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8 zu Hause und privat

Uhrzeitumstellung März 2015

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Ende März, Beginn der Sommerzeit

Zweimal im Jahr Uhr umstellen als Volksbeschäftigung. Dazu die bereits seit Jahren (Jahrzehnten) wiederlegte These von der Energieeinsparung. Wer macht endlich den Anfang und diesen Quatsch nicht mehr mit?

Seit circa 1980 stellen wir die Uhr um. Von den Uhrzeitumstellungsversuchen Anfang des 20. Jahrhunderts oder während der Zeit des Dritten Reiches will ich mal nicht reden. Und ich betone, DIE UHR wird umgestellt! Es ist NICHT die Zeit, die wir umstellen. Auch wenn uns das immer wieder suggeriert wird. Wir haben danach weder mehr noch weniger Zeit zur Verfügung.

“Zeit als solches existiert eigentlich nicht. Denn während wir über die Zukunft nachdenken wird aus der Gegenwart schon wieder Vergangenheit!” (Einstein im Film „IQ – Liebe ist relativ“)

Am Wochenende ist es nun wieder so weit. Bis auf Weiteres, nämlich bis Oktober, klaut man uns eine Stunde und schafft Uhr-Umstellungsstreß im privaten, gesundheitlichen, wirtschaftlichen und verkehrstechnischem Bereich des ganzen Landes, ja ganz Europas. Der Aufwand, diese Prozedur zweimal im Jahr europaweit durchzuziehen, ist immens. Trotz Atom- und Funkuhren bleibt es ein logistischer Aufwand.

Die Tiere im Wald interessiert dieser menschliche Unfug nicht. Die Tiere der Zivilisation, in den Ställen und auf den Höfen, die können einem Leid tun. Und die Tierbesitzer, die Bauern, gleich mit. Die können vor lauter Arbeit so schon kaum aus den Augen gucken und müssen ihren Tieren zweimal im Jahr die Zeitumstellung “erklären”.

“Was soll das?”, frage ich mich! Ich weiß, ich lege mich jetzt mit Sicherheit mit einem Großteil der Menschen an (oder doch nicht?). Aber ich muß das ernsthaft hinterfragen. Es ist Frühling, nach einem langen und sonnenarmen Winter. Ich freue mich, daß es jetzt allmählich morgens heller und freundlicher wird, jeden Tag ein Stückchen mehr. Und was machen wir? Wir unterbrechen diese aufkommenden Frühlingsgefühle am Morgen. Dabei ist es doch schön, den täglich freundlicher werdenden Morgen zu genießen. Der Mensch braucht diese Sonnenstrahlen, auch und besonders Früh. Es gibt in unserem Land immer noch Menschen, die Früh raus müssen. Und die freuen sich darüber! Ich bin Schichtarbeiter, Dreischichtarbeiter mit Wochenendarbeit. Mein Biorhythmus ist eh verkorkst. Auf weitere zusätzliche und künstlich geschaffene Belastungen kann ich gern verzichten.
Ich brauche die Helligkeit und vor allem auch die Wärme am Abend nicht, wenn ich Frühschicht habe, denn da stehe ich 4.00 Uhr auf und bin 21.30 Uhr im Bett. Zumindest habe ich das vor, die Sommerzeit ist dabei hinderlich.
In der Spätschicht habe ich auch nichts davon, da bin ich 22.00 Uhr daheim.
Und in der Nachtschichtwoche? Da ist´s völlig Wurscht. Aber in allen drei Schichten habe ich Bedarf an der Morgensonne. Ein erster kleiner Vorgeschmack im März wird Ende des Monats jäh unterbrochen.
Eltern mit Kindern sehen es sicher ähnlich; und es ließen sich sicherlich noch mehr Beispiele aufführen. Wer beziehungsweise wie erklärt man Kindern, daß es Zeit ist, ins Bett zu gehen? Die Sonne scheint und wärmt noch bis 22.00 (im Hochsommer bis 23.00 Uhr). Und in der Ferienzeit fliegen eh alle in den Süden (ich nicht). Dort im All-Inclusive-Urlaub nützt denen unsere Sommerzeit sicher sehr viel… Wir leben nun mal in Deutschland, in unseren Breiten. Wir müssen nicht im Alltag Italien oder Spanien spielen.
Im Oktober, wenn die Uhr zurück gedreht wird, ist das Lamentieren oftmals noch größer. Es ist plötzlich so schnell dunkel. Ja logisch, wenn man mitten in den kürzer werdenden Tagen auch noch die Uhr zurückstellt, muss einem das so vorkommen. Dabei ist das dann wieder unserer eigentlich normale Zeit.

Ich brauche diese Sommerzeit nicht. Jedenfalls nicht ansatzweise so, wie es mir lieber wäre, daß es bliebe wie es ist. Ich fühle mich wie erschlagen nach der Uhrumstellungen. Eigenartigerweise habe ich diese Probleme im Oktober nicht. Da passt sofort alles. Das kann doch keine Einbildung sein?
Wenn´s nach mir ginge: laßt den Quatsch sein!!!

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Karikatur, KLICK HIER

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Jedes zweite Kind war noch nie auf einem Baum (2015)

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Vielen Kindern in Deutschland fehlt einer Umfrage im Auftrag des Forums Bildung Natur zufolge der Kontakt zur Natur.

Jedes zweite Kind war noch nie auf einem Baum oder hat ein lebendes Tier in der Natur gesehen.

Meine Mutter sagte mal zu mir, „Wahrscheinlich wart Ihr die letzte Generation, die noch eine richtige Kindheit hatte.“ Sie könnte Recht haben. Allein, wenn ich an das Thema auf Bäume klettern denke, da fallen mir Geschichten ohne Ende ein. Bis hin zum Weihnachtslieder singen mit meinem Freund Markus in den vorweihnachtlich verschneiten Ebereschen auf der abendlich dunklen Frankenberger Pestalozzistraße im selbstgebauten Hochstand. Wie viele Anwohner uns zuhörten und/oder unsere Eltern daraufhin ansprachen, weil sie das SCHÖN(!!) fanden, erfuhren wir erst später.

Oder Mau-Mau spielen in der Baumkrone zu dritt um ein provisorisch errichtetes Tischchen herum. Hochkommen musste man mit Seilen oder per Räuberleiter und dann von Ast zu Ast.

Wir sind mit den Fahrrädern in die umliegenden Dörfer zu den Bauernhöfen gefahren, um zu sehen, wie Schwein, Kuh und Co. „wohnen“. Tiere in der Natur lernten wir bei Waldspaziergängen mit den Eltern kennen oder später als Jugendliche beim Pilze suchen. Aber dazu muss man erst mal in die Pilze gehen. Ganz ohne eine App dafür zu haben.

