Danke Frankfurt! Für nichts, nichts, nichts

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Im aktuellen Musikexpress gibt es ein Interview mit Fritzi und Daniela, die unter ihrem Bandnamen Schnipo Schranke gerade dabei sind, der deutschsprachigen Musikszene frische Körpersäfte einzuflößen.

Fritzi und Daniela kommen ursprünglich aus Frankfurt am Main und haben sich vermutlich an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst kennengelernt, wo sie jeweils Blockflöte und Cello studierten. Nachdem sie ihre Band gründeten, versuchten sie zunächst in Frankfurt musikalisch Fuß zu fassen. Leider war dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt. Daraufhin zogen die Beiden nach Hamburg und gaben somit ihrem Projekt den entscheidenden Impuls. Insbesondere deutschsprachige Indie-Musik hat in Hamburg eine große und lange Tradition. Bands wie Die Goldenen Zitronen, Blumfeld, Die Sterne, Tomte, Kettcar und Tocotronic zählen zur so genannten Hamburger Schule, die landesweite Anerkennung genießt.

Im Musikexpress Interview sprechen Fritzi und Daniela über ihre Anfänge in ihrer damaligen Heimat. Auf die Frage, ob es auch die Perspektive gab in Frankfurt zu bleiben, antworten die Beiden sehr eindeutig. Sie hätten das anfänglich versucht und dort etliche Auftritte gespielt, aber das höchste der Gefühle war in Hessen schnell erreicht, da es dort keine Szene für ihre Art der Musik gibt. Auch hätten sie in der ganzen Zeit keine anderen Bands kennengelernt, die ähnliche Vorstellungen hatten, so dass sie sich in Frankfurt mit niemandem austauschen konnten. Weiterhin hätten sie in Frankfurt auch nicht gewusst, zu welchem Label oder zu welchem Produzenten sie hätten gehen können. Dort (in Frankfurt) ist nichts, nichts, nichts, so Daniela.

Im Folgenden geht es nicht mehr um die ursprünglich aus Frankfurt stammende Band, die erst in Hamburg den zündenden Funken fand. Es geht vielmehr um meine Interpretation des Frankfurter Nichts, für das das Interview der beiden Wahlhamburgerinnen nur der Aufhänger war.

Zaghafte Versuche und Frankfurter Festivals

Nun bin ich jemand, der die eher alternative Frankfurter Musikszene gut und gerne 20 Jahre lang verfolgt hat, vermutlich sogar länger. Mit Musik und Musikern bin ich in Frankfurt aufgewachsen, die Szene hat mich immer interessiert. Gemessen an dieser langen Zeitspanne, gab es allerdings in Summe tatsächlich nicht allzu viel zu verfolgen, das muss ich leider feststellen.

Mit dieser Aussage soll weder die Leidenschaft noch die Qualität der guten und engagierten Bands geschmälert werden, die ich in dieser Zeit kennen lernen durfte. Aber es geht hier eben nicht um einzelne Bands, sondern um eine stabil aufgestellte Musikszene, die in der Lage ist Bands hervorzubringen, die etwas mehr erreichen möchten. Bands denen es nicht reicht, einmal im Jahr vor undankbarem Publikum und in akustischer Nachbarschaft von fürchterlichen Coverbands auf dem widerlichen Frankfurter Museumsuferfest zu spielen. Eine solche Szene existiert in Frankfurt de Facto nicht. Im Vergleich zu Hamburg ist Frankfurt diesbezüglich traurigstes Ödland.

Vielleicht war Frankfurt in früheren Jahren mal auf einem ganz guten Weg. Immer mal wieder fühlte es sich zumindest kurz fast so an, als könne in Frankfurt eine Szene entstehen, als könne die Stadt auch Bands, Szene und Popkultur. Orte wie die Music-Hall, das Negativ, O25 und sogar die Zeil mit dem groß aufgezogenen Sound Of Frankfurt Festival hatten als Mosaiksteine eines zukünftigen großen Ganzen etwas zu bieten und trugen, ebenso wie die vielen kleinen Veranstaltungen und Partys mit Bands und Livemusik, zu diesem Gefühl bei. Wäre diese Entwicklung komprimiert so weitergegangen, würde Frankfurt heute vielleicht etwas bunter aussehen.

Aber so kam es leider nicht.

