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Mirko Schädels Achilla Presse in Butjadingen

Ungewöhnlich wie ihre Bücher

Von Bernd-Ingo Friedrich

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Je älter (nicht nur) der Bibliophile wird, desto interessanter werden die Kreuz- und Querverbindungen, die sich ihm – „plötzlich und unerwartet“ – auftun, und so lesen sich die folgenden beiden Absätze fast schon wie ein Resümee:

Immer wieder und in den erstaunlichsten Zusammenhängen stoße ich bei meinen Recherchen in der Oberlausitz auf die Herrnhuter. Mit den Herrnhuter Buntpapieren befaßte sich ein Artikel in den Marginalien 176/2004, um ein extravagantes Exlibris der Gräfin von Zinzendorf ging es ebenda 180/2005, und im Computer habe ich noch Materialsammlungen für ein halbes Dutzend weitere Herrnhuter-Artikel, darunter eine zur „alternativen Lebensweise“ der Herrnhuter Brüder. In einem meiner schönsten Artikel überhaupt geht es um James Fenimore Cooper, die Missionstätigkeit der Herrnhuter in Nordamerika und den Indianerhäuptling Chingachgook. (Er war für die Marginalien leider zu lang und auch zu wenig bibliophil – eigentlich schade für die Pirckheimer.)1 Die soeben in der Achilla Presse Butjadingen erschienene Übersetzung von Coopers zweibändigem gesellschaftskritischen Roman Die Monikins, aufs neue verdolmetscht durch den Hamburger Robert Wohlleben, war deshalb aus mehreren Gründen für mich besonders reizvoll.2

Es war natürlich fast zu erwarten, daß ich dabei auch wieder auf Arno Schmidt stoßen würde. (Meine kleine Schmidt-Miszelle 2009 erwähne ich nur nebenbei und mehr der Vollständigkeit halber.) Schmidt fabulierte 1960: „... weil ich COOPER-Fachmann bin; und immer noch die Hoffnung hege, daß meine Übersetzung des ‚Conanchet’ doch einmal erscheinen werde; worauf man mich ja, unvermeidlich begeistert, mit der ‚Littlepage=Trilogie’ beauftragen würde, wenn nicht gar mit den ‚Monikins’.“3 (Ein Schmidt-Zitat mit seinen Bizarrerien ist doch immer wieder eine Augenweide!) Es ist jener Roman, von dem er meinte, „daß, bei entsprechend guter & kluger Übersetzung, hier ein neues, ungekannt gebliebenes Mitglied jenes isolierten literarischen >Kugelsternhaufens< sichtbar würde, der die >Staatsromane<, die Utopien, in sich begreift.“4 Der Roman bezieht seine Spannung – grob skizziert – aus den satirisch überhöhten Widersprüchen der seinerzeit einsetzenden Ablösung traditioneller Werte durch die alleinige Herrschaft des Geldes und ist damit auch höchst aktuell. Er war bei Matthes & Seitz ebenfalls für 2009 angekündigt, doch bei ihm – sollte er noch erscheinen – handelt es sich um die Überarbeitung einer alten Übersetzung, namentlich der 1835 bei Sauerländer erschienenen Meurerschen, die Arno Schmidt kannte und in welcher der „Un i-on-Jack“ (Schmidt) zu einem Kleidungsstück namens „Unionsjacke“ wurde. Solche Schnitzer wird die Bearbeitung sicherlich nicht mehr enthalten, trotzdem würde ich der Neuübersetzung den Vorzug geben – was wenig damit zu tun hat, daß ich über den Übersetzer auch schon einen Beitrag veröffentlichen durfte,5 kommen doch die zwei Bände wohlgesetzt und proper in Leinen und Schutzumschlägen im Schuber daher; sogar auf das blaue Leinen abgestimmte Lesebändchen haben sie.

Dank der Cooper-Übersetzung von Robert Wohlleben habe ich nebenher einen intelligenten Verlag mit einem liebenswerten literarischen Museum, nämlich eben jene Achilla Presse und das „Krimimuseum“ in Stollhamm-Butjadingen entdeckt.