Einen Tag am Bach spielen und ein Wehr und ein Wasserrad bauen. Klettern am Felsen im Frankenberger Hammertal und im Lützeltal. Mit dem Fahrrad auf die Müllhalde an der Hainichener Straße fahren oder noch frivoler – weil verboten – im NVA-Armee-Gelände auf die Müllhalde gehen und nach „schönen, alten, weggeworfenen Dingen“ suchen. Herrlich. Oder Blockhütte bauen im Wald mit selbstgefällten Bäumen …. bis es deswegen Ärger gab. Auch die leeren, abgestellten Güterwagen auf dem Frankenberger Güterbahnhof waren ein unendlicher Abenteuerspielplatz, genauso wie das am Wochenende verwaiste Sägewerk. Wir kletterten auf den Dächern der Garagen eines uns damals riesig vorkommenden Garagenhofes. Wir fuhren mit den Fahrrädern in eine Scheune bei Biensdorf, um aus dem Dachgebälk ins Heu zu springen. Wir wateten im Winter (im Februar) durch die kalte Zschopau in Sachsenburg (weil wir auf der Flucht waren, aber das ist eine andere Geschichte). Wir zogen Möhren aus dem Feld am Roten Berg, wuschen sie im Bach daneben ab und aßen sie frisch vor Ort. Dreckig oder nass und voller Schmarren, aber glücklich, waren wir abends wieder daheim. Meine Mutter wusste nicht immer, wo wir waren und was wir dort taten. Aber sie wusste meistens, mit wem: sie kannte unsere Freunde. Und: wir mussten abends – wenn die „dunklen Nachtwolken“ aufziehen, wieder daheim sein. Eine Armbanduhr hatten wir (noch) nicht immer dabei – und ein Handy? Vergiss es!

Nur ein Beispiel der Neuzeit: Es gibt kaum noch einen Weg, den Kindern nicht von besorgten Eltern gefahren werden. Mit dem Auto am besten in die Schule hinein; aber auch die Wege zum Freizeitsport oder zum Hobby (Musikunterricht etc.) werden kaum noch allein bewältigt. Fast immer spielt (meistens) Mama den Fahrdienst. Wir sind mit dem Bus zur Oma nach Dresden gefahren, 65 Kilometer! Würden das Eltern heute noch machen? Und da gab es kein Telefon, um sofort anzurufen, dass wir gut angekommen sind. Da wurde schnell eine Karte geschrieben, die zwei Tage später in Frankenberg war. Ich behaupte nicht, dass sich meine Mutter deshalb keine Sorgen gemacht hat. Für uns Kinder war das aber ein Abenteuer, ein Selbstbeweis und ein Vertrauensvorschuss seitens der Eltern und der Großeltern, die uns in Dresden am Bahnhof abholten. Ich behaupte auch nicht, dass das heute einfacher ist – und oftmals ist es leider wirklich nicht anders möglich.

Bei mir um die Ecke in Chemnitz ist ein Spielplatz. Da werden die Kinder mit dem Auto hingefahren. Um den Spielplatz herum sitzen oftmals mehr Betreuer (Oma, Opa, Mutti und viele Hunde) als letztlich Kinder auf dem Spielplatz wirklich mal unter sich sind. Aber ok, hier geht es um kleine Kinder. Doch wie sieht es mit den älteren Kindern aus, die dem Spielplatzalter entwachsen sind? Die wollen auch mal was Neues probieren und vor allem sich selbst austesten – losgelöst von der Mama und nur unter sich.  

Es sind nicht nur Kinder, die nicht auf Bäume klettern und keine Tiere in der Natur beobachten. Nehmen wir nur das Beispiel Hauskatze. Wie viele Katzen gibt es, die noch nie auf Bäume geklettert sind? Dafür bekommen die Katzen das ganze viele schöne Spielzeug der Haustier-Spielzeugindustrie zur „Bespaßung“. Wie viele Katzen gibt es, die noch nie eine Maus gesehen geschweige denn gefressen haben? Dafür diskutiert die degenerierende Menschheit bereits das Thema veganes Hunde- und Katzenfutter. Völlig krank!! Wie viele Katzen gibt es, die noch nie einen Artgenossen gesehen haben?

Ich glaube nicht, dass es (nur) an den überängstlichen jungen Müttern liegt. Meine Mutter war auch eine junge Mutter, sie war 18 ½ als ich kam. Meine Mutter hatte vier Kinder, sie war Hausfrau, sie war daheim und für uns da – und trotzdem hatten wir unsere Freiheiten.

Ich glaube, den Kindern heute fehlt es an Möglichkeiten. Überall werden sie fortgejagt, tue dies nicht, tue das nicht. Das ist nicht gestattet und so weiter. Den Kindern fehlt es weiterhin an gleichaltrigen Freunden und/oder Geschwistern, die bereit sind, mitzumachen (und dies auch dürfen). Weiterhin können Kinder auch von älteren Spielkameraden „lernen“ und dies an jüngere Kinder weitergeben. Gerade die Altersmischung sowie das Einbeziehen von Jungen und Mädchen macht ja den Reiz von Kinder-Cliquen aus. Aber dazu müssen die Kinder erst einmal da sein. Wo keine Kinder, da keine Clique. Ein Einzelkind ohne viele Kinder in der Nachbarschaft, alleinerzogen von Mama (und weiteren ausschließlich weiblichen Bezugspersonen), lässt sich natürlich viel leichter „über-umsorgen“. Desweiteren ist unsere entgleisende Arbeitswelt, das soziale Gefüge mit vielen Ungerechtigkeiten (obwohl niemand direkt hungern muss, aber dennoch abseits steht) sowie das Fehlen von politischer Konstanz und planbarer Sicherheit ein Hemmnis für Familienplanung und Kindheit; wenn auch nicht primär, so doch sekundär.

Unsere schöne heile und sterile Welt, mit dem vielen Verkehr, den vielen Supermärkten und dem nicht zu bremsenden Landschaftsraub ist für Erwachsene gemacht; und für unsere Autos: „Waschanlage mit Lammfell – für ihr bestes Stück!“ Wenn mein bestes Stück mein Auto ist, und nicht mein Kind oder meine Frau, dann haben wir eine gewaltige Werteverschiebung. „Wir haben offenbar ein gewaltiges Mentalitätsproblem. Es wird Zeit, die Dinge wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen.“ (Hagen Rether)

Diese Welt ist nicht gemacht für Hauskatzen, die raus wollen UND naturgemäß auch müssen; und sie ist gleich gar nicht für Kinder gemacht.

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Inschriften (130)

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Denn wie sagte meine Mutter: „Wahrscheinlich wart Ihr die letzte Generation, die noch eine richtige Kindheit hatte.“ Sie könnte Recht haben.

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Siehe auch: „Verweichlichte Erziehung von heute“: http://www.alwins-blog.de/?p=12246

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70. Jahrestag der Bombardierung Dresdens (2015)

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In der Nacht vom 13. zum 14. Februar 2015 jährt sich die Zerstörung Dresdens zum 70. Mal – ein etwas anderer „Valentinstag“

In der Nacht vom 13. zum 14. Februar bombardierten anglo-amerikanische Bomberverbände mittels Napalm-Brand- und Sprengbomben die Stadt Dresden in drei Angriffswellen und zerstörten die Stadt damit so heftig, dass tatsächlich erwogen wurde, Dresden nie wieder aufzubauen. Dresden reiht sich mit der immensen und sinnlosen Zerstörung ein in die Reihe anderer bombardierter Städte wie Hamburg, Köln, Würzburg, Plauen, Pforzheim, Kassel  oder Magdeburg sowie dem englischen Coventry und dem holländischen Rotterdam – um nur einige zu nennen – und damit ist Dresden ähnlich zu betrachten wie die heftig umkämpften Stadtgebiete von Stalingrad und Berlin, die 900-tägige Belagerung Leningrads oder die heftig umkämpften kleinen Orte an strategisch wichtigen Punkten zwischen der Normandie, der Eiffel, den Ardennen, dem Hürtgenwald und am Rhein. Bei allem Frust und aller Wut darf man nicht vergessen, wer dieses Inferno und diese Flächenbombardements begann: nämlich Hitler-Deutschland.

