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Neonazis / Braune Waren
Mord als Marketing-Gag PDF Drucken E-Mail
redok   
17.10.2009
Berlin. 12.000 rechtsextreme CDs und Schallplatten hat die Berliner Polizei am Donnerstag Morgen in den Wohnungen von zwei Betreibern eines Internet-Versandhandels im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick beschlagnahmt. Einer der mutmaßlichen Händler ist der als "Satansmörder von Sondershausen" bekannte Hendrik Möbus, der nach insgesamt zwölf Jahren Gefängnis erst 2007 aus der Haft entlassen wurde. Möbus will Aufnahmen seiner Nazi-Band "Absurd" neu herausbringen und dabei den Mord als Marketing-Instrument nutzen.

Trotz der großen Menge der beschlagnahmten Waren hatte die Polizei am gestrigen Freitag nur in einer kargen Meldung mitgeteilt, dass sie etwa 12.000 CDs, LPs sowie EPs  in den Wohnungen eines 32- und eines 33-Jährigen beschlagnahmt hatte, die laut den Angaben "mit einschlägigen Delikten im Bereich der rechten Szene polizeilich bekannt sind". Ein großer Teil der Ware sei mit rechtsextremistischen Symbolen beschriftet gewesen. Die beiden Verdächtigen blieben offenbar auf freiem Fuß.

Das Boulevardblatt externer LinkB.Z. berichtete noch am Abend in der Online-Ausgabe, dass es sich bei dem 33-Jährigen um den Mörder des 15-jährigen Sandro Beyer handele, der mit einem Stromkabel erdrosselt worden war. An dem in den Medien auch als externer Link"Satansmord von Sondershausen" (Thüringen) bezeichneten Verbrechen waren im April 1993 neben Hendrik Möbus zwei weitere Mitglieder seiner Black-Metal-Band "Absurd" beteiligt gewesen. Laut dem B.Z.-Bericht wohnt Möbus mittlerweile in Treptow.

Damals selbst Teenager, hatten die Band-Gründer mit "Absurd" zunächst dem so genannten "Pagan-Metal" gefrönt, einem Subgenre mit stark heidnisch und nordisch-mythologisch geprägtem Erscheinungsbild. Bald galten sie jedoch als prominente Vertreter des so genannten "NSBM" (National Socialist Black Metal, Nationalsozialistischer Black Metal). In einschlägigen Fankreisen wurde "Absurd" nicht zuletzt durch den spektakulären Mordfall zur Legende.

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In orangener Gefängniskleidung: Hendrik Möbus in US-Abschiebehaft

Möbus war zu acht Jahren Jugendhaft verurteilt worden, von denen er zunächst vier Jahre absaß. Bereits kurz nach seiner Entlassung im Herbst 1998 verstieß er gegen die Bewährungsauflagen, indem er bei einem Konzert den Hitlergruß zeigte und sein Opfer als "Volksschädling" verhöhnte. Die Bewährung wurde widerrufen, es folgten weitere Verurteilungen wegen Verunglimpfung Verstorbener und wegen Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole zu eineinhalb Jahren beziehungsweise acht Monaten Haft. Doch bevor Möbus wieder hinter Gitter musste, entzog er sich der Haft durch die Flucht in die USA. Dort fand er Aufnahme bei dem damaligen Führer der "National Alliance", William Pierce, und half ihm bei dem Aufbau von dessen Plattenlabel "Resistance Records".

Im August 2000 nahmen US-Marshals den flüchtigen Mörder in West Virginia fest. Möbus stellte in den USA einen Antrag auf politisches Asyl, weil er in Deutschland wegen seiner Gesinnung verfolgt werde. Der Asylantrag wurde abgelehnt und Möbus im Juli 2001 nach Deutschland abgeschoben. Hier musste er bis 2007 seine Strafen absitzen. Schon bald nach seiner Entlassung war er wieder mit "Absurd" unterwegs: die Fans des blutrünstigen Nazi-Rocks feierten ihn bei einem externer LinkKonzert im Sommer, das im damaligen Stammlokal im mittelfränkischen Gremsdorf stattfand.

