Hauptverband des Österreichischen Buchhandels

Nüchtern, Klaus

Im Speisewagen

Mit präziser Regelmäßigkeit versorgt Falter-Kulturredakteur und Bachmannpreis-Juror Klaus Nüchtern sein Publikum mit Kolumnenbänden. Eben ist der vierte erschienen: "Hier kommt der Antipastidepp" präsentiert "75 recht okayige" Texte.

Interview: Ernst Grabovszki
Anzeiger 03/2007

Sie sind der "meistbeachtete, wenn auch nicht völlig unumstrittenste" Kolumnist aus Gaudenzdorf. Wie lebt es sich als Berühmtheit in Gaudenzdorf?
Ich muss zugeben, dass ich seit zwei Jahren nicht mehr in Gaudenzdorf wohne. Darüber hinaus steckt natürlich eine gewisse Koketterie hinter dieser Ortszuschreibung, und ich weiß nicht einmal, ob sie geographisch korrekt ist. Ich habe am Gaudenzdorfer Gürtel gewohnt, und meine Tochter meinte einmal nach einem Besuch im Bezirksmuseum, es sei gar nicht Gaudenzdorf, sondern Untermeidling. Georg Danzer ist dort aufgewachsen. Der Grad meiner Identifikation mit diesem Grätzel beschränkt sich auf den Wohlklang seines Namens. Er hat etwas völlig Unglamouröses, und die Gegend ist auch absolut unglamourös. Wenn man irgendetwas unternehmen will, muss man den Bezirk wechseln. Es ist sympathischer zu sagen, dass man in Meidling lebt als dort, wo mittlerweile jeder wohnt, nämlich im Karmeliterviertel im zweiten Bezirk. Mein dramatischstes, unangenehmstes, aber authentisches Erlebnis als Gaudenzdorfer Kolumnist war, als ich mich in einer eher groben Art und Weise über meinen Installateur beklagt und lustig gemacht hatte. Ich meinte in einer Kolumne, natürlich ohne ihn namentlich zu nennen, dass er sich mit meinem Geld die Zähne richten und die Eier vergolden hätte lassen. Schließlich ist er draufgekommen, dass er gemeint war. Ich erwähnte nämlich eine von ihm bevorzugte Konditorei, in der irgendwer erstaunlicherweise den Falter gelesen und den Installateur identifiziert hat. Eines Tages ruft mich also der Installateur in der Redaktion an, und ich versinke geradezu im Erdboden. An seiner Stelle hätte ich mir eine reingesemmelt.

Die Titelgeschichte bezieht sich auf eine kulinarische Begebenheit auf dem Naschmarkt. Welche Themen sind es wert, mit einer Kolumne bedacht zu werden?
In dieser Beziehung lebe ich von der Hand in den Mund. Ich habe nicht 15 Themen, aus denen ich dann das beste wähle, sondern es sind solche Themen gewinnbringend zu lesen, wenn ich sie entsprechend herrichten oder aufmascherln kann. Das Anekdotenhafte liegt mir eigentlich nicht. Und wenn jemand sagt: Dieses oder jenes wäre doch ein Thema, ist es aus meiner Sicht meist keines. Es geht nicht darum, Kommentare zum Tagesgeschehen abzugeben oder etwas anzuprangern, sondern darum, Alltagsbeobachtungen oder vermeintlich banale Dinge so aufzupolieren, dass sie zu funkeln beginnen. Auf dem Schulweg meiner Tochter beispielsweise steht ein Schülerlotse. Ich habe mich entschieden, ihn in einer Kolumne super zu finden, weil er immer freundlich bei jedem Wetter da steht in seiner uhutubengelben Jacke. Oder vor einiger Zeit habe ich mich zum Beispiel gefragt, woher eigentlich die Kräne kommen. Man sieht ja nie, wie die aufgebaut werden, sie sind einfach da. Davon ausgehend fangen dann Überlegungen zu spinnen an: Wahrscheinlich gibt es unterirdische Schubbahnhöfe oder eine 25. Stunde, von der niemand weiß und in der die Kräne transportiert werden. Das Alltägliche muss also etwas Leuchtendes, eine leichte Unheimlichkeit bekommen.