Über das menschliche Leid und die Opfer unter der Dresdener Bevölkerung gibt es die wildesten Spekulationen – von 30.000 bis 300.000 Opfern ist die Rede. Mittlerweile hat man sich international und unter Zuhilfenahme von Historikern auf etwa 25.000 Tote geeinigt. Fakt ist, dass jeder Einzelfall ein Kriegsleid ohne Ende ist und die Traumatisierung bis heute anhält; auch weil sie bis 1990 nie richtig bei den Bombenopfern aufgearbeitet werden durfte. Mein Onkel war zum Zeitpunkt 6 Wochen alt, meine Mutter 2 Jahre. Deren 16 Jahre älterer Bruder in Russland an der Ostfront gefangen genommen. Die Familie meiner Mutter bewohnte eine Wohnung im Dachgeschoss eines mehrstöckigen Wohnhauses im Dresdener Stadtzentrum ganz in der Nähe des Zirkus´ Sarrasani.

„Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens“ (Literatur-Nobelpreisträger Gerhard Hauptmann“

Ich selbst bin 1962 in Dresden geboren. Als ich zur Welt kam und dann später in die Schule ging, gab es noch sehr viele Ruinen. Da standen komplette Ruinen, da gab es Häuser mit einer bewohnbaren und einer unbewohnbaren Hälfte sowie Häuser mit einer bewohnbaren Hälfte und die unbewohnbare Hälfte war bereits abgerissen worden. Das war der Zustand 20 Jahre nach dem Krieg und das spiegelte natürlich auch der Wohnungsmangel wieder. Manche große Wohnung war notdürftig geteilt worden und beherbergte zwei Familien (daher Klingelschilder wie „Neumann 2x klingeln“). Auch die Dresdner Frauenkirche kenne ich nur als Ruine. Als „Mahnmal gegen den Faschismus“ wäre sie wohl in der DDR ewig stehen geblieben. Erst andere gesellschaftliche Umstände, andere finanzielle Möglichkeiten und vor allem Visionen gepaart mit dem neuesten technischem Fortschritt ermöglichten einen Wiederaufbau. Dieser begann 1994. Auch wenn der Wiederaufbau jeglichen Unkenrufen zum Trotz völlig richtig war und Dresden einen Teil seines alten Gesichtes wiedergibt, ich selbst kenne die Frauenkirche in meiner Erinnerung nur als Schutthaufen.

Frauenkirche Dresden, 1970

Frauenkirche Dresden, 1970

Ähnlich den vielen Ruinen der Häuser prägten das Bild auch die Kriegskrüppel. Menschliche Ruinen, die nie jemand gefragt hat, ob sie in den Krieg wollen. Menschliche Ruinen, die nun sehen mussten, wie sie damit klarkommen. Und menschliche Ruinen, die den Schaden nicht nur körperlich, sondern auch an der Seele davon getragen hatten. Doch den sah niemand. Menschliches Schlachtvieh, verheizt für Größenwahn und Wirtschaftsinteressen. Irgendwann in den 1970-er Jahren nahmen die Kriegskrüppel dann schlagartig ab. Wahrscheinlich alterten sie und starben aus der Bevölkerung heraus. Aber bis dahin waren sie allgegenwärtig: beim Einkaufen, im Park, auf dem Schulweg. Ich war einerseits fasziniert von ihnen und anderseits taten mir diese Menschen, alles Männer, unsagbar leid!

Aus den Erzählungen meiner Mutter: Am 13. und 14. Februar fand das wahrscheinlich schlimmste Erlebnis der Familie D. statt. Völlig sinnlos und fast ohne Vorwarnung wurde Dresden zerbombt. Meine Mutter war gerade zwei Jahre alt, ihr kleiner Bruder sechs Wochen. Richtige Fliegerangriffe, aber auch Luftschutzübungen und Fehlalarme waren im letzten Kriegsjahr in Deutschland die Regel. Und so stand eben ein Koffer griffbereit in der Wohnung, bereit im Ernstfall sofort in den Keller mitgenommen zu werden. Auf Drängen des Urgroßvaters bewahrte meine Oma die wichtigsten Unterlagen (Geburtsurkunden, Rentenbescheide, Sparbücher usw.) unter der Kinderwagenmatratze auf. Es sollte ein guter Tip sein. Denn das wohl letzte, was eine Mutter loslässt, ist der Kinderwagen. Und vielmehr wurde dann auch nicht gerettet. Beim ersten Angriff hagelte es Sprengbomben. Meine Mutter plärrte mit dem Wortschatz und dem Verständnis einer Zweijährigen: „P`larm, P`larm, Keller geh`n“, (Anm.: Alarm, Alarm…) schnappte ihren Schmuck (eine Kinderperlenkette) und ihre Puppe, und ab ging es in den Keller. Die alte Oma (meine Urgroßmutter) blieb in der Wohnung, sie wollte und konnte diesen Tumult nicht immer wieder neu erleben. Als die Angriffswelle vorbei war, gingen alle nach oben. Die Versorgungsleitungen funktionierten nicht mehr. Die Fensterscheiben waren alle kaputt. Draußen rannten panisch und brüllend die Zirkustiere von Sarrasani in den Trümmern umher. Das Wohnhaus-Haus stand noch.

LSR / Luftschutzraum

LSR / Luftschutzraum

Die Abkürzung LSR, aufgetragen mit wasserfester Lackfarbe auf grauen Hauswandputz – vielleicht noch versehen mit einem Richtungspfeil und einer Entfernungsangabe – war bis in die späten 1970er Jahre nichts ungewöhnliches an den Häuserwänden. War doch der Krieg eben erst 30 Jahre vorbei. Und so wie sich heute noch manche „HO” oder „Centrum-Warenhaus”-Schriftzüge gehalten haben, so war auch am Schriftzug LSR nichts ungewöhnlich. Aber im November 2011 diesen Schriftzug in einem nahezu vollständig sanierten Chemnitzer Wohngebiet zu entdecken, ist schon eher selten. Welche Gedanken beschleichen mich dazu….

