Claudia Kromrei

Albert Gessner

Albert GessnerDer Architekt Albert Gessner wurde am 19. März 1868 in Aue/Erzgebirge geboren. Nach dem Besuch der Gewerbeakademie in Chemnitz kam er zum Architekturstudium nach Berlin an die Technische Hochschule, schloss nach nur wenigen Semestern ab und arbeitete drei Jahre im Atelier von Kayser & v. Groszheim ("...Die Ausbildung bei meinen Meistern im Atelier ließ mich erst ahnen, wie wichtig es ist, einen Bau bis ins Kleinste durchzuführen..."). Parallel zur Arbeit besuchte er Kurse zur Kunstgeschichte und zum Kunstgewerbe, studierte die Architektur des Mittelalters und der Renaissance auf Reisen quer durch Deutschland, besuchte Wien und Prag, Brüssel und Paris und ganz Italien. 1896 ergänzte Gessner seine Ausbildung im Atelier von Alfred Messel ("...Die Arbeitsweise war eine andere und da der Nutzeffekt, d. h. der künstlerische, ein besserer war, so musste die Methode eine richtige sein..."). Im selben Jahr erhielt er von einem Fabrikanten aus seiner alten Heimat Sachsen den ersten Bauauftrag: das Wohn- und Geschäftshaus Gantenberg in Aue. Mit der Fertigstellung 1897, nach einem Jahr Mitarbeit bei Messel, machte Gessner sich in Berlin selbständig. Die weiteren Aufträge erhielt er vor allem aus Sachsen (Gasthaus Muldenthal, Lagerhaus Erler, Landhaus Gnüchtel), es folgten Wohnhäuser im Umland Berlins und die Zusammenarbeit mit Paul Schultze-Naumburg an dessen eigenem Wohnhaus in Saalecksburg. Um 1900 widmete Gessner sich vor allem den Disziplinen des Kunstgewerbes - aus Interesse an dessen Reformierung, aber auch in der Erwartung, dass hieraus endlich auch Bauaufträge für Berlin entstehen könnten. Er stellte 1901 auf der Grossen Berliner Kunstausstellung und der Pariser Weltausstellung aus und schloss sich dem Werkring an.
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1902 heiratete Gessner Else Harnisch, deren Vater Ferdinand selber Baumeister war und im Besitz mehrerer unbebauter, innerstädtischer Grundstücke. Sein erstes Berliner Projekt realisierte Gessner 1903-1904 denn auch auf einem vom Schwiegervater zur Verfügung gestellten Grundstück: ein Miethaus mit 15 Wohnungen in der Mommsenstraße 6. In der Bearbeitung dieses Projektes erkannte Gessner, dass das Problem des großstädtischen Miethauses bisher künstlerisch nicht gelöst war, weil sich Architekten in der Regel mit diesem Thema nicht beschäftigten. Das Gebäude wurde in der Fachwelt hoch gelobt und mehrfach publiziert; es folgten weitere Wohnhäuser ähnlicher Größe in der Niebuhrstraße 2 und 78 sowie nebenan, in der Mommsenstraße 5.

Berlin, Mommsenstraße 5
Berlin, Mommsenstraße 5
Berlin, Mommsenstraße 5, Eingang
Berlin, Mommsenstraße 5, Eingang

Berlin, Bismarck- Ecke Grolmannstraße
Berlin, Bismarck- Ecke Grolmannstraße

1906-1907 entstand Gessners wohl größtes Projekt, ein zusammenhängender Block mit zehn Wohnhäusern in der Bismarckstrasse 108/109, entlang der Grolmanstraße 1-5 und in der Schillerstraße 11-16.
Unterdessen war Gessner Vater von drei Töchtern und hatte Wohnung und Atelier im eigenen Haus in der Bismarckstraße 109.

