Asbest und die Folgen Der harte Kampf um die Entschädigung

Schon nach einem Atemzug können die tödlichen Fasern Asbestose, Lungenerkrankungen und sogar Krebs verursachen: Immer noch sterben und erkranken Menschen an den Spätfolgen des Kontakts mit Asbest-Staub.


Protestschilder gegen Asbestfasern
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Hochgefährlich und mit Langzeitwirkung: Abestfasern

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Schon nach einem Atemzug können die tödlichen Fasern Asbestose, Lungenerkrankungen und sogar Krebs verursachen: Immer noch sterben und erkranken Menschen an den Spätfolgen des Kontakts mit Asbest-Staub. Tendenz steigend - denn erst jetzt machen vor über vierzig Jahren eingeatmete Fasern krank. - AutorIn: Barbara Ostermann © WDR 2014

Tendenz steigend - denn erst jetzt machen vor über vierzig Jahren eingeatmete Fasern krank. Michael Mühlenbruch hatte vor drei Jahren Lungenkrebs. Ein Teil der Lunge wurde ihm entfernt. Nun ist sein Immunsystem komplett geschwächt. Die Ursache für seine Krankheit liegt, so vermutet sein Arzt Ralf-Willi Hammentgen, über vierzig Jahre zurück: "Das ist ein seltenes Karzinom, das in der Lunge entstanden ist. Karzinome haben eine Ursache durch Zellschädigung. Und die Zellschädigung in seinem Fall hat Rahmenbedingungen, so dass er wirklich gefährlichen Stoffen ausgesetzt war, die solche Tumore erzeugen."

Denn schon als Auszubildender atmete Michael Mühlenbruch krebserregende Asbeststäube ein. "Wir haben damals Glasalplatten gesägt. Das sind Zementfaserplatten, in denen ein gewisser Anteil Asbest vorhanden ist. Dabei entstanden massive Stäube, die wir auch direkt eingeatmet haben." Heute ist der Gladbecker 59 Jahre alt und zu 100 Prozent berufsunfähig.

Höhepunkt in den 1970er Jahren

Baustellen, Schiffswerften, Fabrikhallen. Millionen von Arbeitern atmeten in den 1970er Jahren die todbringenden Asbeststäube ahnungslos ein. Das unbrennbare Material galt als Wunderfaser auf dem Bau. Asbest ist fest, hitze- und säurebeständig, dämmt hervorragend. Aber auch im Schiffsbau kam es zum Einsatz. Telefondrähte und Hochspannungsleitungen schützte es vor Hitze und Feuchtigkeit. Autobremsen und Kupplungen enthielten Asbest ebenso wie Dachziegel, Fassadenplatten, Topflappen, Toaster, Schutzkleidung, Teppichfliesen und Kraftwerksturbinen.

1943 wurde Lungenkrebs als Folge von Asbest als Berufskrankheit anerkannt, und seit 1970 wird die Asbestfaser offiziell als krebserzeugend bewertet. Seit 1993 ist Asbest zwar in Deutschland verboten. Weil aber der tödliche Staub erst nach zwanzig bis vierzig Jahren krank macht, leiden heute noch immer viele Menschen an den Folgen.

Weltweit sterben jährlich 100.000 Menschen


Offiziell tötete nach der Statistik der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung der Staub 2012 etwa 1.500 Menschen in Deutschland. Sie verstarben an Lungen-, Kehlkopf oder Bauchfellkrebs oder einer Asbestose. Diese Statistik umfasst aber nur die Todesfälle, deren Erkrankung vorher als Berufskrankheit anerkannt wurde. Die Dunkelziffer der Menschen, die darüber hinaus an Asbest versterben, liege deutlich höher, vermuten Experten. Weltweit sterben nach Angaben der International Labour Organisation der UN jährlich 100.000 Menschen an asbesttypischen Krankheiten.  Und der Höhepunkt sei noch nicht erreicht, sagen Fachleute.