Als Gegenentwurf zu Festivals wie die Berlin Music Week als Musikfestival und Konferenz (künftig Pop-Kultur), Lollapalooza Berlin, Reeperbahn Festival oder MS-Dockville (beide Hamburg) hat Frankfurt heute nur viel nichts, nichts, nichts zu bieten. Für eine Großstadt ist das ein Armutszeugnis.

Aber halt, das stimmt so nicht ganz. Natürlich gibt es in Frankfurt auch ein Festival. Es hat sogar ganz ähnliche Ticketpreise wie einige der erstgenannten und nennt sich „Grüne Soße Festival“. Tatsächlich handelt es sich hierbei nicht um ein ironisch benanntes Hipster-Festival – das hätte ja durchaus sein können. Nein, das Grüne Soße Festival bietet tatsächlich das, was sein Name impliziert. Es geht hierbei um eine kalte Kräutersoße mit abendlichem Begleitprogramm. Unglaublich, aber wahr.

Und weil das noch nicht grausam genug ist, schiebt Frankfurt mit dem Apfelwein Festival ein weiteres Fress- und Sauffestival mit Schlagermusik an gleicher Stelle hinterher. Offenbar war der verstorbene Heinz Schenk tatsächlich unser David Bowie. Es ist verdammt traurig diesem Frankfurter Nichts beim Nichtstun zuzusehen.

Heldinnen und Helden werden nicht in der Cocktail Lounge geboren

Die Stadt Frankfurt prahlt gerne mit ihrer ach so wertvollen Kunst- und Kulturszene und meint damit aus meiner Sicht in erster Linie überteuerte Museen, versnobte Sauf- und Fressfeste und Theateraufführungen für Parallelgesellschaften. Stechen diese Trümpfe nicht, zieht man auch gerne einen ollen Typen namens Goethe aus dem Hut, den man allerhöchstens noch aus der Schulzeit kennt, als man unter Androhung einer schlechten Note zwangsläufig einige Fakten zu dieser abstrakten Gestalt auswendig lernen musste. Dies nennt man Stadtgeschichte und scheint für die Stadt auch irgendwie mit Kultur zu tun zu haben.

Aber sonst? Eine lebendige Musikszene? Ein wenig Popkultur? Leider Fehlanzeige. Es ist auch genau nichts, nichts, nichts, das Frankfurt jungen und engagierten Musikern aus den eher alternativen Bereichen bietet. Kein Publikum, keine Szene, keine Infrastruktur, nichts.
Die klimatischen Bedingungen für ein solches Umfeld sind katastrophal. Popkulturell ist Frankfurt eine trockene Wüste. Nichts kann entstehen, nichts kann wachsen. Frankfurt ist so gut wie tot.

Eine Stadt, die sich seit jeher im Glanz der verspiegelten Fassaden ihrer Bankenhochhäuser sonnt, die Upperclass-Feste als Kulturgut verkauft und sich ansonsten nur um ihre Banken und ihre Shoppingmeile sorgt, schafft offenbar ein Klima, in dem sich vorrangig Freunde drehender Platten und bunter Cocktails ansiedeln. Das ist toll, sofern man solche Vorlieben hat. Die Afterwork- und Partyszene als wichtiges Nightlife Aushängeschild der Stadt, mag ihre Anhänger zufriedenstellen. Wahrscheinlich zu Recht. Nach eingehendem Studium so einiger Selfie-Publikationen aus entsprechenden Locations, scheint sie sogar so gut zu sein, dass ihre Besucher überdurchschnittlich häufig den inneren Drang verspüren, mit ihren beiden Händen spontan ein Herz zu formen, um ihre Liebe zum Ausdruck zu bringen. Immerhin etwas.

Aber Heldinnen und Helden werden weder nach der Arbeit, noch in der Cocktail Lounge geboren.

Konzerte nur der günstigen Lage wegen

Aus einer lebendigen und reichhaltigen Musikszene erwächst ganz natürlich auch eine interessante und aktive Konzertszene. Aber wer nichts sät, kann auch nichts ernten. Entsprechend schlecht aufgestellt ist die Möchtegern-Großstadt am Main in Sachen Konzerte. Nur wenige Bands aus der kleinen bis mittleren Größenordnung haben offenbar noch den Drang in Frankfurt zu spielen. Tendenz seit Jahren sinkend. Warum auch? In Frankfurt fehlt schlicht und einfach das entsprechende Publikum. Ein Publikum, welches organisch aus einer bestimmten Musikszene erwächst, die es in der Stadt der Banken nicht gibt.

