30.05.2009, 17:52  von Thomas Jäkle

SAP hat "Klosteruni" endgültig zugesperrt

Bild: SAP

Fast lautlos wollte der deutsche Software-Konzern SAP die Tore seiner SAP Business School zusperren. Die einst auch mit Bundesmitteln großzügig geförderte "SAP-Uni" wurde selbst zur Überraschung ihres langjährigen Leiters geschlossen. Die Überreste der SAP-Lehre wurden nach Wien verbracht.

Spätestens nach dem Abgang von SAP-Vorstand Henning Kagermann sowie der „alten Führungsriege" bei SAP Österreich besteht offenbar seitens des deutschen Softwarekonzerns kein Interesse mehr, die SAP Business School in Klosterneuburg fortzuführen, heißt es in gut unterrichteten Kreisen, die dem Unternehmen nahe stehen.

Das Arbeitsmarktservice (AMS) hatte in den vergangenen Jahren arbeitslos gemeldete IT-Experten für die teilweise teuren und qualitativ hochwertigen Schulungen nach Klosterneuburg geschickt. Zu Zeiten der schwarz-blauen Regierung flossen stets großzügig Fördergelder in die Füllhörner der Dependance des deutschen Softwarehauses. Auch Sommerkurse mit Schülern, Studienanfängern oder Studenten wurden großzügig vom damaligen BMVIT sowie vom Wissenschaftministerium gesponsert.
Honoratioren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ließen sich gerne in den Beirat der Business School nominieren.

Das Ende nach siebeneinhalb Jahren
Im Herbst 2001 wurde mit Verve die "SAP-Uni" eröffnet. Die Verantwortlichen Konzernherren waren stolz, wurde diese Bezeichnung gewählt. Denn erst ein wenig später bekam SAP auch die akademischen Anerkennung. Absolventen des Wirtschaftsinformatik-Lehrgangs beakmen auch ab 2002 den MBA (Master of Business Administration) staatlich anerkannt.
Ende März 2009 machte SAP ihre Uni hinter den Klostermauern endgültig dicht. Lehrgänge oder mehrsemestrige Module, die noch nicht abgeschlossen waren, werden im Education Center von SAP Österreich in Wien abgeschlossen, erklärte SAP-Sprecherin Yvonne Masopust.

Die Gründe für die Schließung der einst von vielen Seiten gepuschten SAP-Uni sind vielschichtig. "Der Zehnjahres-Pachtvertrag ist im Frühjahr abgelaufen", sagte SAP-Sprecherin Masopust. Gestartet hatte das einst verheißungsvolle Business School aber erst im Herbst 2001.

SAP stellt Profitabilität auf den Prüfstand
Vielmehr wurde im Frühjahr die Profitabiliät auf den Prüfstand gestellt. "Die Bildungslandschaft ist durch die weltweite Krise starken Veränderungen unterworfen", erklärte die SAP-Sprecherin, "kaum ein Unternehmen schickt seine Mitarbeiter derzeit noch mehrere Tage auf eine Schulung." Offenbar haben MBA-Programm und die unterschiedlichen in Module der angebotenen Lehrgänge nicht mehr die notwendige Resonanz gefunden.

Um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben, hat auch SAP Österreich sein Bildungs- und Weiterbildungsangebot neu strukturiert. Und die SAP Business School in Klosterneubeurg somit geschlossen. „Der Trend geht verstärkt in Richtung E-Learning und komprimiertes Lernen. Darauf haben auch wir reagiert und unsere Programme und Lehrgänge dahingehend adaptiert, um die veränderten Anforderungen in Sachen Weiterbildung erfüllen zu können", ließ Andreas Muther, Geschäftsführer der SAP Österreich in einer Aussendung mitteilen.

Erst in der Vorwoche hat der Verband der österreichischen Softwareindustrie (Vösi) lamentiert, dass es an IT-Fachkräften mit speziellen Fähigkeiten fehle. Fähigkeiten, die etwa in der SAP Business School gelehrt wurden. Auch Microsoft wird nicht müde zu erklären, dass es an IT-Experten mangle. Bis zu 1000 hochwertige Jobs seien derzeit in der IT-Industrie zu vergeben.

Schlechte Umgebung
Mitentscheidend für die Schließung der SAP-Lehranstalt sei auch die mangelnde Infrastruktur in Klosterneuburg gewesen. "Es gibt dort halt zu wenig Hotels und Restaurants, die den Ansprüchen der Studien- und Kursteilnehmer genügen", sagte SAP-Sprecherin Masopust. Schulungsteilnehmer hatten sich demnach zunehmend beschwert bei zwei- und mehrtägigen Seminaren nach Wien pendeln zu müssen.