Mit „Raum” ist hier kein großes Gebiet gemeint, in dem man Schutz vor allzu großem Fluglärm genießt – ein flugfreier Korridor also oder ein Gebiet mit Schutz vor Nachtfluglärm. Nein, die Sorgen vor nunmehr fast 70 Jahren waren andere. Die Räume stellten einen Schutz vor Luftangriffen dar, und dieser beschränkte sich auf die feuchte und dunkle Enge der Kellergewölbe. Inwieweit sie überhaupt Schutz boten oder welchen Sinn es machte, zwar lebend, aber unter dem Schuttberg eines ganzen Hauses begraben zu sein, läßt sich ohnehin nur erahnen. In den LSR befanden sich im Ernstfall nicht nur die Einwohner des jeweiligen Hauses oder des Einzugsgebietes des LSR, sondern auch Passanten, die im Ernstfall den nächstmöglichen LSR aufzusuchen hatten. Im Keller musste ein Luftschutzraum-Obmann für Ordnung sorgen. Was man heute eher geschulten Personal zumuten würde, war damals irgendeinem linientreuen Hauswirt/Verwalter oder einem kriegsdienstuntauglichen Systemgetreuen in die Hände gegeben. Und anstatt Panik, Angst und dergleichen zu mildern, schaffte er Ordnung mit Autorität und nazistischen Durchhalteparolen. Doch welche Szenen mögen sich dort wirklich abgespielt haben? Explosionslärm, Flugzeugmotorengedröhn und polternde Schuttmassen von oben – kein Licht, knapp werdender Sauerstoff, räumliche Enge und unerträgliche Hitze im Inneren, dazu vielleicht noch schwelende Kohlevorräte. Im Keller weinende Kinder, resignierende Mütter und Alte, Säuglinge mit verzweifelt zu stillend versuchenden Müttern, ein brüllender Luftschutz-Obmann. Dazu die Angst, wie geht es weiter. Wer macht den Keller auf? Angehörige, Deutsche, Russen…?

Und innerhalb weniger Stunden ist nichts mehr, wie es vorher war. Im schlimmsten Fall verlor man alles, was man besaß und man mußte fortan ums nackte Überleben kämpfen. Und es folgten die beiden strengen Winter 1946 und 1947.

Weiter erzählt meine Mutter: Bei der zweiten Angriffswelle ging auch die alte Oma, die Schneiderin, mit in den Keller. Sie war ja schon 84 Jahre alt. Diesmal überstand das Haus den Angriff nicht. Diesmal wurden auch Brandbomben abgeworfen. Diesmal wurde auch, was offiziell bestritten wird, mit Bord-MGs auf die zusammengelaufene Bevölkerung an den Elbwiesen geschossen. Und die Familie lag unter den Trümmern des Hauses. Daran beteiligt, seine Tochter und Enkel auszugraben, war auch der Opa meiner Mutter, mein Uropa. Während sich meine Oma mit den Kindern auf den Weg zur Hubertusstraße machte (dort wohnte der Uropa, das Gebiet war verschont geblieben), suchte der Opa meiner Mutter (mein Urgroßvater) nach den letzten Habseligkeiten. Doch da war nichts mehr. Aber die alte Oma brachte er in einem Leiterwagen mit. Während dessen war meine Oma unterwegs, zu Fuß mit Kinderwagen und zwei kleinen Kindern. Der sechs Wochen alte Bruder meiner Mutter lag im Kinderwagen, über ihn gespannt eine nasse Kinderwindel gegen Asche, Rauch und Hitze. Meine Mutter hatte eine nasse Kinderwindel um den Kopf. Dabei war auch noch der Cousin meiner Mutter. Er hatte in der Familie ein vorläufiges Zuhause gefunden, da sein Vater im Krieg war und die Mutter ganz jung an Lungenentzündung gestorben war. Er, der Cousin, hatte die einzige verfügbare Gasmaske gegen den Rauch. Am Neustädter Bahnhof bekam meine Oma fast keine Luft mehr und konnte vor Rauch kaum noch was sehen. Ein fremder Mann sprach diesen kleinen Treck an: „Um Gottes Willen, wo wollen Sie denn hin?“. Er hat ihnen zur Hubertusstraße geholfen. Später kam auch mein Uropa mit der alten Oma an.

Und dann kam ein dritter Luftangriff . . .      

Bei der dritten Angriffswelle, obwohl eigentlich die Harmloseste, wurden auch Dresdener Außenbereiche in Mitleidenschaft gezogen. Die armen Menschen mussten doch denken, daß das überhaupt nicht mehr aufhört. Es gab zwar nicht solche Zerstörungen und so viele Opfer wie im Zentrum, aber die Versorgungsleitungen waren weitgehend zerstört. Somit hatten mein Uropa und seine obdachlosen Neuankömmlinge unter anderem kein Wasser auf der Hubertusstraße. In der Gartenanlage hinterm Haus funktionierte zum Glück die Wasserpumpe noch. Das war weit und breit die einzige Möglichkeit, beschwerlich und zeitraubend an Wasser zu kommen. Dies war aber nicht die einzige Einschränkung. Es war wieder der alte Uropa Paul, der sich selbst hintenan stellte. Die geringen Zuteilungen von Lebensmitteln auf Marken sparte er zum Teil für die Kinder, vorrangig für den kleinen Bruder meiner Mutter. Man hatte zum Beispiel pro Woche als Einzelperson 50 Gramm Grieß, 2 Eier und weitere Lebensmittel in solchen Rationen zur Verfügung, und hat sich dann für den Säugling noch etwas vom Munde abspart!! Es gab ja auch keine Milch, und der Junge war sechs Wochen alt. Und dass bei seiner Mutter, meiner Oma, keine Muttermilch mehr kam, ist auch kein Wunder.

Die Jahre nach dem Krieg und damit auch die Kindheit meiner Mutter waren von Hunger, Armut, Rationierung und Mangel an Allem und Vielen gezeichnet. Nur langsam entspannte sich die Lage. Es war eine entbehrungsreiche Zeit, die sehr prägende Eindrücke hinterließ. Und vieles blieb ein Leben lang seelisch unverarbeitet. Mein Opa (Vater meiner Mutter, ging mit dem Schriftsteller Erich Kästner auf´s Gymnasium) hat zwei Weltkriege als Soldat mitgemacht: im Ersten Weltkrieg als einer der Jüngsten bei Verdun in Frankreich, und dann im Zweiten Weltkrieg als einer der Ältesten in Russland. Dass sein großer Sohn noch bis Ende (!!) der 1950er Jahre in Gefangenschaft war, die Familie während seiner Abwesenheit ausgebombt wurde und seine mühsam aufgebaute Feinmechanikerwerkstatt den Krieg nicht überlebt hat, hat er nie verwunden. Er war ein gebrochener Mann.

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Ausflugstips:

Von der Besucherplattform des Dresdener Rathausturms und von der Kuppel der neu errichteten Frauenkirche hat man einen schönen Überblick über Dresdens Innenstadt. Einen, wenn auch anderen und weiter entfernten Blick über Dresden, hat man von der Dachterrasse der Bergstation der Dresdner Schwebebahn an den Elbhängen von Dresden-Loschwitz. Im Rathausturm ist zudem eine Dokumentation und eine Fotoausstellung zur Zerstörung zu finden.

Dresdener Rathausturm: http://www.alwins-blog.de/?p=1056

Schwebebahn: http://www.alwins-blog.de/?p=4485

Der „Panorama-Künstler“ Yadegar Asisi hat zur Zeit ein Panorama im Gasometer in Dresden-Reick zum Thema Bombenangriff auf Dresden geschaffen. Man ist faktisch „mittendrin“ in einem Geschehen, das einen nicht unberührt lässt und wo „beklemmend“ noch untertrieben ist: KLICK HIER

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Auf dem Dresdener Altmarkt, dort wo man heute zwischen Kulturpalast und Kreuzkirche wandelt und wo man es sich im Dezember bei Glühwein und gebrannten Mandeln auf dem Striezelmarkt in der Adventzeit gut gehen lässt – dort, unter den Augen der traurig blickenden Skulptur der Germania (die heute nicht mehr steht), dort wurden nach dem Bombenangriff die meisten der Dresdener Opfer verbrannt – nachdem man sie zuvor aus allen Ecken der zerstörten Stadt heran gekarrt hatte. Es war aus Seuchengründen unvermeidlich.

