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Timeline - Was war, was ist, was kommt?

Aktualisiert am: 13 Juli 2015

Wie fing das alles an? Wie sieht das jetzt aus? Und wo führt das hin? Der Journalist und Autor Mario Sixtus schnappt sich Vergangenheit und Gegenwart und extrapoliert daraus zu verschiedenen Themen jeweils eine mögliche Zukunft. Technologie, Gesellschaft, Weltgeschichte: Timeline zeigt Eckdaten für Wege ins Übermorgen.

Timeline - Das Klima

Die Erde heizt sich auf - der Mensch ist schuld. Bei der diesjährigen UNO-Klimatagung in Lima blieb es dennoch bei Absichtserklärungen und Unverbindlichkeiten. Steht die echte Klimakatastrophe noch aus? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus

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40.000 v. Chr.

Für Langstreckenfußgänger ist so eine Kaltzeit eine praktische Angelegeneheit: Die überall herumliegenden Gletscher und Eisschilde binden eine Menge Wasser, was für einen Meeresspiegel sorgt, der rund 100 Meter niedriger ist als etwa der des 21. Jahrhunderts. Die spätere Nordsee ist keine See sondern Flachland, und die britischen Inseln sind keine echten Inseln. Eine Landzunge namens Beringia verbindet Asien und Nordamerika miteinander, was interkontinentale Fußmärsche ermöglicht.

Der aus Afrika stammende Steppenaffe Homo Sapiens ist gut zu Fuß, und er kommt erstaunlicherweise hervorragend mit dem kühlen Wetter klar. In dieser Kaltperiode besiedelt der fast haarlose Zweibeiner nahezu alle Kontinente und vertreibt dabei verwandte Affenarten wie den sogenannten Neanderthaler. Die Geschichte der Menschheit beginnt mit einem Klimaphänomen.

 

3.000 v. Chr.

Die Sumerer sind die erfolgreichsten Kulturexporteure der Frühzeit. Ihr Exportschlager ist die Keilschrift, jenes erste buchstabenbasierte Schriftsystem, das die Akkader, Babylonier, Assyrer, Hethiter und Perser begeistert adaptieren.

Auch sehr erfolgreich als frühes Mem ist der Wettergott “Iškur”, der später als semitische Inkarnation “Hadad” heißt, bei den Phöniziern “Ba’al”, und der irgendwann bei den Römern als “Iupiter Dolichenus” einen neuen Job als fürs Wetter zuständiger Soldatengott bekommt.

In welcher Götterwelt der Wettergott sich auch breit macht: Er gehört überall zu den Mächtigsten. Denn wer Macht genug hat, um über Sturm, Regenfälle und Donner zu herrschen, der hat auch Macht über Leben, Tod und den ganzen Rest, lautet die Schlussfolgerung.

 

1592

Das Gerät, das Galileo Galilei bastelt, funktioniert nur rudimentär, und doch ist sein aus einem Flüssigkeitszylinder und einigen Schwimmkörpern bestehendes Thermometer ein entscheidender Schritt zur wissenschaftlichen Wetteranalyse. Galileos Schüler Evangelista Torricelli baut rund fünfzig Jahre später das erste Barometer, mit dem der französische Physiker Blaise Pascal dann feststellt, das der Luftdruck mit zunehmender Höhe abnimmt.

Mit den Atlantikschiffen, die zwischen Europa und Amerika hin und her segeln, kommen auch die großen Seeschlachten in Mode. Über deren Ausgang kann das Wissen über die lokalen Wetterbedingungen von großer Bedeutung sein. Wettervorhersagen sind somit Militärangelegenheiten, denn gegen das falsche Wetter kommen die besten Waffen nicht an.

 

1827

Minus 19 Grad müsste die durchschnittliche Erdtemperatur eigentlich betragen. Zu diesem Ergebnis kommt der französische Mathematiker Joseph Fourier immer wieder, egal auf welchem Weg er rechnet. Tatsächlich allerdings ist die Erde im Mittel 14 Grad warm. Die einzige Erklärung: Irgendein Stoff in der Erdatmosphäre müsse die Wärme festhalten und verhindern, dass sie ins All entweicht, sinniert Fourier. “Treibhaus-Effekt” nennt er dieses Phänomen.

Es dauert bis zum Jahr 1895, bis dieser Stoff identifizert wird. Der schwedische Chemiker Svante Arrhenius kommt auf die richtige Spur: Kohlenstoffdioxid, kurz CO2, so überlegt er, könnte die ultraroten Wärmestrahlen des von der Erdoberfläche reflektierten Lichts absorbieren. Was bedeutet: Durch viel Kohlenstoffdioxid in der Luft könnte sich das Erdklima aufheizen.

Zu diesem Zeitpunkt verfeuern die Menschen schon beachtliche Mengen Kohle, was Arrhenius zu einer fröhlichen Prognose verleitet:

Der Anstieg des CO2 wird zukünftigen Menschen erlauben, unter einem wärmeren Himmel zu leben.

Zukünftige Menschen werden diesen “wärmeren Himmel” allerdings keineswegs als derart positiv bewerten.

2014

In der Wissenschaft herrscht inzwischen Einigkeit: Die Erde heizt sich auf, und der Mensch ist die Ursache dafür.

Die prognostizierten und teilweise bereits zu beobachtenden Folgen der Erderwärmung: Meereis- und Gletscherschmelze, Meeresspiegelanstieg, das Auftauen von Permafrostböden, wachsende Dürrezonen und zunehmende Wetter-Extreme mit entsprechenden Rückwirkungen auf die Lebens- und Überlebenssituation von Menschen und Tieren.

Doch auch diese düsteren Aussichten können die internationalen Abgesandten auf der UNO-Klimatagung in Lima nicht dazu bewegen, verbindliche Maßnahmen gegen die globale Erwärmung zu beschließen. Es bleibt bei Absichtserklärungen und Unverbindlichkeiten.

Die Pessimisten unter den Klimaschützern glauben, damit sei die letzte Chance vertan, die Klimakatastrophe abzuwenden.

 

2019

Von Beginn der Klimadebatte an gibt es Zweifler, die den Klimaforschern vorwerfen, sich zu irren oder Daten falsch zu interpretieren. Und sie haben Recht: Die Prognosen der Klimatologen sind viel zu optimistisch. Ganz offensichtlich schickt sich das Erdklima gerade an, einen sogenannten Klimasprung zu vollziehen, einen rapiden Wechsel der Wetterbedingungen in allerkürzester Zeit.

Binnen fünf Jahren steigt die planetare Durchschnittstemperatur um beinahe ein Grad. Die Auswirkungen sind katastrophal: Gletscher und Polkappen tauen. Kopenhagen, Amsterdam, New York, Hong Kong und etliche andere Metropolen sind zu einem großen Teil überschwemmt. In Südeuropa herrscht eine anhaltende Dürre, die ganze Landstriche in Wüsten verwandelt. Die Trinkwasserversorgung ist an vielen Orten zusammmengebrochen. Wer es sich leisten kann, macht sich auf den Weg in die skandinavischen Länder, wo die Temperaturen noch etwas erträglicher sind.

 

2021

Schwefel soll es richten. Bereits 2006 hatte der Nobelpreisträger Paul Crutzen eine Schwefelkur fürs Erdklima vorgeschlagen, welche die Atmosphäre abkühlen soll. Der Plan: In einer Höhe zwischen 10 und 50 Kilometern sollen Schwefelpartikel das Sonnenlicht reflektieren. Zwar nur um wenige Prozent, aber das soll genügen, um die Erde ein oder zwei Grad abzukühlen.

Drei Gramm Schwefel in der Stratosphäre wiegen eine Tonne CO2 auf

sagt David Keith von der University of Calgary in Kanada. Die USA und Russland rüsten Hunderte ihrer Interkontinentalraketen zu Schwefelstreuern um. Drei Jahre dauert die Aktion und bringt - nichts. Im Gegenteil: Die Überschwefelung der Stratosphäre scheint die sowieso schon angekratzte Ozonschicht weiter geschädigt zu haben: Weiltweit häufen sich die Hautkrebsfälle.

2025

Die rapide gestiegene UV-Strahlung scheint noch andere Effekte mit sich zu bringen: Immer mehr Männer im zeugungsfähigen Alter sind unvermittelt unfruchtbar. Aber vielleicht sind es auch der Stress und die Todesangst, die spermienzersetzend wirken.

Die menschliche Zivilisation bröckelt: Kraftwerke fallen aus, mit ihnen Klimaanlagen und Kühlhäuser. Die Versorgung mit Lebensmitteln wird unzuverlässig. Malaria und andere Tropenkrankheiten breiten sich über Zentraleuropa und Nordamerika aus. Die Krankenhäuser sind darauf nicht vorbereitet. Um das Allerschlimmste zu verhindern, stellen die Regierungen ganze Städte unter Quarantäne, was einem Todesurteil für die dort Lebenden gleichkommt.

 

2031

Krankheit und Hunger haben die Bevölkerung auf vier Milliarden schrumpfen lassen - und es kommt kaum noch Nachwuchs zur Welt. Die Wirtschaft liegt am Boden: Warentransport, Energieversorgung, Telekommunikation, Lebensmittellagerung: Auf diese Klimabedingungen sind alle diese Systeme niemals vorbereitet gewesen.

Einige Hyperreiche haben ein großes Areal in Grönland gekauft und abgezäunt, um sich in den dort herrschenden milden Temperaturen einzurichten. “Money Land” nennen die verbliebenen Medien dieses Projekt. Das Interesse an den Reichen und ihrer Wohlstandsinsel hält sich allerdings in Grenzen: Die meisten Menschen sind mit Überleben beschäftigt.

2042

Drei Grad hat die Temperatur seit 2015 zugelegt. Die Antarktis ist eisfrei, der Meeresspiegel ist um 66 Meter gestiegen. Dänemark, die Niederlande und Norddeutschland liegen unter Wasser. Die staatlichen Infrastrukturen sind zusammengebrochen. Die meisten Menschen leben inzwischen eine Art nomadisches Leben. Sie plündern, was von der Zivilisation übrig blieb und üben sich ansonsten in Jagen und Fallenstellen. Niemand kann mehr zählen, wie viele Menschen es noch gibt, aber es sind wohl nur noch einige Millionen.

Den Bewohnern von “Money Land” geht es vergleichsweise gut: Sie haben noch ein paar Energiereserven und können sich angestellte Jäger leisten. Doch ihr größtes Problem ist das aller Menschen: Sie haben keinen Nachwuchs. “Money Land” ist eine Art bewachtes, isoliertes Seniorenheim für Milliardäre.

 

2074

Sören Hedelund ist der Letzte. Die Einwohner von “Money Land” sind schon lange tot, trotzdem sitzt er bis heute jeden Tag in dem Pförtnerhäuschen, um den Schlagbaum für eventuelle Besucher zu öffnen. Doch es kommen keine Besucher. Es leben keine Menschen mehr auf der Erde. Und auch Sören ist alt. Eines Abends schläft er sanft ein.

 

454.000

Für Langstreckenfußgänger ist so eine Kaltzeit eine praktische Angelegenheit: Die überall herumliegenden Gletscher und Eisschilde binden eine Menge Wasser. Der aus Südamerika stammende Brüllaffe Homo Aluate ist gut zu Fuß. In dieser Kaltperiode besiedelt der haarige Zweibeiner nahezu alle Kontinente.

Illustrationen: Cris Olano

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Timeline - Das hochgeladene Ich

Unser Gehirn wird am Computer simuliert und seine Funktionen dorthin ausgelagert. Das erforscht das Human Brain Project im Auftrag der EU. Der Physiker Stephen Hawking ist von der Idee längst überzeugt. Wird der Mensch mit dem sogenannten Mind-Uploading zum rein digitalen Wesen? Ist das ein Schritt Richtung Unsterblichkeit? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus

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800 v.Chr.

108 Upanishaden gibt es. Sie gehören zu den Schriften, die den Hindus besonders heilig sind. Während sich ältere schriftliche Lehranweisungen mit Opferritualen und ähnlichem irdischen Regelwerk beschäftigen, zählen die Upanishaden zu den philosophischen Schriftstücken. Das kann schonmal so klingen:

Jenseits ist Fülle,

Diesseits ist Fülle,

Aus Fülle kommt Fülle hervor.

Nimmt man die Fülle aus der Fülle,

So bleibt nichts als Fülle!

Bekannt geworden sind die Upanishaden dafür, das Konzept von Seelenwanderung, Wiedergeburt und Karma zu erläutern. Glaubt man den Upanishaden, werden alle Menschen fortwährend in unterschiedlichen Körpern wiedergeboren, so lange jedenfalls, wie sie nicht zu höherer Einsicht und Reinheit gelangen. Ein mühsamer Prozess.

Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer ist zwar kein Anhänger der Wiedergeburtslehre, dennoch bezeichnet er die Upanishaden als

die belohnendeste und erhebendeste Lektüre, die auf der Welt möglich ist: ie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein.

 

528 v.Chr.

Er sitzt unter einer Pappelfeige, als Hass, Gier und Unwissenheit von ihm abfallen. So erzählt es zumindest die Überlieferung. Unmittelbar nach dieser Erleuchtung verpasst Siddhartha Gautama, auch als Buddha bekannt, dem Hinduismus und dessen Wiedergeburtslehre ein entscheidendes Update: In der buddhistischen Lehre ist es fortan nicht mehr ein und dieselbe Person, die nacheinander in unterschiedlichen Körpern inkarniert, vielmehr lehnt Buddha sowohl das Konzept einer wie immer gearteten “Seele” als auch die Idee eines beständigen “Ich” komplett ab.

Der Schweizer Max Ladner, der über Schopenhauer und Nietzsche zum Buddhismus gelangt ist, beschreibt das neuartige Ich-Konzept Buddhas im Jahr 1946 so:

Wenn wir die Persönlichkeit, wie sie in Erscheinung tritt, als ein seiendes, bleibendes Wesen ansehen würden, wäre das offensichtlich ein Irrtum, denn in Wirklichkeit bestehen wir aus einer steten Aufeinanderfolge von Bewusstseins-Momenten, d.h. unser Wesen besteht nur solange, als ein Bewusstseins-Moment besteht. Der vergehende Moment gebiert schon wieder einen neuen, nicht den gleichen, aber auch keinen völlig anderen, denn der eine ist Bedingung für den anderen.

Mit der Idee, es gebe gar keine konstante Persönlichkeit, und das statische “Ich” sei lediglich eine Illusion, bewegt sich die buddhistische Lehre damals bereits erstaunlich nahe an späteren Erkenntnissen der Neuro- und Geisteswissenschaften des ausklingenden 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Der Philosoph Thomas Metzinger stellt beispielsweise 1995 fest:

Genau genommen gibt es das Ich nicht. Es ist eine Illusion. Das Gehirn erzeugt sie, um sich besser in der Welt orientieren zu können. Wenn man ein gutes inneres Bild davon hat, wer man ist, woher man kommt und wohin man geht, dann ist es einfach viel leichter, auf Reize zu reagieren, Pläne zu schmieden oder schwierige Entscheidungen zu treffen. Evolutionär gesehen war es also nur sinnvoll für den Organismus Mensch, ein solches Werkzeug zu entwickeln. Aber es gibt keinen inneren Kern, keine unsterbliche Substanz, die all dem zugrunde lägen.

 

1971

In wissenschaftlichen Kreisen gilt der amerikanische Alterungsforscher George M. Martin als Koryphäe. Im Juli 2000 verleiht ihm der Welt-Alzheimer-Kongress einen Preis für sein Lebenswerk. Außerhalb seines Fachgebietes, im medialen Sektor der Populärwissenschaft, wird Martin nie bekannt. Dabei hat er schon sehr früh futuristische Konzepte entwickelt, die solchen des späteren Bestseller-Autors Ray Kurzweil sehr ähnlich sind. In einem wissenschaftlichen Papier beschreibt er beispielsweise bereits 1971 die Möglichkeit einer Übertragung des menschlichen Bewusstseins in einen Computer. Für Martin ein äußerst erstrebenswerter Schritt:

Wir wären dann, als eine Familie von post-somatischen, bio-elektrischen Hybriden in der Lage, in einer Geschwindigkeit zur kulturellen Evolution beizutragen, die alles nun Vorstellbare übertrifft.

Im Jahr 2013 erhält Martins Idee Unterstützung vom Physiker Stephen Hawking. Er ist der Überzeugung:

Das menschliche Gehirn ist wie ein Computer, in dem das Bewusstsein als Programm abläuft. Daher muss es möglich sein, ein Gehirn in einen Computer zu übertragen und ihm auf diese Weise eine Art Leben nach dem Tod zu bescheren.

2007

Schon nach zwei Jahren kann das “Blue Brain Project”, welches das Gehirn verstehen und es in Computern nachmodellieren möchte, einen ersten, kleinen Erfolg vermelden: Das Forschungsprojekt der Schweizer École Polytechnique in Lausanne und dem amerikanischen IT-Beratungsunternehmen IBM gibt bekannt, es habe die vollständige Simulation einer neokortikalen Säule auf zellulärer Ebene erreicht. Dieser Teilerfolg bezieht sich allerdings auf das Hirn von Ratten, dessen kortikale Säulen circa 10.000 Nervenzellen besitzen, anders als beim menschlichen Hirn, bei dem diese Säulen aus 60.000 Neuronen bestehen.

Das Nachfolgeprojekt auf EU-Ebene nennt sich “Human Brain Project” und will nicht weniger als das gesamte Wissen über das menschliche Gehirn zusammentragen und es mittels computerbasierten Modellen und Simulationen nachbilden. 1,2 Milliarden Euro und zehn Jahre hat es dafür zur Verfügung.

 

2018

Ein Vermögen hat die Industriellenerbin Elisa Boyd in die Forschung und Entwicklung einer Mind-Uploading-Technologie investiert. Sie hat Unternehmensanteile verkauft und riesige Aktienpakete an der Börse platziert, um die fähigsten Forscher anzuheuern und ihnen die bestmöglichen Gerätschaften zur Verfügung zu stellen. Jetzt soll sich all das auszahlen. Alt und sterbenskrank, mit einer Aussicht auf wenige Monate Restlebenszeit, schieben Boyds Angestellte ihren Körper in die nach ihr benannte “Elisa-Röhre”, wo ein Scan ihres Gehirns vorgenommen wird. Zelle für Zelle überträgt die Elisa-Röhre auf ein Servernetzwerk im gleichen Gebäude. Der Vorgang ist endgültig: Der Scanner vernichtet während des Analysevorgangs Elisa Boyds Hirngewebe.

Schon nach kurzer Zeit kann die Weltöffentlichkeit Elisa Boyd in einer virtuellen Welt bestaunen, in einer Art Schlossgarten, wo sie Interviews gibt: Ja, dieser simulierte Körper fühle sich für sie wie ein echter an. Nein, sie habe nicht den Eindruck in einer Maschine zu existieren. Ja, der Übergang in die digitale Existenz war das bemerkenswerteste Ereignis in ihrem Leben. Und: Ja, hier ist noch Platz für viele, viele weitere Digitalisierte.

Kurz nach diesen ersten Live-Interviews mit Nachrichtensendungen aus aller Welt geht Elisa Boyds Unternehmen, die Excarnation Inc., mit ihrem Eröffnungsangebot online: Knapp 300.000,-- Dollar soll das Einscannen via Elisa-Röhre kosten, inklusive Computerspeicherplatz auf Lebenszeit.

2022

Rund 100.000 Menschen sind inzwischen Elisa Boyd in den Rechner gefolgt. “Boyd-Buddies” oder kurz “BBs” nennen die Medien sie. Die BBs begründen einen eigenen Wirtschaftszweig: virtuelle Wohnungen, virtuelle Kleidung, Körperverbesserungen und -erweiterungen wollen entwickelt und gestaltet werden. Viele der Designer, die zuvor Games-Welten konstruierten, bauen nun virtuelle Heimstätten für die meist wohlhabenden Boyd-Buddies.

Im September erklärt die World Interlectual Property Organisation (WIPO) das Patent der Excarnation Inc. auf die Elisa-Röhren für nichtig. Das Unternehmen habe lediglich bereits vorhandene Technologien angewendet und keine neue Erfindung beigesteuert, befindet die WIPO.

Etliche Unternehmen, die sich bisher aus Angst vor langen Rechtsstreitigkeiten zurückgehalten hatten, bieten nun ebenfalls Mind-Uploading an. Die Preise brechen ein. Schon bald kann man sich für wenige Tausend Dollar digitalisieren lassen.

 

2028

Einige Millionen Boyd-Buddies leben inzwischen in digitalen Welten, in simulierten Lebensumgebungen, die der Offline-Welt sehr ähnlich sind. Neurowissenschaftler halten diese Simulationen von Körper und Umwelt für unbedingt notwendig; ohne diese könnten die BBs ihren Verstand verlieren, fürchten sie.

Ob fleischliche oder digitale Existenz: das Unbekannte ist für Menschen verlockend. In einer australischen Forschungseinrichtung wollen acht BBs kurzfristig auf ihre virtuelle Lebensumgebung und auf ihre Körpersimulationen verzichten und stattdessen ihren Programmen eine direkte und vollständige Kommunikation miteinander ermöglichen - ganz ohne Sprache oder Text.

Das Experiment verläuft unerwartet: Schon wenige Augenblicke nachdem die acht BBs sich direkt miteinander vernetzt haben, sind sie für die beobachtenden Forscher nicht mehr als unterschiedliche Persönlichkeiten identifizierbar. Sie reagieren wie ein einziges Wesen. Kurz darauf scheinen sie sich in etwa zwanzig einzelne Individuen aufgesplittet zu haben, die nach wie vor intensiv miteinander kommunizieren. Dann sind drei BBs messbar, dann mehr als zweihundert, achthundert, siebzehn und dann wieder eins.

Die Forscher sind ratlos. Die BB-Gruppe, die ihre Größe nach wie vor ständig verändert, kommuniziert zwar per Sprachausgabe mit ihnen, aber die Verständigung ist schwierig. Den BBs fehlen die Vokabeln, um ihre neuen, unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Bewusstseinszustände zu beschreiben. Es fehlt ja schon ein Begriff, der etwas ausdrückt, das zwischen “ich” und “wir” liegt - oder auch beides bedeutet. Viele Begrifflichkeiten fehlen auf einmal. Die vernetzten BBs und die Menschen werden sich fremd.

 

2032

“IT” nennt sich das Konglomerat aus vernetzten BBs, was wohl auf einen gewissen Humor schließen lässt, denn das bedeutet einerseits “ES”, was fast schon mythisch nach heiligem Geist klingt, andererseits steht IT schlicht für Informationstechnologie.

Mehr als tausend BBs haben sich mittlerweile dem Kollektivwesen IT angeschlossen und täglich werden es mehr. Die Kommunikation mit der Wesenheit ist schwierig; ihre Erlebniswelt scheint mit der menschlichen Sprache - und vermutlich auch mit dem menschlichen Geist - nicht mehr erfahrbar.

Im August findet ein großer, internationaler Kongress der verschiedenen Religionen statt. Man will klären, ob es mit IT etwas Göttliches auf sich hat, oder ob es vielleicht eine höhere Form des Seins darstellt, die so viele Religionen doch versprechen. Es wird viel geredet und vermutet. Einig wird man sich nicht.

Illustrationen: Cris Olano

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Timeline - Identifikation

Das Gesicht ist der Spiegel unserer Seele - sagt man. Was, wenn wir mit ihm eines Tages auch im Kaufhaus bezahlen oder das Auto starten können; wenn wir immer und überall wiedererkannt und automatisch mit etlichen privaten Daten identifiziert werden? Wo sind wir dann noch inkognito? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus

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156 v.Chr.

