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Aktien sind für Astrologen eine neue Herausforderung - derzeit sprechen die Sterne von Verlust und Absturz: Der Mond im dritten Haus

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Das Sonnenlicht verbirgt die Gefahr, nur die Nacht bringt es an den Tag: Die Sterne sprechen von Verlust und Absturz. Für AstroBroker Hannes Bongard hat die lange Durststrecke begonnen. "Wer jetzt noch Aktien hat, sollte besser die Augen schließen, denn der Saturn ist nun im Sternbild Stier, und das wird für Anleger teuer." Der Beruf des Finanzastrologen ist eine undankbare Angelegenheit. Die Telekom-Aktie ein Skorpion? Der Aszendent von Adidas-Salomon ein Schütze? Lächerlich, sagen Börsenprofis wie -laien, der Erfolg einer Aktie steht nicht in den Sternen, sondern in den Bilanzen. Die Finanzastrologie ist dennoch ein prosperierendes Genre. In den USA werden Astrologen von vielen Investmentfonds-Managern zu Rate gezogen, kaum einer gibt dies jedoch zu. "Millionäre engagieren keine Astrologen, Milliardäre tun es", sagte bereits der große US-Banker J.P. Morgan. Im Internet finden sich unter den Suchbegriffen "Astrologie + Aktie" Dutzende von Einträgen, in Diskussionsforen werden Ratschläge in planetaren Angelegenheiten gesucht (Peter: "Wann fällt der Dax? Ich bin im Moment hilflos. Der Grund dafür liegt sicher darin, daß ich mich auf das Quadrat Saturn Neptun versteift habe"). "AstroBroker", "Cosmo-Trend", "Investing by the Stars". Telefon-Hotlines wie die des Astro-Gurus Arch Crawford verbuchen steigende Umsätze, denn nirgendwo übersetzt sich die Kenntnis der Zukunft so unmittelbar in Geld wie an der Börse. "Besonders seit es an der Börse bergab geht, kommen die Leute zu uns", sagt Hannes Bongard, der bis vor kurzem als Informatiker bei einer großen Berliner Bank arbeitete, dort den Spott der Kollegen gelassen ertrug und heute gemeinsam mit seiner Schwester Katrin Anlegern die Planeten deutet. Verluste schaffen Erklärungsnot unter Anlegern, Erfolge nicht. Wie überall hat der Computer auch in der Astrobranche die Arbeitsplätze rationalisiert, "auch wenn viele die gute alte Glaskugel lieber hätten", sagt Katrin Bongard. Brauchte ein Sternendeuter früher Tage, um das Sternenbild zum Geburtszeitpunkt und -ort eines Menschen zu berechnen, schafft der Computer dies in einer Sekunde. "Ohne EDV könnten wir unsere Informationen nicht so billig anbieten." Nur Laien glauben nämlich, daß allein das Sternzeichen, bestenfalls noch der Aszendent das Schicksal bestimmen. Es zählt nicht der Geburtstag, sondern der Geburtsmoment, die Uhrzeit, "möglichst auf eine Viertelstunde genau". Denn in der teilweise schnellebigen Galaxis wechseln Planeten flink die Plätze, sie verlassen oder betreten die zwölf verschiedenen "Häuser", nehmen andere "Aspekte" an usw. "Es gibt unendlich viele astrologische Indikatoren, und wenn ich anfangen würde, auch noch Sachen wie Deklination, Planetengeschwindigkeit oder Sonnenbeschleunigung einzubeziehen, dann käme ich nie zu einer Aktien-Prognose", sagt Hannes Bongard. Aktien sind für Astrologen eine neue Herausforderung. Denn hat man schwierig genug den Geburtstag einer Aktie herausgefunden, fängt das Problem erst an: Ist der Geburtszeitpunkt der Moment der ersten Börsennotiz? Oder der Beginn des Börsenhandels? Oder bereits die