicht unversehrt. Auch mich hat die Reise eine Ehe gekostet.

Weshalb?

Meine Frau war und ist eine wunderbare Person. Aber sie ist eine strikte Behavioristin in Sachen Psychologie. Und da war ich, völlig vernarrt in metapsychische Themen und Grenzwissenschaften. Nur schon, dass ich die gefährliche Mondreise antrat, hatte nicht ihrem Bild eines fürsorglichen Ehemanns entsprochen. Und leider gab es damals noch keine Eheberatungsstellen, so wie es sie heute gibt. Sonst hätten wir die Ehe vielleicht retten können. Sie war wütend, weil ich mich so sehr um meine noetische Forschung kümmerte. Das war mein Fehler. Ich wusste einfach nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte.

Hielt Sie Ihre Frau für verrückt?

Ja, total verrückt, ballaballa.

Sind Sie religiös?

Ich wurde religiös erzogen. Aber in erster Linie bin ich Wissenschafter. Und als solcher suche ich Beweise, um bestimmte Ansichten zu validieren. Dazu gehört auch die Frage, ob die Kreation unseres Universums etwas Göttliches oder Mechanisches ist, oder ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Aber als Wissenschafter, der harte Fakten und Beweise benötigt, ist die Beantwortung dieser Fragen schwierig.

Was halten Sie von Plänen von Milliardären wie Richard Branson und Elon Musk, die private Weltall-Reisen anbieten möchten?

Denken Sie an die Wright-Brüder zurück. 20 Jahre nachdem sie das erste Flugzeug erfanden, hatten wir eine private Airline-Industrie. Da sehe ich keinen Unterschied. Robert Bigelow (ein US-Hoteltycoon, Anm. d. Red.) zum Beispiel will eine Hotelkette auf dem Mond installieren. Wieso auch nicht? (lacht)

Kein anderer Moonwalker spricht so offen über die Existenz von Ausserirdischen wie Sie ...

... obwohl ich noch nie einem Ausserirdischen in meinem Schlafzimmer über den Weg gelaufen bin. Aber ich bin überzeugt, dass uns Ausserirdische seit vielen Jahren besuchen. Wir sind definitiv nicht allein. Ich habe mich mit den wichtigsten Forschern in diesem Feld in Europa, Südamerika und in den USA ausgetauscht und ihre Arbeiten verfolgt.

Auch mit dem Schweizer UFO-Forscher Erich von Däniken?

Ich kenne Erich, obwohl ich ihn nicht für einen der herausragenden Forscher halte. Er glaubt halt, was er glaubt.

Sie selber glauben, dass die US-Regierung den Körper eines Ausserirdischen geheim hält.

Früher hatten sie auf jeden Fall einen Alien-Körper, nach dem Absturz eines Ufos in Roswell, New Mexico, 1947.

Woher wollen Sie das wissen?

Als ich vom Mond zurückkehrte, ging ich nach Roswell, wo ich selber aufgewachsen bin. Ich unterhielt mich mit den Nachfahren der Bewohner, die in den Fall involviert waren, wie zum Beispiel jenen des Totengräbers, der für den Alien-Körper einen Sarg baute. Sie erzählten mir ihre Geschichten und sie hatten Beweise gesehen.

Wieso sollte die Regierung so etwas vertuschen?

Profit. Sie wollten die ausserirdische Technologie für sich behalten, sie kontrollieren und daraus Profit schlagen. Das ist meine Meinung.

Ist das der Regierung gelungen?

Sie haben die Technologie bestimmt verwendet, aber sie haben kein Raumschiff damit hergestellt. Zumindest nicht, dass ich wüsste.

Wie viele Menschen wissen von dieser Verschwörung?

Hunderte, vielleicht Tausende. Wer weiss.

Die Nasa hat sich in Sachen Roswell offiziell von Ihnen distanziert.

Das war nicht die Nasa! Das war ein einzelner Angestellter der Nasa.

Was würden Sie einen Ausserirdischen fragen, wenn Sie ihm über den Weg laufen würden.

Wie macht ihr das alles? Lasst uns eure Technologie haben.

Noch heute gibt es viele Menschen, die nicht an die Mondlandung glauben. Für sie fand das Spektakel in einem TV-Studio in der Wüste von Nevada statt. Wie begegnen Sie solchen Skeptikern?

Ich verschwende meine Zeit nicht mit ihnen. Einmal kam so ein Typ zu mir nach Hause, ich trat ihm in den Hintern und warf ihn raus! Dann ging er nach Los Angeles und konfrontierte Buzz Aldrin (Apollo 11, Anm. d. Red.). Der hat ihm eine ins Gesicht verpasst. Seither hält er sich von mir und Buzz fern. (lacht)

Nervt es Sie manchmal, dass Sie jeden Tag auf die Mondlandung angesprochen werden?

Natürlich gibt es viele dumme Fragen. Aber wenn mich meine Enkelkinder und junge Leute danach fragen, dann stört mich das überhaupt nicht. Das sind junge Menschen, die mehr über unsere Welt wissen wollen. So wie wir damals.

Fortsetzung auf Seite

«Zu unseren Arbeiten auf dem Mond gehörte übrigens auch ein Experiment aus der Schweiz.»

Roger Mitchell am Flughafen Genf: «Wir müssen die richtigen Technologien erarbeiten für eine bemannte Marslandung.»

Edgar Mitchell wurde in Texas geboren und wuchs in New Mexico auf. 1953 trat er der U.S. Navy bei, wo er zum Piloten ausgebildet wurde. Er absolvierte ein Studium in Luftfahrttechnik mit anschliessendem Doktorat. 1966 wurde Mitchell von der Nasa als Astronaut ausgewählt. Am 5. Februar 1971 landete er auf dem Mond. Zuvor hatte er bereits die Freiheitsmedaille von US-Präsident Richard Nixon erhalten. 2005 wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert. Nach seiner Nasa-Karriere gründete Mitchell das Institut für Noetische Wissenschaften, das sich mit Themen wie Telepathie und Hellsehen beschäftigt. Der 83-Jährige ist ein bekennender Alien-Gläubiger. Vergangene Woche weilte er auf Einladung von «Swiss Apollo» in der Schweiz. Der Verein setzt sich für die Erinnerung des Schweizer Beitrags zum Apollo-Programm ein.

«Ich kenne Erich von Däniken, halte ihn aber nicht für einen herausragenden Forscher.»

Astronaut und E.T.-Gläubiger

«Vor hundert Jahren reisten die Menschen mit Pferdekutschen. Heute fliegen wir regelmässig ins Weltall.»

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Aus dem Archiv

Apollo 14 war die achte bemannte Mission des Apollo-Programms und die dritte Mondlandung. Zu Mitchells Team gehörten die Astronauten Alan Shepard und Stuart Roosa. Mitchell lief neun Stunden auf dem Mond – so viel wie kein anderer Moonwalker.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe vom 13.07.2014.