Im Internet war über den Verleger, Grafiker und Sammler Mirko Schädel und seinen Verlag bis auf einen kleinen Artikel von Eva Möllers im Börsenblatt wenig zu finden.6 Mittlerweile konnte ich u.a. folgendes erfahren: Mirko Schädel ist Anfang 40, gelernter Schriftsetzer und gründete den Verlag 1990 zusammen mit seinem Freund, dem Drucker Axel Stiehler. Seit 2000 ist er alleiniger Geschäftsführer. Bis dahin hatten beide - learning by doing - „wohl alle Fehler gemacht, die man machen kann“.7 Heute gibt der eingetragene Kaufmann Schädel je nach Lust und Laune sowie finanzieller Situation zwischen zwei und sechs Bücher im Jahr heraus. So sind im Lauf der Jahre rund 100 Titel zusammengekommen, meist amerikanische und englische Klassiker in Erst- oder Neuübersetzung, gelegentlich verwendet er auch alte Übersetzungen wie bei Thomas Bailey Aldrich, Die Tragödie von Stillwater, oder Edward Bulwer-Lytton, Kenelm Chillingly. Im Sortiment befinden sich merkwürdigerweise so gut wie keine Krimis und nur wenig Phantastik.

Phantastisch und vor allem makaber geht es in den grellbunten Büchern der Reihe „Mutabor“ zu. In der liebevoll gestalteten, ästhetisch sehr ansprechenden Reihe sind bisher erschienen: Arno Hach, Die Menschenhaut (vergriffen); Franz Kreidemann, Der Fluch; Leopold Günther-Schwerin, Der Kleptomane; als Doppelband 4-5 Hans Georg Wegeners Seltsamia. Sieben Geschichten diesseits und jenseits des Gefühls; Karl von Schlözer, Einst und jetzt. Zwei Erzählungen, und Leopold von Sacher-Masoch, Die Toten sind unersättlich. (Bibliomanen übrigens auch.) In Vorbereitung ist Band 8: Ladislaus Tarnowski, Der Dämon in der Apotheke, illustriert von Christoph Feist.


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„Die Reihe dient der erneuten Veröffentlichung trivialer, absurd-grotesker und makabrer Phantastik, die in den vergangenen 150 Jahren in Deutschland entstanden ist. Während Arno Hach seine Erzählung zu besten ‚Schlachtzeiten’ der französischen Revolution spielen läßt, ist Hans Georg Wegeners Seltsamia eine makabre Abrechnung mit den Verhältnissen des 1. Weltkriegs und unmittelbarer Fronterfahrung. Franz Kreidemann beschreibt Erlebnisse eines Menschen, der zu einer blutsaugenden und menschenfressenden Spinne mutiert ist, Der Kleptomane von Günther-Schwerin ist die absurde Geschichte eines Mannes, der sich allein mit Hilfe seiner Vorstellungskraft Dinge verschaffen kann, zum Beispiel die Juwelen aus einem Juweliergeschäft. Karl von Schlözer hingegen schilderte am Ende der 1880er Jahre auf eine humorvolle, preußische Art, wie es im Jahre 50.000 nach Christus um uns bestellt sein könnte, und Leopold von Sacher-Masoch schrieb mit Die Toten sind unersättlich eine typische Gespenstergeschichte des 19. Jahrhunderts, wie man sie wintertags gern am warmen Kaminfeuer lesen möchte.“ (Mirko Schädel.)


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Die Umschlaggestaltung, Satz und Layout selbstverständlich ebenfalls, besorgt Mirko Schädel selbst, gelegentlich gibt er auch Titelillustrationen in Auftrag, beinahe immer bei der Holzschneiderin Heike Küster.8 Zweiter „Hausgraphiker“ ist der Leipziger Christoph Feist.9 Seine expressiven mehrfarbigen Linolschnitte zum Kleptomanen beispielsweise wurden in Echtfarben gedruckt, so daß die Graphiken authentisch reproduziert sind. Weitere Illustratoren waren Sabine Willharm, Elke Graalfs und Nina Pegalies.

Ein hübsches, noch von Axel Stiehler initiiertes Experiment liegt mit der Oktav-„Mappe“ Open Mike vor. Sie enthält die „24 Besten des siebten Open Mike-Literaturpreises“ der literaturWERKstatt Pankow in schlichten Pappbroschüren mit jeweils 20 Seiten Text, gestaltet von Studenten des Aufbaustudiengangs Buchwissenschaft an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Graphisch sehr ansprechend ist ebenfalls Dr. F. Hamms Naturkundliche Chronik, eine Auswahl aus einer Sammlung von Unterhaltendem und Belehrendem aus dem 19. Jahrhundert, welche von Eckard Twistel direkt auf Montagefolie geschrieben und gezeichnet und von der Folie auf die Offsetplatte gebracht wurde; jede der vier Farben von einer anderen Folie, selbstverständlich.

