Genius loci

11.05.2000

New Economy, Flüchtlingspolitik und die neue Geographie der "Intelligenz"

Der Wirtschaftswissenschaftler und Musiktheoretiker Jacques Attali, ehemals Berater des französischen Präsidenten Francois Mitterand, arbeitet heute parallel als Publizist, als Leiter einer Consulting-Agentur für Konzerne und Regierungen und als Inhaber von Planetfinance, einem Pariser Unternehmen, das Internet-Start-Ups finanziert - ein wahrer Multi-Entrepreneur des digitalen Zeitalters, der spekuliert und räsoniert, die Verhältnisse interpretiert und entsprechend investiert.

In einem Interview mit der Tageszeitung "Libération" vom 5. Mai 2000 verbreitet sich Attali, rhetorisch an Vilém Flusser und postkolonialistische Nomadismus-Theoretiker/innen angelehnt, über die "prekäre, flüssige, flexible, nomadische" Neue Ökonomie des Internet. Sie sei im Kern "antikapitalistisch", da sie Sesshaftigkeit und Hierarchie, Vertikalität und Besitz zugunsten von "Überfluss und Solidarität", ja "Universalismus und Transparenz" ersetze. Wobei die Nationalstaaten und ihre Regierungen freilich noch einiges hinzuzulernen hätten: Zum Beispiel, wie die Steuergesetzgebung der Zukunft die Bewegung stärker als die Bewahrung fördern und das Erziehungssystem analog die Errichtung von Netzwerken und den Abbau hierarchischer Strukturen vorantreiben müsse. Auf die Frage, ob er denn auch einen neuen, der Neuen Ökonomie angemessenen Typus der Einwanderung entstehen sehe, antwortet Attali: "Ja, eine virtuelle Immigration." Er versteht darunter eine solche Immigration, die nicht mehr mit einem physischen Ortswechsel verbunden ist, sondern im Netz stattfindet - als Fernstudium, Distance Working usw. Attali prognostiziert, die (Post-)Industrienationen des Nordens würden sich bald nach den alten Formen der Migration zurücksehnen, so wenig trügen die "virtuellen Migranten" zum Wohlstand des Staates bei, für dessen Unternehmen sie irgendwo in der Ferne eines Billiglohnlandes arbeiteten.

Die "virtuellen Migranten" sind nicht zu verwechseln mit der "virtuellen Klasse", deren Theorie 1994 von Arthur Kroker und Michael A. Weinstein veröffentlicht wurde: Sie bilden nicht die Elite des Informationszeitalters, sondern sind gewissermaßen ein vom Netz hervorgebrachtes Proletariat, das sich auf einer lediglich virtuellen Wanderschaft befindet. Wer über größere Distanzen reisen kann, gehört nach diesem Verständnis in Zukunft zu den privilegierten Schichten.

Attali unterscheidet drei künftige Klassen der globalen netzökonomischen Verhältnisse: die kleine Gruppe der "Hypernomaden", die souverän und unabhängig über die technologischen Möglichkeiten verfügt, sich auf dem Erdball zu bewegen, Information zu produzieren und zu manipulieren; die größere Gruppe der "virtuellen Nomaden", eine kontrollierte Masse von Arbeitskräften in den Netz-Produktionsstätten der Welt, deren gesamtes Leben sich in der Virtualität der Unterhaltungs- und Informationstechnologie abspielt; und schließlich die "Infranomaden", von allem ausgeschlossen, weder im Netz noch in der physischen Realität über nennenswerte Mobilität verfügend.

Die Einteilung der Menschheit in Angeschlossene, Eingeschlossene und Ausgeschlossene

Attalis Klassifizierungsangebot ist nicht deshalb interessant, weil er etwa zweifelsfrei recht behalten wird mit seinen Thesen über ein neues Mittelalter, in dem die gesteigerten Möglichkeiten der Netzwerkökonomie mit zunehmenden sozialen Abschottungsprozessen erkauft werden. Zuviel wird sich noch ereignen, was diese Prognose revidieren dürfte. Interessant ist vielmehr der Versuch der soziographischen Klassifizierung als solcher, die Einteilung der Menschheit in Angeschlossene, Eingeschlossene und Ausgeschlossene bezogen auf die jeweilige virtuelle und physische Mobilität. Attali enwirft damit eine Typologie des Nomadismus, in der die Beweglichkeit zum Maß aller Dinge erhoben und den Sesshaften das schwere Los von Neo-Pariahs prophezeit wird. Gleichzeitig entkoppelt er dieses Zukunftsszenario von den gegenwärtigen globalen Wanderungsbewegungen der Flüchtlinge und Arbeitsmigranten.