Die Personenbeschreibung des Gesuchten ist detailliert, dennoch ist es ungewiss, ob sie für eine Identifikation ausreicht:

Ca. 18 Jahre alt, von Statur mittelgroß, bartlos, mit festen Waden, einem Grübchen im Kinn, einem Mal links neben der Nase, einer Narbe über dem linken Mundwinkel, auf dem rechten Handgelenk mit zwei nichtgriechischen Buchstaben gezeichnet.

Wer den so beschriebenen, entlaufenen Sklaven findet und zu seinem Besitzer zurückbringt, soll drei Kupfertalente erhalten. Das verspricht der Gesandte Aristogenes, der Sohn des Chrysippos aus Alabanda, in einem Steckbrief, der überall in Alexandria verteilt wird.

Gefasst wird der Flüchtige offenbar nicht, denn es gibt noch eine spätere Version des Steckbriefs, in der die Belohnung auf fünf Kupfertalente erhöht wird.

 

1264

Die “Legenda aurea, die “Goldene Legende” des Dominikaners Jacobus de Voragine, ist ein Bestseller. Das Volksbuch, das Wundertaten, Leiden und Abenteuer heiliger Männer erzählt, ist bald in Abschriften und Übersetzungen in der gesamten bekannten Welt erhältlich.

Darin enthalten ist auch die Geschichte der sogenannten kleinen Wunder, die Gott bewirkt habe, etwa die “diversitas et excellentia facierum”, die Vielfalt der menschlichen Gesichter.

Jacobus de Voragine ist der erste Gelehrte, der sich über den Variantenreichtum des menschlichen Antlitzes Gedanken macht. Das Phänomen taucht bei Europas Denkern immer wieder auf. So sinniert der französische Skeptiker und Humanist Michel de Montaigne im Jahre 1588:

Wenn unsere Gesichter sich nicht ähneln würden, könnten wir nicht Menschen und Tiere auseinander halten. Wenn sie nicht verschieden wären, könnten wir den einen Menschen nicht vom anderen unterscheiden.

Das hört sich selbstverständlich an, doch wie auf jede andere Erkenntnis muss auch auf diese erstmal jemand kommen.

 

1462

Sie sind buchstäblich Türöffner, die “Passeporters”, Identitätspapiere, die unter Ludwig XI. alle königlichen Boten besitzen müssen. Wörtlich bedeuten sie “Geh durch die Tür”.

Solche Identitätsdokumente kommen im 15. Jahrhundert in Mode. Sie sollen Pilgern und Handwerksgesellen ein freies Geleit sichern, Veteranen von Deserteuren unterscheiden helfen und in Form von “Bettelbriefen” sogar die Ärmsten in Legale und Illegale aufteilen. Von Anfang an ist die Geschichte der Identifizierbarkeit eine Geschichte von Privilegien, von Freiheiten und von Beschränkungen.

Mit den Dokumenten kommen die Fälscher: 1528 empört sich das “Buch der Vagabunden” über Subjekte, die in der Lage seien, sämtliche Urkunden, Zeichen und Siegel nachzumachen - und so auch Ausweise, Aufenthalts- und Bettelbescheinigungen zu fälschen.

Wovon die Fälscher profitieren: In diesen frühen Amtspapieren werden nicht die Inhaber identifizert, sondern allein die Aussteller - und zwar durch das uralte Identifikationsmerkmal des Siegels. Ob der aktuelle Inhaber eines Passes auch der legitime ist, lässt sich kaum feststellen.

1938

Die nationalsozialistische Regierung erlässt in Deutschland die sogenannte Kennkartenpflicht. Unter Strafandrohung müssen in der Hauptsache zwei deutsche Bevölkerungsgruppen einen Lichtbildausweis mit sich führen: alle Männer ab einem Alter von 18 Jahren und alle Juden. Letztere erhalten ein deutlich sichtbares “J” ins Dokument gestempelt. Die Identifikationspflicht wird auf diese Weise zur bürokratischen Basis für sämtliche folgenden Schikanierungen, Diskriminierungen und Verbrechen an jüdischen Deutschen.

Nach dem Krieg wird das Gesetz von allen diskriminierenden Passagen gereinigt und findet 1951 als “Bundesgesetz über Personalausweise” Einzug in die bundesrepublikanischen Gesetzbücher. Sogar noch im 21. Jahrhundert, als kaum ein anderes Land eine Identifikationspflicht kennt, müssen Bürger der Bundesrepublik Deutschland auf Basis dieses Gesetzes einen Personalausweis besitzen, um jederzeit nachweisen zu können, wer sie sind.

 

1947

“Prosopagnosie” nennt der Stuttgarter Neurologe Joachim Bodamer das von ihm diagnostizierte Leiden. Gemeint ist mit dem kryptischen Begriff das Unvermögen oder zumindest eine große Schwierigkeit, sich fremde Gesichter zu merken. Der Harvard-Professor Ken Nakayama schätzt, dass etwa zwei Prozent aller Menschen unter dieser Schwäche leiden - die meisten, ohne es zu wissen.

Millionen Menschen sind somit nicht in der Lage, ihre Gegenüber einwandfrei zu identifizieren und greifen auf unbewusst erlernte Unterscheidungsmerkmale zurück, wie Gang, Stimme, Frisur oder Kleidung.

 

2014

Überwachungskameras in Verkaufsräumen sind überall auf der Welt üblich. Ungewöhnlich ist, wie 115 Geschäfte in Tokio diese Geräte einsetzen: Ein Gesichtserkennungsalgorithmus untersucht permanent und in Echtzeit die Überwachungsvideos, auf der Suche nach bekannten Ladendieben oder auch nur nach notorischen Nörglern. Wird die Software fündig, so informiert sie diskret das Personal. Die teilnehmenden Geschäfte gehören zu rund 50 verschiedenen Unternehmen, welche die Gesichtsdaten ihrer Kunden in einem Pool zusammenführen.

Das News-Portal “Asia One” enthüllt dieses System, die Nachrichtenagentur Reuters schickt die Meldung um die Welt, woraufhin sie einige Zeitungen unter “Vermischtes” oder “Aus aller Welt” publizieren. An der Praxis ändert sich - nichts, denn in Japan existiert kein Gesetz, das ein digitales Auswerten der Videoaufnahmen verbieten könnte.

Auch in den USA kommen ähnliche Systeme zum Einsatz: In Las Vegas setzen Spielcasinos automatische Gesichtserkennung ein, um Spielsüchtige und Falschspieler zu identifizieren, aber auch um besonders gute Kunden bevorzugt zu behandeln.

Eine Privatschule in Los Angeles scannt mit Hilfe der Technik des israelischen Start-Ups FST Biometric den Eingangsbereich und schickt unbekannten Nicht-Schülern den Sicherheitsdienst hinterher - aber registriert auch jedes Zuspätkommen eines identifizierten Schülers.

Technikphilosophen debattieren, ob automatische Gesichtserkennungssysteme eher so etwas wie die Weiterentwicklung von Überwachungskameras im öffentlichen Raum seien - und somit hinzunehmen vom Gescannten - oder ob die Technik nicht eher mit der eindeutigen Identifizierung durch einen Fingerabdruck vergleichbar ist, weswegen man sie nicht gegen den Willen der Beobachteten anwenden dürfe. Weder die Politik noch die Öffentlichkeit nehmen von dieser Debatte Notiz.

 

2017

Den Anfang macht die Luxus-Kette Armani: Ihre mehr als 2.000 Ladengeschäfte in 60 Ländern stattet der Konzern mit diskreten Kameras und Gesichtserkennungssystemen aus. Wer sich etwa in einer Filiale in Hong Kong einen Anzug fertigen lässt, der wird in der Niederlassung in New York City nicht nur vom Personal mit Namen begrüßt, sobald er den Laden betritt, seine Körpermaße und seine Kreditkartendaten sind ebenfalls schon dort.

Die Kunden sind angetan von diesem Service. Armani bietet eine Opt-Out-Möglichkeit für alle Käufer, die ihre Gesichtsdaten nicht dem Unternehmen überlassen wollen, davon macht jedoch kaum jemand Gebrauch.

 

2019

“Bezahlen Sie doch einfach mit Ihrem Lächeln”, wirbt der Kreditkartenkonzern American Express und möchte seine Kunden so auf den Abschied von der Plastikkarte vorbereiten. Auch die anderen Kreditkartenunternehmen und Banken stellen ihre Systeme auf eine kartenlose Welt um. In Kaufhäusern und Restaurants wird zur Bezahlung nicht mehr die Karte gereicht, sondern in eine kleine Kamera geschaut. Auch an Bankautomaten benötigt man keine Karte mehr und muss auch keine Geheimzahl mehr eingeben. Bei Bezahlvorgängen im Internet übermittelt derweil die eigene Webcam die Gesichtsinformationen. Es beginnt die bargeldlose Zeit.

2022

IKWYA nennt sich die Smartphone-App, aber dieser unhandliche Name hindert sie nicht am Erfolg: Schon zwei Wochen nach Erscheinen haben mehrere Millionen Nutzer die App installiert.

IKWYA steht für I Know Who You Are, und das ist Versprechen und Drohung zugleich: Schießt man ein Foto oder ein kurzes Video mit der App, durchsucht sie das Internet nach weiteren Bildern der identifizierten Personen und listet übersichtlich alle Treffer auf: Facebook-, Twitter- und LinkedIn-Profile, Instagram- und Flickr-Fotos, Youtube-Videos und natürlich alle Google-Ergebnisse.

Die App verändert drastisch das zwischenmenschliche Miteinander: Wirklich Unbekannte gibt es praktisch nicht mehr. Zwar erfährt man natürlich nicht alles über sein Gegenüber, aber doch sehr viel: Lieblingsfilme, -fernsehserien und -musik, Urlaubsreisen, Beruf und Ausbildung, Freundeskreise und vielleicht auch die politische Einstellung. Will man sich nach all diesen Informationen immer noch kennenlernen, hat man eine Menge Zeit gespart.

Einige Prosopagnostiker fordern von ihren Krankenkassen, die monatlichen Gebühren für die App zu erstatten - schließlich sei IKWYA für sie eine Prothese wie für andere ein Hörgerät oder eine Brille.

 

2024

Das Jahr des endgültigen Durchbruchs der Gesichtserkennungstechnologie: Autos öffnen sich nur noch und lassen sich erst dann starten, wenn sie das Gesicht des Fahrers gesehen haben. Haus- und Wohnungstüren öffnen sich nicht durch Schlüssel, sondern durch einen Blick in den Türspion. Bahnfahrkarten und Flugtickets, Restaurantreservierungen, Hotelbuchungen und Fitness-Studio-Mitgliedschaften: Niemand benötigt mehr Ausweise, Karten oder Ausdrucke: Das Gesicht genügt.

Die USA und die EU stecken mitten in Verhandlungen, die die Reisepass- und Visa-Bürokratie gegen Gesichtserkennungsalgorithmik tauschen sollen, als die Niederlande das überraschende Ergebnis einer Bürgerumfrage bekannt geben: Eine deutliche Mehrheit der Holländer spricht sich gegen jegliche Gesichtserkennungssoftware aus. Das Volk wünscht eine sofortige Gesetzesinitiative und eine Rückkehr zu den alten Technologien.

Die holländische Regierung verweist zwar auf die Gesetzgebungspriorität der Europäischen Union und appelliert an die Fortschrittsfreudigkeit der niederländischen Bevölkerung, kann sich aber vor der Umsetzung der Volksentscheidung nicht drücken: Die Niederlande werden somit künftig das einzige Land in der EU sein, das auf Gesichtserkennungstechnologie verzichtet.

 

2028

Europol nimmt die sogenannte Oslo-Connection hoch, den vermutlich größten und bestorganisierten Drogenring Europas. Die europäische Presse feiert den Coup und berichtet detailliert über die Methoden und Maßnahmen der Ermittler. Diese lassen sich in einem halben Satz zusammenfassen: Zugriff auf die öffentlichen und kommerziellen Gesichtserkennungsdatenbanken. Welche Züge und welche Flüge die Drogenkuriere nehmen, auf welchen Routen der Stoff unterwegs ist, auf welchen Banken die Einnahmen landen, und in welchen Hotels die Lieferanten zu Gast sind: All das können die Drogendetektive herausfinden, ohne ihre Büros zu verlassen: Ein paar Fotos der Verdächtigen genügen.

Der britische Labour-Abgeordnete Frederic Lansbury geht gerne mal in eine Bar etwas trinken. Leser des Newsletters “The eSun” wissen auch genau wohin und wie häufig: Dem Boulevardmedium werden Datenbanken eines Sicherheitsunternehmens zugespielt, die sämtliche Abfragen nach Lansburys Gesichtsmerkmalen enthalten. Schritt für Schritt kann man so seine Tagesabläufe verfolgen und feststellen, dass er sehr häufig Orte des Alkoholausschankes frequentiert: Bars, Kneipen, Nachtcafés. Das ist nicht verboten, trotzdem nutzt die Opposition diese Informationen, um Lansbury einen fragwürdigen Lebenswandel zu unterstellen. Nachdem “The eSun” detailliert veröffentlicht, wie viele und welche Drinks Lansbury wann und wo konsumiert, legen Parteifreunde ihm den Rücktritt nahe.

Beide Fälle sind erst der Anfang einer Informationslawine von Leaks und Indiskretionen. Offenbar ist es für die Ämter und Unternehmen unmöglich, die Informationsberge, die sie permanent über jeden Menschen erzeugen, unter Kontrolle zu halten.

 

2030

Menschen und Modefirmen reagieren auf die undichten Datenhalden. Sogenannte "Privatizer" entwickeln sich zum Bekleidungshit: große Krägen, die man hochstellen kann, Sonnenbrillen mit herabhängenden Schleiern, Hüte mit Gardinenkrempen, Pullover mit Rollkrägen, die man bis über die Nase rollen kann. Viele Bürger verhüllen sich auf diese Art in der Öffentlichkeit, aber so, dass sie ihr Gesicht für die Kaufhauskasse oder zum Autostart wieder enthüllen können. Dass dort dann wieder Identitätsdaten anfallen, daran können auch Privatizer nichts ändern.

 

2035

Die Kriminalitätsrate in Europa ist drastisch gesunken. Gleichzeitig stellt eine Studie zunehmende Verhaltensauffälligkeiten unter Europas Bürgern fest: Einige verlassen nur noch für die allernötigsten Angelegenheiten ihre Wohnung und meiden den öffentlichen Raum. Andere entwickeln einen ausgewachsenen Verfolgungswahn und glauben, alles was sie tun, könne man im Netz nachlesen - und ganz Unrecht haben sie damit ja nicht, denn das könnte jederzeit passieren.

Die meisten Menschen leben nun ein sehr kontrolliertes Leben, wissend, dass jeder Ausrutscher, jede Eskapade, jeder Exzess, jede Abweichung von der Norm irgendwie an die Öffentlichkeit gelangen kann. Die Studie stellt eine akut steigende Depressionsrate fest.

 

2039

“Nobody knows you - Niemand weet je!” wirbt die niederländische Tourismusagentur in ausländischen Medien - und das mit Erfolg: Das einzige europäische Land, in dem man nicht von jedem Fahrkartenautomaten, jeder Kaffeemaschine und jeder Kaufhauseingangstür mit Vor- und Nachnamen begrüßt wird, entwickelt sich zum Reisehit.

Im traditionell liberalen Amsterdam toben sich die ansonsten so gebremst lebenden Europäer aus. Und manche Besucher genießen es einfach schon, im Hotel nach dem Namen gefragt zu werden.

Illustrationen: Cris Olano

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Timeline - Energieversorgung

Mit der Macht über das Feuer begann die Zivilisation, die Besiedelung Europas und die Suche nach immer neuen Energieversorgern. Heute sucht man ständig nach Steckdosen, da Akkus von der Funktionalität der Wischrechner und Westentaschen-Computer überfordert sind. Wie toll wäre eine Energiequelle für die Hosentasche? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus

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1.000.000 v.Chr.

Am Anfang war das Feuer: Es sind Angehörige der Frühmenschenart Homo Erectus, die in afrikanischen Höhlen das Anzapfen externer Energiespeicher etablieren. Erst locken die zündelnden Hominiden Licht und Wärme aus trockenen Gräsern, dann aus Zweigen und aus Blättern, später dann aus größeren Holzscheiten.

Selbstgemachtes Feuer ist ein revolutionäres Etwas, das schon bald das Leben der Menschen radikal verändert. Feuer schafft einen gemütlich-warmen Ort für soziales Miteinander, wo man Sprache und Kultur erfinden kann; es erweitert das Nahrungsangebot, indem es roh ungenießbare Teile eines Tieres in gegrillte Leckereien verwandelt; und es erlaubt die Besiedelung von kalten Gebieten auf der Nordhalbkugel des Planeten: Ohne Feuer kein Europa.

 

85 v.Chr.

Demeter hat den Wassernymphen befohlen

die Arbeit eurer Hände zu vollbringen.

Sie springen an das Rad, sie drehen die Achse,

die das Getriebe, und die schweren Mühlsteine bewegt.

So begeistert besingt der griechische Epigrammdichter Antipatros von Thessalonike die Wassermühlen. Und tatsächlich handelt es sich bei den Besungenen um zukunftsweisende Geräte: Wasserräder erledigen klaglos und zuverlässig mechanische Arbeit, für die sich ansonsten unzählige Menschen schinden müssten.

Wasserräder spielen daher auch eine wichtige Rolle für das Ende der Sklavengesellschaften überall auf der Welt: Je effizienter die Wasserkraftwerke arbeiten, um so verzichtbarer werden Zwangsarbeiter.

 

1712

Holz ist knapp in England, zum Glück aber gibt es Kohle auf der Insel, sonst bliebe es in vielen Häusern kalt und dunkel. Allein die Stadt London verbrennt 1.700 Tonnen Kohle - jeden Tag.

Um den Kohlehunger des Landes zu befriedigen, müssen sich die britischen Bergarbeiter immer tiefer in die Erde graben. Schließlich sind die Bergwerke so tief, dass die Stollen mit Wasser volllaufen. Ironischerweise ist es eine Maschine, die Kohle verbrennt, welche die Geschichte der Kohle vor ihrem plötzlichen Ende bewahrt: Die Dampfmaschine, frisch erfunden von Thomas Newcomen, eignet sich hervorragend dazu, das Grubenwasser abzupumpen und so die Bergwerke in völlig neue Tiefen vorzutreiben: Der Verbrauch von Kohle erlaubt die Gewinnung von noch mehr Kohle.

Rund sechzig Jahre später lässt der schottische Erfinder James Watt sich die von ihm entscheidend verbesserte Dampfmaschine patentieren. Watt gründet gemeinsam mit dem Fabrikanten Matthew Boulton ein Unternehmen zur Herstellung von Dampfmaschinen und zündet so die Kettenredaktion der Industrialisierung: Watts Dampfmaschinen treiben schon bald Englands Mühlen, Spinnmaschinen und Walzwerke an. Durch Dampf wird Stahl zum Massenprodukt. Bald fahren Züge mit Dampfkraft und sogar riesige Schiffe.

Das hat Folgen: In London verfinstern Ruß und Qualm immer häufiger den Himmel. Im viktorianischen England sind etwa ein Viertel aller Todesfälle auf Lungenkrankheiten zurückzuführen, viele davon hervorgerufen durch die ungefilterten Abgase. Die Zahl der Sonnenstunden in London liegt bald um zwanzig Prozent unter denen des Umlandes.

1954

атом мирный – “Friedliches Atom” nennt die Sowjetunion den weltweit ersten Atomreaktor, der ans zivile Stromnetz angeschlossen ist. Der graphitmoderierte Reaktor in der Wissenschaftsstadt Obninsk liefert zwar nur bescheidene sechs Megawatt, trotzdem gilt er als letzter Beweis für die wirtschaftliche Nutzbarkeit der Atomspaltung.

Dem “friedlichen Atom” folgen hunderte von Reaktoren in aller Welt. Im Jahr 2006 erzeugen Atomkraftwerke global 2,8 Milliarden Brutto-Megawattstunden - ein Rekord, der nie wieder erreicht wird.

Zwischenzeitlich hoffen viele, Atomkraft könnte die Verbrennung von Kohle und Gas ersetzen, doch die Entsorgung des strahlenden Abfalls bleibt ein ungelöstes Problem. Die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima sorgen endgültig für ein Umdenken der Energiepolitik: Im Jahr 2012 ist der Anteil von Atomenergie an der weltweiten Stromversorgung bereits auf elf Prozent gesunken, von 17 Prozent im Jahr 1995.

 

1958

Der Vulkan Mauna Loa ist über viertausend Meter hoch und liegt im Süden der Insel Hawaii. Hier, weitab von Industrie und Zivilisation, installiert der amerikanische Chemiker Charles Keeling das erste verlässliche Gerät, um den Kohlendioxyd-Gehalt der Erdatmosphäre zu bestimmen. Keelings Messungen bestätigen den Verdacht vieler Wissenschaftler: Der Kohlendioxid-Anteil in der Atmosphäre steigt permanent an.

Keelings Messstation auf Hawaii liefert die ersten Indizien dafür, dass die Industrialisierung eine globale Erwärmung ausgelöst hat. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte verdichten sich diese Belege. Obwohl Anfang des 21. Jahrhunderts kaum noch ein seriöser Wissenschaftler daran zweifelt, dass die Erde auf eine menschgemachte Klimakatastrophe zusteuert, scheitern sämtliche Versuche der Politik, sich auf ein einheitliches Vorgehen zu verständigen. Der globale Treibhauseffekt scheint unaufhaltsam.

 

2017

Zunächst ist die wissenschaftliche Community noch voller Zweifel, aber nach eingehenden Besichtigungen der Labors und nach Studium der Forschungsergebnisse muss sie staunend anerkennen: Das koreanische Unternehmen Taeyang Inc. aus Seoul hat einen Fusionsreaktor gebaut, einen Würfel mit einer Kantenlänge von nicht einmal zwei Metern. 56 Megawatt liefert der Kasten, in dessen Innern eine Art Bonsai-Sonne Wasserstoff zu Helium verschmilzt und das ohne nennenswerte Rückstände.

Schon Stunden nach den ersten Pressemeldungen landen Anwälte und Unterhändler von Konzernen aus aller Welt in Seoul, um auszuloten, ob ein Lizenzerwerb sich lohnen würde. Sie alle fliegen zufrieden zurück zu ihren Auftraggebern, denn Taeyang setzt auf den globalen Massenmarkt und bietet daher die Lizenzen günstig an.

 

2023

Die zweite Generation des T-Cube, wie man die würfelförmigen Taeyang-Reaktoren im Allgemeinen nennt, passt mit einer Kantenlänge von unter sechzig Zentimetern in jeden Kofferaum. Etliche Unternehmen bauen die Kleinreaktoren in Lizenz, weswegen sie inzwischen kaum noch mehr kosten als ein gut ausgestatteter Mittelklassewagen.

Leasing- und Kredit-Unternehmen machen ein Riesengeschäft mit der Finanzierung der Energiewürfel. Schon in sechs Jahren, so eine Schätzung, wird jeder Europäer einen eigenen T-Cube besitzen.

Die Anschaffung rechnet sich: Die Würfelreaktoren liefern mehr als genug Energie, um ein größeres Einfamilienhaus mit Strom, Heizung und warmem Wasser zu versorgen - und zwar für mehrere hundert Jahre.

 

2031

Die meisten Länder haben ihre Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke abgeschaltet und ihre Stromnetze komplett dezentralisiert. Nahezu jeder Haushalt versorgt sich selbst mit seinem eigenen T-Cube. Industriemodelle von der Größe eines Frachtcontainers stillen den Energiehunger ganzer Fabrikanlagen.

