Die Restaurierung der Altstadt von Timbuktu (Foto: Alexander Göbel)

Timbuktus kulturelles Erbe Zwischen Trauma und Renaissance

Stand: 01.02.2015 15:28 Uhr

Anfang 2013, Krieg in Mali: Mit Eselskarren und Booten bringen mutige Archivare das kulturelle Erbe Timbuktus in Sicherheit. Was zurückbleibt, wird von den Islamisten zerstört. Heute, zwei Jahre später, schauen die Menschen wieder nach vorn.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Mohamed Alhousseyni Traoré steht auf einer schmalen Hausmauer, auf der Schulter trägt er einen schweren Eimer Lehm. Mit vier anderen Handwerkern versucht Maurermeister Traoré, eine der mehr als 30 privaten Bibliotheken von Timbuktu zu restaurieren. Hier war eine der berühmten Schriftensammlungen untergebracht, heute ist nur noch eine Ruine übrig. "Der Selbstmordattentäter hat mit seinem Sprengstoff eine so massive Explosion ausgelöst, dass hier die Decke eingestürzt ist", erzählt Traoré. "Das Grab der zwei Heiligen, die hier bestattet sind, ist schwer beschädigt."

Der schwerste Bombenanschlag, den Timbuktu je erlebt hat, ereignete sich im September 2013 - da galt die Stadt offiziell längst als befreit. Mehrere Tonnen Sprengstoff zerstörten das Camp der malischen Armee und rissen einen mehr als sieben Meter tiefen Krater. Die gesamte Medina wurde beschädigt - die mit traditionellen Lehmziegeln gebaute, Hunderte Jahre alte Innenstadt von Timbuktu.

Die Altstadt von Timbuktu (Foto: Alexander Göbel)
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Die Altstadt von Timbuktu

"Sie haben der Stadt die Seele geraubt"

Jedes zweite Haus, das zum Welterbe gehört, hat Risse in den Wänden, es droht Einsturzgefahr. "Diese bösen Menschen", weint Alhassane Hasseye, auch er ein Maurermeister. "Ich kann es kaum beschreiben, weil es mich so schmerzt und weil alles wieder hochkommt. Sie haben diese Stadt zerstört und ihr die Seele geraubt." Als hätten die Islamisten, die hier seit Frühjahr 2012 die Menschen terrorisierten, nicht schon genug Schaden angerichtet, sagt er.

In der verwüsteten Bibliothek des Imams Ben Essayouti, direkt gegenüber der Djingareyber-Moschee, spachtelt Hasseye gerade an einem Fenstersturz. Das Geld für die Restaurierung kommt hier vor allem von der UNESCO. "Als sie kamen, konnte niemand diese Bibliothek verteidigen. Hier in diesem Raum haben Wissenschaftler geforscht, hier standen Computer. Jetzt ist alles weg. Sie haben sich einfach alles genommen", erzählt Hasseye. 

Manuskriptseiten auf Eselskarren

Einige der unschätzbar wertvollen Manuskripte Timbuktus haben die Islamisten verbrannt - die allermeisten aber konnten mutige Helfer in Sicherheit bringen. In Metallkisten versteckte der Archivar Abdelkader Haidara fast 300.000 Manuskripte und schmuggelte sie mit engen Vertrauten fast tausend Kilometer in den Süden, in die Hauptstadt Bamako: auf Eselskarren, in Booten oder Bussen.

Der malische Archivar Abdelkader Haidara (Foto: Alexander Göbel)
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Jede Seite sei die Gefahr wert gewesen, sagt der Archivar Abdelkader Haidara

Jede einzelne Seite, sagt Haidara heute, sei die Lebensgefahr wert gewesen: "Unter den Manuskripten gibt es uralte Koran-Ausgaben, Koran-Kommentare, religionsphilosophische Texte. Es gibt Schriften zu Geschichte, Musik und Literatur, zu Naturwissenschaften wie Biologie, Astronomie, Medizin, Physik, oder Mathematik. Außerdem finden wir dort Gedichte, Tagebücher, auch Manuskripte, die von Korruption sprechen, von Menschenrechten, von guter Regierungsführung, von Politik, von der Lösung von Konflikten."

Restaurierung im feuchten Klima Bamakos

In Bamako drängt nun die Zeit. Hier ist es viel feuchter als in der Wüstenstadt Timbuktu, das Klima ist Gift für die Manuskripte, die zum Teil aus dem 10. Jahrhundert stammen. In den Metallkisten sammelt sich das Kondenswasser, Termiten zernagen das venezianische Büttenpapier, die Umschläge aus Ziegen- oder Kamelleder.

Fieberhaft arbeitet ein Team von Helfern und Wissenschaftlern daran, die Schriften vor dem Zerfall zu retten. Sie werden aufwändig restauriert, katalogisiert und digitalisiert, dann in Spezial-Kartons aus säurefreiem Papier gelagert. Zur internationalen Hilfe steuern auch das Auswärtige Amt und die Gerda-Henkel-Stiftung rund eine Million Euro bei. Abdelkader Haidara hofft, dass die Unterstützung anhält. Denn es sind noch Zehntausende Seiten zu retten.

In der Werkstatt in Bamako werden historische Manuskripte sorgfältig restauriert. (Foto: Alexander Göbel)
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In der Werkstatt in Bamako werden historische Manuskripte sorgfältig restauriert.

Die Seele der Stadt restaurieren

Und auch, wenn es noch immer viel zu gefährlich ist: Irgendwann sollen sie wieder in Timbuktu zu sehen sein. Es sei, sagt der Archivar Haidara, als würde mit den Manuskripten auch die Seele einer tief verletzten Stadt restauriert - und die ihrer Bewohner. "Wir müssen diese Manuskripte veröffentlichen, übersetzen, in die großen Weltsprachen, und auch in die lokalen Dialekte. In diesen Texten liegt die Medizin für unsere Sorgen. Afrikanische Toleranz, die Friedfertigkeit des Islam - all das steckt in diesen alten Schriften. Sie sind von großer Bedeutung für die gesamte Menschheit. Sie sind der Schlüssel für all unsere Probleme, die Krisen, die uns belasten, in Afrika und anderswo auf der Welt."

Ein historisches Manuskript aus der Welterbestadt Timbuktu (Foto: Alexander Göbel)
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"In diesen Texten liegt die Medizin für unsere Sorgen": Ein historisches Manuskript aus der Welterbestadt Timbuktu

Abdelkader Haidara hofft, dass der ungeheure Schatz eines Tages wieder heimkehren kann nach Timbuktu. Ein Wunsch, der noch lange unerfüllt bleiben wird. Denn nicht nur in seiner Stadt, sondern in der gesamten Region ist die Sicherheitslage so schlecht wie lange nicht mehr. Fast täglich verüben Islamisten und kriminelle Banden wieder Anschläge - auf UN-Blauhelme, auf malische Soldaten, auf Zivilisten. Der Frieden im Norden Malis ist in Gefahr - und damit auch das berühmte Weltkulturerbe.

Karte Mali Bamako Timbuktu
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Gut 1000 Kilometer liegen zwischen der malischen Wüstenstadt Timbuktu und der Hauptstadt Bamako.

Timbuktu - mythische Stadt zwischen Trauma und Renaissance
A. Göbel, ARD Rabat
28.01.2015 16:31 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 31. Januar 2015 um 07:52 Uhr auf Deutschlandfunk.

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