Wenn Frankfurt nicht zufällig ein zentraler Verkehrsknotenpunkt wäre, würden in dem genannten Segment wohl gar keine Konzerte mehr stattfinden. Durch die zentrale Lage verirren sich auf der Durchreise nach Hamburg, Köln und Berlin aber manchmal doch noch vereinzelt Bands und Künstler in die langweilige Stadt am Main, um ihr Glück auf einer der wenigen geeigneten Bühnen zu versuchen. Vielleicht nur einmal, vielleicht nie wieder. Es ist schon fast egal.

Fehlende Subkultur ist kein Kavaliersdelikt

Ja, Frankfurt schneidet regelmäßig gut ab, wenn die Stadt aus Sicht von Touristen bewertet wird. Für einen 2-Tage Besuch hat die Stadt zweifelsohne ihre Stärken. Hochhäuser, Shoppen, Fressen, Saufen, Zeil und ein wenig Mainstream-Kultur. Als Andenken nimmt man neben ganz vielen Skyline-Fotos vielleicht noch ein beliebiges Produkt mit Bembelmuster mit nach Hause. Oder etwas Goethe. Das kann Frankfurt gut und das kommt bei Touristen entsprechend an. Aber Subkultur? Musikszene? Mal etwas anderes? Nein, so etwas führen wir nicht. Wir sind Frankfurter. Wir sind seriös. Kultur ist bei uns entweder völlig verkopft oder ess- und trinkbar.

Die für jede Großstadt so wichtige Popkultur entsteht oft aus Subkultur. Ist aber schon diese nicht vorhanden, führt das zu einem Vakuum, das jede weitere Entwicklung in diesem Bereich verhindert. Dabei beeinflusst Popkultur so ziemlich alle Bereiche des Lebens und nicht selten entstehen aus ihr Industrien, die das Bild einer Großstadt entscheidend prägen. Selbst bis hinein in die Politik reichen popkulturelle Einflüsse.

Für eine Großstadt wie Frankfurt ist die Abstinenz einer lebendigen Subkultur nicht nur einfach ein kleines Ärgernis. Nein, das Frankfurter Vakuum ist eine große Katastrophe und bildet die Grundlage für nichts, nichts, nichts. Denn von nichts kommt nichts und aus nichts, kann auch nichts erwachsen. 5 Euro in das Phrasenschwein.

Das offene, vielfältige und sehr kreative Berlin, wie wir es seit Jahrzehnten kennen und schätzen, wäre ohne eine Vielzahl solcher Szenen vermutlich gar nicht erst entstanden. Bestimmte Bereiche aus Mode, Kunst und Musik entspringen oft einer gewissen Subkultur, aber auch Festivals, Kongresse und sogar Medien können aus ihr erwachsen – auch das zeigt das Beispiel Berlin. Die Transformation von Sub- zu Popkultur ist in vielen der genannten Bereiche längst geschehen. Ganze Industrien haben sich um diese Themen angesiedelt, ohne die eine weltoffene Großstadt ihre Pforten schließen könnte. Es sind genau diese Themen, die sowohl Stadtbild und Image einer Stadt mehr prägen, als protzige Hochhäuser und clean sanierte Altstädte.

Ist eine Großstadt entsprechend aufgestellt, dann entsteht in ihr ein gewisses Lebensgefühl. Das Gefühl, dass jederzeit so vielen passieren kann, dass so vieles möglich ist, dass es keine Hindernisse gibt. All das spürt man in Frankfurt nicht. Stattdessen Vakuum und Stillstand. Hier sind selbst die Alternativen mittlerweile langweilige Spießer.

Fehlende Subkultur ist kein Kavaliersdelikt und zeigt sich in der Abwesenheit von so vielen wichtigen Entwicklungen. Ohne einen kreativen Nährboden trocknet die Stadt aus, verliert an Attraktivität und verharrt in einem Kleinstadt-artigen Dornröschenschlaf. Städtisch verordneter Spaß in Form von sommerlichen Volksfesten ist hier das Höchste der Gefühle. Sofern die Lärmschutzrichtlinien eingehalten werden.