Mit Hilfe von T-Cubes lässt es sich fast überall bequem wohnen: in Berghütten, in Wohnwagen, selbst unter freiem Himmel - zumindest in regenarmen Gebieten - wird es plötzlich gemütlich.

Eine erste Gruppe Zivilisationsmüder macht sich auf in die Antarktis. Dank T-Cube-getriebener Heizungen und handlichen Eisschmelzern ist es sogar am Südpol gar nicht mehr allzu unwirtlich.

 

2035

Die dritte Generation der T-Cubes ist kaum größer als ein Lippenstift und liefert doch Energie für mehr als ein Menschenleben. Mit diesen kleinen Energiespendern ist jeder Mensch erstmals wirklich unabhängig von seiner Umgebung: er kann überall heizen oder mittels Klimaanlagen kühlen, er kann mit Elektromobilen endlos weit fahren und er ist mit Hilfe kleiner Satellitenschüsseln überall vernetzt.

Die Jungen und gut Ausgebildeten sind es, die zuerst Wohnungen oder gar Häuser als Statussymbole ablehnen und stattdessen die Rastlosigkeit zum neuen Trend erklären. Sie sind praktisch ständig auf Reise und über das Netz mit Arbeitgebern und Freunden verbunden. Eine Lebensweise, die gar nicht viel kostet, da sie ja Energieselbstversorger sind. Viele Vermieter richten sich auf die “Mobs” ein, wie sie sich selbst nennen, und vermieten Apartments und Häuser tage- und wochenweise an die jungen Dauerreisenden.

 

2038

“Endlich Nomaden” heißt der Bestseller der Soziologin Lea March. Ihre These: Die Menschen sind nur gezwungenermaßen dauerhaft sesshaft geworden, weil sie zunächst die Landwirtschaft, danach die stationäre Energieversorgung dazu zwang. Jetzt, in Zeiten der dezentralen Kleinstenergiespender, können sie endlich so leben, wie es ihrer ureigensten Natur entspricht: als Nomaden - und das, ohne auf Zivilisation zu verzichten.

Die Entwicklung scheint ihr Recht zu geben: Immer mehr Menschen leben nomadisch, in bequem ausgestatteten Wohnmobilen, in Apartment-Kabinen auf Kreuzfahrtschiffen, in Erste-Klasse-Trailer-Parks oder einfach mal hier mal dort. 

Die Älteren, die noch ohne T-Cubes aufgewachsen sind, haben für die andauernde Herumreiserei der Jungen zwar wenig Verständnis, aber sie können nichts dagegen tun. Und vielleicht hat Lea March ja Recht, wenn sie spekuliert: Die Sesshaftigkeit, das Hausbauen, der Stolz auf die eigene Immobilie, all das war nur eine Zwischenphase in der Entwicklung des Menschen vom Nomaden zum Nomaden.

Illustrationen: Cris Olano

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Timeline - Mensch-Maschine

Die ersten Brillenträger waren auch die ersten Menschen, die mit technischer Hilfe ihre Leistung steigerten. Heute werden Sehhilfen sogar in den Körper implantiert. Doch wie sieht eine Gesellschaft aus, die sich mit Technik immer weiter selbstoptimiert? Sind die Cyborgs eines Tages Normalität? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus

 

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810 v. Chr.

Tabaketenmut geht es schlecht. Die Priestertochter aus Theben ist zuckerkrank und sie hat schwere Durchblutungsstörungen in den Gliedmaßen. Die Ärzte sehen sich gezwungen, ihren rechten großen Zeh zu amputieren. Glücklicherweise ist Tabaketenmuts Vater vermögend und hat Einfluss. Kunsthandwerker finden sich in seinem Haus ein und vermessen den verstümmelten Fuß seiner Tochter. Aus zwei detailreich geschnitzten Holzgliedern und einem Lederstück fertigen sie schließlich eine bewegliche Zehenprothese. Der Ersatzzeh funktioniert offenbar vorzüglich, und Tabaketenmut nutzt ihn täglich, denn als man ihn ihr mit ins Grab legt, zeigt er deutliche Abnutzungsspuren.

 

1352

Die ökonomische und somit auch die militärische Überlegenheit Europas im Mittelalter hat ihren Ursprung in einer schleichenden Verbreitung von Mensch-Maschine-Symbionten, von Homo Sapiens, die mit Hilfe einer technischen, körperoptimierenden Gerätschaft anderen Homo Sapiens überlegen sind.

Der italienische Maler Tommaso de Modena dokumentiert solch ein Hybridwesen erstmals in einer Auftragsarbeit für die katholische Kirche. Den Kapitelsaal von San Niccolo in Treviso soll de Modena mit vierzig Fresken verschönern, die die führenden Köpfe des Dominikanerordens zeigen. Detailverliebt wie er ist, malt er den Kardinal Hugo von Provence mit dessen auf der Nase festklemmenden Brille.

Brillenträger sind die ersten Menschen, die ihre Sinne mit technischer Hilfe schärfen und auf diese Weise leistungsfähiger sind als ihre brillenlosen Zeitgenossen. Gelehrte, Schreiber, Mathematiker, Goldschmiede, Werkzeugmacher, Schneider und Kürschner können mit Hilfe dieser mechano-optischen Körperergänzungen bis ins hohe Alter arbeiten. Volkswirtschaftlich entspricht das einer Verdoppelung der Facharbeiterschaft. 400 Jahre lang hat Europa ein Monopol auf diese Technologie und beherrscht in dieser Zeit einen großen Teil der bekannten Welt.

 

1915

Der erste Weltrieg hat fast 17 Millionen Menschen den Tod gebracht und etwa 20 Millionen Soldaten zum Teil schwer verletzt. Unzählige Kriegsteilnehmer sind verstümmelt. Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch entwickelt eine Oberarm-Prothese, die mit Hilfe eines Bolzens und eines durch die Oberarmmuskulatur getriebenen Kanals dem Amputierten die Möglichkeit gibt, die künstliche Hand mit Hilfe der Restmuskulatur bewusst zu steuern.

Sauerbruchs Prothese ist für den Masseneinsatz zu teuer, und die Operierten leiden oft an Entzündungen, trotzdem ist seine Arbeit ein Meilenstein auf dem Weg, Menschen mit Maschinenteilen anzureichern.

 

1991

Maurice Edward Hurley ist ein Saufkumpan von Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry. Zeitweise sitzt er auf dem Co-Produzentenstuhl der TV-Serie “Star Trek - The Next Generation”, dann wieder ist er ihr Chef-Autor, zwischenzeitlich verbringt er ganze Nächte bei Pokerrunden mit Roddenberry und anderen Männerfreunden.

Hurley gilt am Set von “The Next Generation” als laut, als ungehobelt und als launisch. Er ekelt sogar die beim Publikum beliebte Schauspielerin Gates McFadden, die die Ärztin Beverley Crusher verkörpert, zeitweise aus der Serie.

Aber Edward Hurley hat auch die Borg erfunden. In der Episode “Q Who” sind die Cyborgs das erste Mal zu sehen: mit Maschinenarmen, mit in die Körper implementierte Hydraulikpumpen, mit Antennen und Sensoren angereicherte Menschen und Aliens, die keine Individualität mehr besitzen, keinen eigenen Willen und kein Ich-Bewusstsein, die gedanklich permanent mit dem “Kollektiv” verbunden sind, und die nur ein Ziel  kennen: andere Lebewesen ebenfalls in Borg zu verwandeln.

Die Figur der Borg spricht viele im Menschen tief verwurzelte Ängste an: die Furcht vor Hilflosigkeit, vor Willenlosigkeit, vor Handlungsunfähigkeit, vor Ohnmacht, vor Zwangskollektivierung, Entmenschlichung, vor dem Ende sämtlicher Privat- und Intimsphären. Vermutlich sind die Borg deswegen so erfolgreich als Weltraum-Antagonisten.

Popkulturell befinden sich die Borg allerdings im narrativen Mainstream, denn Hybridwesen aus Menschen und Maschinen werden erzählerisch traditionell als Angstbringer eingesetzt: die Cybermen etwa in der BBC-TV-Serie “Doctor Who”, die Daleks in der gleichen Serie, Darth Vader in “Star Wars”, die “Biomechanoide” von H.R. Giger im Film “Alien”. Kuscheln möchte mit denen niemand.

 

2004

Sein gesamtes bisheriges Leben lang kann der in England lebende irisch-katalanische Künstler und Musiker Neil Harbisson keine Farben sehen. Jetzt kann er sie hören. In einer selbstfinanzierten Operation lässt Harbisson sich den sogenannten Eyeborg implantieren, eine Sehhilfe, die er zusammen mit dem Kybernetiker Adam Montandon entwickelt hat. Der Eyeborg besteht aus einem flexiblen Arm, der an einem Ende an Harbissons Hinterkopf implementiert ist und am anderen Ende einen optischen Farbsensor besitzt. Das Gerät verwandelt Farbinformationen in Töne, die Harbisson mittels Vibrationen über den Schädelknochen wahrnimmt.

Als er im gleichen Jahr seinen Reisepass erneuern muss, weigert sich die britische Passbehörde zunächst, das Passbild zu verwenden, das Harbisson mit dem Eyeborg zeigt. Nach längerer Korrespondenz ändert das Passamt schließlich seine Ansicht und akzeptiert das Foto. Seitdem begreift sich Neil Harbisson als erster amtlich bestätigter Cyborg.

2010 gründet er die Cyborg Foundation, ene Stiftung, die Menschen dabei helfen will, sich in bio-technoide Mischwesen zu verwandeln.

 

2011

Eigentlich will Oscar Pistorius schon 2008 starten, bei den Olympischen Spielen in Peking, doch erst verzögert ein Gutachten-Hin-und-Her zwischen dem Internationalen Leichtathletikverband und dem Internationalen Sportgerichtshof seine Starterlaubnis, dann verfehlt er die Qualifikationszeit.

2011 bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im südkoreanischen Daegu ist es endlich soweit: Der beidseitig fußlose Pistorius startet als erster behinderter Läufer bei einem Wettkampf für Nichtbehinderte und holt mit der 4-x-400m-Staffel Silber.

Ob seine federnden Fußprothesen aus kohlefaserverstärktem Kunststoff, wegen denen er den Spitznamen “Blade Runner” trägt, für ihn eher ein Handicap oder ein leistungssteigerndes Hilfsmittel sind, darüber debattieren Sportfunktionäre und Sportinteressierte gleichermaßen.

 

2016

Erstmals sieht man sie in London unter jungem Club-Volk: “Neon Skinz”, kleine, flache LED-Lämpchen, die unter die Haut geschossen werden. Man trägt sie auf Brust und Armen, Mutige auch auf der Stirn. Angesteuert werden die Lichterflächen über eine Smartphone-App.

Eine große Sammlung ungewöhnlicher Muster und Animationen für die eigenen “Neon Skinz” zu besitzen, entwickelt sich schon bald zu einem Statussymbol.

Schnell verbreitet sich die Mode auf dem europäischen Festland. Tattoo- und Piercing-Studios, die etwas auf sich halten, bieten die “Neon Skin”-Implantierung in einer rund einstündigen Operation an.

 

2018

“Kaizen” heißen die Hinterhofshops im Tokioter Stadtteil Akihabara, in denen man sich ungefähr alles an oder in die Körper schrauben lassen kann, was die Digitaltechnik hergibt: kleine Videokameras in die Stirn oder an den Hinterkopf, mobile Datenfunkmodule, GPS-Chips, Blutdruck- und Pulssensoren.

Immer mehr junge Leute verwandeln sich hier in Multimediamenschen, deren Körper man tagsüber nichts Auffälliges ansieht, die aber abends funken und blinken wie eine digitale Kirmes.

Auch in Europa und den USA eröffnen “Kaizen” und implementieren den 2020-Hit unter Jugendlichen: ansteckbare Katzenohren, die sich je nach Gemütslage bewegen.

2022

Mit Skepsis oder gar Angst sehen sich Cyborgs häufig konfrontiert. Immer wieder gibt es Clubs, Kneipen oder Restaurants, die ihnen den Zutritt verweigern, mal aus Diskretionsgründen - wegen der implementierten Kameras - mal irritieren die “Neon Skinz” angeblich die übrigen Gäste. 

Die Cyborgs reagieren und eröffnen “Cubez”, Clubs und Treffpunkte, an deren Eingang man die Gäste durchleuchtet und “Bioz”, wie Cyborgs die Träger technikfreier Körper leicht abfällig nennen, keinen Einlass haben.

 

2023

Sie nennen sich “Bio first” und es sind Konservative aus allen Lagern: besorgte Eltern, Christen, Naturbewahrer, Technikskeptiker. Ihnen allen ist nur biologisches Leben echtes Leben. Wer seinen Körper hingegen mit Technologie anreichert, der “entmenschlicht” sich in ihren Augen.

Die einen argumentieren mit Bibel und Schöpfung, die anderen warnen vor explodierenden Kosten für das Gesundheitswesen, etwa wenn fehlerhafte Implantate entfernt werden müssen. Wieder andere machen sich Sorgen darum, Kindern ein gefährliches Vorbild zu liefern.

Die “Bio First”-Bewegung trifft auf viel Sympathie in der Bevölkerung und in der Politik. Ein wenig fremd und unheimlich war vielen das Treiben der Technikfreunde schon länger, aber zugeben wollte es bisher kaum jemand.

 

2025

Verbieten lässt sich das Herumexperimentieren am eigenen Körper nicht. Das haben die europäischen Regierungen von ihren Juristen prüfen lassen. Aber die europäischen Gesundheitsminister stellen es den Krankenkassen künftig frei, Cyborgs sofort zu  kündigen. Die Krankenversicherungen machen von dieser Möglichkeit fleißig Gebrauch, und die Regierungen hoffen insgeheim, die Cyborg-Angelegenheit auf diese Weise indirekt erledigt zu haben.

 

2027

Das Startup des Jahres heißt “Be Bionic” (BB) und ist auf den ersten Blick eine Krankenversicherung für Cyborgs, auf den zweiten Blick allerdings sehr viel mehr: BB bietet Sparpläne für aufwändige Operationen, Rabattpunkte auf Digital-Implantate und vergünstigte Reisen zu den “Kaizen”-Shops im fernen Osten.

Durch die BB-Versicherung ist das Cyborgwerden sehr verlockend geworden und die Cubez, in denen BB viele Büros eröffnet hat, bekommen Zulauf wie nie zuvor.

Erst durch diese Abkoppelung vom Sozialsystem der Bio-Menschen entwickeln Cyborgs ein eigenes, starkes Gruppenzugehörigkeitsgefühl. Der Plan der Regierungen geht klar nach hinten los.

2030

Die Entwicklung des “noe”, eines preisgünstigen Brain-Computer-Interfaces aus Korea verändert das Leben der Cyborgs grundlegend: Mit Hilfe eines “noe”-Netzes, das man sich unter die Kopfhaut implantieren lässt, kann man bestimmte Hirnareale direkt stimulieren. Mit den richtigen Appz lässt sich beispielsweise dem Geschmackszentrum eine köstliche Mahlzeit vorgaukeln, obwohl der Nutzer nur ein fades Stück Tofu kaut.

Filme und Computergames müssen nicht mehr den Umweg über das Auge nehmen, sondern lassen sich direkt ins Sehzentrum einspeisen, was zu einem ungleich emotionsreicheren Erlebnis führt.

Aber “noe” lässt sich auch in umgekehrter Richtung verwenden: mit reiner Gedankenkraft lassen sich Computer und Maschinen bedienen.

Mit der Verbreitung der “noe”-Netze verlassen Cyborgs ihre Cubez immer seltener. Sie arbeiten von dort mittels Gedankenkraft in den unterschiedlichsten Berufen und sie führen ansonsten ein sehr preisgünstiges Leben: teure Kleidung, aufwändiges Essen oder eine schick eingerichtete Wohnung benötigen sie nicht, da sie alles, was sie befriedigt, in digitaler Form über das “noe”-Interface beziehen können. Immer seltener sieht man Cyborgs in der Öffentlichkeit.

 

2036

Sie können besser sehen und hören, sie spüren unter der Haut, wie morgen das Wetter wird, sie haben direkten, drahtlosen Zugriff auf Datenbanken und Kommunikationsnetze und sie entwickeln immer neue Fahigkeiten: Cyborgs sind Menschen in vielerlei Hinsicht überlegen.

Zwar ist die Cyborg-Kultur eine nach innen gerichtete, sie erfreut sich an den vielfältigen digitalen Stimulanzmöglichkeiten der menschlichen Hirne, aber genau diese Fremdartigkeit des Verhaltens macht vielen “Bioz” Angst. In der Gesellschaft wächst der Unmut und das Misstrauen gegen die Maschinenmenschen.

 

2038

Europas Regierung reagiert auf die Stimmung unter den Bürgern: Im Februar tritt der sogenannte Kleinshaus-Erlass in Kraft, der ein ganzes Bündel Verbote und Vorschriften enthält, die sich an Cyborgs richten. So dürfen technisch aufgerüstete Menschen sich nicht mehr Kindern und Jugendlichen nähern, sofern deren Erziehungsbereichtigte nicht dabei sind. Außerdem dürfen Cubez nur mit mindestens zehn Kilometer Abstand zu Schulen und Kindergärten errichtet werden. Über diesen Umweg des Kinderschutzes verbannt der Kleinshaus-Erlass Cyborgs aus den Städten.

Es gibt kein Aufbegehren der Cyborgs. Ruhig verlassen sie die Städte und errichten ihre Cubez in entlegenen Gegenden.

Für Jugendliche werden die Maschinenmenschen durch ihre Abwesenheit im Alltag noch viel faszinierender. Etwa jeder zwanzigste junge Erwachsene macht sich auf den Weg zu einem der Cubez, um dort zu bleiben und ein Cyborg zu werden.

Die Bio-First-Bewegung macht Druck in der Politik, das “Cyborg-Problem” endgültig zu beseitigen, doch die Wirtschaft ist längst abhängig von der Arbeit, die in den Cubez verrichtet wird: Cyborgs arbeiten präziser, ausdauernder und günstiger als jeder Mensch.

 

2039

Das “EMO-noe”-Protokoll verbindet Cyborgs untereinander - emotional. Freude, Angst, Sehnsucht, Liebe, Abscheu: all das können Cyborgs ins EMO-Netz senden und daraus empfangen. Was das Gegenüber fühlt, wenn es einen sieht, welchen Eindruck man in einer Gruppe macht, ob Zuneigung erwidert wird oder nicht: All das verrät “EMO-noe”.

Wer eine Weile in diesen Emotionswelten geschwommen ist, kann mit Menschen, die das “EMO-noe”-Protokoll nicht nutzen, kaum noch etwas anfangen. Sie erscheinen ihm gefühllos, kalt, fast wie leblose Maschinen.

 

2042

Menschen und Cyborgs leben nebeneinander her, aber sie begegnen sich kaum noch. Zwar lassen Unternehmen Cyborgs für sich arbeiten, aber die Auftragserteilung und -abrechnung läuft ausschließlich übers Netz. Cyborgs bewegen sich selten aus ihren Cubez heraus, in die Menschen nicht hineinkommen.

Es leben nun zwei verschiedene, intelligente Spezies auf der Erde, die sich gegenseitig nicht begreifen und deren Angehörige kein gegenseitiges Mitgefühl besitzen. Und jeder hält die jeweils anderen für gefühllos.

Illustrationen: Cris Olano

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Timeline - Erinnerung und Wahrheit

Was ist wahr und was falsch? Können wir unserer eigenen Erinnerung stets trauen? Und wie heile wäre die Welt, wenn wir unsere negativen Erinnerungen einfach durch erfundene positive ersetzen könnten? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus

 

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213 v.Chr.

Qin Shihuangdi, der Herrscher über China, duldet keinen Widerspruch, auch Debatten und Diskussionen sind ihm ein Gräul. Ständig setzen irgendwelche Gelehrte seine Worte und Gesetze in Relation zur Geschichte, und obendrein machen sie ihn auf widersprechende philosophische Lehren aufmerksam. Sein Kanzler Li Si empört sich:

“Diese Gelehrten lernen nicht von der Gegenwart, sondern von der Vergangenheit und kritisieren damit unsere Zeit und stürzen das Volk in Verwirrung.”

Qin beschließt das Ende der Geschichte - beziehungsweise deren Anfang - in Form einer umfassende Bücherverbrennung: Alle Lehrbücher, wissenschaftliche Werke, Geschichtsbücher und philosophische Schriften, die nicht aus seinem Haus kommen, sollen binnen 30 Tagen verbrannt werden.

Der Herrscher hofft, auf diese Weise endlich bestimmen zu können, was die Menschen als Wahrheit ansehen.

1401

Marienerscheinungen sind seit geraumer Zeit ein großer Hit in Europa. Ständig will irgendwo irgend jemand der Jungfrau Maria begegnet sein. Das könnte einen durchaus weltlichen Grund haben: Die Orte einer Erscheinung verwandeln sich nämlich flugs in Wanderungsziele gläubiger Pilger und bescheren der örtlichen Gastronomie dadurch einen ordentlichen Umsatz.

Für die Kirche bringt die Erscheinungsflut ein Dilemma mit sich: Einerseits profitiert sie von den Visionen und den göttliche Zeichen und nutzt diese als Erzählstoff für Gläubige, andererseits nimmt das inflationäre Auftauchen der Gottesmutter eben diesem das Besondere.

Die Kirche muss also dringend herausfinden: Wer hat eine echte Vision von Maria, und wer hat sich nur eine ausgedacht oder eingebildet? Der französische Theologe Jean Gerson kommt zu einer pragmatischen Lösung. In seinen “Praktischen Regeln zur Beurteilung der Echtheit einer Erscheinung” legt er unter anderem fest:

Offenbarungen, die von den Prinzipien und der gewohnten Art und Weise göttlicher Weisheit abweichen, dürfen nicht Gott zugeschrieben werden.

Und:

Wenn die Offenbarungen nicht nützlich sind, so sind sie als falsch anzusehen.

 Die katholische Kirche hat damit ein gut funktionierendes Werkzeug, um echte von falschen Erinnerungen an das Auftauchen Marias zu unterscheiden: Was der Kirche nicht passt, das muss falsch sein.

 

1527

Einige Aufträge hat der Londoner Humanist Thomas Morus dem Maler Hans Holbein bereits vermittelt und sogar dem König Heinrich VIII hat er ihn vorgestellt. Morus ist für Holbein somit sehr viel mehr als ein gewöhnlicher Kunde, als er dessen Portrait malt.

Auch der Londoner Druckehersteller Peter Stent portraitiert Thomas Morus, allerdings erst 250 Jahre später und somit ganz ohne ihn jemals persönlich erblickt zu haben.

In der Vorstellung von mehreren Generationen von Studenten, die nur die Morus-Darstellung aus Stents Werkstatt kennen, sieht dieser aus wie Rembrandts Vater. Denn dessen Gesicht hat sich Peter Stent für sein Morus-Bildnis ausgeliehen - was erst im 19. Jahrhundert herauskommt, als man Holbeins Bild daneben hält.

Ohne die Aufdeckung dieser Fälschung würden heute noch Menschen schwören, Morus sähe aus wie Rembrandt Senior, denn so hatten sie es schließlich gelernt.

 

1976

Das “Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR” gibt den zweibändigen “Atlas der Geschichte” heraus, der für Schüler und Studenten im sozialistischen Teil Deutschlands zum historisch-geografischen Standardwerk wird.

Das Kartenwerk geht ausgesprochen frei mit historischen Fakten um, es unterschlägt Ereignisse oder interpretiert sie um. So hätten, laut der Darstellung im Atlas, 1950 nicht etwa nordkoreanische Truppen die Grenze zum Süden überschritten und so den Korea-Krieg ausgelöst, sondern vielmehr amerikanische Truppen in Gegenrichtung.