Unternehmensgründung? "Das ist wie bei Menschen", sagt Katrin Bongard, "entscheidet der Zeitpunkt der Geburt oder der der Zeugung?" Fragen über Fragen. Aber auch Antworten: "Die Data-Design-Aktie ist als Skorpion kompliziert und schwer zugänglich, der Aszendent Schütze bringt Selbstbewußtsein und Wagemut mit ins Spiel, und das T-Quadrat in den fixen Zeichen ist Anzeichen für Kraft und Entschlossenheit der Firma. Der Mond im dritten Haus spricht für gute schauspielerische Fähigkeiten, weshalb Anleger ruhig zweimal hinschauen sollten." Finanzastrologie ist was für Profis. Die Erstellung der Neuemissions-Horoskope ist bei AstroBroker die Aufgabe von Katrin Bongard. Als studierte Kunstgeschichtlerin kann sie das gut, "denn auch Sternenbilder sind Bilder, die man deuten muß". Ihr Bruder, der Finanzexperte, gibt ihr dabei nur spärliche Informationen über die Unternehmen: "Der Firmenname muß ihr genügen." Mit ihrer Arbeit könnte sie börsenwilligen Unternehmen eine Menge Geld sparen, meint sie. "Früher war es gängig, einem Schiff das Horoskop zu stellen, bevor es ausläuft, damit der Beginn der Reise nicht auf einen Unglücks-Tag fällt. Dasselbe sollte man heute mit Aktien-Neuemissionen machen." Aber nicht nur Aktien werden Horoskope gestellt, auch Anleger können ihr Sternbild nach Investoren-Merkmalen absuchen lassen. Glückliche Konstellationen für erfolgreiche Börsenspekulation sind im Horoskop einer Person durch eine gute Besetzung der Häuser zwei und fünf und günstige Beziehungen der darin enthaltenen Planeten angedeutet. Vor allem das fünfte Haus wird mit Spekulationen in Verbindung gebracht. Stars der Investmentfonds-Branche wie Warren Buffett oder Peter Lynch seien beispielsweise unter einer Pluto/Jupiter-Konjunktion geboren. Wer gut an der Börse ist, hat übrigens auch mehr Glück bei anderen Spielen. Der Bad Camberger Astrologe Uwe Kraus fand bei achtzig Prozent der Lotto-Großgewinner eine Jupiter-Uranus-Verbindung wie auch Mond-Neptun-Verbindungen. Bill Gates, der reichste Mann der Welt, hat hingegen keine besonders glückliche Planetenkonstellation. Vorgeworfen wird den Finanzastrologen vor allem die geringe Trefferquote ihrer Prognosen. Der Astrologiekritiker Edgar Wunder hat seit 1991 fast 800 Vorhersagen von Astrologen, Kartenlegern und Hellsehern gesammelt, die Trefferquote liege bei mageren drei Prozent, so Wunder. Doch begeben sich gerade Börsenprofis mit diesen Vorwürfen auf glattes Eis. Ließe sich tatsächlich von der Richtigkeit der Prognosen auf die Richtigkeit der Theorien schließen, könnte die "Analysten"-Zunft einpacken. Schließlich liegen sie mit ihren Vorhersagen regelmäßig daneben. Oft genug haben in Anlage-Wettbewerben solide Börsenprofis bei der Aktienauswahl sowohl gegen Zufallsgeneratoren wie sogar gegen Affen das Nachsehen gehabt. "Der Beruf des Analysten ist erfunden worden, damit die Meteorologen nicht die einzigen sind, die sich immer irren", lautet ein gängiger Börsenspruch. Auf der anderen Seite sind die Beispiele für erfolgreiche Astro-Prognosen zahlreich: Die Bongards selbst warnten im September 1998 vor der Adidas-Salomon-Aktie aufgrund eines "Mangels an Luft-Elementen im Horoskop". Adidas-Salomon verlor 1998 fast 25 Prozent. Die von Bongard aufgrund ihres Skorpion-typischen Durchhaltevermögens empfohlene Telekom-Aktie stieg in derselben Zeit um rund 60 