zum Seitenanfang1909 veröffentliche Gessner ergänzend zu seiner praktischen Auseinandersetzung mit dem Thema des städtischen Miethauses auch eine theoretische: "Das deutsche Miethaus. Ein Beitrag zur Städtekultur der Gegenwart«, in Buchform erschienen im Bruckmann-Verlag München, "...will als Anregung auf einem Gebiete dienen, das für das Aussehen unserer Großstädte und auch für das Wohnen in ihnen so außerordentlich wichtig ist, und das sich in einem unglaublich verwahrlosten Zustande befindet...". Gessner sah das vor allem darin begründet, dass gerade diese rein massenmäßig eigentlich wichtigste Aufgabe gar nicht von Architekten, sondern von den Behörden und Bauunternehmern bewältigt wurde. Einzig als Fassadenkünstler diene der Architekt noch. Vor diesem Hintergrund forderte er von den Architekten ein umfassendes, ein generalisierendes Betreiben ihrer Disziplin und zwar gerade für den Wohnungsbau. Er versammelte in seinem Buch Beispiele neuer Lösungen im Miethausbau, »...die hoffen lassen, dass sich aus ihnen Blüten und Früchte entwickeln werden...«, Projekte von Endell, Mebes, Poelzig u.a., natürlich auch Projekte aus seinem eigenen Büro. Die Aufgabe des Architekten liege darin, zwischen den wirtschaftlichen Bedingungen, den Anforderungen der Behörden und den Bedürfnissen der Mieter zu vermitteln. Dass hier ein Spielraum vorhanden ist, vorausgesetzt der Architekt vermag die unterschiedlichen Interessen - mit dem Eifer des Reformers - zu steuern und zusammenzuführen zum Besterreichbaren, zeigte Gessner in seinem Buch auf. Auch wenn er von diesem Besterreichbaren ganz pragmatisch als einem Kompromiss spricht, setzte er in seinen Bauten und Projekten erhebliche Reformen und außerordentliche Qualitäten um. Julius Posener bezeichnete Albert Gessner in »Berlin auf dem Wege zu einer neuen Architektur« als den entschiedensten Reformer des Mietwohnungsbaus in Berlin, wahrscheinlich in Deutschland.

zum SeitenanfangIn den folgenden Jahren realisierte Gessner neben den sog. »Einküchenhäusern« in der Wilhelmshöher Straße 17-19 mit mehr als 60 Mietwohnungen und Gemeinschaftsküchen (1909-1912) und einem Miethaus in der Gluckstraße (1911/1912) vor allem Villen und Einzelwohnhäuser (u. a. Claszeile 53, 1909/1910, Türksteinweg 6, 1911, Höhmannstraße 9, 1911/1912, Ebereschenallee 14, 1912/1913 sowie weitere in Brandenburg und Thüringen), darunter sein eigenes Sommerhaus in Kladow (1911/1912). Aber auch dem Thema Städtebau nahm er sich an ("...Camillo Sitte hatte nicht umsonst geschrieben..."), beteiligte sich 1910 am Wettbewerb Groß-Berlin mit einem Beitrag, der entsprechend seinem Arbeitsschwerpunkt ganz auf das Thema Wohnen ausgerichtet war (Titel: Werde der wohnlichste Wohnort der Welt) und erarbeitete mehrere Bebauungs- und Parzellierungspläne.

Gleichzeitig gründete er das »Werkhaus«, eine Vereinigungsstelle für seine eigenen kunstgewerblichen Arbeiten mit den Abteilungen Haus, Wohnung und Garten. Um auch die gesamte Ausgestaltung und Ausstattung seiner Häuser und ihrer Gärten direkt gestalterisch zu beeinflussen, ließ er Möbel, Wandverkleidungen und Bodenbeläge, Kachelöfen, Tür- und Fensterbeschläge, Lampen u. ä. - bis hin zu Porzellangeschirren, Gläsern und Vasen - nach eigenen Entwürfen herstellen.

Zu einer Zusammenführung der Arbeit im großen Maßstab auf dem Gebiet der Parzellierungspläne und der kleinmaßstäblichen Arbeit im Kunstgewerbe hatte Gessner 1912 Gelegenheit, als er sich in Wilhelmshorst (südlich von Potsdam) an der Entwicklung einer Villenkolonie planerisch und wirtschaftlich beteiligte. Für einen großen Teil der Kolonie entwickelte er den Bebauungsplan, entwarf den Bahnhof (der auch gebaut wurde), Plätze und öffentliche Gebäude und realisierte mehrere Landhäuser auf selbst erworbenen Grundstücken zum späteren Verkauf. Vier dieser Häuser stehen am Irisgrund als Nachbarn beieinander; alle wurden durch das "Werkhaus" ausgeführt und zeigen neben ihrer typologischen Verwandtschaft daher auch gleiche oder ähnliche architektonische Elemente. Die "...unbändige Sehnsucht, mal einen ganzen Ort aus einem Guss nach meinen Ideen zu gestalten..." konnte Gessner aber nicht umsetzen, "...es wurde nur ein Anfang, die Widerstände waren damals noch zu groß, die Zeit war dafür noch nicht reif. Auch hier konnte ich nur, wie überall, Pionier sein...".

zum SeitenanfangDie Arbeit Gessners war inzwischen so vielseitig geworden, dass sie tatsächlich den Rahmen eines gewöhnlichen Architekten, eines Baumeisters im traditionellen Sinne, sprengte und der von ihm selbst verwendete Begriff des Pioniers angebracht erscheint. Als Architekt hatte er sich nicht nur dem Städtebau gewidmet, sondern mit dem "Werkhaus" auch dem Kunstgewerbe und der Bauausführung, er trat selbst als Investor auf, organisierte den Verkauf und verwaltete zudem die selbst gebauten Miethäuser auf den Grundstücken der schwiegerväterliche Grundstück-Gesellschaft, an der er beteiligt war.

