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Sektierer an der Uni „Wie ein stummes Schaf sein“


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Zum ersten Gottesdienst nahm er noch seine Eltern mit. Wenn an der UBF etwas faul wäre, würden sie es ihm schon sagen, dachte er. Doch seine Eltern konnten an dem, was sie gerade gesehen hatten, nichts Falsches erkennen, Thomas K. verwarf seine letzten Bedenken. Dass Eltern sich beruhigt zurücklehnen, sobald sie ihr flügge gewordenes Kind in einer Gemeinschaft wissen, in der Bibeltexte gelesen werden, kommt nicht selten vor; was die geistliche Gemeinschaft noch von ihrem Kind verlangt – danach fragen viele Eltern schon gar nicht mehr. In Cammans’ Sektenhandbuch beschreibt eine Mutter ihre Reaktion, als ihr Sohn ihr, noch ohne den Namen der Hauptorganisation zu nennen, zum ersten Mal von der UBF sprach: „Er berichtete von dieser ‚internationalen Studentengemeinde‘ und dass sie zur Evangelischen Allianz gehöre. Und hier setzt der Punkt an, wo ich beginne, mich fast zu schämen! Denn ‚international‘ passte sowieso in unser aufgeschlossenes Weltbild, und bei der ‚Evangelischen Allianz‘ dachte ich beruhigt an ‚harmlos‘ und ‚gut aufgehoben‘, mehr ‚evangelisch‘ als ‚Allianz‘ im Ohr habend.“

Hirte, Bibelschüler und Verlobte beim Gebet

Tatsächlich ist die UBF alles andere als harmlos: Die Sekte durchdringt das Leben ihrer Mitglieder, hält sie etwa zu Geldspenden und zur Heirat mit Partnern an, die der örtliche Missionsleiter für sie auswählt. Auch Thomas K. sollte nach zehn Jahren eine Frau aus der Sekte heiraten, wurde aber plötzlich für nicht mehr würdig befunden. Stattdessen sollte er als Missionar nach Uganda gehen. Als K. davon erfuhr, stieg er aus. Die Sekte versuchte noch, ihn zurückzuholen: „Einmal standen mein Hirte, mein Bibelschüler und meine Verlobte vor der Haustür und fingen an zu beten, ich möge doch den richtigen Weg zurückfinden. Das war sehr heftig!“ Heute arbeitet K. als Anwalt in Bonn. „Das Studium der Religionswissenschaften kam mir zunehmend sinnlos vor.“ Für organisierte Religiosität, gleich in welcher Form, kann er sich heute nicht mehr begeistern. Er habe zu lange gebraucht, um über die Zeit in der Sekte hinwegzukommen.

Christoph Rohde, Politikwissenschaftler aus München, leidet noch immer darunter, Mitglied einer Sekte gewesen zu sein. „Meine akademische Karriere habe ich mir als Obersektierer ruiniert und erst 2003 gemerkt, in was für ein Unheil ich geraten war.“ Rohde war seit 1992 Mitglied der Sekte „Boston Movement“, die heute als „Internationale Gemeinde Christi“ auftritt. Wie die UBF rechnet man auch „Boston Movement“ zu den Sekten, die einen Wortfundamentalismus prägen, ihre Mitglieder also durch ein strenges Bibelstudium eher intellektuell als emotional erreichen. Während die Inhalte komplex sind, bezeichnen Aussteiger die Hierarchien und Abläufe aber als simpel und klar strukturiert. „,Boston Movement‘ war damit vor allem attraktiv für Naturwissenschaftler, die manchmal in allen Lebensbereichen nach einem einfachen Ursache-Wirkungs-Prinzip suchen“, sagt Christoph Rohde. Für die UBF gilt offenbar Ähnliches: Die meisten Mitglieder seiner früheren Sekte seien Naturwissenschaftler gewesen, sagt Thomas K.

Heute berät er Aussteiger

Auch Rohde wurde zu Beginn seines Studiums angeworben: In München auf dem Bahnsteig fragte ihn ein Mann, ob er nicht einmal zum Bibelstudium mitkommen wolle. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann ging Rohde zum Studium nach München, fand dort aber niemanden, mit dem er über Religion und Weltanschauung sprechen konnte. Rohde war Katholik und sagt, der oberflächliche Glaube vieler Christen habe ihn als jungen Mann schwer enttäuscht und dazu gebracht, nach etwas Tieferem zu suchen. Rohde fiel auf das „Love Bombing“ herein, er trat der Sekte bei, studierte ihre Lehre, schaffte irgendwie seinen Magister, ließ die Promotion aber schleifen. Er machte das Weltbild von „Boston Movement“ zu seinem eigenen und spricht heute unter Scham davon, wie er versucht hat, Homosexuelle mit Worten aus der Bibel zu bekehren. 2003 stieg Rohde aus. Der Rundbrief eines Mitgliedes hatte zuvor Finanzbetrügereien der amerikanischen Sekten-Leitung aufgedeckt und dafür gesorgt, dass „Boston Movement“ in sich zusammenfiel. Neben seiner Arbeit als Wissenschaftler hat sich Rohde zum Seelsorger ausbilden lasse. Heute berät er Sekten-Aussteiger.

Andrew Schäfer, Pfarrer und Beauftragter für Sekten:

„Eine erste Anlaufstelle kann der Studentenpfarrer sein“

Woran erkennt man Sektierer auf dem Campus?

Da sich dort viele Gruppen tummeln, die ganz unterschiedliche Lebensformen vertreten, ist das nicht einfach. Grundsätzlich aber gilt: Sämtliche Seminarangebote, die versprechen, alle Probleme bearbeiten und alle Fragen beantworten zu können, sind unseriös.

An wen sollte man sich wenden, wenn man Sektenmitglied ist und aussteigen will?

Eine erste Anlaufstelle kann der Studentenpfarrer sein. Dann gibt es viele, vor allem kirchliche Sektenberatungen, etwa die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin (Telefon: 030/283950) oder unser Referat Sekten- und Weltanschauungsfragen in Düsseldorf (0211/3610252). Beratung ist unser Schwerpunkt, auch außerhalb des Rheinlandes.

Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind in einer Sekte ist?

Das Kind verbringt immer mehr Zeit in einer Gruppe, von der man sich nur schwer ein Bild machen kann. Es bricht alte Beziehungen und Freundschaften ab und hält bestimmte Regeln rigide ein.

Wie sollten Eltern reagieren?

Zuerst: keine Panik. Dann sollten sie sich Informationen beschaffen und von Sektenfachleuten beraten lassen. Wichtig ist, den Kontakt zum Kind nicht abreißen zu lassen. Eltern sollten interessiert das Gespräch suchen und zuhören, nicht abschätzig über die Gruppe reden, auch sich selbst in Frage stellen lassen. Sie sollten das Kind nach seiner Motivation fragen, ihm keine Vorwürfe machen und abwarten, bis es selbst erste Zweifel entwickelt.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 11.04.2007, 00:02 Uhr