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In NSBM-Zivil: Möbus nun als "Weltenfeind"

Erst vor wenigen Wochen stand Möbus Anfang August einem neonazistischen Internetportal ausführlich über seine derzeitigen Ansichten und Pläne Rede und Antwort - wohl auch, um seine kommerziellen Aktivitäten zu fördern. Unter dem Namen "Weltenfeind" betreibt Möbus weiter das NSBM-Geschäft. Vorbereitet hat er zum Beispiel die Neuveröffentlichung alter Absurd-Aufnahmen, die Ende 2009 als Doppel-CD und Anfang 2010 als Vier-LP-Box auf den Markt gebracht werden sollen. Diese ursprünglich als "Demos" produzierten Aufnahmen stammen aus den Jahren 1992 bis 1994, also auch dem Zeitraum des Mordes. Enthalten sind dabei Songs mit Titeln wie "Death from the Forest" (Tod aus dem Wald), " Last Breath" (Letzter Atemzug) oder "Death Hymn" (Todeshymne).

Laut Ankündigung von Möbus sollten im Beiheft der Neuveröffentlichung auch Zeitungsausschnitte mit Berichten über die "kriminelle Karriere der Tyrannen des deutschen Black Metal" enthalten sein. "Schließlich hat 'Absurd' immer praktiziert, was sie gepredigt haben!" ließ Möbus zur Begründung verlauten. Der Mord an Sandro Beyer soll also vom Mörder immer noch vermarktet werden; offenbar geht Möbus davon aus, dass die Mordtat bei der Anhängerschaft weiterhin verkaufsfördernd wirkt.

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In Moskauer Museum: Möbus vor nationalistischem Gemälde-Bombast

Derzeit sei er vor allem mit dem Produzieren und Veröffentlichen von der Musik anderer Bands beschäftigt, erzählte Möbus dem Nazi-Portal. Nach wie vor sei er als "Musikjournalist" tätig und veranstalte auch Konzerte. Mittlerweile sei er mit einer Frau aus Russland verlobt, weshalb er auch viel Zeit an der Wolga verbringe. Sein Lebensmittelpunkt liege aber nach wie vor in Deutschland.

Allerdings hatte Möbus dem Nazi-Internetportal in seinen ausschweifenden Statements nicht nur Gutes über seine Kundschaft zu sagen und schwärmte statt dessen von der Zeit seiner Kindheit. "Die Nationalisten der 1970er und 1980er waren viel besser organisiert, gerade was die Militanz anbetrifft, als die heutige sog. 'rechtsradikale' Subkultur, welche zuviel Zeit und Aufmerksamkeit an Musik, Konzerte, Kleidung, etc. verschwendet", ließ er sich über die heutige Nazi-Jugend aus. Der gehe es in erster Linie "um das Konsumieren - von Musik, von 'Fanartikeln', von Rauschmitteln", kritisierte Möbus. Wenn die NPD zu einem Konzert mit populären Bands einlade, "dann kommen 5.000 Mann", doch "wenn es um eine Demonstration o.ä. der 'nationalen Bewegung' geht, dann hat diese doch sehr oft nur wenige hundert Teilnehmer - wenn überhaupt". Für "einfach nur peinlich und widerlich" hält es Möbus, "wenn man pöbelnde und asoziale Alkoholiker sieht, die sich z.B. auf die SS berufen wollen".

Auf politischem Wege sieht Möbus keine Möglichkeit, etwas in seinem Sinne zu verändern. Die damalige NSDAP habe als "Massenpartei" immerhin noch "einen charismatischen ****** von weltgeschichtlichem Format" gehabt, so sein Hitler-Lob mit vorsichtshalber durch Sternchen ersetztem "Führer". Dagegen glaubt er heute nicht an "den Tag X", an dem "die NPD 51% der Stimmen in einer Bundestagswahl bekommt und die Alleinregierung stellen kann".

Statt dessen propagiert Möbus nun die nazistische Landkommune, bis es zu dem "Großen Knall" kommt, der "die Welt aus den Angeln heben wird". Das Möbus-Programm sieht vor: "Eigene, weitgehend autarke Strukturen schaffen. Die Städte verlassen, und zusammen auf dem Land leben. Viele Kinder zur Welt bringen und artgerecht erziehen. Wissen bewahren und vermitteln; Kunst und Kultur pflegen und mit Gleichgesinnten teilen. Solche 'einfachen' Mittel und Wege, um die eigene Art auch über den 'großen Knall' hinaus fortführen zu können." Das Schaffen eines braunen "Rückzugsgebietes" erscheint Möbus "sehr viel realistischer als die Aussicht auf Strassenkämpfe und Putschversuche, die von der 'nationalen Bewegung' ausgehen".

Bisher scheint Möbus den Sprung aufs Land jedoch nicht geschafft zu haben, denn in Berlin-Treptow pflegt er offenbar "Kunst und Kultur" in Form des schnöden Kommerzes: Die Vermarktung seiner kriminellen Karriere inklusive Mord lässt sich wohl aus der Großstadt besser handhaben.