Am Anfang Vorschußlorbeeren
Die SAP Business School hatte kurz nach ihrem Start im Herbst 2001 im Folgejahr die akademische Anerkennung bekommen. Studiengänge wurden als postgraduale Ergänzungsstudien staatlich anerkannt. Schon im Jahr 2001 wurden MBA-Studiengänge für Wirtschaftsinformatik in Kooperation mit der Universitt Innsbruck, später mit der Universität Linz angeboten.
Die Studenten kamen aus Österreich, Deutschland, Polen sowie den Balkanstaaten. Nach  Klosterneuburg sollten mit einem breiten speziellen Lehrangebot IT-Experten aus Österreich und der ganzen Welt angelockt werden, um den SAP-Cosmos zu lehren.

Prominenz gibt sich die Ehre
Ebenso regelmäßig statteten die SAP-Vorstände, unter anderem Ex-Vorstandschef Hasso Plattner, Henning Kagermann, später auch der jetzige SAP-Vorstandschef Léo Apotheker sowie die Expertern der zweiten Führungsriege in der SAP-Eliteschmiede ihre Besuche ab - um zu unterrichten.
August-Wilhelm Scheer, Gründer von IDS Scheer und bis heute Hauptaktionär und Aufsichtsrat des IT-Unternehmens, Professor an der Universität des Saarlandes sowie Intimus der SAP-Vorstände, war ebenso häufiger Gast und Lehrender in der SAP-Uni. Als legendär wurden auch seine Jazz-Konzerte bezeichnet, die neben der Lehrtätigkeit in der SAP-Uni abgehalten wurden. Aber auch etliche Poltiker und Wissenschaftler ließen es sich in den zurückliegenden acht Jahren nicht nehmen an den Veranstaltungen und Symposien teilzunehmen.

Rektor überrascht
Der einstige Leiter der SAP Business School, Wolfgang Mathera, sei vom Entschluss, dass die SAP-Uni geschlossen werde, „kalt" erwischt worden, heißt es in informierten Kreisen. Der zum Professor ernannte Mathera, der das SAP-Schulungszentrum fast ein Jahrzehnt geführt hatte, ist mit der Auflösung der SAP Business School nicht mehr auf der Gehaltsliste des deutschen Softwarehauses.

Mit Mathera Consulting hat er sich eine eigene Existenz gegründet. Er bleibt nach Aussagen von SAP-Sprecherin Masopust aber als externer Lehrbeauftragter in Diensten der SAP. Die noch nicht abgeschlossenen Lehrgänge, die erst im Jahr 2010 abgeschlossen werden können, wir Mathera als Lehrbeauftragter in Wien weiterhin betreuen und lehren.

Aufgemascherlt und zugesperrt
Die von SAP einst renovierten Schulungsräume in den Gemäuern des Stifts Klosterneuburg stehen seit Anfang April leer. Selbst die Möbel seien entfernt worden. Das Softwarehaus spart sich nach Angaben von eingeweihten Kreisen alleine rund 25.000 € monatliche Mietkosten. Das gesamte Gebäude wurde vor gut zehn Jahren auf SAP-Kosten revitalisiert und mit neuester Technologie ausgestattet.

Ein Blick auf die ehemalige Internetseite beweist, dass SAP bereits das Kapitel "SAP-Klosteruni" zugeschlagen hat. Die einstige Website der SAP Business School gleicht heute quasi einem Torso und ist bestenfalls eine „Internet-Datenleiche".

Das WirtschaftsBlatt 3 Wochen gratis testen
» Jetzt kostenlos bestellen

Der Trend geht verstärkt in Richtung E-Learning und komprimiertes Lernen.

Andreas Muther, Geschäftsführer der SAP Österreich

SAP/images/uploads/f/5/4/1101652/SAP_320090528211457.jpgEinst hoch gelobt, nun Streichresultat: Einnahmen und Ausgaben hat SAP im eigenen SAP-Programm offenbar abgerechnet und befunden, dass die "Kostenstelle SAP Business School" kein profitables Geschäft mehr ist. Und der Staat ist halt auch nicht mehr so spendabel wie zur schwarz-blauen Regierung.224

Kaum ein Unternehmen schickt seine Mitarbeiter derzeit noch mehrere Tage auf eine Schulung.

Yvonne Masopust, SAP-Sprecherin

Mehr aus dem Web

WERBUNG

Kommentare

1 Kommentare

Verbleibende Zeichen: 1500

Ein Musterbeispiel an Nicht-Kommunikation. Statt aktiv den Rückzug aus Klosterneuburg zu kommentieren kommt das ganze in Form eines -kritischen- Artikels hoch. Dem angeschlagenen Image der SAP nach der Diskussion über die Wartungsgebühren ist das nicht förderlich - das positive an der Arbeit der letzten Jahre im Bereich Ausbildung/Wissenschaft geht unter. Es muß auch nicht alles richtig sein, was da geschrieben wrid.

verfasst am 03.06.2009, 11:18