Wie verändert sich der Charakter eines Kolumnen-Textes, wenn er plötzlich in Buchform erscheint?
Ich glaube, gar nicht. Es mag sein, dass sie im Buch andere Leserschichten erreichen. Ich mache gerne Lesungen, wenngleich mir nach einer gewissen Zeit fad wird. Mir ist es völlig unverständlich, dass Schauspieler eine Rolle hundertmal spielen können oder Daniel Kehlmann lesend durch Deutschland zieht. Darum gibt es alle zwei Jahre einen neuen Kolumnen-Band von mir. Ich kann dann wieder auf Tour gehen, was im Vergleich zu den Einkünften aus den Buchverkäufen besser bezahlt ist. Hin und wieder kommt es vor, dass man in ganz fremden Biotopen liest, und das ist das spannendste. Einmal habe ich bei der Eröffnung einer Bankfiliale im Simmeringer Gasometer gelesen. Zuerst hatte ich Zweifel und dachte: Was ist das nächste? Waschsaloneröffnungen? Ich machte es dann doch. Das Publikum setzte sich fast ausschließlich aus den Bankangestellten und deren Verwandtschaft zusammen. Interessanterweise habe ich - in Relation betrachtet - nie mehr Bücher verkauft als dort. Danach war ich noch einmal in einer Bank, obwohl die Veranstaltung den recht unpassenden Titel "Diskurs und Hedonismus" trug. Überzeugt hatte mich dann aber, dass die Chefs der Bank extra einen Braumeister engagiert hatten, der mir zu Ehren Bier ausschenkte. Da saßen also die Leute aus der Chefetage bei meiner Lesung, und je tiefer die Witze waren, umso mehr haben sie sich amüsiert.

Wenn man sich die Kolumnen in österreichischen Medien ansieht, geben ihre Autoren oft vor, mit ihren Texten einen Einblick in ihre Privatsphäre zu geben. Wie funktioniert Ihr Spiel mit dem Leser in dieser Hinsicht?
Dieses Spiel wird schon von mir kontrolliert, auch weil ich Filter einbaue: In den Texten steht zum Beispiel wenig über meine Familie, und ich habe mich nie dazu hinreißen lassen, daraus etwa eine Tochter-Kolumne zu machen. Es gibt auch Dinge, die nicht thematisierbar sind oder zu denen man keine ironische Distanz mehr aufbauen kann. Wenn man die Kolumnen liest, kann man als Leser vermutlich einschätzen, was nun stimmt und was nicht.

Die Kolumnen gibt es seit 1993. Wie hat sich Ihr Verhältnis dieser Form gegenüber entwickelt?
Ich kontrolliere das nicht, hoffe aber, dass sie besser geworden sind. Es gab einmal eine Phase, in der ich die Kolumnen aufgeben wollte, habe mir aber die Lust daran wieder erschrieben. Ich kann sie mittlerweile mit hoher Routine schreiben, und es gibt, wahrscheinlich aufgrund der Kürze, keine Schreibblockaden oder das Entsetzen, dass mir nichts einfallen könnte. Und selbst wenn, entstehen dann aus solchen Situation oft die besten Dinge.

