Julius Spier

Julius Spier wurde am 25. April 1887 in Frankfurt am Main als Sohn einer alteingesessenen, jüdischen Familie geboren. Mit der Chirologie (Handlesekunst) kam er schon mit 17 Jahren in Berührung und war so fasziniert, dass er fortan diese Materie studierte. Aber zunächst erlernte er einen anderen Beruf und war bis 1927 zuletzt als Personalchef bei Beer-Sontheimer, einer Metallhandelsgesellschaft in Frankfurt, beschäftigt, bevor er sich ganz der Psycho-Chirologie zuwandte. 1920 bekam er einen Sohn mit seiner damaligen Ehefrau.

Die Analyse und Ausbildung zum Psychoanalytiker bei Carl Gustav Jung erfolgte von 1926 - 1928. Julius Spiers Interesse und sein ungewöhnliches Talent für die Handlesekunst veranlassten Jung, ihn zu ermuntern, die Psycho-Chirologie zu seinem Beruf zu machen. Nach dem Abschluss seiner Lehranalyse bei C. G. Jung im Jahr 1928 zog Julius Spier mit seiner Familie 1929 nach Berlin um und eröffnete dort eine Praxis, die bald florierte. Insbesondere Frauen waren von Spier eingenommen, empfanden ihn als "magische Persönlichkeit", und diese Beliebtheit war ein Grund für die Scheidung von seiner Ehefrau im Jahr 1935.
Neben seiner Praxis machte Spier seine Arbeit unter den damaligen Fachleuten in Berlin und Zürich bekannt, hielt Vorträge und lehrte die Psycho-Chirologie. Während dieser Lehrtätigkeit überzeugte er Jung von der Gültigkeit seiner Studien der Handlesekunst. Seine Vorgehensweisen während einer Handlesesitzung schienen intuitiv und gerade dadurch sehr erfolgreich gewesen zu sein, aber er war wissenschaftlich gründlich und systematisch in seiner schriftlich-theoretischen Arbeit.

In Berlin lernte Spier Herta Levi kennen und verlobte sich nach seiner Scheidung mit ihr. Allerdings wurde die Situation für Menschen jüdischer Abstammung immer unhaltbarer und 1938, nach der Reichspogromnacht, siedelte er nach Amsterdam um, während seine Verlobte nach England floh. Auch in Amsterdam eröffnete er eine Praxis und war bald wieder erfolgreich damit. Und er gab weiterhin Kurse und hielt Vorträge.
1941 begegnete Spier in Amsterdam der jungen Etty Hillesum anläßlich einer seiner Veranstaltungen. Sie begann bald darauf eine psychochirologische Therapie bei ihm. Er wurde ihr spiritueller Lehrer. Während der Therapie ermunterte Spier seine Klientin, ihr berühmtes Tagebuch zu schreiben. Dies sollte Hillesum ermöglichen, ihre gefühle und Regungen sowie ihre Entwicklung zu reflektieren. Zwischen beiden entstanden eine enge Freundschaft, Zusammenarbeit und laut Tagebuch der Etty Hillesum eine leidenschaftliche Liebe, die wegen seiner bestehenden Verlobung jedoch diskret gelebt wurde.

Gestorben ist Julius Spier 1942, im Alter von 55 Jahren, an Lungenkrebs, kurz bevor die Gestapo ihn deportieren wollte. Den Deportationsbescheid hatte er schon erhalten.

Carl Gustav Jung
Spiers Lehrmeister Carl Gustav Jung

Sein Werk

Julius Spier verband in seiner Arbeit Psychologie und Chirologie und machte damals durch zahlreiche Kurse und Vorträge in Zürich und Berlin sowie später in Amsterdam vor Psychiatern, Psychologen und Physiologen diese Art der Arbeit für die seelischen Gesundheit bekannt. Er hinterließ allerdings keine spezielle Therapiemethode, der man ohne Weiteres hätte folgen können, da er in der praktischen Arbeit mit seinen Klienten weitgehend seiner Intuition folgte, die ihn sehr oft zu verblüffenden Ergebnissen befähigte. Holländische Psychologen vermuteten paranormale Fähigkeiten bei Spier. Die Menschen um ihn herum bescheinigten ihm eine "magische Persönlichkeit". Für einige Zeitgenossen war die Begegnung mit ihm wegweisend, wie zum Beispiel die Ärztin Dr. Charlotte Wolff für sich bekundet. Wolff war ebenfalls Chirologin und hat u.a. ihre psychologische Theorie der Hand im surrealistischen Künstlermagazin Minotaure veröffentlicht.

Das Cover von Julius Spiers Buch The Hands of Children - An Introduction to Psycho-Chirology
Das Cover von Julius Spiers Buch The Hands of Children - An Introduction to Psycho-Chirology

In seinem schriftlichen Werk dokumentierte er seine Erkenntnisse sehr seriös und äußerst sorgfältig, nachdem er über dreißig Jahre Erfahrungen mit dem Studium des Handlesens verbracht und sich umfangreiche psychologische und analytische Kenntnisse angeeignet hatte. Postmortem, im Jahr 1944, erschien sein Buch The Hands of Children - An Introduction to Psycho-Chirology in London, betreut von Herta Levi, seiner Berliner Verlobten, welche die Aufzeichnungen seines Buches mit nach England genommen und so gerettet hatte. Dieses Werk war als Teil einer Bücher-Trilogie gedacht. In The Hands of Children konzentriert sich Spier darauf, die Hand auf Zeichen von Unterdrückung und abnormaler sexueller Entwicklung hin zu untersuchen, die innere Konflikte, Stress, Neurosen im späteren Leben erwarten ließen. In dieser Konzentration auf die Sexualentwicklung werden seine Verbindungen zur Psychoanalyse seiner Zeit und seine Ausbildung zum Psychoanalytiker deutlich.

Ebenso glaubte er, Hinweise auf die fötale Entwicklung und Verbindungen des Individuums mit seiner Umwelt sowie dem großen Ganzen in der Kinderhand zu sehen. Besonders Letzteres verweist auf seine Ausbildung bei Carl Gustav Jung. Spiers Ziel war es, Probleme, die der Erwachsene durch Fehlentwicklungen in der Kindheit möglicherweise bekommen könnte, schon in der Kinderhand zu entdecken, und diesen rechtzeitig entgegenzuwirken.

Spiers The Hands of Children ist noch heute Klassiker und Grundlagenwerk der Psycho-Chirologie; zuletzt ist es 199 beim britischen Verlagshaus Routledge erschienen.