Oft werden Opfer nicht entschädigt

2012 erkannte die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung knapp 4.000 neue Fälle als berufserkrankt durch Asbest an. 350 Millionen Euro zahlt die Unfallversicherung Jahr für Jahr nur für Behandlung und Renten. Doch immer wieder werden Asbestopfer nie entschädigt oder brauchen lange, bis ihre Krankheit als Berufskrankheit anerkannt wird. Michael Mühlenbruch ist ein Beispiel dafür. Obwohl seine Ärzte befanden, dass sein Lungenkrebs von Asbest verursacht wurde, kämpft er nun schon seit drei Jahren mit der Berufsgenossenschaft. Denn das Gesetz sieht vor: Er muss zusätzlich beweisen,  dass er entweder vorher an einer Asbestose erkrankt war oder asbestbedingte Veränderungen an der Lunge oder dem Bauchfell hat. Hat er das nicht, wie in seinem Fall, muss er nachweisen, dass er 25 sogenannte Asbestfaserjahre gearbeitet hat. Das bedeutet nicht, dass man 25 Jahre lang Asbest eingeatmet haben muss. Bei Hochbelasteten genügten für diese Kategorie drei Monate, erläutern Anwälte.  

Telefonate mit alten Chefs, Suche nach Zeugen


Asbestsanierung

Asbestsanierung kommt nicht selten zu spät.

Die Berufsgenossenschaft hat per Gesetz den Auftrag zu ermitteln, wie viele Asbestfaserjahre ein Betroffener gearbeitet hat. Aber wenn die Arbeitszeiten über vierzig Jahre zurückliegen, kann das schwierig werden. So sammelt jetzt auch Michael Mühlenbruch Dokumente, telefoniert mit seinen alten Chefs, versucht Zeugen zu finden und sucht Belege, dass das Material, mit dem er als Lehrling arbeitete, Asbest enthielt.

In der ersten Instanz hat Michael Mühlenbruch gegen seine Berufsgenossenschaft verloren. Bei ihm streiten sich Gutachter darüber, ob er die 25 Asbestfaserjahre erreicht hat oder nicht.

Seine Berufsgenossenschaft Holz und Metall schreibt dem WDR auf Nachfrage: "Ein im Gerichtsverfahren gehörter Gutachter hat eine berufliche Asbeststaubeinwirkung von mehr als 25 Faserjahren errechnet. Er hat bei seiner Berechnung jedoch Zeiten berücksichtigt, in denen Herr Mühlenbruch nachgewiesenermaßen nicht unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung stand, er also unversichert war. Nach der höchstrichterlichen Rechtsprechung können nur versicherte Expositionszeiten berücksichtigt werden."

Harter Kampf um Annerkennung

Michael Mühlenbruch ist nach wie vor davon überzeugt, dass er für eine Anerkennung seiner Berufskrankheit ausreichend viele Faserjahre erreicht hat. Er kämpft weiter. Er ist kein Einzelfall. Laut Statistik der gesetzlichen Unfallversicherung wurden von knapp 9.000 Anträgen für asbestbedingte Berufskrankheiten im Jahr 2012 weniger als 3.700 angenommen. Der Arbeitsmediziner Professor Hans-Joachim Woitowitz hält den Kampf für Asbestopfer teilweise für unzumutbar. Zum Beispiel kritisiert er, dass Patienten, die nachweisen sollten, dass sie durch Asbest an Bauchfell oder Lunge Veränderungen hätten, häufig Gewebeproben der Lunge auf Asbestfasern untersuchen lassen müssten.

Der sogenannte Weißasbest, der anders als Blauasbest zu über 90 Prozent in Deutschland verarbeitet wurde, sei aber häufig in der Lunge gar nicht mehr aufzufinden, weil er sehr schnell zerfalle. Von daher erhielten Patienten oft zu Unrecht ablehnende Bescheide.

Weniger Entschädigungen als im Ausland?


Asbestsanierung

Noch Jahrzehnte später können Betroffene todkrank werden.