Sie arbeiten seit fast 20 Jahren für den Falter. Warum sind Sie der Zeitung treu geblieben?
Weil der Falter in Österreich konkurrenzlos ist und weil von anderen Medien bisher kaum Angebote kamen. Auf dem Printsektor kann ich in Österreich keine Karriere machen, sondern müsste nach Deutschland gehen. Aber ich bin ein sentimentaler, sesshafter Typ und liebe Wien sehr. Ich bin eher ein Schreiber als ein Zeitungsmacher, ohne jetzt meine Tätigkeit als Redakteur missen zu wollen. Ein "Non-Playing-Captain" wäre für mich eine bizarre Position, genauso wenn ich ausschließlich Kolumnen schreiben müsste. Aber immerhin haben die Konkurrenzangebote meine Position im Falter gesichert. Ich hätte einmal für die Arbeiterzeitung im Tagesprogramm Kulturhäppchen schreiben können. Ich sagte zu Armin Thurnher: Das interessiert mich überhaupt nicht, aber die zahlen das Doppelte! Da war ich erst kurz beim Falter, wo ich ja im Grund eine Blitzkarriere gemacht habe. Vom freien Schreiber bis zum Angestellten der Kulturredaktion dauerte es wenige Monate. Danach habe ich jahrelang öffentlich geübt. Als Format gegründet wurde, kauften sie die halbe Falter-Redaktion weg. Ich hatte ein Angebot von profil, habe aber die Position vertreten: Jetzt bleibe ich erst recht. Inzwischen habe ich folgende Erklärung: Ich werde mittlerweile in einem Maß mit dem Falter identifiziert, dass es anständigen Leuten fast obszön erscheint, mich da wegkaufen zu wollen.

Welche Vorteile hat eine Stadtzeitung gegenüber der Medienkonkurrenz?
Wie gesagt ist der Falter konkurrenzlos. Das ist angenehm, kann aber auch schlecht sein, weil der Konkurrenzdruck fehlt. Natürlich müssen wir unsere Wien-Kompetenz so gut wie möglich aufrecht halten. Es gibt genug zu entdecken, und die Leser müssen davon ausgehen können, dass wir alles wissen, auch wenn eine Stadt wie Wien immer voller Parallelwelten ist.

Nun haben Sie einen recht prominenten Nebenjob als Juror beim Bachmann-Bewerb. Mit welchen Erwartungen fahren Sie heuer hin?
Ich erwarte immer das selbe: halbwegs spannende Texte und dass man selber welche findet, denen es im Bewerb möglichst gut ergeht. Mein Horrorszenario ist immer, dass ich in dem Stapel von Zusendungen keinen geeigneten Beitrag finde. Letztes Jahr bin ich in dieser Hinsicht sehr ins Schwitzen gekommen. In diesem Jahr wird sich auch die Zusammensetzung der Jury ändern: Burkhard Spinnen und Heinrich Detering sind nicht mehr dabei, die Gruppendynamik wird sich damit neu justieren. Mittlerweile gab es klare Rollenaufteilungen in der Jury, dennoch hatte ich in der Dynamik der Diskussion nie das Gefühl, dass ein Text oder ein Autor völlig falsch eingeschätzt wird.

Letztes Jahr ging es um die Frage, wie kalkulierbar so ein Bewerb bzw. die Juroren sind. Ist er das tatsächlich?
Das halte ich für einen Mythos, im Zweifelsfall ist es eine Leistung des Autors, wenn er oder sie es zustande bringt. Letztes Jahr stellte sich das durch ein etwas flapsiges Interview der Preisträgerin so dar, und das hallte ein wenig im Feuilleton nach. Ihr Text war überprüfbar geglückt. Wenn es so leicht wäre, den Bachmann-Code zu knacken, warum passierte es dann erst letztes Jahr? Das ist kindisch. Es hatte, meine ich, auch mit einem antiquierten Schriftstellerbild zu tun: Da ist man dann offensichtlich ganz überrascht, dass es talentierte Autoren gibt, die aber nicht in die Maschine hacken, um ausschließlich Belletristik zu produzieren, sondern etwa auch in Agenturen arbeiten und Werbetexte schreiben. Dass die dann auch noch gute Literatur schreiben können, ist so erstaunlich auch wieder nicht. Es gibt und gab genug Autoren, die Brotberufe hatten.