 

Eierschalen-Sollbruchstellen-Verursacher

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Nach anfänglichem Belächeln eine der genialsten Erfindungen der Neuzeit: Der Eierschalensollbruchstellenverursacher

Was eher klingt wie nach einem Zungenbrecherspiel, ist tatsächlich ein genialer Alltagsgebrauchsgegenstand. Schluß mit „Eierschale weichklopfen und mit den Fingern abpopeln“ und/oder „Eiern den Kopf abhacken und das Eigelb läuft heraus“. Nein, man lässt die beschwerte Edelstahlglocke herunter sausen und hat einen feinen, rundum laufenden Riss in der Eierschale; die Eierschalensollbruchstelle.

Dumm nur, wenn man Eierbecher besitzt, die den Schlag nicht aufnehmen, sondern eher zerbrechen als das Ei (weil die Eierbecher für das Ei eventuell zu klein oder zu dünnwandig waren).

Dann wird aus dem Eierschalensollbruchstellenverursacher ganz schnell ein Eierbecherbruchstellenverursacher :-(

Das wahrscheinlich beste Foto wäre aber das von meinem Gesicht in genau diesem Moment gewesen. Aber da war zum Glück gerade kein Fotoapparat zur Hand. Ich muss sehr bedeppert geguckt haben 😮

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Weibliche Pädagogik von heute und verweichlichte Jungen

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Die Welt: „Kleine Männer wollen laut sein, raufen, sich beweisen und trotzdem geliebt werden. Doch dafür ist in der pädagogisch korrekten Frauenwelt von heute kaum noch Platz. Jungs werden mehr und mehr mit weiblichem Verständnis in Watte gepackt, harmonisiert und verweichlicht. Warum eigentlich?“

http://m.welt.de/debatte/kommentare/article6521441/Jungs-von-heute-verweichlicht-und-verweiblicht.html

Zitat aus dem Artikel: „Die Welt ist für Jungen zu eng geworden. Viel zu normiert. Und langweilig. Was ihnen Spaß macht, ist meistens verboten. Was sie besonders gut können, wird nirgends verlangt – im Kindergarten nicht und in der Schule auch nicht. In der pädagogischen Welt hat sich scheinbar alles verschworen, ihnen ihre „männlichen“ Eigenschaften abzugewöhnen. Jungen werden unruhig dabei, fahrig und eine immer größere Zahl sogar seelisch krank, hyperaktiv oder depressiv.“

Rückblick / Eine Kindheit in den Siebzigern, von Michael Paetow: Wie haben wir das nur überlebt? Die Autos hatten keine Sicherheitsgurte, keine Kopfstützen und schon gar keine Airbags. Auf dem Rücksitz war es für uns Kinder lustig, und nicht gefährlich! An den Autotüren gab es keine Kindersicherung, genauso wenig wie an Steckdosen, Medikamenten- und Putzmittelflaschen. Dank hochgiftiger Lackfarben waren Gitterbetten und Spielzeuge wunderschön bunt. Man konnte ohne Helm Fahrrad fahren. Zum Mittagessen kamen wir nach der Schule nach Hause. Das Wort Ganztagsschule hätte damals niemand verstanden. Unsere Eltern ließen uns bis Einbruch der Dunkelheit draußen spielen. Wir mussten lediglich versprechen, abends wieder daheim zu sein. Das war speziell in unserer Familie der Moment, in dem die „dunklen Nachtwolken“ aufziehen. (Doch, die gibt es!!) Unsere Eltern schenkten uns einfach Vertrauen! Es gab keine Handys – unvorstellbar, nicht? Wie alle Kinder holten wir uns Schürfwunden oder manche brachen sich ab und zu einen Zahn aus. Aber niemand wurde deswegen verklagt! So lernten wir, auf uns selbst aufzupassen. Wir aßen Wurstbrote mit Butter und Süßigkeiten. Trotzdem wurden wir nicht dick – weil wir immer draußen spielen und toben konnten! Wir teilten uns zu viert oder zu fünft aus einer Flasche etwas zu trinken. Ja, wir tranken aus derselben Flasche, ohne daß jemand daran gestorben wäre! Wir hatten keine Playstations, keine Computer, keine iPods, keine DVD-Player, kein Kabelfernsehen, keine Internet-Chats … SONDERN FREUNDE. Wir durften zu Fuß oder mit dem Fahrrad sogar Freunde besuchen, die mehrere Kilometer entfernt wohnten. Wir klingelten einfach, oder wir holten sie einfach zum spielen ab – ohne zu klingeln. Die Tür stand offen oder der Schlüssel steckte außen. Und das alles draußen in der gefährlichen Welt! Ganz ohne Aufpasser. Wie haben wir das überlebt? Die Jungen spielten Fußball. Manchmal wurde einer nicht in die Mannschaft aufgenommen. Er musste dann aber nicht gleich zum Kinderpsychologen. Wer nicht auf´s Gymnasium ging, war den Eltern deshalb nicht weniger wert. Und wenn es in der Schule mal nicht so gut lief, wurde eben ein Jahr wiederholt. Wir erlebten Siege und Niederlagen, Freude und Schmerzen. Wir hatten Freiheiten und unsere Aufgaben…  …und lernten, damit umzugehen. Wenn man von heute aus zurückblickt, fragt man sich: Wie haben wir das nur überlebt? Und vor allem: Wie haben wir es geschafft, dabei unsere Persönlichkeit zu entfalten? Wenn Du aus dieser Zeit stammst, dann werden die Kinder, Enkel, Nichten, und Neffen Angst bekommen, wenn Du von Deiner lebensgefährlichen Kindheit erzählst! Aber seien wir mal ehrlich: Was hatten wir für ein Glück!

Meine Mutter sagte mal zu mir; „Ihr wart vielleicht die letzte Generation, die noch eine richtige Kindheit hatte.“ Sie meinte damit die Generation, nicht den Einzelfall. Wahrscheinlich hat sie Recht.

Zurück zum Artikel: Das Problem ist zwar in der Gesellschaft bekannt, aber es wird ignoriert. Aber was will man verlangen: im Kindergarten, in der Schule und – wenn es zum Treffen kommt, daheim – gibt es nur Mama. Die unternimmt mit ihren Kindern (Jungs) natürlich auch nur etwas mit ihren (alleinerziehenden) Freundinnen und im schlimmsten Fall haben die auch nur Töchter.
Alternative „Familienentwürfe“ machen das Problem nicht besser: alleinerziehende Mütter, gleichgeschlechtliche Eltern und/oder der Papa die ganze Woche als Pendler 500 km entfernt. Von den Großeltern lebt meistens auch die Oma länger als der Opa. Weibliche Pädagogik und mütterliche Führsorge sind sehr wichtig, aber der männliche Erziehungsteil darf nicht fehlen. Zu allem Unglück entfällt in der Erziehungskette nun auch noch der Wehrdienst – übrig bleibt eine rein weibliche Erziehung von alleinerziehender Mama, Oma, Kindergärtnerin und Lehrerin. Und die, die sich zum Bundeswehrfreiwilligendienst melden, kommen als junge Männer damit nicht klar. Bis dahin ist der Drops gelutscht. 