Auf der anderen Seite lässt sich in der Tat beobachten, wie der Radius von Migrationsbewegungen derzeit eingeschränkt und Mobilität systematisch zu einem Privileg umgeformt wird. Nur ist fraglich, inwieweit diese Einschränkung allein von der Internet-Ökonomie ausgeht, wie Attali nahelegt, oder nicht doch auf ein komplizierteres Zusammenspiel von ökonomischen und (supra-)staatlichen Interessen zurückzuführen ist. Betrachtet man beispielsweise die Flüchtlingspolitik der Europäischen Gemeinschaft, lässt sich ein Muster der Kontrolle und Reglementierung von Flüchtlingsbewegungen erkennen, das in der Balkanpolitik, gipfelnd im Kosovo-Krieg von 1999, geradezu laborhaften Charakter angenommen hat. Bereits seit den 80er-Jahren sorgt eine "Regionalisierungsdiskussion" auf internationaler Ebene dafür, dass über Flüchtlinge primär in ökonomischen Kategorien nachgedacht wird. "Mit dem Ziel, die Asylanerkennungsrate zu senken, errichteten die Behörden Datenbanken zu Herkunftsländern, zu Fluchtursachen nach Kriterien der Genfer Konvention und zu Abschiebemöglichkeiten und Abgeschobenen", schreiben Helmut Dietrich und Harald Glöde in einer neuen Publikation über den "Krieg gegen die Flüchtlinge"2756. Ein Ergebnis dieser behördlichen Datenerhebungen zum Zwecke der Reduzierung von Asylantenzahlen war die Flucht der Flüchtlinge in die Illegalität. Somit entstand ein "datenfreier Raum." (Dietrich/Glöde), der durch neue Strategien ("Routenfahndung") der Grenzbehörden, die längst nicht nur an den Außengrenzen der Nationalstaaten, sondern verstärkt auch in den Städten (U-Bahnhöfe, Shopping-Zonen usw.) operierten, wieder mit Datenmaterial gefüllt werden musste.

Insofern könnte man Attali dahingehend zustimmen, dass Migration tatsächlich "virtualisiert" wird: Fluchtwege und Flüchtlinge werden in Daten-Konfigurationen übersetzt, um den physischen Nomadismus zu limitieren. Im Kosovo aktiviert derzeit ein Verbund aus UCK, Flüchtlingsorganisationen und NATO eine Ideologie der (albanischen) "Heimat", um so die Idee der Aus- bzw. Abwanderung abzuwerten, die äußerst "robust" bereits durch die Lagerpolitik während der NATO-Intervention attackiert worden ist. Damit gibt sich das langfristig angelegte Protektorat der "internationalen Gemeinschaft" im Kosovo auch als vorgeschobener Einwanderungsfilter zu erkennen, die unterentwickelte Region wird zu einem Experimentierfeld der Migrationsbegrenzung.

Vor dem Hintergrund von Gerhard Schröders "Green Card"-Initiative vom Anfang des Jahres und den seither laufenden Debatten über die Maßnahmen zur Behebung des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften in den "Zukunftsbranchen" erscheint die Produktion von "Heimat"-Ideologien und Datenräumen in der internationalen Flüchtlingspolitik so widersprüchlich wie folgerichtig. Im Kosovo rechnen die Vertreter der Neuen Ökönomie auf lange Sicht nicht mit qualifizierten Software-Spezialist/innen, dafür hat nicht nur Milosevic, sondern besonders auch die Balkan-Politik der westlichen Wertegemeinschaft gesorgt. Aus der Perspektive der New Economy findet man dort "unten" augenblicklich nur Attalis "Infranomaden", gewissermaßen "Datenmüll" (Kroker/Weinstein), an dem die biopolitischen Steuerungsinstanzen der Flüchtlingspolitik interessiert sind, nicht aber die Headhunter cooler Internet-Companies. Ausgehend vom Zusammenhang zwischen der Situation im Kosovo und der "Computer-Inder"-Diskussion in der Bundesrepublik, lässt sich mit Hilfe von Attalis Drei-Schichten-Modell eine hierarchische Klassifizierung des Wissens erkennen, ähnlich wie sie Michel Foucault bereits an den Macht/Wissen-Strategien der europäischen Aufklärung untersucht hat: Die "Grenzen zwischen Geheimnis und geographischen und technischen Begrenzungen" werden niedergerissen, um "nicht nur die Wissen, sondern auch jene, die sie innehaben, austauschbar zu machen." Eine Austauschbarkeit, die mit einer Hierarchisierung einhergeht, welche die speziellsten und materiellsten weit unter den formalsten und abstraktesten Formen des Wissens verortet. Im Kosovo gibt es ja höchstens, "was man die kleinen, nutzlosen und irreduziblen, ökonomisch kostspieligen Wissen nennen könnte", wie Foucault 1976 in anderem Zusammenhang formuliert hat.2757.

