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Alles Schlechte ist „Faschismus“

von Sergej Lebedew, 05.09.2014


Putins Vergleiche zwischen ukrainischen Soldaten und der deutschen Wehrmacht rufen in Deutschland Empörung hervor. Der russische Schriftsteller Sergej Lebedew erklärt, was hinter dieser Weltkriegsrhetorik steckt.

Eine eigene Identität als Nicht-Faschist, Erbe des Sieges, Mensch auf der Seite des Guten / Sergej Lebedew, n-ost
Eine eigene Identität als Nicht-Faschist, Erbe des Sieges, Mensch auf der Seite des Guten / Sergej Lebedew, n-ost


Vor knapp einer Woche verglich der russische Präsident Wladimir Putin die ukrainischen Soldaten mit der deutschen Wehrmacht: „Sowohl kleine Siedlungen als auch Großstädte sind von der ukrainischen Armee eingekesselt. Das erinnert mich an die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg, als die deutschen faschistischen Besatzer unsere Städte umstellten“, sagte Putin.


Vergleich mit Hitler-Deutschland

Der Vergleich der Ukraine mit Hitler-Deutschland ist in der russischen Gesellschaft derzeit gang und gäbe: Die Ukrainer, das sind die „Faschisten“, ukrainische Soldaten sind die „Besatzer“. In sozialen Medien diskutieren die Leute, wem der ukrainische Premier Jazenjuk mehr ähnele: Himmler oder Göbbels? Sie mutmaßen, ob der ukrainische Innenminister Awakow wohl ein Homosexueller sei, wie der SA-Führer Ernst Röhm, und ob er dem „Rechten Sektor“ zu Hitlers Geburtstag gratuliert habe.

Putin wählte seine Worte mit Bedacht. Und tatsächlich: Das Vorgehen der ukrainischen Armee wirft die gleichen menschenrechtliche Fragen auf wie auch einst das Vorgehen der russischen Armee in Tschetschenien und wie kriegerische Auseinandersetzungen in besiedelten Gebieten und auf dem Territorium des eigenen Staates generell.


Die Ukraine schien verrückt geworden

Aber das Problem ist, dass unter Putin, der versucht, mit solchen Äußerungen sein Gesicht zu wahren, eine Brühe aus Hass brodelt. Für den größten Teil der russischen Gesellschaft rückt dieser Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg jenes Weltbild wieder zurecht, das im Winter 2013/2014 plötzlich aus den Fugen geraten war. Russland war damals gezwungen, sich die Ereignisse auf dem Maidan und die Flucht Janukowitschs irgendwie zu erklären.

Die russische Identität ist enger an Staat und Sprache gebunden, die beiden Bindeglieder im Vielvölkerreich, als an das Konzept des Volkes als eigenständige Kraft. Deswegen sah Russland in der ukrainischen Revolution keine Revolution der Selbstbehauptung, keine Leistung von Bürgern, die sich zum Großteil weigerten, weiter unter einem korrupten Regime zu leben. Sondern Russland sah, dass Menschen ihren Staat mit eigenen Händen zerstören. Die Ukraine schien verrückt geworden. Als vermeintlich einsame Hochburg der Vernunft verblieb die Ostukraine, wo nur wenige den Maidan unterstützten. Dies verursachte in Russland eine alarmierte Unsicherheit und tiefe innere Angespanntheit, alle schienen vor Erwartung zu erstarren: Was kommt als nächstes?


Verrat am kollektiven Gedächtnis

Ausgerechnet in diesem Moment, oh je, lieferte die neue ukrainische Regierung selbst den Vorwand, indem sie die zweite Komponente der russischen Identität erschütterte: Sie versuchte nämlich, das Sprachengesetz zu ändern und dem Russischen den Status einer Regionalsprache abzuerkennen. Das hätte die russischsprachige Bevölkerung im Osten des Landes diskriminiert.

Wie konnte es anders sein: Die russische Gesellschaft solidarisierte sich sofort mit dem Osten der Ukraine. Das angebliche Verbot Russisch zu sprechen, Russisch zu schreiben – und letzten Endes ja wohl – sich russisch zu fühlen, brachte das Fass zum Überlaufen. Denn zu so etwas war nur ein absolut Fremder fähig: jemand wie Hitler, der die Russen am liebsten ganz zum Verstummen bringen will. Und so wurde die Ukraine, die ein solches Verbot erwogen hatte, zu diesem Fremden.