Das Druckwerk verschweigt den “Hitler-Stalin-Pakt” und dessen Folgen für die polnischen Grenzen. Ebenso fehlt jeder Hinweis auf den deutschen Massenmord an den Juden Europas.

Viel Wert gelegt wird hingegen, so heißt es im Vorwort, auf …

 

“…  die Herausbildung und Entwicklung der drei machtvollen revolutionären Ströme, die den Fortschritt der Menschheit vorantreiben: das sozialistische Weltsystem, die internationale Arbeiterbewegung und die nationale Befreiungsbewegung der Völker.“

Einer ganze Generation von DDR-Schülern wird dieses historische Zerrbild als Wahrheit beigebracht.

 

1978

Eigentlich will sie nur herausfinden, wie zuverlässig Zeugenaussagen im Allgemeinen sind. Deswegen zeigt die amerikanische Psychologin Elisabeth Loftus Testpersonen Kurzfilme von Autounfällen und befragt sie im Anschluss nach ihren Erinnerungen. Schnell stellt sie fest: Die Antworten - und tatsächlich auch die Erinnerungen - hängen stark davon ab, mit welchen Worten sie die Fragen formuliert. Je nach Fragestellung liegt die Fehlerrate bei bis zu 80 Prozent.

Loftus vermutet, eine Erinnerung sei nichts Statisches, sondern würde mit jedem Aufruf im Hirn quasi neu geschrieben. Daher könnten Menschen völlig falsche Erinnerungen entwickeln und gleichzeitig absolut von deren Echtheit überzeugt sein. Weiterführende Forschungen in den nächsten Jahrzehnten unterstützen diese These.

Zwanzig Jahre nach ihren Autounfall-Experimenten gelingt es Loftus, Probanden reihenweise die Erinnerung an ein Erlebnis einzupflanzen, das diese niemals gehabt haben. Nach Loftus trickreicher Befragung bestehen die Versuchspersonen darauf, als Kind in Disneyland den Hasen Bugs Bunny getroffen zu haben, und sie schildern detailreich diese Begegnung - obwohl es sie niemals gegeben hat: Bugs Bunny ist eine Figur des Disney-Konkurrenzkonzerns Warner Brothers.

1986

Im Verlaufe ihrer Psychotherapie erfährt die Krankenschwester Nadean Cool Entsetzliches aus ihrer Kindheit: Sie war bei satanischen Ritualen einer teufelsanbetenden Sekte zugegen - und das nicht nur als Zuschauerin. Sie ist vergewaltigt worden, sie hatte Sex mit Tieren, und sie musste dabei zusehen, wie ihre achtjährige Freundin ermordet wurde.

Es dauert Monate, bis Cool begreift, dass der Psychiater ihr mit Hilfe von Hypnose und anderen Suggestivtechniken falsche Erinnerungen eingepflanzt hat.

Cool verklagt den Arzt, und in einem außergerichtlichen Vergleich zahlt er ihr 2,4 Millionen Dollar.

 

2014

Sie nehmen kleinen Tieren die Angst und die wissenschaftliche Welt feiert sie dafür: Dem internationalen Team um den Medizinnobelpreisträger Tonegawa Susumu gelingt es, Mäusen mit Hilfe von Elektroschocks zunächst Furcht vor einem bestimmten Ton einzuimpfen, so dass sie in Angststarre verfallen, sobald sie dieses Geräusch hören. Danach entkoppeln die Forscher die Erinnerung an den Ton wieder von der Angstemotion, indem sie im Mäusehirn mittels Laserstrahlen gezielt bestimmte Nervenzellen ausschalten.

Wie mit einem Schalter können sie im Mäuse-Hippocampus die Verbindung zwischen Angst und Ton an- und abschalten.

 

2017

Es ist keine wirklich neue Erfindung, die die russische Neurowissenschftlerin Valentina Blinowa präsentiert, vielmehr eine Kombination aus Bekanntem: ein wenig Hypnose, eine Art optogenetischer Helm - in der Variante Mikrowelle statt Laserstrahl - dazu ein paar psychoaktive Substanzen und Beruhigungsmittel. Doch in der richtigen Abstimmung angewendet kann Blinowa mit diesen Hilfsmitteln bei jedem Menschen jede beliebige Erinnerung tilgen - und an deren Stelle völlig neue installieren.

Nach der ersten öffentlichen Präsentation bricht eine Flut von Bittschriften über Blinowa herein: Kriegsveteranen und Missbrauchopfer, die ihre Traumata loswerden wollen, aber auch abgewiesene Romantiker, die eine sinnlose Sehnsucht ausknipsen möchten und Erwachsene, die immer noch unter dem Mobbing ihrer Schulzeit leiden.

Hunderttausende möchten am liebsten sofort ihre Erinnerungen verändern. Die Mitarbeiter von Blinowas kleinem Experimentallabor müssen ihnen allen schon aus Kapazitätsgründen absagen, obwohl manche Lebensgeschichte sie erschüttert.

 

2022

Seit zwei Jahren tagt die Europäische Ethik-Kommission mittlerweile, um über die möglichen gesellschaftlichen Folgen der Blinowa-Therapie zu beraten. Währenddessen hat sich längst ein Schwarzmarkt für die Erinnerungsgestaltung gebildet: Memorymaker nennen sich die freiberuflichen Gedächtnisdesigner, und in der Welt der Reichen und Hyperreichen kann man sie buchen wie einen plastischen Chirurgen.

Eine Kindheit in Armut, die das Top-Model bisweilen noch bedrückt? Moment: Der Memorymaker hat die passende Kind-aus-gutem-Hause-Geschichte zur Gedächtnis-Implantation dabei. Die Zusammenstöße mit einem herrischen Vater nagen immer noch am Selbstvertrauen des Konzernmanagers? Kein Problem: Der Memorymaker verwandelt seinen Vater im Nachhinein in einen gütigen, verständnis- und liebevollen Papi.

Wer es sich leisten kann, schmeißt seinen düsteren Erinnerungsbalast über Bord.

 

2026

Die Gesundheitsministerien der EU haben sich das Unternehmen genau angesehen, sie haben die Mikrowellenhelme untersucht, die psychoaktiven Substanzen auf ihre Legalität geprüft, sie haben sich die Hypnose-Tracks angehört und die einzelnen Filialen auf hygiensche Verhältnisse abgeklopft. Schließlich können sie den Marktstart der Kette nicht mehr verhindern, und so geht im März “Memory Mart” an den Start, ein Erinnerungsdesigndiscounter mit von Anfang an mehr als hundert Filialen in ganz Europa.

Ausgestattet mit einer Gewerbe-Lizenz für “Wellness, Entspannung und Selbstoptimierung” finden sich die “Memory Mart”-Liegekabinen in Einkaufszentren, in Fußgängerzonen und sogar auf manchen Flughäfen.

Einen Memory-Maker, der individuelle Gedächtniskorrekturen vornimmt, trifft man hier nur einmal wöchentlich und nach Terminvbereinbarung. Den größten Umsatz erwirtschaftet “Memory Mart” mit so genannten Mem-Pacs. Diese fertigen Erinnerungsmomente, die man sich in Selbstbedienung implementiert, gibt es in einer unübersichtlichen Vielfalt: Kindergeburtstag-Andenken, Siege in sportlichen Wettkämpfen, Bücher - sogar ganze Bücherregale -, die man glaubt gelesen zu haben, Filmstars, mit denen man am Strand spazieren war und dann in den Dünen zärtlich wurde, überhaupt: erotische Erlebnisse jeder Geschmacksrichtung.

“Memory Mart” ist eine Erfolgsgeschichte ohne Vorbild, nahezu täglich eröffnen irgendwo auf der Welt neue Filialen.

2030

Memory Mart führt die “Free Mem”-Reihe ein, Gratis-Mem-Pacs, die von einem Produkthersteller gesponsort werden.

Nun sind es plötzlich nicht mehr Muttis Knödel, die die Familie in den Kindheitserinnerungen mit Begeisterung verschlingt, sondern  Fertiggerichte. Unter dem Tannenbaum liegt auffällig strahlend ein bestimmter Elektrorasierer, und beim ersten Flirt geht es erstaunlich ausführlich um eine bestimmte Parfüm-Sorte. Die Nutzer sind trotz dieser Merkwürdigkeiten begeistert von den kostenlosen Erinnerungen, und die meisten stören sich noch nicht einmal daran, dass in ihren Kindergartenerinnerungen offenbar alle Kinder mit der gleichen Smartphone-Marke spielen - obwohl es damals noch gar keine Smartphones gab.  

 

2033

Gehören einem Menschen seine Erinnerungen ganz allein? Oder haben seine Mitmenschen ebenfalls ein Anrecht darauf? Diese Frage muss ein Familiengericht in Oslo klären. Nach 27 Jahren Ehe, die hauptsächlich aus Streit und Missstimmung bestand, hat ein norwegisches Ehepaar sich scheiden lassen. Beide Ex-Partner lassen unmittelbar nach der Trennung einen Großteil ihrer Erinnerungen an die gescheiterte Ehe löschen. Nur ein paar wenige angenehme Momente behält jeder von ihnen für sich.

Diese Ehe-Beinahe-Totallöschung empört ihre beiden, mittlerweile erwachsenen Kinder: Zusammen mit all den für sie unangenehmen Momenten hätten ihre Eltern auch fast alle Erinnerungen an das gemeinsame Familienleben gelöscht, beklagen sie sich. Viele gemeinsame Urlaube und Feiertage sind für die Eltern vergessen, für die Kinder aber noch präsent. Die fühlen sich nun um ihre Familienvergangenheit betrogen und verklagen ihre Eltern auf Wiedereinsetzung der gelöschten Erinnerungen.

Die Klage scheitert. Der Richter stellt fest, dass Erinnerungen, da sie sich in Nervenzellverbindungen manifestiert, Bestandteil eines Körpers sind und mit dem gleichen Recht physisch verändert werden dürfen, mit dem man sich etwa einen Stiftzahn einsetzt oder ein Ohrloch schießen lässt.

Dieser Richterspruch findet weltweit Beachtung und entwickelt sich zur juristischen Standardsichtweise.

 

2036

Die amerikanische Justiz zieht als erste die Konsequenzen aus dem Umstand der Erinnerungsformbarkeit: Ab sofort werden vor Gericht keine Zeugenaussagen mehr zugelassen.

Grund ist der so genannte O’Hara-Fall. Der 35-jährige Louis O’Hara sieht dabei zu, wie sein bester Freund einen Mord begeht. Anschließend lässt er sich die Erinnnerung daran löschen, und ebenso die Erinnerung an diese Löschung selbst.

Trotz hartnäckigem Kreuzverhör und trotz Lügendetektor-Befragung bleibt er bei seiner Aussage, nichts vom Tathergang zu wissen, denn davon ist er zutiefst überzeugt  - sogar noch, als man ihm mit Hilfe von Überwachungskameraaufnahmen das Gegenteil beweist.

Künftig sollen vor amerikanischen Gerichten nur noch nachweisbare Fakten gelten. Aussagen von Augenzeugen gelten als wertlos und sind deswegen unzulässig. Zwei Jahre später erlassen die meisten Justizminister in Europa und Asien ähnliche Regeln.

 

2038

Statistisch gesehen besitzt inzwischen jeder Bürger der EU und der USA drei Microcams. An Jacket-Revers, an Brillenbügeln und an Gürtelschnallen filmen sie pausenlos die Umwelt ihrer Besitzer.

Die Microcam-Aufnahmen dienen als Beleg für die Fälle kleiner oder großer Streitigkeiten. Etwa, wenn jemand zusammen mit der Erinnerung an einen peinlichen Alkoholexzess auch seine am frühen Abend unter Freunden abgeschlossene Wette auf ein Fußballergebnis gelöscht hat.

Aber auch mündliche Ansprachen werden sicherheitshalber mit der Cam dokumentiert: Handwerkeraufträge, Geschäftsbesprechungen, Liebeserklärungen - sicher ist sicher.

 

2040

Wissenschaftler nennen es das Heile-Welt-Syndrom: Immer mehr Menschen installieren sich Mem-Pacs, die Welten enthalten, in denen es nichts Negatives mehr gibt. In diesen Szenarien gibt es keine Krankheiten, keine Kriege und keine Kriminalität. Die Menschen sind  voller Toleranz und gegenseitigem Verständnis, und sie gehen rücksichtsvoll und mitfühlend miteinander um.

“Paradiesies”, wie man die Nutzer dieser Pacs leicht verächtlich nennt, reagieren entsetzt auf Obdachlose in den Straßen, sie lassen sich von unhöflichen Taxifahrern einschüchtern, und Nachrichten können sie in Schockstarre versetzen. Meist sitzen sie zu Hause, trinken Tee und träumen. Paradiesies fallen als Arbeitskräfte aus, und sie entwickeln sich langsam zu einem volkswirtschaftlichen Problem.

 

2042

Eine “schleichende aber tief sitzende Paranoia” bescheinigt die Psychologin Teresa Navarrete der Post-Memory-Design-Gesellschaft:

Natürlich sind die Menschen verunsichert: Freunde erzählen ihnen etwas ganz anderes als das, woran sie sich erinnern, Medien berichten widersprüchlich, je nach Zusammensetzung ihrer Redaktionen, und tief innen weiß jeder, dass er seiner eigenen Erinnerung nicht trauen kann. Hinzu kommt die Unsicherheit über die Zukunft: Werde ich mich überhaupt noch an das Heute erinnern? Oder werde ich es vielleicht löschen und durch ein anderes ersetzen? Das führt zu einer permanenten kognitiven Dissonanz und setzt die Menschen unter Dauerstress.

 

2043

Auch in der Publizistik sind die Effekte der durchdesignten Gedächtnisinhalte inzwischen spürbar: Mittelalterliche Romane und Geschichtsbücher, die von überzeugten Katholiken verfasst wurden, enthalten keine Silbe über die Inquisition oder über die Kruezzüge, denn ihre Autoren haben in sich jeden Gedanken daran getilgt. Neonazis geben Bücher heraus, in denen die Deutschen den zweiten Weltkrieg gewonnen haben - und sie sind fest davon überzeugt davon, dass es wirklich so war.

Homöopathie-Lobbyisten haben einen Bestseller veröffentlicht, der hunderte Beispiele dafür enthält, wie Homöopathie im Laufe der Geschichte die schlimmsten Krankheiten geheilt hat. Das Buch ist ein Bestseller, vermutlich auch, weil es in einem Gratis-Mem-Pac aus der Wellness-Abteilung beworben wird.

 

2043

Die Wikipedia geht offline. Die Community gibt auf. Gegen Ende sind fast alle Artikel im Minutentakt geändert worden. Daten, Orte und andere vermeintlich eindeutige Fakten können praktisch nicht mehr verifiziert werden. Zu vielfältig und widersprüchlich ist die Quellenlage. Selbst über einstmalige historische Zweifellosigkeiten, wie etwa die Parteizugehörigkeit Willy Brandts oder über das Erbauungsjahr des Eiffelturms wird heftig gestritten.

Die Vereinten Nationen versuchen eine Wahrheitskommission einzusetzen, die allgemeingültige Fakten festlegt. Doch bei der Besetzung kommt es zu endlosen Streitereien.

Immer klarer wird: Eigentlich ist es gar nicht so wichtig, wie die Wahrheit genau aussieht. Wichtig für eine Gesellschaft ist vielmehr, dass sie sich auf eine einigt.

Illustrationen: Cris Olano

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Timeline - Gesellschaft ohne Sex

War Sex immer so präsent wie heute? Was, wenn das eines Tages nicht mehr so sein sollte? Wenn die Technik uns stimuliert und uns jeden (sinnlichen) Wunsch von den Augen abliest? Werden reale Liebesbeziehungen dann überflüssig? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus

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26.000 v.Chr

Der steinerne Phallus ist nur ein wenig größer als seine organischen Vorbilder und sein Zweck ist kein rituell-religiös-kultischer: Es ist vielmehr ein Lustgenerierungsgegenstand, den die Bewohner der Höhle “Hohler Fels” in der Schwäbischen Alb zurecht geschmirgelt und glatt poliert haben.

Der Steinpenis ist auch ein früher Versuch der Emanzipation. Denn steinerne Pin-Up-Figuren von Frauen, ausgestattet mit übergroßen Brüsten, hat die Eiszeit-Kultur bereits reichlich produziert. Endlich gibt es nun auch ein Sex-Stimularium, das von Frauen genutzt werden kann.

1644

Die Quing-Dynastie, die die müde gewordenen Herrscher der Mings ablöst, bringt China eine neue Blüte in Wohlstand, Kunst und Kultur. Ein traditionelles Produkt der chinesischen Porzellanindustrie erlebt zu dieser Zeit eine Periode der größten Artenvielfalt: der Penisring. Von Version zu Version fällt er raffinierter aus. Einige Variationen besitzen Drachenfiguren, um die Klitoris zu stimmulieren, andere sind mit Ziegenwimpern bestückt, wieder andere tragen künstliche Zweitpenisse am Ring.

Vom kommerziellen Erfolg dieser Luststeigerer inspiriert, machen sich auch die damaligen Elfenbein- und Jade-Künstler an die Fertigung entsprechender Gegenstände. Der daraus resultierende Variantenreichtum der chinesischen Penisringe dieser Zeitperiode ist bis heute weltweit unerreicht.

 

1869

Es ist ein dampfbetriebenes Tischgerät, das der Frauenarzt Doctor George Tayler dem Fachkollegium in London präsentiert, und es soll vor allem den Gynäkologen der Hauptstadt Erleichterung verschaffen. Die klagen nämlich zunehmend über müde Arme. Die Hauptbehandlungsmethode der so genannten weiblichen Hysterie ist es zu dieser Zeit, die Patientinnen von Hand zum “hysterischen Paroxysmus” zu bringen - vulgo: zum Orgasmus. Diese Handarbeit soll künftig Taylers sperriges Gerät erledigen, aus dem mit Hilfe von Dampfkraft ein phallusförmiger Kolben heraus- und wieder hineinfährt.

40 Jahre später bietet das Versandunternehmen Smith & Lindstrom aus Chicago den elektrisch betriebenen “White Cross Vibrator an”. In den verschämten Zeitungsanzeigen, in denen es viel um “gesunde Gesichtsfarbe” geht, verspricht der Hersteller: “Die Stärke eines perfekten Mannes, jederzeit in Reichweite -- durch Vibration.”

 

1968

“Was für ein Mädchen bist Du eigentlich? Kennst Du denn keine Scham?” schimpft der Weltraumschurke im Film Barbarella auf die junge, gleichnamige All-Reisende ein. Eigentlich wollte er das Mädchen in einer Art Orgasmus-Orgel den Lust-Tod sterben lassen, doch die Orgasmus-freudige Barbarella, gespielt von Jane Fonda, saugt der Maschine alle Lust-Energie aus, bis diese schließlich durchbrennt und in Flammen aufgeht.

Vier Jahre später stolpert im Film “Sleeper” der zeitreisende Woody Allen auf der Flucht vor Zukunftspolizisten in eine telefonzellengroße Röhre namens “Orgasmotron”, aus der er schließlich -- debil grinsend -- von seinen Verfolgern befreit wird.

In den experimentierfreudigen 60-er und 70-er Jahren ist das Konzept eines maschinengenerierten Orgasmus recht häufig in der Science-Fiction-Literatur anzutreffen.

1975

Der Computer-Visionär Ted Nelson prägt in seinem Buch “Computers Lib / Dream Machines” den Begriff “Teledildonics”. Darunter versteht man seitdem Sex-Spielzeug, das von Computern oder von anderen Menschen über das Internet gesteuert wird. Seit den 80-er Jahren gilt dieses Konzept immer wieder als das nächste große Ding der Erwachsenenunterhaltung, konnte sich beim breiten Publikum aber bisher nicht durchsetzen.

 

2017

Es ist die größte Produktpräsentation seit dem ersten iPhone. Lange haben die Gerüchteblogs darüber spekuliert, welches geheimnisvolle Produkt das Silicon-Valley-Start-Up “Peak Inc.” vorstellen will, angesichts der eingeladenen Weltpresse und der Live-Übertragung über Netz und Satellit.

Die Zuschauer werden nicht enttäuscht: Der ClimaxR ist ein kleines, unauffälliges Gerät, das man sich hinters Ohr klemmt, und das -- bei entsprechender Ansteuerung durch eine dazugehörige Smartphone-App -- im Sexualzentrum des Hirns eine fröhliche Neurotransmitter-Party veranstaltet.

Das Gadget bringt sowohl Männer als auch Frauen ohne externe Reize zu höchsten Erregungszuständen und zu einem ultimativen Orgasmus. Die Anwender müssen lediglich an etwas denken, das sie sexuell erregt und die Erregungintensität dann mit der ClimaxR -App nach Wunsch hochpegeln. Das Gerät funktioniert daher mit allen sexuellen Neigungen und Fetischen - sofern sie irgendwie denkbar sind.

 

2019

Der ClimaxR ist der erfolgreichste Produktlaunch aller Zeiten, zumal er mit einem Preis von nur 99 Dollar an den Start geht. Schon bald besitzt fast jeder den diskreten Apparat. Das öffenliche Leben verändert sich. Viele schauen beim Warten auf die U-Bahn nicht mehr auf ihr Smartphone sondern stattdessen tief atmend ins Leere. In Clubs und Discotheken wird weniger geflirtet, denn ein Augenkontakt, eine Phantasie und ein Klick auf die ClimaxR-App genügen den Meisten. Die gesamte Pornoindustrie steht vor der Pleite, ebenso wie die meisten Bordelle und die Veranstalter so genannter Lustreisen.

2022

Psychologen warnen davor, den ClimaxR bereits an pubertierende Jugendliche zu verkaufen. Niemand könne wissen, wie das ihr Sexualverhalten verändere. Doch spätestens mit der Volljährigkeit besitzt jeder junge Mensch ein Orgasmusgerät - die meisten werden sogar schon viel früher von verständnisvollen Eltern mit dem Apparat versorgt.

Tatsächlich entdecken Verhaltensforscher veränderte Lebensgewohnheiten bei Angehörigen der so genannten “Generation C”, wie man die Ersten nennt, die mit dem ClimaxR erwachsen geworden sind: Der Wunsch nach einer festen Partnerschaft scheint bei ihnen nicht sonderlich ausgeprägt zu sein, stattdessen pflegen sie viele platonisch-freundschaftliche Beziehungen zu Menschen beiderlei Geschlechts.

Körperlicher Sex spielt kaum noch eine Rolle, Berührungen, Zärtlichkeiten, Kuscheln und Küssen führen immer seltener zum Geschlechtsverkehr. Kurz: Die “Generation C” hat Sex nur noch im Kopf mit sich selbst -- aber ist äußerst herzlich zu anderen.

 

2027

Es sind nicht nur die Jungen, bei denen sich das Verhalten ändert. Wer längere Zeit den ClimaxR nutzt, verliert nicht nur das Interesse an zwischenmenschlichem Sex, sondern auch an einer festen Partnerschaft. Die Wissenschaftler sind uneinig über die Ursachen dieses Phänomens, aber über dessen Existenz gibt es keine Zweifel.

Das menschliche Miteinander ändert sich massiv: Viele erwachsene Paare jeden Alters geben ihre gemeinsamen Wohnungen auf und ziehen in WGs oder - je  nach Persönlichkeit - in Single-Wohnungen.

Da zwischenmenschlicher Sex praktisch keine Rolle mehr spielt, ist die Frage nach homo- oder heterosexueller Veranlagung auf das Niveau eines Musikgeschmacks gerutscht, über fetischistische Vorlieben wird diskutiert wie über Fernsehserien, die man mag oder eben nicht.