Zitat aus dem Artikel: „Die Lehrerin hatte einen Tischler dazu eingeladen, er war alt, hatte freundliche Augen und eine brummige Stimme. Eigentlich gab er ununterbrochen Befehle wie „Der Nagel gehört hierhin, du musst aufpassen, Junge“. Die Lehrerinnen schüttelten heimlich den Kopf, aber die drei Jungen schwitzten vor Eifer und waren stolz. Kleine und größere Jungen sind Handmenschen. Sie wollen die Dinge fühlen, kneten und biegen, sie wollen aus ihnen etwas entstehen lassen. Sie wollen, grob gesagt, die Welt fortwährend verändern und sich nicht dauernd still anpassen. Das Vogelhäuschen war für die drei Jungen ein seltener Höhepunkt ihrer Grundschulzeit. Eigentlich der einzige“
Dazu kommt ein Wohn- und Spielumfeld, das einengt und jegliche Eigeninitiative raubt. Das Wohnen von heute gefällt vielleicht den Erwachsenen und der immer älter werdenden Gesellschaft, aber nicht den Kindern. Dazu kommt ein Kindermangel, und damit ein Mangel an Geschwistern und Freunden, die in der Freizeit für einander da sind. (und das ohne Handy, wie bei uns damals) Spielplätze sind soweit weg, dass man mit der Mama hinfahren muss. Und die bleibt dann auch noch die ganze Zeit dabei. Wie öde. 
Wo bleibt der Bolzplatz in der Nähe. Autos bekommen mehr Zuwendung: Lammfellwaschanlagen und Stellplätze. Und bitte nicht spielen, dort stehen Autos! Wer kennt die Zeichnung von Heinrich Zille, im Hinterhofmilieu ruft die Vermieterin den Kindern zu „Wollt Ihr weg von de Blume! Spielt lieber mit´n Müllkasten“. Heute könnte der Satz lauten: Kinder, geht weg von de Autos. Spielt lieber mit´n Smartphone.“ (Und das am besten schön still in einer Ecke)
Wir haben überhaupt KEINEN Spielplatz gebraucht, früher. Außer die armen Neubaukinder und die in den Großstädten. Aber auch die hatten noch mehr Freiheiten als heute. Das ganze Umfeld war ein einziger Abenteuerspielplatz, ob der Hof daheim, das Frankenberger Lützeltal, der Kletterfelsen im Hammertal oder der Bach auf dem Schulweg. Heute bleibt nicht einmal der Schulweg für Blödeleien unter Jungs, weil man von Mama bis in die Schule gefahren wird.

Wir hätten gar nicht gewusst, was man auf einem Spielplatz spielen soll. Höhle bauen im Wald, oder Zelt bauen aus alten Sofadecken, das war cool. Die Scheune voller Heu in Biensdorf war für uns ebenso kein Tabu wie die Müllhalde an der Hainichener Straße oder die im Armeegelände. Das Kartoffellager im Keller des NVA-Offiziers-Casinos war einer der dreckigsten und gewagtesten Abenteuerspielplätze, den es gab. Wenn es das Wetter nicht zuließ rauszugehen, spielten wir im Keller in unserem Haus oder in dem der Nachbarkinder Verstecken im Dunkeln oder wir nutzten den riesigen, verwinkelten Dachboden als Abenteuerspielplatz. Heute sind solche Häuser bis in den letzten Winkel ausgebaut.

Wir waren eine sechsköpfige Familie. Da es eine große Wohnung für uns nicht gab, legte man zwei Wohnungen zu einer zusammen – dadurch hatten wir auch zwei Keller. Den einen Keller baute mein Vater zur Werkstatt um, liebevoll der Bastelkeller genannt. Dort stand das ganze Jahr über die Modelleisenbahn, nie ganz fertig, immer was dran zu bauen. Wann immer das Wetter Scheiße war…. Oder wir schossen mit Vaters Luftgewehr auf eine Zielscheibe. Oder wir ballerten vom Sims des Kellerfensters aufgereihte Kronenkorken herunter. Manchmal droschen wir auch sinnlos Nägel in ein Brett, um sie hinterher wieder herauszuziehen. Jungen eben :-)  Zu meiner Zeit gab es auch noch sowas wie Straßen- und Hofreinigung in Eigenregie. Hof-Ordnung machen und dabei mit Straßenbesen oder Schneeschippe ausrücken verband den Spaß mit dem Nützlichen, ebenso das Kohlen reinschaufeln oder das Auslesen der Einkellerungskartoffeln. Im Keller konnte man Holz hacken, eine meiner Lieblingsbeschäftigungen als junger Jugendlicher. 

An der Straße vor dem Haus standen Ebereschen, eine ganze Allee – ideale und romantische Kletterbäume für uns. Heute sind die alle weg. Vermutlich fielen ein paar Zweige oder Vogelbeeren auf Autos. :-( Mit unseren Fahrrädern erkundeten wir die Frankenberger Umgebung im Umkreis von mehreren Kilometern. Dabei gab es unterwegs auch gleichmal frisch gezogene Möhren aus einem Feld am Roten Berg, kurz abgespült im Bach neben dem Döhler-Weg 😉 Die Fahrräder waren nie neu, das hätten sich meine Eltern bei vier ständig wachsenden Kindern nie leisten können. Fahrräder und Roller wurden in der Familie, der Verwandtschaft oder in der Nachbarschaft weiter gegeben. Es hat aber niemanden gestört, die Kinder am allerwenigsten. Notfalls wurde so ein gebrauchtes Rad vom Vater ein zweites oder drittes Mal neu aufgebaut. Und damit radelten wir nach Merzdorf, Mühlbach, Hausdorf, Sachsenburg, Rossau und so weiter. Mach das mal heute mit einem Kind, auf den schönen ausgebauten Straßen und dem vielen Verkehr! Ein Erwachsener, der so handelt, hat vielleicht bald eine Klage wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht am Hals. Meine Mutter wusste oftmals überhaupt nicht, WO wir waren und WAS wir dort anstellten. Und das war gut so. Hauptsache, wir waren spätestens daheim, wenn es dunkel wurde („Wenn die Nachtwolken kommen, dann seid Ihr zu Hause!!“ …. „Ja, Mami“)

Zitat aus dem Artikel: „Die Jungen sind ein Problem“, sagen die Lehrerinnen. Die ganze pädagogische Öffentlichkeit scheint sich darüber einig zu sein. Dabei sind die Jungen nur Jungen und dürfen es nicht sein. Das ist alles.“

Die Jungen sind nicht das Problem. Das Problem ist die Gesellschaft und das System; und deshalb wird es auch ignoriert (siehe weiter oben). Schöne triste Kinderwelt. Wenn ich daran denke, welche Freiheiten wir noch in den 1960-er bis 1980-er Jahren hatten; auch und gerade als Jungen 😮
Das kommt nie wieder.

 

 

Herbst, Oktober 2013

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Rainer Maria Rilke, „Herbsttag“

Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren
laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei, drei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin
und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen
hin und her
unruhig wandern,
wenn die Blätter treiben.