Social Web Wüste Frankfurt

Diese fehlende Subkultur und in der Folge die mangelnde Reibung am stromlinienförmigen Frankfurt, ist auch dafür verantwortlich, dass die kleine Stadt am Main nicht nur im angesprochenen kulturellen Bereich so traurig einseitig aufgestellt ist. Auch in der digitalen Social Web Welt gleicht Frankfurt einer Wüste, die jede Form von Kreativität oder gar Relevanz vermissen lässt. Das ist kein Wunder, da das Netz auch immer ein Spiegelbild der aktuellen Gesellschaft ist. Wenn das Benzin auf Dauer fehlt, bedarf es keiner Motoren.

Der fehlenden Perspektive der Straße folgt die Lethargie im Netz.

So haben selbst Frankfurter Blogs, deren Aufgabe es auch ist, die kleinen Nischen zu beleuchten, die in den Massenmedien noch keine Beachtung finden, selbstgefällig und meist arm an Worten nicht viel mehr zu verkünden, als die nächsten Flohmarkttermine oder die Eröffnung der x-ten Burgerbraterei. Satt, selbstzufrieden und mit einer fast schon ironisch wirkenden Happy-Happy-Frankfurt Attitüde versucht man verzweifelt die lokale Fahne hoch zu halten und arbeitet sich im holprigen Schweinsgalopp an kulinarischen Empfehlungen für die Mittagspause ab.

Na klar, Essen geht immer, wenn alles andere langweilig ist. Über irgendetwas muss man ja schreiben. Nirgendwo wird das so sichtbar wie im digitalen Frankfurt, wo Kurzaufsätze über Imbissbuden schon euphorisch als der heißeste Content der Netzgemeinde gefeiert werden.
Es fehlt ebenso an spannenden Themen wie an neuen Entwicklungen. Es fehlt an Diskurs und an der notwendigen Reibung. Es fehlt an lauten Stimmen, an starken Meinungen und an Gegenpositionen. Es fehlt an so vielem. Das lokale Netz ist hier mehr Verwalter als Gestalter. Es ist ein gar trauriges Bild.

Go, Fuck Your Skyline Selfie

Am Ende des Tages ist es offenbar nicht die von einer städtischen Vermarktungsgesellschaft oder einem städtischem Amt veranstaltete Kultur der gehobenen Mittelschicht, die Neues und Interessantes entstehen lässt. Klimaänderungen können nicht verordnet werden, warum sollten sie auch. In Frankfurt scheint man mit dem Status Quo vollumfänglich zufrieden zu sein. Für Veränderungen besteht kein Anlass. Tradition ist Tradition, und sei sie auch nur ironisch ausgelebt. Solange der Apfelwein schmeckt, ist hier alles in Ordnung. Uns geht es doch gut. Wir sind in 10 Minuten auf der Zeil, dort gibt es sogar Punks. Und dann liegt die Stadt ja auch so verkehrsgünstig. Darauf ein Stöffche.

Danke Frankfurt! Für nichts, nichts, nichts. Go, Fuck Your Skyline Selfie.

PS: Dieser Artikel bedient sich gelegentlich der Überspitzung als Stilmittel. Natürlich bietet das skizzierte Frankfurter Dilemma auch einige positive Ausnahmen. Und zwar …

PPS: Das Debütalbum „Satt“ von Schnipo Schranke erscheint am 4. September 2015 und am 30.10. spielt die Band in ihrer alten Heimat Frankfurt im Zoom. Vielleicht wird es ja voll. Vielleicht auch nicht. Eigentlich ist es egal.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

1 KommentarHinterlasse einen Kommentar

  • Wenn hier also auch das richtige Publikum fehlt, um andersartige Strömungen aufzunehmen und zu reflektieren, wie kann dann (systemisch betrachtet) eine Andersartigkeit wahrgenommen werden?

    Ich gebe Dir in einigen Punkten recht, sehe das mit der Öde im Netz aber nicht so streng (auch weil mir da der Vergleich fehlt) und ziehe bei einer Wahl zwischen Berlin, Hamburg oder FFM (als geborener Hamburger, btw) FFM vor. Auch weil man hier aufgrund der Leere noch mehr Wirkungsraum hat.

    Allerdings darfst Du auch nicht vergessen, dass ja bei so Kreativen wie Dir die Luft nach oben hin recht dünn ist und es da nur noch wenig gibt, was wirklich inspirieren kann und motiviert.

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