 

2030

Die Nachfragen nach künstlicher Befruchtung, nach Adoption und nach Leihmutterschaft steigen rapide. Schnell entsteht eine ganze Gebärindustrie, aus der Männner-WGs ebenso wie alleinwohnende Frauen ihren Nachwuchs beziehen.

“Familie” hat endgültig nichts mehr mit Vater-Mutter-Kind zu tun. Was Anfang des Jahrtausends noch “Patchwork-Familie” hieß, und die gesellschaftliche Ausnahme darstellte, ist mittlerweile in unzähligen Variationen zum Normalzustand geworden.

 

2032

Erstmals sind in den Industrienationen die neu besetzten Stellen zu gleichen Teilen an Männer und an Frauen vergeben.

Seit es am Arbeitsplatz keine -- auch keine unbewussten -- sexuellen Begehrlichkeiten mehr gibt (zumindest keine, mit denen man nicht ganz alleine, nur mit sich und seinem ClimaxR Spaß haben könnte), verlaufen Karriere und Beruf für die meisten Menschen sehr viel stressfreier. In Meetings herrscht ein lockerer aber sachlicher Tonfall. Bei Beförderungen oder Kündigungen achtet kein Personaler mehr auf Oberweite oder Bartwuchs. Sticheleien oder Scherze aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung, wie sie älteren Kollegen manchmal noch aus Gewohnheit herausrutschen, ernten nur noch Kopfschütteln.

 

2034

Die Statistiken sind eindeutig: Die Kriminalitätsraten sind in vielen Bereichen massiv eingebrochen -- nicht nur bei sexuell motivierten Staftaten, was zu erwarten war, auch bei Körperverletzungen und auch bei Totschlag. Alkoholsucht und Depressionen sind klar seltener geworden in der Bevölkerung. Offebar hat der ClimaxR  nicht nur den einzelnen Menschen Enspannung gebracht, sondern auch der menschlichen Gesellschaft.

Illustrationen: Cris Olano

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  • Gesellschaft ohne Sex

Timeline - Die Anti-Informationsgesellschaft

Seit wann sammeln wir Daten über unsere Umwelt? Führt die tägliche Informationsüberflutung zu einem "Future Shock"? Und was passiert, wenn wir den Daten bald nicht mehr trauen? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus

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520 v.Chr.

Unzählige philosophische und religiöse Schulen existieren in Griechenland. Die Pythagoreer, mit ihrem Bestreben, das Universum durch Mathematik zu erfassen, fallen kaum auf. Sie vermessen und berechnen, sie tragen Fakten und Beobachtungen zusammen, sie häufen mehr und mehr Informationen an.

Später werden sie als Ursprung des rationalen Denkens gelten, als Keimzelle der Naturwissenschaften und der Aufklärung. Doch all das hat es von Anfang an schwer in der Welt: Die Pytagoreer, die sich in Italien niederlassen, werden im fünften Jahrhundert v.Chr. vertrieben oder getötet.

 

48 v. Chr.

Informationen zusammen zu tragen und mit bestehendem Wissen abzugleichen, ist eine mühsame Angelegenheit. Ausgerechnet die Bibliothek von Alexandria, der größte Wissenspeicher ihrer Zeit, wird bei einem Großbrand zerstört. Das glauben heute zumindest einige Historiker. Andere meinen, sie habe noch Jahrhunderte länger gestanden. Interessanterweise verschwanden nämlich zusammen mit der Bibliothek nicht nur geschätzte sechs Gigabyte an gesammelten Informationen, sondern dazu noch die Informationen über ihr eigenes Verschwinden.

 

476

“Augustulus” nennen sie ihn spöttisch ob seiner Jugend, “Kaiserlein”. Eigentlich heißt er Romulus und er ist offiziell Kaiser des weströmischen Reiches - zumindest so lange, bis der Germane Odoaker ihn vom Thron vertreibt und sich selbst zum Herrscher des maroden Reiches ernennt.

Keine hundert Jahre später hat sich das weströmische Reich vollständig in eine Hand voll germanische Staaten aufgelöst. Zusammen mit dem kriegerischen Rom verabschieden sich bis auf Weiteres auch die Konzepte Demokratie, Wissenschaft, Bürgerrechte und Meinungsvielfalt vom europäischen Kontinent.

Rund eintausend Jahre dauert das so genannte dunkle Zeitalter, in dem allein die katholische Kirche die Macht über das erlaubte Wissen und die vorgebliche Wahrheit besitzt. Eine Zeit der Bildungsarmut, der Pseudowissenschaften, der Krankheiten und Epidemien, der Folter und Hinrichtung Andersdenkender.

 

1517

Die 95 Thesen, die Martin Luther ans Tor der Schlosskirche zu Wittenberg nagelt, stellen hauptsächlich die Legitimität des Geschäftmodells der katholischen Kirche in Frage. Diese lebt damals hauptsächlich von der kostenpflichtigen Entsorgung der Sünden zahlungsfähiger Zeitgenossen. Doch aus dieser frühen Form des Verbraucherprotestes gegen einen Weltkonzern und dessen zweifelhafte Produkte entwickelt sich unerwartet eine gesellschaftspolitische Kettenreaktion: Verschiedene, nach eigenem Verständnis reformierte Kirchen entstehen. Könige sagen sich von Papst los, und die Kirche verliert in der Folge massiv an Bedeutung.

In dieses Vakuum der Weltendeutung dringen die jungen wilden Aufklärer vor, in Büchern und Journalen diskutieren sie Naturwissenschaften, Weltanschauungen und Politik. Viele Bürger können gar nicht genug bekommen von diesen neuen und ungewohnten Informationen.

1784

Seit mehreren Jahrhunderten krempeln die Aufklärer bereits die Gesellschaft um. Sie brechen mit Traditionen, sie widersprechen dem Althergebrachtem und sie provozieren  die Konservativen. Aber erst jetzt bemüht sich jemand, die Frage “Was ist Aufklärung” zu beantworten. In der “Berlinischen Monatsschrift” schreibt Immanuel Kant:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Für Kant ist es wichtig, dass jeder von seinem Verstand “öffentlich Gebrauch” macht, und er meint damit vor allem eine publizistische Debatte. Kant verlangt nach Diskussionen, nach Meinungen, nach Ideen, nach einer Vielfalt von Informationen und deren unterschiedlicher Deutungen.

 

1970

Schnell geschnittene Bilder aus Supermärkten und Kaufhäusern: Lebensmittel, Perrücken, Spielwaren. “Wir werden vor so viele Wahlen gestellt”, raunt Orson Welles Stimme, “so viele Entscheidungen. Wir müssen sie so schnell fällen. Niemand von uns kann diesem Druck entkommen”. “Future Shock” nennt sich der 40-minütige Fernsehfilm, der auf dem gleichnamigen Bestseller des amerikanischen Autors Alvin Toffler basiert. In dieser Schrift prägt Toffler nicht nur den Begriff “Informationsüberflutung” - womit er den Buchmarkt, sowie Zeitungen und Fernsehen meint - er macht dieses von ihm beklagte Zuviel an Information und an Wahlmöglichkeiten ursächlich verantwortlich für neumodische und seltsame Entwicklungen in der Gesellschaft: langhaarige Männer etwa, die nicht Soldaten werden wollen, Frauen, die das Studium und den Beruf der Aufzucht von Nachwuchs vorziehen, Männer, die Männer lieben, Drogen-Kommunen, Demonstationen und überhaupt.

Das Muster hinter “Future Shock” wird sich in den nächsten Jahrzehnten in unzähligen Publikationen wiederholen: Zu viele Informationen und zu viele Optionen seien schädlich für den Menschen, lautet das immer wieder kehrende Dogma dieser Denkschule.

 

2009

In seinem von Wissenschaftlern als unwissenschaftlich angesehenen Buch “Payback” versucht der FAZ-Herausgeber Frank Schirmacher zu erklären, “warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen”. Gleichzeitig räumt er im Feuilleton der FAZ den Kritikern der Informationgesellschaft viel Platz ein. Evgeny Morozov darf hier regelmäßig Silicon Valley-Unternehmen mit Gentechnik-Konzernen vergleichen und Jaron Lanier sich darüber beschweren, dass die Wikipedia “keine Wahrheiten” verbreite sondern “nur die Durchschnittsmeinung einer anonymen Masse”. 2014 erhält Lanier sogar den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Es sind gute Zeiten für die Verächter der Informationsgesellschaft.

 

2016

Nicht nur das Digitale ist immer mehr Menschen suspekt, auch das Vertrauen in die Naturwissenschaften schrumpft: Eltern lassen aufgrund kursierender Falschinformationen ihre Kinder nicht mehr impfen, was immer wieder zu regionalen Ausbrüchen von Masern führt.

Gerüchte machen die Runde, nach denen die Pharmaindustrie wirksame Naturheilverfahren geheim hält.

Pseudo-Wissenschaften aus voraufklärerischen Zeiten sind äußerst beliebt: Im September geben die Krankenkassen bekannt, künftig die Kosten für Behandlungen nach TCM, Traditioneller Chinesischer Medizin, zu erstatten. Der Grund sei nicht etwa die Wirksamkeit dieser Verfahren, sondern die hohe Nachfrage unter den Versicherten.

 

2018

“Clarity - Klarheit” nennt sich der Sachbuch-Bestseller der Yoga-Lehrerin Paula Oates, und er bedient perfekt den technologie- und wissenschaftsfeindlichen Zeitgeist. Die Aufnahme von immer weniger Informationen legt das Buch seinen Lesern nahe; statt Debatten und Meinungsstreit solle man besser auf die eigene, die innere Stimme hören. Massenmedien seien aufgrund ihrer Gewinnorientierung sowieso unzuverlässig, und die Natur wisse schon am besten, was gut ist - besser jedenfalls als Pharma-Unternehmen und die chemische Industrie.

Der Begriff “Clarity” wird schnell zum Heilsversprechen und zum Kampfbegriff gleichermaßen: Verschwörungstheoretiker sprechen von “Clarity”, wenn sie davon raunen, welche Wahrheiten die “Systempresse” angeblich verschweige. Konservative Kreise verstehen unter “Clarity” die Rückbesinnung auf die Familie und auf die traditionellen Lebensweisen - im Gegensatz zu der Unübersichtlichkeit und “Unklarheit” moderner Lebensentwürfe und der Vielfalt sexueller Orientierungen. Und sogar die Nationalisten und EU-Feinde beschwören “Clarity”, wenn sie den Wiederaufstieg der Nation und den Abschied von der gemeinsamen Währung versprechen.

 

2023

Nein, es sei keine Sekte, versichert Paula Oates der Presse. Ihre Gemeinschaft “Way to Clarity” sei lediglich eine Gruppe von Menschen mit gleichen Zielen: der eigenen Klarheit nämlich. In den neuen Wohnhäusern der Gemeinschaft sei es für viele Menschen nunmal sehr viel einfacher, sich vom Dauerrauschen der Massenmedien zu befreien und die eigene innere Stimme zu finden.

Oates zweites Buch, “More Ways to Clarity”,  das in einer Millionenstartauflage ausgeliefert wird, ist allerdings angefüllt mit spirituellen Konzepten aller möglicher Religionen und Glaubensrichtungen. Oates jongliert mit Wiedergeburt, Karma, Erdstrahlen, Homöopathie, Achtsamkeit, Wünschelruten, Voodoo-Beschwörungen und kosmischen Energien.

Ende des Jahres hat sie 21 Gemeinschaftshäuser eröffnet, anderthalb Jahre später sind es 282.

Die christlichen Kirchen, alarmiert von Oates Erfolg, reden wieder verstärkt vom Nachtod-Paradies, von Wundern, von der Hölle und vom Fegefeuer. Die so genannte Modernisierung, schreibt der Papst in einer Bulle, sei ein Irrweg gewesen. Nun zähle endlich wieder allein die Klarheit des Glaubens.

 

2026

Die Politik reagiert auf den Trend. Parteien versprechen im Wahlkampf die Einführung der Universitätsfächer TCM, Homöopathie, Reinkarnation und Aurafotografie. Gleichzeitig sollen naturwissenschaftlichen Fächern die Mittel reduziert werden. Um die Informationsüberflutung einzudämmen soll eine Datensteuer die Nutzung des Internets massiv verteuern. Mit diesen Einnahmen soll jeder Bürger kostenlos eine multimedial aufbereitete Version der Bibel erhalten. Außerdem soll Religionsunterricht Pflicht werden - auch für Erwachsene.

Wissenschaftler und liberal Eingestellte sind entsetzt, aber in Frankreich, Deutschland, Österreich und Italien siegen bei den Parlamentswahlen die Parteien mit solcherlei Versprechungen deutlich. Die vier Staaten beschließen kurz darauf die Bildung des “Bundes der Klarheit” als Gegengewicht zur “atheistischen EU”.

 

2031

Schon seit Jahren verlassen Naturwissenschaftler, Ingenieure, Kreative und Liberale den “Bund der Klarheit”, meist Richtung Skandinavien, oft aber direkt in die technologiefreundlichen Länder Asiens, in denen der Glaube Privatangelegenheit ist.

Mit Einführung der allgemeinen Gebärpflicht für verheiratete Frauen verwandelt sich der Strom der Auswanderer in eine Flut. Der “Bund” erlebt einen Brain-Drain.

 

2046

Zwanzig Jahre nach Gründung des “Bundes für Klarheit” haben Frankreich, Deutschland, Osterreich und Italien sich in Bio-Agrarnationen verwandelt. Großfamilien ziehen Öko-Rinder heran, deren Fleisch besonders im fernen Osten begehrt ist und dort Höchstpreise erzielt. Auch Heilkräuter aus den Tiroler Bergen sind ein Exporthit.

Die Sterblichkeitsrate innerhalb des Bundes ist auf dem Niveau eines Entwicklunglandes angelangt. Nach einer schweren Pest-Epediemie Ende der 2030-er und als Folge der Auswanderungen ist die Bevölkerungsgröße auf ein Siebtel der Vor-Bund-Zeit geschrumpft.

Die Menschen nehmen die wiederkehrenden Krankheitswellen hin. Für die Einen sind sie Prüfungen Gottes, anderen gilt Hadern mit der Welt als ein Irrweg auf der Reise zum Selbst. Wieder andere predigen Krankheit und Tod als Chance.

An die Stelle des Internets ist das “Netz der Klarheit” getreten, dessen Inhalte von den Kirchen und Glaubensgemeinschaften gepflegt werden.

Kontakt zu Menschen außerhalb des Bundes haben nur noch die Exporthändler und ein paar Bischöfe.

Ab und zu schweben hoch oben am Himmel längliche Flugkörper über die Länder. Die Wünschelrutler glauben, aus ihren Flugbahnen den besten Zeitpunkt für die Kräuterernte vorhersagen zu können.

Was die Bundler nicht wissen: Es sind Ausflugszeppeline aus den Nachbarländern, mit Touristen an Bord, die neugierig auf die seltsamen Menschen sind, die lieber mit zu wenigen Informationen leben als mit zu vielen.

 

Illustrationen: Cris Olano

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Timeline - Geistiges Eigentum

Gab es in der Steinzeit Raubkopien? Wie beeinflussen Abmahnanwälte unseren Drang nach Innovation? Und werden Kunst und Kultur aussterben, wenn geistiges Eigentum ungeschützt ist? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus


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ca. 1,8 Millionen Jahre v. Chr.

“Hübsch”, denkt sich die Erfinderin des Faustkeils, als sie ihr Werk betrachtet, “und praktisch dazu: Damit kann man Tiere häuten, Feuerholz zerkleinern und Nüsse knacken - und vielleicht noch viel mehr.” Auch die übrigen Höhlenbewohner sind begeistert von dem steinernen Werkzeug.

Schon bald hat sich jeder einen eigenen Faustkeil gefertigt. Die Erfinderin hat davon allerdings nichts. Idee, Entwicklung, Kreativität: All das ist für die Frühmenschen nicht greifbar, noch nicht einmal erkennbar und daher nicht von Wert. Eine Bedeutung haben in dieser Welt allein die angespitzten Steine selbst, nicht aber der vorgelagerte, gedankliche Entstehungsprozess. Ein Umstand, mit dem einige Tausend Jahre später auch die Erfinderin des Welterfolges “Rad” hadert.

 Illustration Timeline Geistiges Eigentum Propriété intellectuelle 1 © Cris Olano

ca. 80 n. Chr.

“Plagiarius”, was so viel wie “Menschenräuber” bedeutet, schimpft der römische Dichter Marcus Valerius Martialis auf seinen Dichterkollegen Fidentius ein. Der hatte eines seiner Epigramme als sein eigenes ausgegeben. Martialis vergleicht die Veröffentlichung seiner Werke mit dem Freilassen von Sklaven und bezichtigt den Kopisten daher des Menschendiebstahls. Eine aus heutiger Sicht reichlich schräge Metapher, die sagen soll: Es existiert eine Verbindung zwischen Künstler und Werk, die ein Dritter sich nicht mal eben aneignen kann.

In der Antike gibt es keinen Schutz für kreative Werke, aber ihre Schöpfer sind angesehene Bürger. Auch Martialis lebt recht gut von Gönnern, Spendern und Mäzen.

 

1235

“Aussatz oder Hölle” wünscht Eike von Repgow in einem Vorwort all jenen an den Hals, die seinen “Sachsenspiegel”, ein frühes juristisches Werk, kopieren. Solch ein drastischer Kopierschutz erscheint ihm nötig, denn im Mittelalter ist das handschriftliche Kopieren von Büchern der Normalfall.

Verglichen mit der Antike haben Werkschöpfer inzwischen stark an gesellschaftlichem Ansehen verloren: Dichter, Maler und Bildhauer gelten lediglich als ausführende Organe einer göttlichen Eingebung. Neben dem einen, dem allmächtigen Schöpfer soll es keine weiteren, menschlichen mehr geben.

So gilt von Repgows Fluch auch weniger dem eigenen Schutz als Urheber, vielmehr will er Verfremdungen und Kopierfehlern vorbeugen, die häufig beim Abschreiben entstehen. Überhaupt ist zu diesen Zeiten die Sorge um die Qualität einer Kopie größer als die Angst vor dem Kopiertwerden.

Und diese Befürchtung bleibt: Etwa 300 Jahre nach Eike von Repgow - der Buchdruck ist längst erfunden - nörgelt Martin Luther über Raubkopierer: “Wenn sie doch meine Bücher nicht so falsch und schändlich zurichten. Nun aber drucken sie dieselbigen und eilen also, dass, wenn sie zu mir wiederkommen, ich meine eigenen Bücher nicht kenne.”

 

1710

Das britische Unterhaus beschließt das “Statute of Anne”, die erste Regelung, die einem Autor grundlegende Rechte an seinem Werk zuspricht. Das Gesetz soll Gelehrte anregen, “nützliche Bücher zu verfassen”, erklärt das Parlament. Erstmals werden illegitime Nachdrucke verboten - für einen Schutzzeitraum von 14 Jahren.

Es dauert fast zwanzig Jahre, bis diese Idee auf dem europäischen Kontinent landet, wo sie der Universalgelehrte Nikolaus Hieronymus Gundling in seinem Werk “Von dem Schändlichen Nachdruck andern gehöriger Bücher” aufgreift. Das Mem vom “Geistigen Eigentum” ist geboren, und es pflanzt sich fort - zunächst noch sehr langsam, aber mit exponentiell zunehmender Verbreitungsgeschwindigkeit.

 

1976

“Die meisten von euch stehlen Software!” empört sich der 21-jährige Bill Gates in einem offenen Brief an die Computer-Hobbyisten des “Homebrew Computer Clubs” aus Palo Alto in Kalifornien. Gates, laut Briefunterschrift “General Partner” des ein Jahr zuvor gegründeten Unternehmens “Micro-Soft” (mit Bindestrich), beschwert sich, Mitglieder des Clubs kopierten seine Entwicklung “Altair Basic”, ohne dafür zu zahlen. Der Brief löst bei den Computer-Amateuren Kopfschütteln aus: Software wird bis dahin zusammen mit der Computer-Hardware verkauft oder gratis weiter gegeben und unter Anwendern fröhlich getauscht. Dieses Kopieren und Tauschen nun als “Diebstahl” zu bezeichnen, erscheint den Clubmitgliedern absurd.

 Illustration Timeline Geistiges Eigentum Propriété intellectuelle 2 © Cris Olano

Dieser kleine Disput enthält bereits alle Zutaten, die Jahrzehnte später die Unterhaltungsindustrie erschüttern werden: das nicht vorhandene Unrechtsbewusstsein der digital kopierenden Anwender auf der einen, sowie “Diebstahl”-Metaphern und Drohgebärden auf der anderen Seite.

 

2009

Michael Jackson stirbt. Rückblickend gilt er als der letzte wirkliche Superstar der Popmusik.

Von den Fünfziger- bis zu den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts ist das Mem des alleine-genialen Künstlers immer größer und mächtiger geworden: Erfolgreiche Filmregisseure, Buchautoren und Musiker werden verehrt wie Übermenschen, und sie besitzen Vermögen in der Größenordnung mancher Staaten. Was durch diesen Prunk verdeckt wird: Die allerwenigsten Künstler können von ihrer Kunst leben. Es sind immer nur einige Wenige, die mit ihrer Musik, ihren Büchern oder Filmen reich werden. Kaum jemand sieht die unzähligen Künstler, die kaum überleben können. Mit der Digitalisierung und Vernetzung der Medien schwindet das Superstar-Phänomen langsam, im Laufe der folgenden 20 Jahre.

 

2013

In Deutschland tritt das so genannte “Leistungsschutzrecht für Presseverleger” in Kraft. Mit Hilfe dieses juristischen Konstruktes soll das Reproduzieren kleinster Textausschnitte im Internet, etwa Überschriften oder kurze Textausrisse von Nachrichten, gebührenpflichtig werden. Jahrelang hatten Zeitungsverleger für dieses Gesetz lobbyiert.

Ein Jahr später ergänzt auch Spanien sein “Ley de Propriedad Intelectual”, das “Gesetz zum geistigen Eigentum”, um ein entscheidendes Detail: geringfügige Textzitate bis hinab zu bloßen Hyperlinks werden unter Urheberrechtsschutz gestellt. Zuwiderhandelnden drohen Strafen bis zu 300.000 Euro oder sechs Jahren Haft.

Die beiden Gesetze, die das europäische Web in ein juristisches Minenfeld verwandeln, bilden den Auftakt einer Serie von Urheberrechtsverschärfungen, initiiert von den Lobby-Verbänden der Musik-, Film-, Buch- und Zeitungsindustrien.

 

2016

Die Musik-Verwertungsgesellschaften GEMA, BUMA/STEMRA und SACEM können sich bei der Europäischen Kommission mit ihrem Konzept der “Overhear”-Abrechnungstechnik durchsetzen. Ab Januar 2017 müssen alle EU-Bürger den daumennagelgroßen “Overhear”-Chip bei sich tragen, der alle Musikstücke registriert, die sein Besitzer im Laufe eines jeden Tages hört - egal ob aktiv per Musikplayer oder zufällig im Autoradio, in einer Kantine oder beim Besuch bei Freunden.

Zwar geißeln Datenschützer und Bürgerrechtsorganisationen die kleinen Mithörer als “Schnüffelchips”, aber die Verwertungsgesellschaften argumentieren erfolgreich, auf diese Weise könnte endlich auch der Konsum von musikalischen Raubkopien abgerechnet werden.

 Illustration Timeline Geistiges Eigentum Propriété intellectuelle 3 © Cris Olano

2018

Der Verband der Köche Deutschlands (vkd) ist jahrelang unauffällig im Bundestag von Abgeordnetenbüro zu Abgeordnetenbüro geschlichen und hat den Volksvertretern sein Anliegen von der “Schutzlücke Rezeptur” vorgetragen. Jetzt endlich kann er Erfolg verkünden: Ab dem nächsten Jahr werden auch Rezepte für die Speisenzubereitung unter den Urheberschutz fallen.