Herbsttag im Ebersdorfer Park/Thüringen

Herbsttag im Ebersdorfer Park/Thüringen

Bei mir auf dem Küchentisch „herbstelt“ es ebenfalls: Ein Pilz aus Holz und Filz, erworben beim Landeserntedankfest Thüringens in Greiz und wenige Tage später von meinem Schatz zum Geburtstag bekommen. Ein kleiner roter Teelichthalter, ein welkes Laubblatt und eine orange Blüte. Dazu ein Geschenk von einer lieben Freundin: ein Fachwerkhaus aus Blech mit einem Teelicht. Dazu ein paar selbst aufgelesene Kastanien (ich liebe diese braunen, glatten und glänzenden Murmeln).

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In den Blumenkästen am Balkon hat Heidekraut die verwelkten Sonnenblumen abgelöst. Das Vogelhäuschen, ein Meisenring und ein Meisenknödel laden die Singvögel zu den ersten Kostproben ein. Vor dem Balkon stehen greifbar nah bunte Bäume. Ich liebe den Herbst.

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Über Nacht (Element of Crime/Coverversion)

„Über Nacht kamen die Wolken
Und ich habs nicht mal gemerkt
Schon sind am ersten Straßenbaum
Die ersten Blätter verfärbt…“

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Fallende Blätter (Element of Crime)

„Fallende Blätter spielen im Wind,
wirbeln hier ‚rum und fallen irgendwo hin.
Fallende Blätter wollen nichts mehr.
Ich dachte wirklich,
dass es diesmal für immer wär’…..“

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August – October (Robin Gibb / The Bee Gees)

„Autumn and Friday the winds blew
July , September , I knew you
And now I sit on the sand hill
I sing our song to the sea…..“

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Herbstfotos (1)

Ziegenfleisch, schmackhaft und selten (2013)

Ziegenrollbraten und Ziegenrückenfilet, ein Genuß der besonderen Art

Irgendwann beim Lesen eines Mittelalter-Romans stellte ich mir die Frage, ob man Ziegenfleisch essen kann. Und siehe da, es wird weltweit mehr Ziegenfleisch gegessen als Rinder- oder Schweinefleisch. Nur eben nicht in Deutschland. Seit etwa einem Jahr habe ich mich immer wieder mal mit dem Thema beschäftigt, bevor ich dann so vor ein paar Wochen (Ende 2012) konkrete Aktivitäten startete. Dabei war der schwierigste Aspekt, einen Ziegenhof zu finden, der auch schlachtet. Ziegenhöfe (mit Versandmöglichkeiten) fand ich in Franken, in Nordrhein-Westfalen oder im Rheinland. Aber leider nicht in Westsachsen, Ostthüringen und Vogtland. Ziegenhöfe, die Milch verkaufen und/oder Käse herstellen fand ich dagegen einige. Warum ist das so, und warum gibt es eigentlich kein Ziegenfleisch im Supermarkt oder gar beim Discounter?

Der Fleischverbrauch der Deutschen erfordert Schlachthöfe mit großen Schlachtviehdurchlassmengen; Rinder und Schweine eben. Ziegen, selbst wenn sie von großen Ziegenhöfen wie Altenburg (Milchziegenhof und Käserei) angeboten werden, sind für die Schlachthöfe „Peanuts“. Am Ende ist es ein Verlustgeschäft, das die Schlachthöfe an den Tierhalter weiterreichen. Dieser lässt letztlich für „einen Appel und ´n Ei“ oder ganz „für nass“ sein Vieh schlachten. Oder, die zweite Möglichkeit: Es wird kostendeckend und gewinnbringend geschlachtet und im Laden kann es keiner mehr bezahlen. Deshalb findet man bei Netto zum Beispiel Lamm-Medaillons oder Lammkeulen aus Neuseeland, aber kein Ziegen- oder bezahlbares Schaffleisch aus Deutschland. Es liegt eigentlich an unserem Verbraucherverhalten: viel, billig, Rind und Schwein. Ziege oder Schaf führen schon aus diesem Grund ein Nischendasein. 

Wer in Deutschland Schaffleisch, Pferd oder Ziege essen möchte, der muss auf Wochenmärkte fahren, zu einem darauf spezialisierten Fleischer gehen oder sich einen Hofladen beim Direktvermarkter suchen. Und so einen habe ich gefunden, den Ziegenhof Winter in Kuhschnappel in Westsachsen. Nach einem kurzen E-Mail-Wechsel und einem folgendem netten Telefonat hatten wir einen Termin vereinbart. Der Ziegenhof ist nicht als solcher ausgeschrieben, das Schild an der Ernst-Schneller-Straße weist einen „Hof-Eisladen“ aus. Gegenüber der Auffahrt zur Einfahrt befindet sich eine Bushaltestelle und ein kleines Dorflebensmittelgeschäft nebst Blumenladen. Alles klar soweit?  😉

Nach einem 20-min-Schwatz mit der netten „Ziegen-Bäuerin“ hatte ich noch etwas gelernt: es muss nicht sein, daß man ältere oder alte Ziegen nicht essen kann. Es kommt darauf an, wie sie gehalten wurden, ob und wieviel Auslauf sie hatten, was sie zu fressen fanden oder was sie als Zufütterung bekamen und so weiter. Selbst Böcke kann man essen. Wenn natürlich ein Bock schon zehn Jahre auf dem Buckel hat und nur seiner Bestimmung diente, dann wäre ich aber doch skeptisch. Fakt ist aber, daß ein Ziegenkäse oder Ziegenmilch intensiver nach Ziege schmecken als das Fleisch. Auch Schaf schmeckt intensiver nach Schaf als Ziege nach Ziege. Und gleich gar nicht darf man davon aus- gehen, daß Ziegenfleisch so schmeckt, wie die Ziege im Tierpark riecht. 😉

Zufrieden und weitergebildet verließ ich die junge und nette „Ziegenbäuerin“, bepackt mit einem Rollbraten (Wickelbraten), einem Rückenfiletstück und einem Akazienhonig aus eigener Herstellung. Der Preis war fair; sicher teurer als ein Stück Schuhsohlensteak vom Schwein, aber keinesfalls überteuert. Lieber esse ich ein Stück Fleisch weniger, aber mir schmeckt es und ich habe keine Massenware auf dem Teller liegen. Qualität und fairer Handel haben ihren Preis, aber ich fühlte mich nicht über den Tisch gezogen. Schon hier war mir klar, daß ich nicht das letzte Mal in Kuhschnappel gewesen bin.

Unser Ziegenrollbraten

Rollbraten kannte ich schon von eigenen Schafschlachtungen. Wir wussten, was ein Rollbraten ist. Um beim ersten Ziegenbraten keine Experimente zu machen, nutzten wir das Rezept von Winters auf deren Homepage. Lediglich zwei kleine Änderungen nahmen wir vor, dazu später . . .  

Ziegenrollbraten in garem Zustand

Rezept für den Ziegenrollbraten für 4 Personen

Einen Ziegenrollbraten (ca. 1 kg, schrumpft noch zusammen), Pfeffer, Salz, mittelscharfer Senf, Öl, 1 große Zwiebel, 750 ml Fleischbrühe

1. Den Ofen auf 180°C vorheizen. Die Zwiebel schälen und halbieren. Das Öl in einem Bräter erhitzen.

2. Den Ziegenrollbraten mit Salz und Pfeffer einreiben und alle Seiten mit Senf bestreichen. Achtung: Der Rollbraten wurde vor dem Wickeln bereits auf den Innenseiten gewürzt. Dennoch kann man gut würzen, denn Zickelfleisch ist im Vergleich zu etwas älteren Ziegen noch recht mild im Geschmack.