„Faschist“ ist ein geflügeltes Wort

Zwanzig Jahre lang hat Russland die Ukraine eifersüchtig beobachtet und jeden ihrer Emanzipationsversuche bemerkt. Als die Ukraine dann die Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs auf ihre Art erklärte, nämlich betonte, dass ukrainische Nationalisten an zwei Fronten gekämpft hätten, gegen Stalin und gegen Hitler, fühlte sich das an wie Verrat am kollektiven Kriegs- und Siegesgedächtnis. Als die Ukraine ihre Annäherung an die EU ankündigte und auf dem Maidan protestierte, war das die direkte Bestätigung dieses Verrats. Und als die Ukraine dann noch versuchte, das russische Sprachenrecht einzuschränken, wurde sie zum Feind.

Die Ukraine gehen zu lassen, das hätte auch bedeutet, Abschied zu nehmen von Illusionen, die man sich über sich selbst gemacht hatte, über die Attraktivität der russischen Werte und des russischen Lebensstils. So musste man für dieses fremde Land irgendeine Bezeichnung finden, die den Schock, die Wut, und den Wunsch, es mit aller Kraft auszupeitschen, zum Ausdruck brachte.


Der Begriff bleibt kleben wie Pech

„Faschist“ war schon zu Sowjetzeiten ein geflügeltes Wort. Die sowjetische Propaganda benutzte es, wo es passte und wo es nicht passte. Und so gelang folgende Umkehrung: Nicht der Faschismus ist schlecht, sondern alles Schlechte ist Faschismus. Die genaue politische Bedeutung verschwand. Was blieb, war eine moralische Wertung: Einer, der so schlecht ist wie sonst keiner auf dieser Welt.

Mit diesem Wort wurde die Ukraine nun beworfen, und es blieb an ihr kleben wie Pech. Schließlich dient der Begriff „Faschist“ nicht nur dazu, das wahre Wesen des Gegners zu entlarven, sondern er schafft gleichzeitig auch eine eigene Identität als Nicht-Faschist, Erbe des Sieges, Mensch auf der Seite des Guten. Da fühlten sich die Russen unmittelbar an die ukrainischen Einheiten der Wehrmacht erinnert und das Schimpfwort „Banderowzy“ für pro-ukrainische Demonstranten – nach dem ukrainischen Nationalistenführer Stepan Bandera – tauchte so plötzlich auf wie der böse Geist aus der Flasche.


Ein guter Grund zu kämpfen

Im Laufe der weiteren Krise überschlugen sich die Ereignisse, es folgte eine harsche Rhetorik von ukrainischer Seite, Kämpfe begannen, ein Chaos von Wörtern, Verlautbarungen, Meinungen, und wachsender Aggression. Und in dieser Atmosphäre, als hätte man ein Foto in den Entwickler getaucht, erkannten die Russen in den Ukrainern die Faschisten, so wie sie in sowjetischen Kinderbüchern im freundlichen alten Herren aus dem Nachbarhaus den feindlichen Spion oder Saboteur erkannt hatten.

Schließlich fanden die Kämpfe in Gegenden statt, wo vor 70 Jahren zum letzten Mal gekämpft worden war, und zwar gegen die Faschisten, an legendären Orten wie Krasnodon, das dank des berühmten Romans „Die junge Garde“ von Alexander Fadejew zum Sinnbild des Mutes des sowjetischen Volkes geworden war. Und als es nötig war, die alten Machtverhältnisse und die Trennung in Gut und Böse auf eine neue Realität zu übertragen, da gerieten die ukrainischen Soldaten – schon allein aus geografischen Gründen – in die Rolle der Nazis, der so genannten „Gitlerowzy“.

Keiner weiß, wie lange diese Vergleiche der Ukraine mit Hitler-Deutschland noch anhalten. Sie geben russischen Freiwilligen und Berufssoldaten eine zu gute Begründung, sich am Konflikt zu beteiligen.

Aus dem Russischen von Tamina Kutscher

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