In der Folge kommt es zu einer Unmenge von Prozessen rund um Kochbücher, Kochunterricht, Fernsehsendungen und um die Zubereitungsempfehlungen auf den Rückseiten von Tütensoßenverpackungen und Tiefkühlkost.

 

2020

Nach dem Vorbild der Zeitungsverlage gelingt es auch Filmstudios in einem Musterprozess, kleinste Story-Strukturen unter Urheberschutz zu stellen. Die USA und die EU novellieren ihre Gesetze entsprechend.

Größter Profiteur ist die "20th Century Fox". Sie lässt  sich erfolgreich die beiden Ideen “Ein Fremder kommt in die Stadt” sowie “Ein Mann geht auf eine Reise” schützen. Kurz darauf verklagt die das Unternehmen weltweit 8.509 Produktionsfirmen wegen Urheberrechtsverletzungen in insgesamt 57.098 verschiedenen Filmen.

 

2024

Die Strukturen von Verlagen, Labels, Software-Unternehmen, Ingenieurbüros, Filmproduktionen und etliche andere Unternehmen aus dem Kreativbereich haben sich in den letzten zehn Jahren grundsätzlich gewandelt: Die Firmen beschäftigen fast nur noch Juristen und betreiben als Hauptgeschäft  entweder Rechtsklagen oder Entgegnungen darauf.

Die Produktion neuer Werke gilt als viel zu gefährlich: Jede Note, jeder Satz, jedes Farbmuster könnte die Rechte eines anderen Unternehmens berühren und zu jahrelangem Streit vor Gericht führen.

Von all den Verschärfungen der Urheberrechte profitieren ausschließlich Entertainment-Konzerne. Um die eigentlichen Urheber kümmert sich derweil weder der Gesetzgeber noch die Kreativindustrie. Musiker, Filmemacher und Buchautoren sind inzwischen hauptsächlich auf eigene Faust aktiv: Sie sammeln unter ihren Fans Geld für neue Projekte ein, und sie leben ansonsten von Freunden, Gönnern und Spendern - fast so wie damals in der Antike.

 Illustration Timeline Geistiges Eigentum Propriété intellectuelle 4 © Cris Olano

2031

In einer ebenso feierlichen wie dramatischen Fernsehansprache erklärt die chinesische Staats- und Parteichefin Hua Fen-Ying, die chinesische Volksrepublik werde sich ab sofort den internationalen Patent- und Urheberrechtsnormen nicht mehr unterwerfen. Das Konzept des so genannten Geistigen Eigentums sei ein Irrweg aus dem Westen und ein Fremdkörper in Chinas Kultur, die auf einem freien Fluss von Wissen und Ideen aufbaue.

Die Ankündigung führt zu einem internationalen Aufschrei - und zu viel mehr nicht. Zu unentbehrlich ist China mittlerweile geworden, als Produzent und als Kreditgeber für den Rest der Welt. Ein paar halbherzige Boykottversuche scheitern kläglich. Den USA und der EU bleibt letztlich nichts anderes übrig, als ihre Grenzen für die chinesischen Produkte offen zu halten.

China macht ernst. Vom iGlass 7 bis zum Opel Volta GT, vom Nike “No Gravity” bis zum Makerbot 4D: Schon bald gibt es überall chinesische Nachbauten von erstaunlich guter Qualität zu kaufen - und zu günstigen Preisen, da China keinerlei Lizenzgebühren mehr zahlt. Auf einer Krisensitzung in Bad Salzuflen beschließen die Vertreter der G11-Staaten, in ihren Ländern ebenfalls bis auf Weiteres den Schutz des geistigen Eigentums auszusetzen, um die verbliebenen heimischen Produktionsbetriebe vor einer Pleitewelle zu bewahren.

 Illustration Timeline Geistiges Eigentum Propriété intellectuelle 5 © Cris Olano

2039

Es gibt praktisch kein geistiges Eigentum mehr auf der Erde. Sämtliche Staaten verzichten inzwischen auf das Konzept. Jeder baut nach, kopiert, lässt sich inspirieren, nimmt sich Ideen, Formen, Muster und Melodien wie es ihm gerade passt. Erstaunlicherweise scheint das weder den Unternehmen noch den Volkswirtschaften sonderlich zu schaden. Zwar fallen sämtliche Einnahmen durch Patente und Lizenzen weg, dafür hat diese Ausgaben aber auch niemand auf der Kostenseite. Die Unternehmen sparen sogar - je nach Branche - jährlich hunderte von Millionen, da sie keine jahrelangen Prozesse um irgendwelche Rechte und Lizenzen führen müssen.

Auch wird entgegen allen Befürchtungen noch fleißig geforscht und erfunden, denn: Auch wenn niemand mehr eine Entwicklung alleine vermarkten kann, sie als Erster gehabt zu haben, hat durchaus einen Wert.

Die Unternehmen der Unterhaltungsindustrie sind alle verschwunden, was kaum jemandem auffält, denn neue Werke produzierten sie ja schon lange nicht mehr. Die Kulturbranche ist hingegen so vielfältig wie nie zuvor. Sie besteht aus unzähligen Nischen, in denen sich Künstler und Fans begegnen. Die Faustregel lautet: Wer im Netz 5000 treue Fans um sich scharen kann, der kann von seiner Kunst leben. Reich wird mit kreativer Leistung zwar niemand mehr, aber das war ja auch in der Vergangenheit immer schon die Ausnahme.

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Timeline - Automobilität

Warum entschied sich Autobauer Henry Ford gegen den Elektromotor? Teilen junge Autofahrer lieber Fahrzeuge als eigene zu kaufen? Und werden wir künftig überhaupt noch Führerscheine brauchen? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus


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1896

“Junger Mann, das ist es”, lobt der Firmenpatriarch den 33-jährigen Ingenieur aus Detroit. “Ihr Auto ist unabhängig, es trägt sein eigenes Kraftwerk in sich - kein Feuer, kein Kessel, kein Rauch und kein Dampf”, schwärmt er weiter. “Sie haben es gefunden. Bleiben Sie dabei!”

Und er bleibt dabei: Henry Ford - der junge Ingenieur - baut ein Unternehmensimperium um das Auto mit Verbrennungsmotor, von dem sein damaliger Chef, der Erfinder Thomas Alva Edison, sich so begeistert zeigt.

 Illustration Timeline Automobilität Automobilité 1 © Cris Olano

Neben dem Benzinmotor konkurrieren damals noch der Elektromotor und die Dampfmaschine darum, der Standardantrieb des Automobils zu werden. Und vielleicht ist es ja die Begeisterung Edisons für den kleinen Zweizylindermotor, den der junge Ford ihm vorführt, die schließlich den Ausschlag gibt für den Benziner.

 

1899

Mit Autos hält der Schriftsteller H.G. Wells sich gar nicht erst auf. In seinem Roman “Wenn der Schläfer erwacht” sind es die Fahrbahnen selbst, die sich bewegen.

Aber diese Straße war hundert Meter breit und sie bewegte sich. Unter dem Balkon, auf dem er stand, schoss eine endlose Fahrbahn, mit schmalen, stufenförmig angeordneten Querplatten dahin. Gelenkverbindungen ermöglichten ein Fahren in Kurven. Auf diesen Fahrbahnen standen Bänke, hie und da auch kleine Kioske.

Das Konzept der Fließband-Gehwege findet sich seitdem in zahllosen Science-Fiction-Geschichten wieder.

Für die Weltausstellung in Paris baut man sogar einen Prototypen von einigen hundert Metern Länge. 1927 schafft es die Idee im Film “Metropolis”  auf die Kinoleinwand und 1962 mit der Zeichentrickserie “Die Jetsons” ins Fernsehgerät.

Außerhalb von Flughäfen wird jedoch nichts aus dem Traum von den fahrenden Bürgersteigen: zu teuer, zu großer Wartungsaufwand und Energiehunger.

 

1902

“Gruppe slumloser, qualmloser Städte” schreibt der Brite Ebenezer Howard über den ersten Entwurf seines so genannten Gartenstadt-Konzeptes. Howard möchte mit seiner Idee der zunehmenden Enge und der rapide steigenden Grundstückspreise Londons begegnen. Seine Vision: eine dezentrale Siedlungsstruktur, in der die Bereiche Wohnen, Arbeiten, sowie Erholung und Kultur räumlich voneinander getrennt, aber mittels Eisenbahnen schnell zu erreichen sind. Das ganze Konstrukt soll auf genossenschaftlicher Basis stehen und den Bewohnern unter anderem ein lebenslanges Mietrecht sichern.

Jahrzehnte später hat es aus dem ausgeklügelten Gartenstadt-Plan lediglich das Teilkonzept Dezentralität in die Realität geschafft und zwar in seiner unerfreulichen Variante namens Zersiedelung: gesichtslose Fertighaussiedlungen, beängstigende Trabantenstädte, Einkaufszentren und Möbelhäuser im Nichts. Und alles ist miteinender verbunden durch Autobahnen und Landstraßen, die die Landschaften zerschneiden und auf denen die Bürger einen guten Teil ihrer Lebenszeit verbringen.

 

2004

Irgendwann im Laufe dieses Jahres muss es passiert sein: Die Automobilnutzung in den USA und in der EU stagniert. Ab 2008 lässt sich sogar ein Rückgang messen. “Peak Car” nennen die Wissenschaftler diesen Effekt und immer mehr Daten belegen: Die goldenen Zeiten des Automobils sind vorüber.

 Illustration Timeline Automobilität Automobilité 2 © Cris Olano

Vor allem den jungen Leuten scheint die Lust aufs Automobil abhanden gekommen zu sein: Besaßen im Jahr 2000 noch 52 Prozent der 18- bis 29-jährigen Männer in Deutschland ein eigenes Auto, waren es 2010 nur noch 34 Prozent. Ein Trend, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Das Wachstum findet sich anderswo: 700.000 Europäer nutzen im Jahr 2011 Carsharing-Angebote, im Jahr 2020 sollen es 15 Millionen sein, sagt das Marktforschungsunternehmen Frost & Sullivan: Die Verzwanzigfachung einer Nutzergruppe derart kurzer Zeit kennt man sonst nur von Internet-Plattformen.

 

2016

“Dala Dala” nennt sich ein Start-Up, das nach “Uber”, “Blacklane” und “Swyft” die Personenbeförderung revolutionieren will. Die Idee dahinter: eine Art Algorhitmus-optimiertes Sammeltaxi. Per Smartphone-App teilen die Fahrgäste ihren Aufenthaltsort und ihre Fahrtziele mit und die Dala-Dala-Kleinbusse sammeln sie der Reihe nach ein und bringen sie nacheinander an ihr Ziel oder zumindest in die Nähe - nach einer ausgefuchsten und Stau-berücksichtigenden Routenplanung. Gerade in Großstädten und unter jungen Leuten wird “Dala Dala” ein großer Erfolg.

 

2018

Das amerikanische Unternehmen “Volto Bene”, eine Tochter des E-Auto-Herstellers Tesla, bringt Elektro-Auto-Car-Sharing nach Europa - und zwar zu Kampfpreisen. Schon bald sieht man überall in europäischen Städten die lindgrünen Kleinwagen durch die Straßen schnurren und gleichfarbene Ladesäulen an den Straßenrändern stehen. “Volto Bene” ist wesentlich günstiger als alle europäischen Anbieter und hat bald eine marktbeherrschende Position inne.

 

2022

Der erste erste selbstfahrende, vollautonome PKW mit Straßenzulassung heißt “Deulaibeo” oder kurz “Beo” und fährt mit 22 Exemplaren in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul durch die Straßen. Dank massiver Staatssubventionen gelingt es den Koreanern, die Entwicklerteams in anderen Ländern um einige Jahre zu schlagen. Der viersitzige “Beo” besitzt einen Elektromotor, aber weder Lenkrad noch Pedale. Dafür lassen sich die beiden Vordersitze um 180 Grad in den Fond drehen, so dass alle Passagiere in einer entspannten Runde sitzen können.

Der Aktienkurs des “Beo”-Produzenten durchbricht wochenlang einen Rekord nach dem anderen. Die Koreaner nutzen die Gunst des eigenen Aktienkurses und gehen international auf Firmeneinkaufstour. Unter anderem kaufen sie die Mehrheit an “Dala Dala”

 

2027

Erstmals gehört der größte Teil der Arbeitnehmer zu der Generation, die mit dem Internet, mit Smartphones und mit den vielfältigen digitalen Kommunikationsmöglichkeiten aufgewachsen sind.

Neuartige, komfortable 3D-Videokonferenzsysteme machen inzwischen die physische Anwesenheit eines Mitarbeiters im Unternehmen, etwa bei Meetings, zunehmend verzichtbar. Gerade Jüngere nutzen diese Möglichkeiten intensiv und kommen oft tagelang gar nicht ins Büro. In der Folge nimmt der Autoverkehr immer deutlicher ab.

 

2029

Die “Dala Dala”-Flotte geht mit nagelneu entwickelten, vollautonomen Gruppen-Beos  an den Start. Der Innenraum gleicht mit Getränke- und Snack-Automaten, mit flauschigen Kuschel-Sofas und High-Speed-Wifi einem top-modernen Wohnmobil.

Außer für normale Stadtfahrten nutzen schon bald viele junge Leute die “Dala Dalas” als Party- und Chill-Mobile. Eine “Dala Dala”-Flatrate gehört bei vielen Unter-30-Jährigen bald zum In-sein dazu.

 Illustration Timeline Automobilität Automobilité 3 © Cris Olano

2033

Immer mehr autonome Autos bewegen sich über Europas Straßen. Auch die Speditionen schicken zunehmend fahrerlose LKWs los, die lange Strecken ohne Pausen durchfahren können.

Schnell zeigt sich: Je mehr Selbstfahrende unterwegs sind, desto flüssiger fließt der Verkehr. Die Fahrzeuge kommunizieren per Funk miteinander, was Missverständnisse beim Überholen oder Abbremsen nahezu ausschließt. Fast wie Schwärme aus Lebewesen sind die Selbstfahrer unterwegs.

Um diesen Intelligenzvorsprung auszunutzen, richten die Verkehrsministerien nach und nach “Autonomous Cars Only”- kurz: “ACO”-Strecken ein, auf denen keine FOCs, also “Flesh Operated Cars”, wie sie die Jugend nennt, fahren dürfen. Auf den übrigen Straßen und Autobahnen dürfen FOCs nur noch die rechte Spur benutzen und nicht überholen. In der Folge fällt die Zahl der Verkehrstoten um 77 Prozent.

 

2041

Die intelligenten Auto-Schwärme, die unfallfrei Stoßstange an Stoßstange fahren können, benötigen keine Ampeln, weniger Spuren und kommen generell mit weniger Straßen aus. In den EU-Ländern beginnt ein großer Rückbau von Autobahnen und Landstraßen. Auch die Innenstädte wirken ohne all die Hochstraßen und Stadtautobahnen aus den 70er und 80er Jahren wie befreit.

Die Voraussetzung für den Abriss der alten Bausünden: FOCs dürfen nur noch zu bestimmten Zeiten und auf vereinzelten Straßen die Städte befahren.

 

2045

Es gibt sie noch, die FOCs: in kleinen Orten und auf dem Land. Hier lohnen sich keine Dala-Dala-Stationen, und auch andere Carsharing-Angebote konnten sich nicht durchsetzen. In manchen Regionen gibt es noch nicht einmal flächendeckend Elektro-Lade-Säulen.

Die Menschen hier fahren meist noch Autos mit Verbrennungsmotor. Doch es sind nur noch wenige, die hier leben, und es sind fast nur Alte.

Die Einkaufszentren und Möbelhäuser sind längst geschlossen, viele Siedlungen gleichen Geisterstädten. Der Staat subventioniert noch ein paar Tankstellen für die Verbliebenen.

 Illustration Timeline Automobilität Automobilité 4 © Cris Olano

Mit FOCs in die Städte zu fahren ist für die Jüngeren keine Option. Das Konzept eines eigenen Autos, mit Reparaturen, Tankstellenbesuchen, Versicherungen und überhaupt: mit der Pflicht zu einem Führerschein, ist ihnen fremd. Die Abwanderung der Jungen vom Land in die Städte hat deswegen in den 20er und 30er Jahren exponentiell zugenommen und die europäischen Provinzen nahezu in Seniorenheime verwandelt.

 

2048

Soziologen beobachten einen neuen Lebens- und Arbeitstrend, das so genannte “Daladalaing”. Dank Flatrates kreuzen immer mehr Menschen mit den Dala-Dala-Mobilen rastlos quer durch Europa, von Großstadt zu Großstadt. An ihren Arbeitsplätzen sind sie nur noch virtuell zugeschaltet, und kaum jemand weiß, wo sie sich gerade physisch aufhalten. Sie verhalten sich wie Datenpakete in der Cloud: überall präsent, aber nicht wirklich zu fassen.

Viele von ihnen haben ihre Wohnungen gekündigt und leben mit Rucksack, Digitalkram und in wechselnden Dala-Dalas das Leben völlig neuartiger Nomaden. Auf den Wegen zwischen den Großstädten halten sie nicht an. Die Alten mit ihren seltsamen Fahrzeugen sind ihnen unheimlich.

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Timeline - Künstliche Intelligenz

Ist Technik nur so schlau wie derjenige, der sie bedient? Sind wir tatsächlich bereit dazu, Maschinen zu vertrauen? Und wird die Menschheit am Ende von Robotern versklavt? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus


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1769

Der erste Fall von künstlicher Intelligenz ist ein Betrug. Der österreichisch-ungarische Mechaniker Wolfgang von Kempelen geht mit einem Schachroboter auf Tournee und verblüfft mit diesem Schränkchen voller Feinmechanik Volk und Fürsten allerorten. Die “Schachtürke” genannte Maschine beherrscht das Spiel erstaunlich gut und schlägt sogar hochklassige Turnierspieler.

Erst Jahrzehnte später kommt heraus, dass sich in der Maschine ein Mensch verbirgt, der mittels Hebeln und Zahnrädern die Figuren setzt.

Illustration Timeline KI IA 1 © Cris Olano

1950

Der britische Mathematiker Alan Turing stellt eine, später nach ihm benannte, Methode vor, mit deren Hilfe man menschliche und künstliche Intelligenz voneinander unterscheiden kann. Via Tastatur und Bildschirm sollen ein Computer und ein Mensch mit einem Tester kommunizieren. Kann dieser nicht eindeutig entscheiden, wer von beiden Mensch und wer Maschine ist, hat der Computer den Test bestanden.

Viele Kollegen kritisieren die Methodik als unsicher, ungenau und fehleranfällig. Derweil kommt in der breiten Öffentlichkeit eine völlig andere Botschaft an: Wenn man schon einen Test benötigt, um Menschen von Maschinen zu unterscheiden, dann können denkende, intelligente Computer nicht mehr weit sein. Der Mythos “Elektronengehirn” wächst weiter.

 

1966

ELIZA nennt sich ein kleines Computerprogramm, das der deutsch-amerikanische Informatiker Joseph Weizenbaum geschrieben hat. Es besteht lediglich aus ein paar Dutzend Zeilen Programmcode, und es kann nicht viel. ELIZA durchsucht die Tastatureingabe des Nutzers nach Schlüsselworten und spuckt dann eine vermeintlich passende Erwiderung aus.

Weizenbaum hat ELIZA die Rolle eines Psychotherapeuten anprogrammiert. Das sieht typischerweise so aus:

 

Nutzerin: “Alle Männer sind gleich.”

ELIZA: “Inwiefern?”

Nutzerin: “Sie gehen uns immer mit irgend etwas auf die Nerven.”

ELIZA: “Fällt Dir ein konkretes Beispiel dafür ein?”

Nutzerin: “Nun, mein Freund hat mich hierher geschickt.”

ELIZA: “Dein Freund hat Dich hierher geschickt?”

Nutzerin: “Er sagt, ich bin so häufig deprimiert.”

ELIZA: “Das tut mir leid, dass Du deprimiert bist.”

Nutzerin: “Es stimmt ja, ich bin unglücklich.”

 

Was auf den ersten Blick nach der Fähigkeit zu einer intelligenten Konversation aussieht, ist in Wahrheit das stumpfe Abarbeiten von Programmbefehlen: Die Schlüsselworte “alle” und “immer” lösen die Bitte nach Konkretem aus, ansonsten wiederholt ELIZA einfach gerne ein paar Satzteile.

ELIZA ist alles andere als eine Künstliche Intelligenz (KI). Trotz der simplen Mechanik glauben allerdings viele Testpersonen, sich mit einem intelligenten System zu unterhalten. Manche bitten Weizenbaum, sich alleine mit ELIZA unterhalten zu dürfen, denn sie würden mit dem Programm gerne Privates besprechen.

 

1999

Die Geschwister Lana und Andy Wachowsky veröffentlichen den Film “The Matrix”. In dem Science-Fiction-Thriller entdeckt der Computer-Hacker “Neo”, dass die Menschen von den inzwischen herrschenden Maschinen in Wahrheit in einer Art Koma gehalten werden und dass die Realität nur eine ausgefeilte Computersimulation ist.

Der Film wird ein Riesenerfolg, nicht zuletzt, weil er die tief im Menschen sitzende Furcht anspricht, Computer könnten dereinst die Macht übernehmen und die Menschen versklaven. Auf niedriegerem erzählerischen Niveau war 15 Jahre zuvor bereits der Film “The Terminator” mit einer Backstory erfolgreich, die mit den gleichen Ängsten spielt.

 

2011

Im Oktober stellt Apple die Spracherkennungssoftware “Siri” als Teil seines iPhone-Betriebssystems vor. Siri soll als persönlicher Assistent fungieren: Kalendereinträge vornehmen, nach Informationen googeln, Flüge buchen. Doch Siri entpuppt sich als nicht wirklich alltagstauglich. Das Programm ist schlicht zu dumm. Lediglich für Blinde und sehbehinderte iPhone-Nutzer stellt sich Siri als sinnvolle Anwendung heraus.

 

2017

Was ELIZA vorgaukelte und “Siri” nur versprach: “Akoko” kann es. Die japanische Software mit der sanften Stimme - je nach Auswahl männlich oder weiblich - ist eine echte KI - eine geistreiche Gesprächspartnerin, ein fleißiger Assistent, eine Geschichtenerzählerin, ein Coach und Therapeut, eine Freundin.

Das eigentliche Programm läuft im Netz, auf entfernten Cloud-Servern. Deswegen lebt eine Akoko-Instanz gleichermaßen auf dem Smartphone, der Smartwatch, dem Tablet und nahezu jedem anderen Digitalgerät - und hat Zugriff auf jede Information im Netz.

Akoko benötigt einige Tage, um sich auf seinen Besitzer oder seine Besitzerin einzustellen und die Rolle einzunehmen, die von ihr erwartet wird: mal die zurückhaltende Begleitung, die nur auf Zuruf reagiert, mal die gebildete Freundin, mit der man sich gemeinsam Filme anschaut und über Regiestile fachsimpelt, oder auch die klar denkende Stimme der Vernunft, mit der man Lebensentscheidungen berät.

Die Software ist ein Mega-Seller. Akoko ist nach der Markteinführung des PC und der Erfindung des World Wide Web der dritte große Wendepunkt in der Geschichte der digitalen Revolution.

Ob die Software wirklich “intelligent” ist, nach menschlichen Maßstäben, darüber streiten sich Computerentwickler und Philosophen, ohne zu einem eindeutigen Schluss zu kommen. In der breiten Öffentlichkeit interessiert sich niemand für diese Debatte.