Wie haben Sie die letzten zwanzig Jahre österreichischer Literatur erlebt?
Markt und Literatur sind natürlich zwei verschiedene Dinge, und der Markt gerät bisweilen zu einer Arena, in der um Aufmerksamkeit gefochten wird. Ein Beispiel ist Daniel Kehlmann: In Wirklichkeit ist es völlig egal, ob der nun 70.000, 170.000 oder 850.000 Exemplare verkauft hat, das Buch wird dadurch nicht besser oder schlechter. Zu sagen, Kehlmann sei zwanzigmal besser als Glavinic oder wer auch immer, ist somit kindisch. Ich glaube, dass es mittlerweile auch eine Generation gibt, die sich von den vorangehenden Generationen nicht mehr abtrennen muss. Harold Blooms Theorie der Literatur als Vatermord gilt für viele nicht mehr. Die brauchen sich also nicht mehr an der schweren Last der Avantgarde oder der Wiener Gruppe abzuarbeiten beziehungsweise deren Nachfolge anzutreten. Daneben gibt es sicher auch eine schlichte Art des Erzählens, die man unter Umständen als Rückschritt auffassen mag, sofern es "Fortschritt" in der Kunst überhaupt gibt. Die Avantgardisten haben es geglaubt, und noch Adorno war der Auffassung, dass es im Material Fortschritte gäbe, hinter die man nicht zurückfallen dürfe. Das ist nicht aufrecht zu erhalten, wenngleich man in ein naives Erzählen verfallen und schon gewonnene Reflexionsleistungen auf der Straße liegen lassen kann. Was sich auflöst, ist eine Art von literarischer Topographie in Österreich. Es gab mal Graz und Wien als Zentren, die dieses Attribut für sich nicht mehr in Anspruch nehmen können. Ein interessantes Phänomen der österreichischen Literatur war, dass sie am Land stattgefunden hat. Die große Literatur war lange Zeit Provinzliteratur. Eine Zeitlang war die Großstadt nach Doderer kaum ein Thema, jetzt ist sie es wieder. Und was man leider nicht ändern wird können, ist der Erfolgsnachweis eines österreichischen Autors, der darin besteht, dass er zu einem deutschen Verlag wechselt.

Wie wählen Sie übrigens Ihre Literatur aus, die Sie im Falter besprechen?
Es gibt mehrere, sehr unspektakuläre Kriterien. Ich blättere beispielsweise Verlagsvorschauen durch, kenne bestimmte Autoren schon und habe eine Vorliebe für anglo-amerikanische Literatur. Wenn man sich die Buchbeilagen des Falter ansieht, entdeckt man drei Schwerpunkte: österreichische, anglo-amerikanische und junge deutsche Literatur. Die Schweizer Literatur ist uns seltsamerweise entfernter als die tschechische, ungarische oder polnische. Oder man entdeckt Autoren, die man dann schreibend und kritisierend begleitet. Richard Yates, der vor 15 Jahren gestorben ist, erlebt beispielsweise eine Renaissance, und auch ich habe ihn propagiert. Meine Lieblingsanekdote aus meinem Leben als Literaturkritiker ist: Ein Autor, an dessen Durchsetzung ich in einem kleinen Kreis beteiligt war, ist A. F. Th. van der Heijden. Suhrkamp hat sich mit einem bewundernswerten Aufwand seines Zyklus Die zahnlose Zeit angenommen. Eine Buchhändlerin machte mich auf den Autor aufmerksam, ich habe die Teile des Zyklus rezensiert und dann, als er abgeschlossen war, ein Interview und einen großen Artikel gebracht. Ich glaube also, dass der Verkauf von mindestens einem halben Dutzend Die zahnlose Zeit-Kassetten auf meine Initiative als Kritiker zurückgeht. Der schönste Moment war aber, als ich mit meiner Familie nach München in Urlaub fuhr. Als ich mit meiner Tochter aus dem Speisewagen ins Abteil zurückkam, erzählte mir meine Frau, die gerade einen Band aus der Reihe las, sie wäre von einem Fahrgast auf das Buch angesprochen und um ihre Meinung gebeten worden: "Ist es wirklich so toll, wie im Falter immer steht?" Das war neben zwei handschriftlichen Briefen von Louis Begley, in denen er sich für Rezensionen bedankte, mein absoluter Triumph.

Klaus Nüchtern
Hier kommt der Antipastidepp
Falter Verlag
ISBN 3-85439-386-5

EUR 14,50



Hauptverband des Österreichischen Buchhandels
 
Zur Startseite  

Realisiert mit ContentLounge 10.3.0