Beworben werden die Produkte der Achilla Presse mit Hilfe der Website www.achilla-presse.de sowie mittels Rezensionen und Verlagsprogrammen, die Mirko Schädel gelegentlich drucken läßt und an Interessenten verschickt. Seit den Ausgaben von Bulwer-Lytton und Cooper 2009 erhalten die Bücher keine ISBN mehr. Mirko Schädel hat lange gezögert, diesen Schritt zu tun, doch Buchhandelsrabatte von bis zu 60 %, zwei Freiexemplare auf ein Dutzend bestellte und volles Remissionsrecht lassen kaum noch Gewinne zu bzw. zwingen zu einer Preisgestaltung, die Verkäufe von vornherein verhindert. Deshalb gibt es seine Bücher künftig nur noch direkt aus der eigenen Verlagsbuchhandlung.10

Für den Bibliophilen speziell erwähnenswert sind davon zwei Bibliographien. Zum einen ist das die Blochsche Bibliographie der Utopie und Phantastik (Erstausgabe Gießen 1984), die seit 2002 in der zweiten, um den Zeitraum 1650–1750 erweiterten Auflage vorliegt.11

Interessanter noch als diese, weil mit ca. 1.400 Abbildungen in Farbe aufwendiger und prächtiger, ist die Illustrierte Bibliographie der Kriminalliteratur [...] 1796-1945 von Mirko Schädel selber.12 Ihr Preis ist dem angemessen. Auf meine Frage, ob die Bibliographie der Kriminalliteratur irgendwann vielleicht billiger würde, erhielt ich leider die sybillinische Auskunft: „Nein, nur in Ausnahmefällen, wenn man mich nett darum bittet.“ Für weitere Informationen zu dieser Bibliographie soll hier nur auf die ausführliche Rezension 06-2-240 von Klaus Schreiber in: Informationsmittel (IFB): Digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft; www.bsz-bw.de/ifb verwiesen werden.


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Schwierigkeiten, wie sie Horst Kunze für das Auffinden und Bibliographieren von Trivialliteratur in Lieblingsbücher von Dazumal und Gelesen und geliebt beschrieb, dürfte Mirko Schädel kaum gehabt haben.13 Das Material für seine Bibliographie befindet sich nämlich in seinem eigenen, eingangs bereits erwähnten Krimimuseum. (Daher wohl auch die „krumme“ Jahreszahl 1796.) Robert Wohlleben beschreibt es wie folgt: „Direkter Eindruck von seinem Wesen (knorrig) und Anwesen (geräumiger Resthof mit VIEL Wind ums Haus in Butjadingen, zwischen Wesermündung und Jadebusen): HÄTTE was. Ich war zur Besprechung von Satzkorrekturen dort. In Bremerhaven vom Zug abgeholt, Spaziergang zur Weserfähre, sein Auto wartete auf der andren Seite. Konnte in einer feinen Gästewohnung übernachten. War HÖCHST beeindruckt von seinem Krimi-Museum, im ehemaligen Pferdestall eingerichtet. Da hat ein wirklicher SAMMLER gewirtschaftet.“ (Per Email am 05.10.2009 – so gut wie ein Schmidt-Zitat ...)

Die Bibliothek des ersten deutschen Museums zur Erforschung der Kriminalliteratur, kurz: Krimimuseum, das Mirko Schädel 2007 eröffnete, enthält etwa 5.000 von Schädel selbst zusammengetragene deutschsprachige oder ins Deutsche übertragene Werke der Kriminalliteratur „vom Groschenheft über Reclams Automatenbücher und Ausgaben der Illustrirten Criminal-Zeitung bis hin zur aufwendig gebundenen Lederschwarte“ aus der Zeit zwischen 1796 und 1945. In Vitrinen werden verschiedene Aspekte der Geschichte und Entwicklung der Kriminalerzählung und des Kriminalromans verdeutlicht. Der Verleger führt seine Gäste kostenlos durch die Ausstellung und erzählt ihnen auf Wunsch Wissenswertes, Unterhaltsames und Kurioses über die Kriminalliteratur sowie – wen wundert’s? – diverse kulturgeschichtliche Aspekte des Verlagsbuchhandels. (Nach Mirko Schädel.)


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Zu Die Monikins. Aus der Werbung.