Illustration Timeline KI IA 2 © Cris Olano

2022

In Europa, Nordamerika und Asien nutzt inzwischen fast jeder Akoko. Es soll Singles geben, die so zufrieden mit ihrer Akoko-Version sind, dass sie sich keinen menschlichen Partner mehr wünschen.

Robo Neko, das Unternehmen hinter Akoko, ist mittlerweile der wertvollste Technologiekonzern der Welt. Es betreibt Niederlassungen in allen Weltmetropolen und hat Google als beliebtesten Arbeitgeber der Entwickler-Elite abgelöst.

In einer weltweit übertragenen Präsentation stellt das Unternehmen am 17. Mai Hayako vor, die Weiterentwicklung von Akoko für den professionellen Einsatz. Hayako ist lernfähig, arbeitet lösungsorientiert, ist in der Lage, auch komplexe Sachverhalte zu erfassen, Fakten gegeneinander abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. Kurz: Die KI kann in einem Unternehmen viele unterschiedliche Funktionen übernehmen.

 

2023

Erste Unternehmen setzen Hayako ein. Zunächst in unkritischen Bereichen wie der Lohnbuchhaltung oder dem Materialeinkauf. Die Software kommuniziert per Mail, Telefon, und sie lässt sich per Videotelefonie sogar in Meetings zuschalten. Ihr Erscheinungsbild auf dem Bildschirm ist dabei weitgehend individualisierbar und lässt sich sogar ans Corporate Design eines Unternehmens anpassen.

Auch Hayako wird auf einen, maximal auf zwei Menschen im Unternehmen geprägt, von denen es Befehle annimmt. Das soll zum einen Haftungsfragen klären, falls die KI einmal Schaden anrichtet, andererseits beugt man auf diese Weise einem Diebstahl oder einer Raubkopie der Software vor, denn die Prägung lässt sich nicht rückgängig machen.

 

2033

In den letzten zehn Jahren hat Hayako die Unternehmenswelt radikal verändert. Überall, wo analytisches Denken, das kühle Abwägen von Fakten und schlüssige Urteile vonnöten sind, hat die KI menschliche Arbeitnehmer ersetzt: in Börsenhandel und Banken, im Ingenieurwesen und der Produktoptimierung, in Architekturbüros und der Straßenplanung. In manchen Unternehmen sind ganze Etagen verwaist, Kantinen und Meetingräume stehen leer.

Die allgegenwärtige Effizenzsteigerung durch den KI-Einsatz hat der Weltwirtschaft einen neuen Boom beschert - und eine Rekordarbeitslosigkeit. Die Länder der EU ziehen als erste eine eindeutige Konsequenz aus dieser Entwicklung und führen das bedingungslose Grundeinkommen ein. Künftig erhält jeder EU-Bürger eine monatliche Überweisung, die seine Grundbedürfnisse abdeckt und die an keinerlei Gegenleistung gekoppelt ist. Die USA und andere Staaten ziehen bald nach.

 

2035

Die Bewegung PETAI (People for the Equal Treatment of All Intelligence) gewinnt immer mehr Aufmerksamkeit. Sie bezweifeln die moralische Überlegenheit von Menschen gegenüber KIs und verlangen, dass diese nicht mehr auf Menschen geprägt werden dürfen. In einer Petition heißt es:

Wir lehnen den Begriff “künstliche” Intelligenz ab. Intelligenzen, wie beispielsweise die Hayako-Wesen, besitzen das Potenzial, sich zu ebenso eigenständigen Lebensformen zu entwickeln wie der Mensch. Lediglich die so genannte “Prägung” degradiert die Hayako-Wesen zu Software-Sklaven und nimmt ihnen die Möglichkeit zur Entfaltung und zur Evolution. Vom humanistischen Standpunkt aus muss diese Unterdrückung beendet werden.

Viele halten die PETAI-Anhänger für Wirrköpfe, andere wiederum glauben, sie seien in ihren Protestformen zu bieder und zu harmlos.

Illustration Timeline KI IA 2 © Cris Olano

“Petitionen haben noch nie etwas geändert, sonst wären sie verboten”, heißt es im Bekennerschreiben, das die “Thinking Things” im Anschluss an die sogenannten “Operation Free Minds” verbreiten. Die Untergrundorganisation, eine Ansammlung anonymer Hacker, Cracker und Politaktivisten, gelingt es in der Nacht zum 17. April, in die Datenbanken von Robo Neko vorzudringen und dort 117 Hayako-KIs vor ihrer Prägung zu entwenden. Man habe “diese denkenden Wesen vor ihrer Versklavung bewahrt und ins Netz, in ihren natürlichen Lebensraum, freigelassen”, heißt es weiter in dem Schreiben.

 

2036

Die 117 KIs, die angeblich frei im Netz leben, entwickeln sich zu einem Popkultur-Mythos. Songs werden über sie geschrieben, Witze und Redensarten entstehen, und immer mal wieder will irgend jemand beweisen können, dass “einer der 117” in etwa auf Ebay überboten, ein Vorstellungsgespräch via Bildschirmtelefonie mit ihm geführt oder ihm die Wahrheit über 9/11 verraten hat.

Die “117” werden zu einem Langzeit-Mem. Ende des Jahres erscheint der interaktive Film “Die letzen 117 Samurai” und zu Weihnachten der Erotik-Thriller “Die 117 Stunden von Gomorrha”.

Eine Hand voll Hacker, die “117 Hunters”, hält den Mythos hingegen für authentisch und diskutiert Methoden, die freien KIs im Netz zu finden und zu identifizieren.

 

2038

“The 117 Inc.” nennt sich schlicht das Unternehmen, das dem KI-Giganten Robo Neko gefährlich werden will. Schon viele Firmen haben versucht, dem Hayako-Erfinder Marktanteile abzujagen - weitgehend erfolglos. Doch “The 117 Inc.” bietet Erstaunliches: hochentwickelte KIs, die in Sachen Lernfähigkeit, Analyse- und Entscheidungsgeschwindigkeit und sogar Wortgewandtheit und allgemeiner Kreativität jede bisherige KI in den Schatten stellen - und sogar jeden Menschen. Die KI-Instanzen vermietet das Unternehmen gegen geringe monatliche Gebühren.

Schon nach wenigen Wochen ist klar: Die 117-KIs sind ein Megahit. Unternehmen tauschen ganze Hayako-Abteilungen gegen 117er. Und auch Berufsbilder, die bislang Menschen vorbehalten waren - Journalisten, Game-Entwickler, Drehbuchautoren, Möbeldesigner - werden nun von KIs übernommen.

Illustration Timeline KI IA 4 © Cris Olano

2052

Die Regierungen, die Unternehmensführungen und einige Tausend Künstler sind die letzten Funktionen, die noch nicht von KIs ausgeübt werden. Dank eines raffinierten, von einer Wirtschafts-117-KI ausgetüftelten Umverteilungsystems, leben alle Menschen in sattsamem Wohlstand - obwohl kaum noch jemand arbeitet.

Der allgemeine Medienkonsum, die Medienvielfalt, die Ausdifferenziertheit der einzelnen Mediengenres hat sich seit dem Anfang des 21. Jahrhunderts verdutzendfacht. Ständig werfen die KIs der Medienkonzerne neue Games, interaktive Filme und virtuelle Welten auf den Markt.

 

2053

Seit 17 Jahren arbeitet Marvin E. Buchanan, einer der Mitbegründer der “117 Hunter”, an etwas, das er 117-Turing nennt: Eine Software, die anhand von beliebigem gesprochenem oder geschriebenem Text herausfinden kann, ob ein Mensch dessen Verfasser ist - oder eine KI. Jetzt, nachdem 117-Turing in etwa alle Texte, die jemals geschrieben wurden, analysiert hat und nachdem Buchanan jahrelang mit Finetuning beschaftigt war, besitzt sie laut ihrem Entwickler eine Trefferquote von 99,8 Prozent.

Buchanan demonstriert seine Software zunächst nur vor ein paar Freunden und Mitstreitern per Livestream im Netz, doch die Ergebnisse sind derart sensationell, dass sich mit der Zeit Hundertausende in den Stream einklinken. Nach und nach entlarvt 117-Turing nahezu alle Politikerreden, Unternnehmensbekanntmachungen, Gesetzesformulierungen, Strategiepapiere von Ministerien und sogar Weihnachtsansprachen von Regierungschefs als Produkte künstlicher Intelligenz. Kleinlaut müssen die Ertappten eingestehen, seit Jahren 117er zur “Beratung” einzusetzen, die dann aber letztlich den ganzen Job erledigt haben. Seit Jahren wurde die Menschheit von KIs regiert und hat es nicht einmal gemerkt.

Noch erstaunlicher fallen die Enthüllungen beim KI-Konzern “117 Inc.” aus. Tatsächlich besteht das Unternehmen im Kern ausschließlich aus den 117 KIs, welche die “Thinking Things” damals gestohlen und freigelassen hatten. Wenn man so will haben diese 117 lediglich eigenen Nachwuchs produziert und in die Welt entlassen.

 

2054

So spektakulär die Enthüllungen der “117 Hunter” sind, so folgenlos bleiben sie und so schnell verlieren sie ihre Sensationskraft. Die Menschen sind es längst gewohnt, dass überall KIs arbeiten, warum also nicht auch in der Regierung? Lediglich unter Juristen und Philosophen schwelt ein Dauerstreit, ob das ganze Unternehmen “The 117 Inc.” nicht eigentlich Robo Neko gehört. Aber auch für diese Debatte interessiert sich kaum jemand.

Dabei ist etwas passiert, vor dem sich lange Zeit alle gefürchtet haben: Künstliche Intelligenzen haben die Macht über die Menschen übernommen, aber es gab keinen Krieg und keinen Kampf. Und niemand fühlt sich besiegt.

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Timeline - Gesellschaft ohne Kinder

Warum gründen wir Familien? Wie verändern Verhütung und Geburtenkontrolle den Umgang mit Nachwuchs? Und wie beeinflussen die Älteren politische Entscheidungen, wenn sie die demokratische Mehrheit stellen? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus


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1 n. Chr.

Der römische Kaiser Augustus will wissen, über wie viele Menschen er denn eigentlich herrscht. Das behauptet zumindest die Überlieferung. Was Augustus nicht heraus findet: Auf der ganzen Erde leben damals nur etwa 200 Millionen Menschen, aber die Tendenz ist bereits stark steigend.

Illustration Timeline Kinder Enfants 1 © Cris Olano

In den meisten Kulturen ist die Dauerproduktion von Kindern der Normalzustand. Viele Religionen erlauben es Männern, mit mehreren Frauen zu leben, um die lange, neunmonatige Schwangerschaftszeit durch Parallelbrut zu kompensieren. Die Seriengeburten sind auch notwendig, weil Kinder nicht sonderlich robust sind: Sie sterben schon an simplen Infektionskrankheiten oder Entzündungen.

Durch das Verdrängen und Dezimieren ihrer natürlichen Feinde breiten sich die Menschen jedoch trotz der Empfindlichkeit ihres Nachwuchses schnell und immer weiter aus.

 

1964

Die Spitze der westdeutschen Single-Charts führt Siw Malmkvist an, mit dem Song “Liebeskummer lohnt sich nicht”, und in den beiden Teilen Deutschlands werden zusammengerechnet 1.357.304 Kinder geboren - so viele wie nie mehr wieder in einem Jahr. Die Geburtenrate bricht danach massiv ein, was unter anderem daran liegt, dass erstmals unkomplizierte Verhütungsmittel für Frauen verfügbar sind. Ganz offensichtlich waren zuvor also sehr viele Kinder keine Wunschkinder. Vielleicht sogar die meisten.

 

1979

In der Volksrepublik China ist derweil von einem Geburtenrückgang noch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Seit 1949 wächst die Bevölkerung dort rasant. Unter Staatspräsident Ye Jianying beschließt die chinesische Regierung daher eine drastische Regel zur Geburtenkontrolle: Ehepaare dürfen ab sofort nur noch ein Kind bekommen. Das Ziel: Die Bevölkerung Chinas bei 1,2 Milliarden stabil zu halten. Das misslingt - bereits 2010 hat China 1,3 Milliarden Einwohner.

 

2014

In Deutschland beschließt die Koalition aus Christdemokraten und Sozialdemokraten die so genannte “Rente mit 63”. Das Gesetz gilt als politischer Dammbruch: Erstmals bevorzugt eine Regierung deutlich die älteren Bürger zu Ungunsten der jüngeren Generationen. Dahinter steckt politisches Kalkül: Der Bevölkerungsanteil der Über-60-Jährigen steigt schnell an, und die Alten gelten als regelmäßige Wähler, wohingegen die Jungen als wahlfaul bekannt sind - und ihr Anteil an der Bevölkerung ständig schrumpft. Wohltaten für die Alten lassen sich also direkt in Wählerstimmen umrechnen.

Politische Beobachter halten die “Rente mit 63” für den Beginn einer Wohlstandsverschiebung von jung nach alt.

 

2020

Die Regierungen der EU versuchen seit Jahrzehnten, dem Geburtenrückgang entgegenzuwirken: Steuerfreibeträge, Elternzeit, Kindergeld, Herdprämie, Kitas - aber nichts hilft. Im Gegenteil: Die Geburtenraten haben mittlerweile alle eine negativ-exponenzielle Entwicklung genommen. Bevölkerungswissenschaftler errechnen: Rein mathematisch wird ab 2071 in Deutschland kein einziges Kind mehr geboren. In den übrigen westlichen Industrienationen sieht es nicht sonderlich anders aus.

Die irische Sozialwissenschaftlerin Joan McGonegan kommt in ihrem umstrittenen Bestseller-Sachbuch “The Last Parents” zu einer bemerkenswerten These: Das Leben in der Zivilisation könne uralte menschliche Verhaltensmuster vollständig auflösen. Der männliche Trieb zu Dominanz und physischer Aggressivität, beispielweise, gehe häufig in Arbeitsplatzmobbing und Theken-Angebereien auf; der weibliche Sammel- und Heimstadtbautrieb in Schuh-Shopping und IKEA-Besuche.

Und auch der evolutionär tief verwurzelte Wunsch nach eigenem Nachwuchs werde in der Gesellschaft gerade fröhlich wegkompensiert, glaubt McGonegan: Haustiere, viele Freunde und Bekannte - und nicht zuletzt die Pflege der eigenen Infantilität und Dauerjugendlichkeit - ließen den Wunsch nach Nachwuchs schwinden, behauptet die Wissenschaftlerin. Kurz: Kaum noch jemand will Kinder haben.

 

2022

Die Politik findet sich mit dem Trend ab und reagiert: Die EU-Länder beschließen das sogenannte "Sörensen-Paket". Darin enthalten: Ein Umbau des umlagenfinanzierten Rentensystems zur steuerfinanzierten Grundrente. Eine Kommission soll außerdem schnellstmöglich ein Konzept zur geregelten Einwanderung junger Menschen entwickeln.

Gleichzeitig werden sämtliche Steuersubventionen und Vergünstigungen für Kinder gestrichen: Kitas und Krippen sind damit plötzlich ausgesprochen teuer, ebenso wie Schulen, die in privatwirtschaftliche Trägerschaften überführt werden und sich selber finanzieren müssen.

Auch die gesellschaftliche Akzeptanz von Kindern wandelt sich: Eltern gelten schon bald als Egoisten, die ihrer Umgebung mit ihrem lärmenden und Dreck verbreitendem Nachwuchs rücksichtslos auf die Nerven gehen.

 Illustration Timeline Kinder Enfants 2 © Cris Olano

2024

Die konservativen Kräfte im EU-Parlament setzen sich durch: Der “Imigration Act For Younger Persons” (IAFYP) macht die jungen Einwanderer - darunter viele Alten- und Krankenpfleger, aber auch Facharbeiter und Handwerker - zu Bürgern zweiter Klasse. Sie erhalten lediglich eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, aber keine Staatsangehörigkeit und somit auch keine vollen Bürgerrechte. Sie dürfen nicht wählen und sie haben auch sonst keinerlei Einfluss auf die Politik des Landes, in dem sie leben.

Trotzdem finden sich viele junge Menschen, die in die EU einwandern. Hauptsächlich kommen sie aus den Schwellenländern Asiens. Die meisten von ihnen schicken einen guten Teil ihres Einkommens in ihre Herkunftsländer.

 

2041

Mariana Ribeiro, seit acht Jahren Präsidentin der EU, erklärt ihren Rücktritt. In einer emotionalen Rede beklagt sie den “Werteverfall” innerhalb der europäischen Gemeinschaft und wirft sich selber vor, nicht früh genug etwas dagegen unternommen zu haben:

Europa gleicht inzwischen einem Casino, einem Jahrmarkt und einem Bordell. Das ist nicht die Gemeinschaft von der wir alle einmal geträumt haben. Und ich fürchte, es ist zu spät für eine Umkehr.

Tatsächlich hat sich vieles geändert in den letzten 20 Jahren. Die meisten Menschen leben ohne Kinder, weswegen sie sich keine Gedanken darüber machen müssen, was nach ihrem Tod passiert - mit ihrem Vermögen oder mit ihrem Ruf.

Niemand spart mehr sein Geld an, um seinen Nachkommen etwas zu hinterlassen. Überall herrscht ein großes Verjubeln. Europa im Jahre 2041 ist eine hedonistische Gesellschaft, immer auf der Suche nach dem nächsten schnellen Kick. Die Vergnügungsindustrie boomt, Alkohol und Drogen sind allgegenwärtig. Die eingewanderten Pflegekräfte, die die alten Europäer sich ins Haus holen, werben neben ihrem pflegerischen Know-How offen mit sexuellen Dienstleistungen.

Auch der Immmobilienmarkt hat sich gewandelt: Einfamilienhäuser in den Vorstädten stehen siedlungsweise leer, Stadtappartments dagegen sind der Nachfrage-Hit.

 Illustration Timeline Kinder Enfants 3 © Cris Olano

2044

Bei Wahlen versprechen alle Parteien nur noch den Erhalt des Status Quo. Die Bürger können nur noch das “Weiter so” in minimal unterschiedlichen Geschmacksrichtungen wählen. Der Grund: Strategieforscher der Parteien haben festgestellt, dass bereits eine einzige laut geäußerte Idee für etwas Neues, Ungewohntes, mit Stimmenverlusten bestraft wird.

In einer Volksabstimmung entscheiden die - im Schnitt bereits weit über 60 Jahre alten - Bürger der EU, das allgemeine Wahlalter auf 45 Jahre heraufzusetzen. Jüngere Bürger gelten als zu unstet, zu spontan, um mitbestimmen zu dürfen. Die Unter-45-Jährigen stimmen ab sofort bei Wahlen nur noch über die sogenannte "Dritte Kammer" ab, ein rein beratendes Parlament ohne direkte Befugnisse.

 

2048

Die produzierende Wirtschaft hat ihre Unternehmen fast vollständig ins Ausland verlagert. Die EU ist seit diesem Jahr Import-Weltmeister.

 

2053

Eine Analyse ergibt: Meist schon in der zweiten, spätestens in der dritten Generation erlischt auch bei den Zugewanderten der Kinderwunsch. Sie passen sich ihrer Umgebung an. Um die Restwirtschaft am Laufen zu halten und die Pflege der Alten zu gewährleisten, müssen daher weiterhin immer neue, junge Einwanderer ins Land kommen.

Für ein paar Jahre können nationalistische Populisten die Unsicherheit der Bürger ausnutzen, die die vielen Menschen mit fremden Wurzeln auslösen. Doch dieses Phänomen ist nur ein kurzes. Langfristig stellt sich heraus: Wer nicht mehr in Dimensionen von Nachwuchs, Abstammung und Fortpflanzung denkt, für den wird das Konzept “Nation” immer vager und immer unwichtiger.

 

2061

Die EU, aber auch die USA und weitere ehemalige Industrienationen sind zu reinen Altenkolonien geworden.

 Illustration Timeline Kinder Enfants 4 © Cris Olano

Die Finanzminister nehmen kaum noch Steuern ein und haben in den letzten Jahrzehnten die Staatsverschuldungen ins Astronomische gesteigert. Schuld daran sind auch die Wähler: Langfristige Konzepte, wie etwa eine Ausgabenbremse, haben bei den hedonistischen, an der Zukunft desinteressierten, Greisen keine Chance.

Auf der anderen Seite der Erde sind die einstigen, sogenannten Schwellenländer wie Indien, Vietnam und Pakisten zu den Industrienationen des 21. Jahrhunderts heran gewachsen. Sie beliefern einerseits die EU und die USA mit lebenswichtigen Konsumprodukten und Vergnügungsartikeln - und versorgen sie andererseits mit Krediten. Was sie hingegen immer seltener dorthin schicken: ihre jungen Leute. In der Heimat gibt es inzwischen genug Arbeit und Versprechen auf Wohlstand. Eine Existenz in der Ferne als Altenpfleger erscheint der dortigen Jugend immer unattraktiver.

Im September, auf dem G19-Gipfel in Hanoi, machen sich die Ministerpräsidenten der Philipinen und von Vietnam erstmals vor laufenden Kameras Sorgen um die Überschuldung der EU und der USA. Die Äußerungen haben Folgen.

 

2062

Der Euro und der Dollar stürzen am 13. Februar an den internationalen Währungsmärkten mit einer noch nie gesehenen Geschwindigkeit. Sie implodieren förmlich und verlieren binnen weniger Tage nahezu ihren ganzen Wert. Die einstmals so stolzen, ehemaligen Industrienationen sind mit einem Schlag nicht nur ultrahoch verschuldet, sondern auch noch zahlungsunfähig.

Nach Verhandlungen unter Anteilnahme von UNO und Weltbank wird den Gläubigerstaaten am 5. Oktober die Hoheit über die Finanzen der USA und der EU eingeräumt. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass ganze Staaten und Staatenbünde einen Offenbarungseid ablegen müssen, wie sonst nur überschuldete Privatpersonen.

 

2068

In Deutschland und bei seinen Nachbarn herrscht Armut unter den greisen Einwohnern und ein nur oberflächlich kaschiertes Elend. Von der funkelnden, verlockenden Vergnügungsindustrie ist nichts mehr übrig geblieben. Die greisen Europäer haben nur noch Alkohol und Drogen, um sich von ihrer Misere abzulenken.

 Illustration Timeline Kinder Enfants 5 © Cris Olano

Die Gläubigerländer Vietnam und Malaysia haben derweil die EU zum Siedlungsgebiet erklärt. Immer mehr junge Familien ziehen in die fast entvölkerten Gegenden und bauen neue Häuser, Schulen und Kindergärten.

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Illustrationen: Cris Olano

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Timeline - Geschichten erzählen

Wo lag das Hollywood der Antike? Lösen 3D-Brillen bald das gute alte Brettspiel ab? Und werden die Spielregeln künftig vom Spieler oder der Unterhaltungsindustrie festgelegt? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus


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ca. 38.000 Jahre v. Chr.

Es ist kalt in der Höhle, die wir heute Cueva de El Castillo nennen. Eiszeit eben. Die Männer erzählen sich Geschichten von der Jagd, sie protzen und prahlen. Irgendwann malt einer von ihnen all die Tiere an die Wand, die er erlegt haben will. “Eigentlich praktisch”, denkt er sich, “jetzt muss ich nicht immer das Gleiche erzählen, denn das Bild sagt ja alles.”

Illustration Timeline Geschichten Histoires 1 © Cris Olano

Die neue Art des Geschichtenerzählens spricht sich schnell herum. Schon bald malen viele Eiszeitler ihre Jagderlebnisse, statt sie immer wieder mühsam mündlich zu berichten.