Prozent. Arch Crawfords Newsletter "Crawford Perspectives" warnte im Frühling 1997 vor einem "Katastrophen-Sommer", drei Monate später wertete Thailand den Baht ab, die Asienkrise war geboren. Hulbert Financial Digest ein angesehener Bewerter von Börsenbriefen kürte "Crawford Perspectives" zum Dienst mit dem besten Timing in der ersten Hälfte der neunziger Jahre. In Sachen Prognosegenauigkeit liegen Bilanzen- und Sternendeuter wohl gleichauf. Die astrologische Theorie in ihrer Logik anzugreifen, das traut sich indes niemand. Erstens, weil sie den Kritikern nicht geläufig ist. Zweitens jedoch ist das Fundament der Sternendeuter im besten Sinne empirisch. "Seit Jahrhunderten werden gewisse Zusammenhänge zwischen Planetenkonstellationen und Ereignissen auf der Erde beobachtet", sagt Bongard, "auf dieser beobachtbaren Regelmäßigkeit von Zyklen beruht die Astrologie." Aus dem Zusammenhang von Planetenstand und Ereignis werden den Planeten bestimmte "Eigenschaften" zugeordnet, die hinieden die Geschicke beeinflussen. Der sachliche Zusammenhang zwischen Saturn und T-Aktie ist den Bongards nicht bekannt, das macht aber auch nichts, schließlich ist die Wirkung bekannt: "Es funktioniert, und wir maßen uns nicht an zu sagen, warum." Diese Ignoranz der Zusammenhänge teilt die Astrologie wiederum mit "seriösen" Börsenanalysten wie beispielsweise Charttechnikern. Diese haben ebenfalls bestimmte Regelmäßigkeiten in Aktienkursverläufen festgestellt und ihnen Namen gegeben: "Insel-Umkehr", "Kopf-Schulter-Formation", "Durchbruchslöcher" oder "Abwärts-Wimpel" im Aktien-Chart senden Kauf- und Verkauf-Signale an die Investmenthäuser dieser Welt. Während sich die Charttechnik darin erschöpft, sich wiederholende Kursmuster aufzuspüren, sieht die ebenfalls anerkannte Elliott-Wellen-Theorie sogar Gesetze massenpsychologischen Verhaltens. Die Aktienkurse "die Quersumme aller Hoffnungen und Erwartungen, aller Ängste und Befürchtungen, kurz: aller Käufe und Verkäufe" folgten Regelmäßigkeiten im Verhalten der Anleger. Daraus destillierte Ralph Nelson Elliott nicht weniger als dreizehn verschiedene Wellen, die zudem noch ineinander verschachtelt sind. Und auch unter den Börsenhändlern kursieren zyklische Weisheiten wie "Was hoch geht, geht auch wieder runter" oder auch "Langfristig lohnt sich die Aktienanlage". "Jede Prognose beruht auf einem angenommenen Zyklus", sagt Bongard. "Und die Astrologie ist das älteste Studium der Zyklen." Für 1999 sieht es auf jeden Fall düster im Zyklus aus. "Schon vor zwanzig Jahren haben sich Astrologen mit dem Jahr 1999 beschäftigt, weil es so schlechte Aspekte hat", sagt Katrin Bongard. Mit Saturn im Stier ist seit dem 1. März das einschränkende Prinzip mit dem Besitz-Zeichen eine ungute Verbindung eingegangen, eine Sonnenfinsternis im August läßt ebenfalls Übles ahnen. Der sogenannte Bradley-Sideograph deutet auf einen Dax zum Jahresende weit unter 4 000 Punkten. "Jetzt Gold kaufen und zum Jahresende massiv in Aktien einsteigen" ist daher der Tip von AstroBroker Hannes Bongard. Seine Schwester sieht es philosophischer: "Verluste sind nicht immer schlecht, so wie Gewinne nicht immer gut sind. Schließlich sind die anstehenden Verluste Folge einer übertriebenen Kurseuphorie, also zu hoher Gewinne." Sie hat keine Aktien.

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