Es ist nun eine Ironie dieser klassifizierenden Entgrenzung und Normalisierung des Wissens, die die intime Beziehung zwischen dem Individuum der Aufklärung und seinem "Wissen" funktionalisierend auflöst, dass sich bei aller De-Personalisierung und De-Lokalisierung immer wieder "Kulturen" und "Geographien" des Wissens ausprägen: Die anonym-virtuelle Intelligenz sucht sich Orte und Phänotypen außerhalb des Netzes, die wichtige symbolische und soziale Funktionen beim Wettbewerb im Netz übernehmen: Silicon Valley, Seattle, Dublin, Givat, Kobe, Harvard, Stockholm, Hyderabad sind klingende geographische Bezüge der neuen globalen Wissensökonomie, die sich in den Briefköpfen der High-Tech-Unternehmen werbewirksam niederschlagen. Dazu erfindet man sich die "intelligenten" Russen (Hasso Plattner, SAP: "Die komplexe russische Sprache hilft ihnen bei den Computer-Denkstrukturen und macht viele von ihnen zu hervorragenden Programmierern") oder die "hochqualifizierten" Inder, denen ebenfalls diverse kulturell induzierte Begabungen zugeschrieben werden.

Aber welcher Internet-Start-Up will sich schon mit kosovo-albanischen Mitarbeiter/innen und "Pristina" als Firmenadresse schmücken, da funktioniert ja nicht einmal das Telefonnetz!? In vielfacher Hinsicht befinden sich das Kosovo und das indische Bangalore in einem komplementären Verhältnis, das seinerseits ziemlich präzise die Interessen der Regierungen und der Unternehmen spiegelt: Hier ein Minenfeld, dort ein Software-Mekka; hier Chaos und Kosten, dort Programmierung und Profit. Über die Bewohner/innen des Kosovo weiß man bloß, dass sie zugleich Opfer serbischer Vertreibungspolitik und finstere Mafiosi sind, beides sollen sie weiterhin möglichst an Ort und Stelle bleiben. Die "Computer-Inder" hingegen werden zwar argwöhnisch erwartet, man will sie nicht länger als ein paar Jahre hier haben, nur so lange, bis man den Anschluss an die technologischen Entwicklungen wieder gefunden hat, aber sie gelten doch als Hoffnungsträger und Zeichen sinnvoller, weil wirtschaftlich "vernünftiger" Migration.

Was Schröder im Februar 2000 eingefallen ist, haben die USA schon sehr viel früher begriffen: "In den USA sind es die ausländischen IT-Facharbeiter, die den Übergang der US-amerikanischen Arbeitsgesellschaft zur Wissensgesellschaft markieren", schreibt die Berliner Sozialforscherin Felicitas Hillmann, gibt aber gleich zu bedenken, dass dort auch eine "Ethnisierung bestimmter Teilbereiche des Arbeitsmarktes" eingesetzt habe, "dass es sich trotz des Etiketts des 'Hochqualifizierten' um McJobs der Computerbranche handelt." 2758

Dennoch, zwischen 750 und 980 Firmen im Silicon Valley befinden sich unter indischer Führung; es hat sich ein Migrationsnetzwerk entwickelt, das den vielbeklagten "brain drain" aus Indien noch verstärkt (und andere Standorte ohne entsprechende soziale Strukturen ins Hintertreffen geraten lässt, wie die mangelnde Resonanz auf die "Green Card"-Offerte in Deutschland zeigt). Dazu kommen Maßnahmen wie der "21st Century Technology Resources and Commercial Leadership Act", der Ende 1999 im US-Senat präsentiert wurde. Dieser Gesetzesentwurf sieht die Bevorzugung von ausgebildeten High-Tech-Fachkräften bei der Einreise für begrenzte Dauer vor - eine Ergänzung zum bereits installierten "American Competitiveness and Workforce Improvement Act (ACWIA)".

Führerschaft, Konkurrenzfähigkeit, Arbeitskraftverbesserung sind die ungeschminkten Ziele einer Einwanderungs- und Arbeitspolitik, die - bei aller Deregulierung in anderen Bereichen -den Erfolg der US-amerikanischen Wirtschaft äußerst zentral plant. Auf noch näher zu klärende Weise korrespondiert diese Steuerung mit jenen außenpolitischen Maßnahmen, die an anderen Orten der Welt die Möglichkeiten von Arbeit und Migration systematisch beschneiden.

Das Wechselspiel der mächtigen Info-Gesellschaften macht allerdings vor der eigenen Tür nicht halt: Zum einen wird im Sinne des neuen "kognitiven Kapitalismus" jene Hierarchie der Mobilität errichtet, über die Jacques Attali spricht - um die "workforce" statistisch auf höchstem kognitiven Niveau zu halten ("Im Silicon Valley beginnt die IQ-Kurve bei 130, steigt dann schnell an, stagniert kurz vor 155 und sinkt erst dann wieder ab.") 2759; zum anderen werden in den USA kaum noch Bewerber/innen auf einen Job in der New Economy eingeladen, die älter als 35 sind - ihnen wird nicht mehr zugetraut, so smart und stressresistent zu sein, wie es die vakanten Jobs vermeintlich erfordern. Wer bis Mitte 30 nicht über die nötige Altersvorsorge verfügt, hat demnach ein Problem. Man darf gespannt sein, was die zuständigen Stellen angesichts dieser Situation mit der Tatsache anfangen, dass die Bevölkerung im Kosovo jünger ist als irgendwo sonst in Europa.

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