Ein Einbruch im Leben und Werk Gessners war der 1. Weltkrieg. Gessner war im Jahr 1914 46 Jahre alt und auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt. Eingezogen wurde er aufgrund seines zu hohen Alters nicht, wohl aber viele seiner Angestellten im Büro und im "Werkhaus", so dass er beides vorerst aufgab. Auch die Miethausverwaltung und die Grundstücksverkäufe gestalteten sich den wirtschaftlichen Bedingungen entsprechend schwer. 1915 wurde Gessner zum Stadtverordneten gewählt und arbeitete fortan vorwiegend im Rathaus Charlottenburg. Es folgten erste offizielle Ehrungen als Anerkennung seiner Arbeit: die Akademie des Bauwesens wählte ihn 1919 zum Mitglied, 1923 auch die Akademie der Künste und ein Jahr später berief ihn die Technische Hochschule zum a. o. Professor. Sein privates Vermögen aber, das vorwiegend in bebauten und unbebauten Immobilien bestand, schrumpfte in den Jahren nach dem Krieg erheblich zusammen und dazu kam das persönliche Unglück darüber, dass seine drei inzwischen herangewachsenen Töchter noch immer ledig waren.

zum SeitenanfangAnfang der Zwanziger Jahre begann Gessner auch wieder als selbständiger Architekt zu arbeiten, jedoch mit gebremstem Enthusiasmus ("...Irgendwie musste sich die Not des Vaterlandes ja auch bei mir Geltung verschaffen, sie tat es in einer Lähmung des künstlerischen Wollens und Könnens..."). In der Reinerzstrasse hatte er bereits 1919/1920 eine Wohnanlage für Beamte realisiert, es folgten Wohnhäuser mit Kleinwohnungen auf zum Teil eigenen Grundstücken u. a. in der Zähringer-, Wittelsbacher-, Württembergischen- und Düsseldorfer Straße. 1926 wählte ihn der Bund Deutscher Architekten zu seinem Vorsitzenden. "...Aber gerade in diesen Jahren kam die große Spaltung in der Kunstauffassung: während ich ein deutsches Ideal in der Architektur suchte, schlichen sich internationale Ideen ein, die zum sogenannten Sachlichkeitswahn führten. Ich stemmte mich mit aller Gewalt dagegen...". Als sich Mies van der Rohe, Gropius, Poelzig, Behrens, Mendelsohn, Häring, Scharoun u. a. zum sogenannten "Ring" zusammentaten, gründete Gessner mit Gesinnungsgenossen wie Bonatz, Schultze-Naumburg und Schmitthenner den "Block", um "...der Zersetzung der Baukunst..." entgegenzuwirken. 1933 löste der Block sich auf um zu vermeiden, dass der Nationalsozialismus seine Tendenzen im falschen Sinne fortsetzen würde.

zum SeitenanfangFrei von nationalistischen Gedanken war Gessner zu dieser Zeit jedoch nicht. In seinem 1916 verfassten Manuskript in Briefform mit dem bezeichnenden Titel "Wohnen wir deutsch?" fordert er einen spezifisch deutschen Ausdruck in der hiesigen Baukunst und verurteilt nivellierende, internationale Einflüsse. Zu einer Veröffentlichung dieser Schrift kam es (wohl wegen des 1. Weltkrieges) nicht.

Vor diesem Hintergrund erscheint sein politisches Engagement der dreissiger Jahre mit der Hinwendung zum Nationalsozialismus folgerichtig. Bis 1930 engagierte sich Gessner im nazistischen »Kampfbundes für deutsche Kultur« gegen die vermeintliche Zersetzung derselben, ebenso im "Nordischen Ring". 1932 trat er der NSDAP bei. Beruflich profitierte er von der Mitgliedschaft allerdings nicht; der einsetzende wirtschaftliche Zusammenbruch Deutschlands mit Deflation und Notverordnungen brachte Gessner, der Immobilien besaß und von Mieteinnahmen lebte, in finanzielle Bedrängnis und nahm ihm Zeit und Energie, über die Verwaltung seiner Immobilien hinaus als Architekt zu arbeiten.

