DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR

Samstag, 14.02.2015

Suchformular
 
 

Lieber Leser, bitte aktivieren sie Cookies, um in den vollen Genuss unseres Angebotes zu kommen.

  • Drucken
  • Senden

Musiktheater: Wolfgang Rihms „Dionysos“ wird in Heidelberg stark und lange bejubelt – das liegt aber vor allem am Werk selbst

Kaleidoskop klingender Geschichte(n)

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan M. Dettlinger

Dionysos' Gegenstück, der für Form und Ordnung stehende Apollon, verliert den Überblick und droht mit Selbstaufhängung: Wird die Gesellschaft dem rauschhaften Dionysos (rechts vorne) überlassen?

© Florian Merdes

Also das war ja wohl exakt das Gegenteil von dem, was wir in Salzburg erlebt haben. Das war 2010. Und Bühnenbildner Jonathan Meese hat die Uraufführung von Rihms "Fantasieoper" (zu)bebildert, hat, so schrieben wir damals, in (s)einer Art "Diktatur der Kunst" dem Werk eine ganz neue Aura von Welt übergestülpt und ein wildes Assoziationsreich des Künstlichen geschaffen. Jetzt und heute in Heidelberg konzentriert sich Regisseur Ingo Kerkhof aufs Psychologische und versucht, durch Realismus und Konkretion zu einer Erzählung zu kommen, wo eigentlich keine ist.

Beides zusammengenommen, die in Salzburg blühende Bilderflut und Heidelbergs konkrete Kargheit, ergeben, bei allen Schwächen jeweils, das Bild eines eindrucksvollen neuen Werks des Karlsruher Altmeisters Rihm.

Gelungene Gratwanderung

Es ist ja schon ein seltenes Glück für heute lebende Komponisten, wenn eines ihrer Werke, zumal eines der stets zu Größenwahn neigenden Gattung Musiktheater, nach der Uraufführung ein weiteres Mal produziert wird. Doch hier ist es kein Wunder: Rihm gelingt mit "Dionysos" die Gratwanderung zwischen verschreckender Modernität und moderner Verschränkung. Alles in seiner Musik meint man, bereits zu kennen.

Und doch fasziniert es. Wir hören durch ein kunterbuntes Kaleidoskop hindurch in die Vergangenheit hinein. Vom Bach-Choral-Anklang (Die Wüste wächst) über "Rheingold"-Staub, von fast jazzigen Partikeln bis hin zu neuartigen, kühnen Schichtungen, die mit den wirren Worten des Wahns aus Friedrich Nietzsches "Dionysos"-Dithyramben fusionieren - mit all dem beschießt uns Rihm auf verhexende Fasson. Und wie Heidelbergs Philharmoniker samt Chor unter GMD Yordan Kamdzhalov agieren, uns farbenprächtig, plastisch, dynamisch und schier seelenchirurgisch hypnotisieren, ist beeindruckend.

Doch das Spiel auf der Bühne zieht sich hin - zumal die beiden Hauptsänger Sharleen Joynt als Ariadne und Holger Falk als N(ietzsche) mit zu dünner Stimme nicht entfernt an Mojca Erdmann und Johannes Martin Kränzle von der Uraufführung herankommen. Und bei aller Wertschätzung von Kerkhofs lebendiger Personenführung, von Bühnenwelt (Anne Neuser), Kostümen (Inge Medert) und guten Sängerleistungen (Diana Tomsche, Carolyn Frank, Guadalupe Larzabal und Hamwon Huh als Gast Apollon machen das recht gut) - Kerkhofs Fehler ist, dass er der Fantasie unseres inneren Sehens Einhalt gebietet, indem er uns in einen fixen narrativen Raum sperrt, aus dem wir nie entkommen.

Bild-Erfindung, Szenen-Fantasie

Gleich anfangs ist Wagners Necken von Rheintöchtern und Alberich präsent. "Ein See", schreibt Rihm, zu leisem Streichergetriller entsteht ein erotisches Spiel zwischen Nymphen (oder Prostituierten, Hetären?), Ariadne und "N.". Sie kokettieren in teils stratosphärischen Höhen: "Ha ha, mich willst du", er stammelt nach Minuten: "Ich bin dein Labyrinth." Der See ist der kalte Boden des heruntergekommenen Foyers aus Szene III, weil Kerkhof/Neuser auf ein nur leicht wandelbares Einheitsbühnenbild setzen, sind alle Orte ein Ort, ein Ort totaler Konkretion.

Rihm lässt das schon zu. Er will, so schreibt er im Programmheft, keine sklavische Befolgung, sondern "Bild-Erfindung" und "Szenen-Fantasie". Aber eben Fantasie. Man kann den öden und schnöden Raum der Entseeltheit ästhetisch finden. Aber der Raum bleibt der Raum, der er ist. Ausbrechen tut Kerkhof erst gegen Ende mit einem Video von Philipp Ludwig Stangl, auf dem aber auch wieder nur die Handelnden zu sehen sind. Er variiert das Thema Mänadenwand und Häutung aus Nietzsches Dichtung - all das ist sehr schwer erklärbar und verständlich.

Zwischendurch kommt zum Vorschein, was das Theater ankündigte: zu fragen, was Rauschgott Dionysos unserer Zeit bedeutet? Protagonist "N." ist bei Rihm ja nicht nur Nietzsche. Er ist auch Dionysos, der Gekreuzigte, Marsyas, Künstler und mehr. Bei Kerkhof ist er auch Kind, alter Mann, zwei Rollen, die er Rihm unterjubelt, er ist ein Entertainer, der im Spotlight am Mikro steht, in Schubert'schem Doppelklopfrhythmus vom Wanderer in der Nacht singt und dann wieder mit zwölf Hetären Abendmahl feiert - sind es diese zwölf Frauen, die später kollektiven Selbstmord begehen werden?

Viel Obszönes lässt Kerkhof szenisch weg. Erotisches Knistern: Fehlanzeige. Dafür zeigt er Wagnerbüste und das Pferd, das Nietzsche wohl geküsst hat und "N." küsst. Mit Logik kommen wir hier genau so wenig weiter wie in einem Film von David Lynch. Aber so ist Kunst. Rätselhaft. Alles in allem ist es toll, dass Heidelberg dieses Stück spielt. Rihm bleibt der große Rihm. Er lebt. Wie Dionysos' Haut am Ende. Sie vereint sich mit der schönen Ariadne. Jubel.

© Mannheimer Morgen, Montag, 11.02.2013
  • Drucken
  • Senden
 
 
TICKER

Veranstaltungen

Veranstaltungen SUCHEN

Partys, Ausstellungen, Weinfeste und Sport-Events. Unsere Veranstaltungsdatenbank weiß, was im Rhein-Neckar-Dreieck passiert.

 

Veranstaltungen MELDEN

Sie möchten uns Ihre Veranstaltung melden, schicken Sie uns eine E-Mail:

Kontakt zur Kulturredaktion

Telefon (11.30-15.30 Uhr): 0621/392-1343
Fax:  0621/392-1366
 

Schreiben Sie uns eine E-Mail!

 

DAS NACHRICHTENPORTAL RHEIN-NECKAR