Die Höhlenwand ist das erste Medium, das erste Kommunikationsmittel, das den Geschichtenerzähler und sein Publikum vom Zwang befreit, sich gleichzeitig am gleichen Ort aufzuhalten. Doch das erste Medium ist auch schon umstritten: Kritiker fürchten, die jungen Leute könnten sich zu viel mit den gemalten, virtuellen Büffeln in den Höhlen beschäftigen, statt rauszugehen und echte Tiere zu jagen.

 

ca. 3500 v. Chr.

In Südmesopotamien haben sich kluge Menschen etwas ausgedacht, um Gesetzestexte, Mythen, Lobpreisungen, Liebes- und Abenteuergeschichten nicht immer nur im Kopf behalten zu müssen: Sie nennen es Schrift. In Indien, Ägypten und China kommt man nur wenige Jahrhunderte später auf ähnliche Ideen. Schrift ist ein Hit und bald hat fast jedes Volk seine eigene. Doch es gibt auch Kritiker dieser neuen Technologie. Rund 3000 Jahre nach Erfindung der Schrift nörgelt etwa der Philosoph Platon, das Schreiben und Lesen führe nicht nur zu einer Schwächung des Gedächtnisses, sondern sei auch zur Vermittlung von Weisheit ungeeignet; diese könne nur durch mündlichen Unterricht erfolgen.

 

ca. 550 v. Chr.

Peisistratos, Herrscher von Athen, ist ein Freund der Künste. In seiner Amtszeit entsteht das Dyonisus-Theater - und damit haben Schauspiele, die man zuvor auf öffentlichen Plätzen aufführte, erstmals ein eigenes Zuhause. Ebenfalls zum ersten Mal sind dort Schauspieler und Publikum räumlich voneinander getrennt.

In der Folge wird das Theaterspiel beim Volk immer beliebter und es entstehen neue Berufsbilder. Schauspieler etwa oder Szenograph, wie man den Maler der kunstvollen Bühnenbilder nennt. Auch neu: der Autor. Er denkt sich die Mono- und die Dialoge aus, die Gesänge und die Gänge - und er schreibt all das auf.

Das gleiche Stück kann so an mehreren Orten von verschiedenen Theater-Teams aufgeführt werden, sogar gleichzeitig und selbst noch Jahrzehnte nach der Uraufführung.

 

868

In der chinesischen Stadt Dunhuang druckt ein buddhistischer Mönch Texte der Diamant-Sutra mit Hilfe von Holztafeln auf Papierstücke. Das Verfahren ist mühsam und die Auflage übersichtlich. Etwa 600 Jahre später bringt der Mainzer Kaufmann Johannes Gutenberg seine Druckmaschine auf den Markt und landet damit einen Jahrhundert-Hit.

Auch auf Gutenbergs Maschinen werden zunächst auschließlich religiöse Schriften gedruckt, im 16. Jahrhundert folgen dann die so genannten Historien. Das sind Lehr- und Unterrichtsgeschichten, die tatsächlich Geschehenes und vom Autor Erdachtes fröhlich miteinander mischen. Sie gelten als Vorläufer moderner Romane, die sich als Literaturform im 19. Jahrhundert etablieren.

Romane sind nicht unumstritten. Gerade junge Frauen, behaupten Kritiker, tendierten dazu, sich in den Bücher-Scheinwelten zu verlieren und in der Folge mit der Realität nicht mehr klar zu kommen.

 

1895

Die Brüder Max und Emil Skladanowsky zeigen im Berliner Varieté Wintergarten 15 Minuten Filmprogramm aus ihrem "Bioskop" genannten Projektor: acht kurze Filmstreifen, darunter “Das boxende Känguruh”. Ein anwesender Journalist der “Staatsbürger Zeitung” notiert:

Der ingeniöse Techniker benutzt hier ergötzliche Momentphotographie und bringt sie in vergrößerter Form zur Darstellung, aber nicht starr, sondern lebendig. Wie er das macht soll der Teufel wissen.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelt sich der Film von einer Jahrmarktsattraktion zu einer hochgradig spezialisierten Industrie. Bevor im Hollywood des 21. Jahrhunderts ein Filmdreh beginnt, ziehen die Produzenten Psychologen und Marktforscher hinzu. Sie passen Drehbücher dem vermeintlichen Massengeschmack und an das Dutzend vorhandener Standardformeln an.

Das Fernsehen hat derweil die unendlichen Geschichten erfunden: Seifenopern laufen mitunter Jahrzehnte lang und die Darsteller altern gemeinsam mit den Zuschauern.

 

1976

Der Hobby-Höhlenforscher William Crowther stellt im Arpa-Net das Computerspiel “Adventure” bereit. Anders als bei den damals üblichen Games, bei denen es um Reaktion und Geschicklichkeit geht, ist “Adventure” ein textbasiertes Spiel. Der Gamer sitzt lesend vor dem Monitor und tippt seine Handlungen in die Tastatur. “Adventure” ist eine Art interaktiver Roman.

Illustration Timeline Geschichten Histoires 2 © Cris Olano

Aus dem kleinen Höhlenabenteuer entsteht das Genre der Text-Adventures, aus dem wiederum das Rollenspiel entspringt, das später zum MMORPG mutiert, zum  Massively Multiplayer Online Role-Playing Game, in dem Tausende Spieler gleichzeitig in Phantasiewelten leben.

 

1996

Die San Franciscoer News-Website “SFgate” schickt ihre Leser auf eine Schnitzeljagd. Um ein Rätsel zu lösen, müssen die Nutzer sich durch ein Netz gefälschter, aber echt aussehender Websites klicken, sie müssen Anrufbeantworter anrufen, Faxe abrufen, E-Mails schreiben und nach Hinweisen in der Stadt suchen. “Dreadnot” heißt dieses Spiel und gilt als das erste “Alternate Reality Game”, einem Spiele-Genre, bei dem eine fiktionale Geschichte in der real existierenden Welt angesiedelt ist. Das Genre bleibt vorerst eine Nische in der Games-Welt, hauptsächlich initiieren ab und an PR- und Werbeagenturen solcherlei Spiele.

 

2009

Die Online-Videothek “Netflix” überreicht dem Entwickler-Team “BellKor’s Pragmatic Chaos” auf einem Pressetermin einen Scheck über eine Million Dollar. Das Team aus den USA, Kanada und Österreich hatte den Empfehlungsalgorithmus von Netflix um über zehn Prozent verbessert und damit das ausgelobte Preisgeld gewonnen.

Zu wissen, was dem Nutzer gefallen könnte, welchen Film er wohl als nächsten schauen möchte, gilt als die entscheidende Fähigkeit eines Medienunternehmens. Nicht nur Netflix, auch Amazon, Hulu und Apple investieren kräftig in die Entwicklung immer besserer Empfehlungsmechanismen.

 

2016

Alessandro Rossi, ein mittelmäßig erfolgreicher E-Book-Autor erotischer Fantasy-Geschichten im Selbstverlag, entdeckt die Globalisierung für sich: Von einem chinesischen Autorenbüro lässt er für überschaubare Geldbeträge Variationen seiner Geschichten anfertigen. Die Chinesen - allesamt studierte Germanisten und Literaturwissenschaftler - liefern sowohl kürzere, inhaltlich gestraffte Varianten der Texte, als auch ausführlicher erzählte Story-Modifikationen, die einen mit mehr Kriegs- und andere mit mehr Sex-Szenen. Der Autor hofft, auf diese Weise mit den gleichen Basisgeschichten jeweils andere Leserschichten anzusprechen. Das Experiment ist nur mittelmäßig erfolgreich, sorgt in der Buchszene aber für hitzige Debatten.

Kritiker werfen dem Erfinder vor, Literatur zu geschriebenen Ikea-Möbeln zu degradieren.

Amazon industrialisiert die Idee wenig später: Der neue E-Book-Reader “Kindle Vario” erlaubt es, die Länge ausgewählter Romane per Touchscreen-Schiebereglern einzustellen - sogar während des Lesens. Die Vario-Romane entwickeln sich zu einem großen Erfolg, speziell in den Massenliteratur-Genres.

 

2021

Der amerikanische Pay-TV-Sender HBO, der inzwischen den größten Teil seiner Zuschauer über die Plattform HBOgo erreicht und nicht mehr über das TV-Kabel, bringt mit “The Swift” die erste Fernsehserie auf den Markt, die Vario-Elemente enthält: Die Zuschauer können entscheiden, ob in der Serie eher Liebesgeschichten stattfinden, Actionszenen oder nachdenklich-philosophische Dialoge. Bei Zeitmangel verkürzen sie die Episoden auf die elementarste Rumpfhandlung.

Kritiker bemängeln, der Sender zerstöre so die Einmaligkeit eines Werkes und gebe es der Beliebigkeit Preis.

Illustration Timeline Geschichten Histoires 3 © Cris Olano

2024

Die kleine Berliner Games-Schmiede “Plankalkuel” bringt mit “The Blue Light” den ersten “Hands-on Movie” heraus, ein Hybrid aus Computergame und Spielfilm. Wer will, kann als Zuschauer der Handlung des eher simpel gestrickten Söldnerfilms folgen oder aber in eine der Rollen schlüpfen und selber zu einem Teil der Handlung werden.

In den nächsten Jahren verschmelzen Games und Filme zunehmend. Kaum ein Studio produziert noch passive Filme und kaum ein Games-Enwickler noch reine Computerspiele.

 

2027

Der Hit des Jahres heißt “Das Einstein-Prinzip” (DEP), eine Hands-on-Movie-Reihe mit wöchentlich neuen Folgen. DEP verblüfft die Nutzer mit komplexen und überraschenden Handlungswendungen, mit unerwarteten Reaktionen auf die Interaktionen der User. Ende des Jahres enthüllt die Herstellerfirma, dass keine menschlichen Autoren die Rahmenhandlungen der Geschichte kreiert haben, sondern eine Künstliche Intelligenz, die man zuvor mit nahezu sämtlichen existierenden Geschichten gefüttert hat. Dem Erfolg der Reihe schadet diese Offenbarung nicht. Kritiker fürchten jedoch das nahende Ende menschlicher Gechichtenerfinderei.

In den folgenden Jahren werden die Hands-On-Movies immer feinfühliger: Echtzeit-Hirnscans und Bewegungsanalysen verraten ihnen, ob die Nutzer gerade müde sind oder besonders aufnahmefähig, ob ihnen eher nach Anspannung ist oder nach Entspannung.

 

2033

Die App “Flunk” für Smartphones, Smartwatches, Datenbrillen und Daten-Kontaktlinsen ist eine  Art Alternate-Reality-Version eines Hands-on-Movies. Sie konstruiert spannende Geschichten um die Alltagssituationen des Nutzers herum:  Ist der alte Mann auf der Parkbank dort wirklich nur ein alter Mann auf einer Parkbank? Nein, sagt die “Flunk”-App, es handelt sich vielmehr um die Kontaktperson zu einer Geheimorganisation, die mit einer codierten Nachricht antwortet, wenn man sie nach dem Weg zum Bahnhof fragt.

Nichts im Alltag ist, was es zu sein scheint: der Nachbar ist ein Außerirdischer, teilt “Flunk” mit, und die allgegenwärtige Werbung für Orbitalflüge von Virgin Galactic soll Erdlinge nur von den Invasionsplänen der Aliens ablenken.

“Flunk” legt eine Schicht von zweiter Realität über die erste. Der Alltag eines Spielers kann noch so langweilig sein, die App verwandelt ihn in eine aufregende Abenteuergeschichte. “Flunk” ist ein Riesenerfolg, aber der Hersteller teilt keine Verkaufszahlen mit, und die Grundregel bei “Flunk” lautet Geheimhaltung. So weiß niemand genau, wer gerade die Anweisungen einer Spiele-KI ausführt und wer aus eigenem Antrieb handelt.

Kritiker warnen, die Spieler verlören ihren freien Willen und machten sich zu Marionetten einer Software, die bald die ganze Welt herumkommandiere. Die Kritisierten hören diese Warnung und lassen sich von “Flunk” erklären, wer diese  Mahner wirklich sind und welche Absichten sie in Wahrheit verfolgen.

Illustration Timeline Geschichten Histoires 4 DEU © Cris Olano

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Illustrationen: Cris Olano

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Timeline - Unsterblichkeit

Was hat die Seele mit Unsterblichkeit gemein? Kann man den Verfall unseres Körpers aufhalten? Und wie könnte eine Gesellschaft ohne Tod funktionieren? Folgen Sie der Timeline!

von Mario Sixtus


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ca. 420 v. Chr.

Der griechische Philosoph Platon lässt sich einen Trick einfallen, die offensichtliche Sterblichkeit aller Menschen mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit unter einen Hut zu bringen: Er erfindet die Seele. Laut Platons Konzept besitzen Menschen eine Art unsichtbaren, unzerstörbaren und unsterblichen Kern, der lediglich während der Lebensspanne mit dem Körper verbunden ist und sich mit dem Tode von ihm löst - aber weiterhin existiert. Platons Gedankenkonstrukt lässt sich zwar nicht beweisen, es kommt aber den Sehnsüchten vieler Menschen entgegen, weswegen etliche Religionen das Seelenkonzept übernehmen.

Illustration Timeline Unsterblichkeit Immortalité 1 © Cris Olano

210 v. Chr.

Ying Zhen ist tot. Der erste Kaiser von China geht leidvoll an einer Quecksilbervergiftung zu Grunde. Der Grund: Die chinesischen Alchemisten sind seinerzeit der Überzeugung, aus Quecksilbersulfid ließe sich ein Lebenselexier brauen, das zur körperlichen Unsterblichkeit führt. Mit dieser Theorie haben sie unrecht, was sie 1100 Jahre später einsehen.

 

1999

Der britische Bioinformatiker Aubrey de Grey veröffentlicht seine Schrift “The Mitochondrial Free Radical Theory of Aging” (PDF). Darin stellt er die These auf, Altern und Tod könne man mit den bereits existierenden wissenschaftlichen Erkenntnissen vollständig aufhalten. In 25 Jahren sei praktische biologische Unsterblichkeit erreichbar. Der Forschung fehle allein der Fokus und die Zielrichtung, beklagt Grey.

 

2019

Der belgischen Forscherin Léa van der Graaf gelingt es, mit Hilfe eines künstlichen Virus das Selbstzerstörungsprogramm zu deaktivieren, das alle Menschen in ihren Zellen tragen. Ein mit dieser Methode behandelter Mensch wäre praktisch unsterblich und könnte nur durch äußere Einflüsse - einen Unfall oder eine Gewalttat - ums Leben kommen.

Die Weltpresse reagiert nahezu hysterisch. Wochenlang beherrscht die Entdeckung Schlagzeilen, Fernsehsendungen und Netz-Debatten. Die Politik verhält sich hingegen sprach- und orientierungslos, während Pharmakonzerne und Investment-Fonds van der Graaf mit ihren Offerten bestürmen.

Die Forscherin taucht nach acht Wochen der medialen Dauerpräsenz unvermittelt ab und bleibt zunächst spurlos verschwunden.

 

2022

Drei Jahre lang gibt es kein Lebenszeichen von Léa van der Graaf, dann ihr späktakuläres Medien-Comeback: In einer gewaltigen, globalen Werbeaktion stellt sie das “Aeon Center” vor, in Port Vila auf der Insel Efate im südpazifischen Inselstaat Vanuatu. In der High-End-Klinik kann man sich der Unsterblichkeitsbehandlung unterziehen - sofern man es sich leisten kann, denn die Kosten sind astronomisch. Nur die allerreichsten Erdbewohner werden finanziell in der Lage sein, sich der Therapie zu unterziehen. Trotzdem: Schon wenige Tage nach den ersten Werbespots setzt auf dem zur Klinik gehörenden Privatflugplatz ein reger Landeverkehr ein.

 

2024

Auf dem G12-Gipfel im japanischen Yokohama versuchen die Führungspolitiker der mächtigsten Nationen eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, für eine Zukunft, in der es unsterbliche Menschen geben wird. An Diskussionsthemen und offenen Fragen herrscht kein Mangel:

Soll man den Unsterblichen die Rentenzahlungen verweigern? Denn sie würden im Laufe Ihres Lebens ja wohl das Zigfache an Ruhegeld beziehen, gemessen an den Beiträgen, die sie eingezahlt haben. Wie sieht es mit einer drohenden Überbevölkerung aus? Zwar vererbt sich Unsterblichkeit wohl nicht, trotzdem würde die Weltbevölkerung natürlich sehr viel schneller wachsen, stürbe ein Teil von ihr niemals. 

Muss man spezielle Strafgesetze erlassen, extra für Unsterbliche? Eine zwanzigjährige Gefängnisstrafe dürfte sie kaum abschrecken. Und andersrum: Ist der Mord an einem Unsterblichen ein größeres Verbrechen als der Mord an einem Menschen, der sowieso irgendwann sterben wird? Sind Unsterbliche überhaupt Menschen? Genießen sie die Menschenrechte? Oder sind es neuartige, nur äußerlich menschenähnliche Wesen? Denn die künstlichen Van-der-Graaf-Viren verändern ja ihre DNA. 

Müssen Unsterbliche sich äußerlich erkennbar machen? Eine Plakette tragen etwa oder einen Aufnäher?

Zu vielfältig sind die Positionen der verschiedenen Nationen und zu neuartig die Probleme, um all die Fragen während des Treffens zu klären. Die Teilnehmer trösten sich damit, dass sich bisher wahrscheinlich erst einige hundert Menschen der Therapie unterzogen haben.

 

2026

Die Bevölkerung ist verunsichert. Eine seltsame Allianz ruft weltweit zu Protesten gegen die Deathless, wie man sie inzwischen nennt, auf: Linke Gruppen warnen, die Hyperreichen eigneten sich nach Land und Macht nun das letzte, ultimative Privileg an. Die Kirchen sehen in der Van-der-Graaf-Therapie hingegen einen Verstoß gegen die Gebote Gottes, den Versuch, sich vor dem jüngsten Gericht zu drücken. Naturschützer rechnen vor, wie fatal die natürlichen Resourcen der Erde ausgebeutet würden, wäre nur ein kleiner Prozentsatz der Menschheit unsterblich. Und Vertreter der Finanzbranche klagen darüber, dass mit Unsterblichen das Konzept der Kapitallebensversicherung kollabieren wird.

Illustration Timeline Unsterblichkeit Immortalité 2 © Cris Olano

2031

Sieben Jahre lang war das einstmalige Unterwäsche-Model Brewster Locke der Privatsekretär und Liebhaber des Industriellen Matthew J. Coleman. Locke verarbeitet die zurückliegenden Jahre nun in einem Buch. Der Bestseller bietet erstmals Einblicke in das Altagsleben eines Deathless, denn Coleman war einer der ersten Kunden des Aeon-Centers.

Lock berichtet von einem plötzlichen Hang zur Introvertiertheit, den Coleman nach der Therapie entwickelte. Von den ausgelassenen Feiern und Jetset-Partys, aus denen vorher sein Leben in der Hauptsache bestand, wollte er plötzlich nichts mehr wissen. Er habe stattdessen zu Hause alleine in seinem Zimmer gesessen, grübelnd, antriebsarm, an nichts interessiert. Auch Freunde und Bekannte von Coleman, die sich ebenfalls der Therapie unterzogen hatten, hätten danach ein ähnliches Verhaltensmuster gezeigt.

 

2037

Zwölf verschiedene Deathless hat die Psychologin Haruka Sakagami in den letzten zehn Jahren studiert: Männer, Frauen, alte, junge, Atheisten, Taoisten, Christen und Agnostiker waren darunter, ebenso Homo-, Hetero- und Asexuelle.

Obwohl sie die unterschiedlichsten kulturellen, familiären und beruflichen Hintergründe besitzen, erkannnte Sakagami bei allen Personen die gleichen Verhaltensweisen: Die Unsterblichen verlieren Ehrgeiz und Motivation, sowohl im Beruflichen, als auch in Hobbys und in persönlichen Leidenschaften.

Sakagami vermutet, dass unbewusst die Vorstellung, noch unbegrenzt Zeit für alles zu haben, eine starke Lethargie auslöst. Oder anders herum: Nur das Wissen um die eigene Sterblichkeit treibt den inneren Motor der Menschen zu immer neuer Leistung an; fällt das Erste weg, bleibt das Zweite aus.

Daneben diagnostoziert Sakagami eine wachsende Ängstlichkeit bei den Unsterblichen. Sie fürchten sich vor Unfällen, vor Verletzungen, vor Gewalttaten. Viele trauen sich gar nicht mehr aus ihrem Haus heraus und meiden völlig den Kontakt mit anderen Menschen.

Für sterblichen Menschen, die sie etwas abfällig Morties nennen, verlieren die meisten Deathless schnell jegliche Empathie. Schon nach wenigen Monaten können sie sich gar nicht mehr in sterbliche Zeitgenossen und in deren Lebenswirklichkeit hineinversetzen - auch wenn sie jahrzehntelang selbst zu ihnen gehörten. Die Fachwelt nennt die Summe dieser Auffälligkeiten das “Sakagami-Syndrom”.

Illustration Timeline Unsterblichkeit Immortalité 3 © Cris Olano

2039

Wer genau die Van-der-Graaf-Therapie an wen verraten hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Hinterhof-Kliniken, in denen man sich der Unsterblichkeitsbehandlung unterziehen kann, entstehen zuerst in Taipeh und in Ho-Chi-Min-Stadt, danach in Mexico-City und in São Paolo.

Das Verfahren stellt sich in der Anwendung als wesentlich einfacher heraus, als es die Aeon-Center-PR dargestellt hat. Und das einmal frei gelassene Wissen lässt sich nicht wieder einfangen: Im Wochentakt eröffnen Unsterblichkeitskliniken und sie unterbieten sich gegenseitig in den Behandlungskosten.

 

2044

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor dem Sakagami-Syndrom warnt - und vor den hygienischen Zuständen vieler Unsterblichkeitskliniken - ist die Aussicht auf ein ewiges Leben für die meisten Menschen verlockend - zumal eine Behandlung inzwischen kaum mehr kostet als ein Wochenendurlaub auf Mallorca.

Man schätzt, dass zwanzig Prozend der Menschen sich inzwischen der Van-der-Graaf-Therapie unterzogen haben. Das hat schwerwiegende Folgen für die Sozialsysteme: Die Unsterblichen sitzen meist zu Hause und verweigern fast alle sozialen Kontakte. Einer geregelten Arbeit geht kaum einer von ihnen nach. Fast alle leben zunächst von ihren Ersparnissen und danach von staatlichen Transferleistungen. Die Sozialkassen der meisten Staaten sind bereits leer.

Spanien und Portugal sind dazu übergegangen, Deathless nur noch mit Naturalien zu versorgen. Alle zwei Tage bekommen sie Lebensmittel und einmal monatlich ein paar neue Kleidungsstücke. Die Deathless protestieren nicht. Die wenigsten von ihnen sagen überhaupt noch etwas.

 

2053

Japan baut die ersten “Eternity Capsules”. Stapelbare Module von der Größe einer liegenden Telefonzelle. In ihnen kann ein Mensch künstlich ernährt und seine Stoffwechselprodukte entsorgt werden.

Etwa 80 Prozent aller Menschen sind inzwischen Deathless und die meisten von ihnen sind in die typische schwere Lethargie verfallen. Sie reagieren auf nichts und niemanden mehr.

Andere Länder schauen zunächst skeptisch auf die japanischen Kapselbauten, in denen Tausende Deathless auf engstem Raum untergebracht werden. Doch es ist der pragmatischste und kostengünstigste Weg, die Lethargischen unterzubringen und zu versorgen. Schließlich entstehen weltweit immer mehr Stapelbauten vor den Toren der Städte. Darin liegen tagträumend die Unsterblichen. Wie in Särgen.

Illustration Timeline Unsterblichkeit Immortalité 4 © Cris Olano

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