Professor Andrea Tannapfel, Direktorin des Instituts für Pathologie an der Ruhruniversität Bochum, hält dagegen: "Wenn wir Veränderungen finden, die asbesttypisch sind im Gewebe, dann werden wir das formulieren und werden eine asbestassozierte Veränderung zur Anerkennung empfehlen." Professor Woitowitz kritisiert dennoch, dass im Vergleich zum Ausland viel zu wenige an Lungenkrebserkrankte wegen Asbest entschädigt würden. Er beruft sich auf internationale Studien.  

Der WDR befragte dazu die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, den Dachverband aller Berufsgenossenschaften. Sie antwortete, ihr seien solche Studien nicht bekannt. Und weiter heißt es: "Generell ist zur Vergleichbarkeit von Statistiken zu Berufskrankheiten zu bemerken. Das Berufskrankheitengeschehen wird von vielfältigen Faktoren bestimmt. Diese können von Land zu Land extrem voneinander abweichen – was zum Beispiel daran zu sehen ist, dass es europaweit keine einheitlichen Rechtsvorschriften über die Anerkennung von Berufskrankheiten gibt."

Bündnisse kämpfen um Beweiserleichterung

Mittlerweile hat sich ein Bündnis gebildet, das für eine Beweiserleichterung der Asbestopfer kämpft. Etwa Ende Juni auf dem Kongress der Asbestselbsthilfegruppen in Köln. Auch Gewerkschaften wie die IG-Metall oder die IG-Bau sprechen sich für eine Beweislastumkehr oder zumindest  Beweiserleicherterungen aus. Der Dachverband der Berufsgenossenschaften, die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, schreibt dem WDR zum Thema Beweislastumkehr: "Die Beweislastumkehr wäre ein Bruch mit dem Prinzip, dass die gesetzliche Unfallversicherung die Haftung des Arbeitgebers für Berufskrankheiten übernimmt."

Auch die letzte Bundesregierung lehnte eine Änderung des Berufskrankheitengesetzes in Richtung Beweislastumkehr ab. Begründung: Es habe zum Beispiel mit der Einführung der Faserjahre schon Beweiserleichterungen gegeben. Bündnis90/ DieGrünen will nun in diesem November eine Bundesratsinitiative auf Änderung des Berufskrankheitengesetzes vorantreiben.

WDR befragt deutsche Industrie


Abschließend wollte der WDR wissen, ob sich die deutsche Industrie andere Formen von Entschädigungen für Asbestopfer vorstellen könne. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände antwortete: "Da die Berufsgenossenschaften ausschließlich von den Betrieben finanziert werden, kommen die Arbeitgeber für alle genannten Leistungen auf. In anderen Worten unterhalten die Arbeitgeber mit der gewerblichen Unfallversicherung bereits eine Art Entschädigungsfonds für ihre Beschäftigten."

Die Faserzementindustrie antwortete nicht. Dagegen schreibt der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie: "Derzeit erscheint (...) nicht überblickbar, inwieweit der Bedarf eines Hilfsfonds tatsächlich besteht. Zumindest wird auch zu berücksichtigen sein, dass eine soziale Sicherung ohne Anerkennung als Versicherungsfall in der gesetzlichen Unfallversicherung durch die weiteren Zweige der Sozialversicherung in Deutschland durchaus gewährleistet wird (…)."

Millionen hat die Industrie einst an der Verarbeitung von Asbest verdient. Michael Mühlenbruch kämpft um seine Gesundheit und bangt um seine Existenz: "Wenn wir keine Rücklagen gebildet hätten, dann wären wir heute Hartz IV-Empfänger. Ich bekomme eine kleine Unfallversicherung, die aber im nächsten Jahr endet. Wenn ich dann Rente bekomme, kann ich gerade für meine Frau und für mich die Krankenkasse bezahlen."

Autorin des Hörfunkbeitrags: Barbara Ostermann

Redaktion: Gundi Große


Stand: 25.08.2014, 06.00 Uhr