1943 veranstaltete die Akademie der Künste zu Gessners 75. Geburtstag eine Ausstellung seines Lebenswerkes. Das Material ist im selben Jahr jedoch durch Bombenschaden vernichtet worden.

Gessner wurde 1948 entnazifiziert. Er starb am 2. Juni 1953 im Alter von 85 Jahren in Berlin.

In Gessner eigenem Lebensrückblick, den er in Manuskriptform unter dem Titel "Lebensbeichte" etwa 1940 verfasst hat, erscheint das Kapitel "Hitlerzeit" als etwa zehn Jahre später geschriebene Revision des ursprünglichen und als eine deutliche Distanzierung von den Methoden des Nationalsozialismus (aus dieser "Lebensbeichte" stammen auch die kursiven Zitate). Trotzdem wird eine Beurteilung der Persönlichkeit Albert Gessner, vor allem bezogen auf sein letztes Lebensdrittel, entsprechend kritisch erfolgen müssen.

zum SeitenanfangGessners Werk jedoch - insbesondere sein Beitrag zur Reform und Transformation des städtischen Miethauses Anfang des 20. Jahrhunderts - muss für sich betrachtet werden.

Im Mittelpunkt von Albert Gessners praktischer und theoretischer Arbeit steht das Wohnen; die Wohnung als Teil eines Parzellierungsplanes, die Wohnung im innerstädtischen Mietwohnhaus, die Villa/das Einzelwohnhaus, die Ausstattung der Wohnung bis ins Detail. Es finden sich wohl Wettbewerbsbeiträge auch zu öffentlichen Gebäuden - Rathaus, Oper, Schule - die Realisierung aber einer Fabrik und eines Sanatoriums z.B. blieben die Ausnahme.

So strebte Gessner in Miethausgruppen eine Zusammenlegung mehrerer Höfe an, damit statt knapper Hinterhöfe grosse Gärten entstehen (z. B. Mommsen- und Niebuhrstrasse). Oder er kehrte den Hof nach aussen und verändert damit nicht nur die Wohnungsqualitäten, sondern das ganze Strassenbild (z. B. Schillerstrasse und Düsseldorfer Strasse). In den Grundrissen der Wohnungen spielt die Eingangsdiele eine zentrale Rolle. Sie ersetzt den Korridor, wird belichtet über einen veritablen Nebenhof, keinen Lichtschacht, macht den Zugang zu den Wohnräumen sehr komfortabel und ersetzt als Durchgangsraum das Berliner Zimmer. Auch das Wohnhaus als Ganzes erhält eine Eingangshalle als einer allen Wohnungen gemeinsamen Diele und eine Erscheinung wie ein grosses Haus - mit sichtbarem Dach, Beletage, Mezzanin, Schlafzimmeretage, Mansardgeschoss. Die Wohnungen sind mit individuellen Merkmalen ausgestattet - auf den verschiedenen Geschossen z.B. mit verschiedenen Fenstern und Balkonen resp. Loggien - und steigern durch ihre Verschiedenartigkeit einander in ihrer Wirkung und ihrem Wert. Gessner verwendete in diesem Zusammenhang - aber auch bei der Gestaltung ganzer Strassenzüge und Baublöcke - gern den Begriff der »Mannigfaltigkeit«, der seiner Überzeugung Ausdruck verleiht, dass die Bedürfnisse des Menschen mitnichten gleichartig seien. Er postuliert in seinem Buch eine Position gegen das Raster, gegen die Wiederholung gleicher Typen, gegen die Einheitlichkeit. Er verhehlt nicht, dass natürlich gerade die Mietwohnung zum Typus tendiert; Typus ist ihm aber nicht Gleichheit und Einheitlichkeit; im Gegenteil, gerade dass ein Typus existiert, erlaubt die Mannigfaltigkeit. Seine Gegenposition zur Einheitlichkeit bis zur Uniformität trug Gessner auch in die Institutionen, in denen er vor allem in den Zwanziger Jahren aktiv und Mitglied war - in den Werkbund, in die Akademie der Künste und in den BDA, wo Konflikte mit den Verfechtern entgegengesetzter Auffassungen nicht ausblieben und wo Gessner als einstiger vehementer Reformer plötzlich zu den reaktionären Verteidigern gehörte.

zum Seitenanfang Claudia Kromrei schreibt derzeit ihre Dissertation über Albert Gessner.

Hinweis: Auch auszugsweise Wiedergabe des Textes nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin!

letzte Aktualisierung: 3.4.2003   

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