„Cooper karikiert im Ich-Erzähler John Goldencalf einen seinerzeitigen – wie es heute gern heißt: – Globalisierungsgewinner und dessen Versuche, sich eine zerfallende Welt zurechtzureden. Deren Movens springt ihn aus der Phantastik einer antarktischen Affenzivilisation an:
‚Dollar – Dollar- Dollar’ nichts als ‚Dollar!’ ‚Fünfzigtausend Dollar – zwanzigtausend Dollar – hunderttausend Dollar’ – begegneten einem bei jeder Gelegenheit. Die Worte ertönten an allen Ecken – auf den Straßen - an der Börse – in den Salons – ja selbst in den Kirchen.“
„Ein Roman über die Verwirtschaftung der Gesellschaft und eine historische Satire der Gegenwart. Ein Buch über Seebären, Affenstaaten und gesellschaftlichen Einsatz.“

(19.10.2009.)


Anmerkungen
1 Bernd-Ingo Friedrich: „Bruder Chingachgook. Die Herrnhuter Indianermission und Coopers Lederstrumpf-Romane“. In: Sächsische Heimatblätter. Zeitschrift für sächsische Geschichte, Denkmalpflege, Natur und Umwelt. Chemnitz: Verlag Klaus Gumnior. 52. Jg. Heft 4/2006; S. 366-370.
2 James Fenimore Cooper: Die Monikins. Eine Mär. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Robert Wohlleben. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Christian Huck. Butjadingen-London-Cooperstown: Achilla Presse Verlagsbuchhandlung o. J. (2009). 2 Bde. 8°, je 336 S. Leinen, Schutzumschlag, Schuber; 48 Euro. NUR direkt vom Verlag zu beziehen.
3 Arno Schmidt: „Der Platz an dem ich schreibe.“ In: Das essayistische Werk zur deutschen Literatur in vier Bänden. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung. Zürich: Haffmanns Verlag 1988; Bd. 4; S. 341-345. Zu den Monikins auch: Ders.: Das essayistische Werk zur angelsächsischen Literatur in 3 Bänden. Zürich 1994, Bd. 1; darin „Cooper, der Lederstrumpf und Europa“; S. 47-50; Ebd.: „Nachwort zu Coopers Conanchet“, S. 83.
4 Zitiert nach: Robert Wohlleben: Zur Neuübersetzung der Monikins von James Fenimore Cooper. Ms. 2009. (Ungedruckt).
5 Bernd-Ingo Friedrich: „40 Jahre Meiendorfer Drucke. Eine kurz-bündige Lobrede.“ In: Marginalien 188 (4.2007); S. 42-47.
6 Eva Möllers: „Freigeist von Stollhamm.“ In: Börsenblatt - Wochenmagazin für den Deutschen Buchhandel. Frankfurt a.M.: Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels. Heft 40/2007; S. 32-34.
7 Sonntagsgespräch mit Juliane Seyfarth am 4. Okt. 2009 auf www.buchmarkt.de.
8 Heike Küster, geboren 1967 in Hamburg, 1985-88 Ausbildung zur Krankenschwester, 1993-99 Fachhochschule Hamburg, Fachbereich Gestaltung/ Illustration, seitdem freischaffend.
9 Christoph Feist, geboren 1973 in Erfurt, Schriftsetzerausbildung, Zivildienst, 1996–2001 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, 2001–03 Meisterschüler. Seit 2003 als Grafiker tätig.
10 Siehe dazu auch Seyfarth, Sonntagsgespräch.
11 Robert N. Bloch: Bibliographie der Utopie und Phantastik 1650–1950 im deutschen Sprachraum. Hamburg/ Gießen/ Friesland: Achilla Presse 2002.
12 Mirko Schädel: Illustrierte Bibliographie der Kriminalliteratur im deutschen Sprachraum von 1796–1945. Butjadingen: Achilla Presse 2006. Siehe dazu auch die ausführliche Rezension von Dieter Schmidmaier in: Marginalien 187 (3.2007) S. 72-74.
13 Horst Kunze: Lieblings-Bücher von dazumal. Eine Blütenlese aus den erfolgreichsten Büchern von 1750-1860. Zugleich ein erster Versuch zu einer Geschichte des Lesegeschmacks. München: Bei Ernst Heimeran (1938) und: Ders.: Gelesen und Geliebt. Aus erfolgreichen Büchern 1750-1850. Berlin: Rütten & Loening MCMLIX.

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