Das Fleisch in das heiße Öl legen und von allen Seiten goldgelb anbraten. Mit Fleischbrühe angießen und die Zwiebel mit zugeben. Wir haben der Soße noch etwa 100…125 ml Weißwein und zwei (frische und daher sehr intensive) Pfefferkörner zugegeben. Ich könnte mir auch vorstellen, daß sich so ein Rollbraten im Römertopf gut zubereiten lässt.

Ziegenrollbraten, geschnitten

Ziegenrollbraten, geschnitten

3. Den Rollbraten im zugedeckten Bräter in den Backofen stellen und bei 180°C etwa zwei Stunden langsam schmoren lassen. Nach der Garzeit den Rollbraten in Scheiben schneiden. Gut dazu schmecken Schmorbohnen und Salzkartoffeln.

Wir haben statt der Kartoffeln Klöße gegessen. Die Schmorbohnen haben wir nur mit ausgelassenem Speck und nicht mit Schinkenspeck zubereitet. Wir haben auch nicht so viel Speck genommen, wie das Schmorbohnenrezept vorschlägt. Immerhin lag noch genug anderes Fleisch auf dem Teller. Verfeinern kann man die Schmorbohnen mit Knoblauch oder Pilzen.

auf dem Teller

Das verwendte Fleisch des Rollbratens ist bissfest, durchwachsen, aber dennoch zart – und herkunftsbedingt mit einer eigenen Note im Geschmack. Die Bohnen kamen dazu sehr gut zur Geltung. Rotkohl werden wir uns wohl für das Rückenfilet aufheben 😉

Unser Ziegenbraten vom Rückenfilet

Auch für den Ziegenbraten werden wir das Rezept der Familie Winter nutzen. Außer- dem haben wir uns Tips bei einer Facebook-Freundin geholt, die aus Franken stammt und jetzt in Ligurien (Italien) wohnt.  Ihre Ratschläge deckten sich aber weitgehend mit dem Rezept. Wichtigste Aussage: Keine Umluft im Herd, weil der Braten ansonsten zu viel Flüssigkeit verliert und austrocknet! Laut Rezept soll der Bräter aber ohnehin zugedeckt sein, sicher aus dem selben Grund . . .

200g Karotten, 200 g Sellerie,  100 g Zwiebeln, 1 kg Ziegenkeule, Salz, Pfeffer, 40 g Butterschmalz, 3  Knoblauchzehen, 1 EL Tomatenmark, 2 Nelken, 1 Rosmarinzweig, 1 Lorbeerblatt, 500  ml Rotwein, 500 ml Fleischbrühe, 2 EL frisch gehackter Schnittlauch (Den Knoblauch haben wir weggelassen, weil wir ihn beide nicht vertragen)

1. Die Karotten und den  Sellerie putzen, Schälen und grob würfeln. Die Zwiebeln schälen und würfeln. Das  Fleisch waschen, trockentupfen und mit Pfeffer und Salz einreiben.

2. Butterschmalz in einem, Bräter erhitzen und das Fleisch von allen Seiten darin  anbraten. Inzwischen die Knoblauchzehen schälen und würfeln. Das Tomatenmark zum  Fleisch geben und mitrösten. Den Wein und die Brühe angießen. Den Braten  abgedeckt bei mittlerer Hitze etwa 2 bis 2,5 Stunden schmoren. Dabei immer wieder bei Bedarf Flüssigkeit nachgießen. Sicher wäre auch hier die Zubereitung im Römertopf eine Empfehlung 😉

Ziegenbraten vom Rückenfilet

Ziegenbraten vom Rückenfilet

3.  Das Fleisch aus dem Bräter nehmen und warm stellen. Die Sauce durch ein Sieb  streichen und sämig einkochen. Das Fleisch in Scheiben schneiden. Mit Sauce und  den Schnittlauchröllchen servieren. Zum Ziegenbraten passen Klöße und  Rotkraut.

Ziegenbraten in Scheiben geschnitten

Ziegenbraten in Scheiben geschnitten

Ziegenbraten in Scheiben geschnitten

Ziegenbraten in Scheiben geschnitten

Wir haben wieder Klöße dazu gegessen und statt dem im Rezept vorgeschlagenen Rotkraut nochmals Schmorbohnen (Rotkohl ist man ohnehin öfter). Aber auch Rotkraut hätte hervorragend dazu gepasst.

Fazit: Das Rückenfilet zumindest einer jungen Ziege ist ein zartes Fleisch. Ich persönlich mag die wenigen und leicht durchwachsenen Stellen besonders. Wer Berührungsängste hat und dennoch Ziegenfleisch probieren möchte, dem empfehle ich den Ziegenbraten von Rückenfilet oder Keule einer jungen Ziege. Mir persönlich hätte es sogar ein klein wenig mehr nach Ziege schmecken dürfen. Alles in allem ein schönes Stück Fleisch und ein feines Sonntagsessen.

Ziegenbraten (4)

 

Die Verzweiflung eines Nachtschichtarbeiters (2012)

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Sehr geehrte Damen und Herren Vermieter!

Den Vermieter will ich mit Absicht nicht nennen, da er eigentlich nichts dafür kann und sich rechtlich nichts zu Schulden hat kommen lassen. Trotzdem habe ich eine riesige Wut – gepaart mit Verzweiflung. Da kann ich die Zeit, in der ich am Schlafen gehindert werde, auch für dieses Schreiben nutzen.

Richtig, ich müsste eigentlich schlafen, auch wenn es 12.00 Uhr ist und manch einem das sehr suspekt vorkommen mag. Genau genommen bin ich seit 3 Stunden munter, nicht zum ersten Mal diese Woche und mittlerweile geht es an die Substanz! Und in diesem Zustand gehe ich heute Abend wieder zur Nachtschicht und soll Höchstleistungen bringen. Wenn ich bedenke, daß ich noch bis Samstag-Früh Nachtschicht habe, schwinden mir die Sinne.

Schlafprobleme bei Schichtarbeit: http://www.charite.de/dgsm/rat/schicht.html

Es gibt in Deutschland laut „Karriere-Spiegel“ von April 2011 mehr als drei Millionen Schichtarbeiter die Nachtschichten leisten. Und all diese schlaflosen Frauen und Männer möchte ich mit meinem heutigen Schreiben in Erinnerung bringen. Als Schwerverdiener wird der Schicht-, zumal der Nachtschichtarbeiter, oftmals gesehen. Schon das ist zumindest in zahlreichen und vor allem in den nicht tarifgebundenen Betrieben eine blanke Fehleinschätzung. Wenn dann noch wie bei mir eine die Feiertage und Wochenenden zerstörende Schichtarbeit die Regel ist, zieht es einen Rattenschwanz an Problemen im privaten und familiären Bereich und nicht zuletzt in der Gesundheit nach sich. Wenn wieder einmal eine Bundestagsdebatte zum Thema „Abschaffung der Steuerfreiheit für Nachtschichtzuschläge“ angekurbelt wird, würde ich die Damen und Herren abgeordneten bitten, selbst einmal nur ein Jahr in Schichtarbeit zu verbringen. Die Mäuler wären zu diesem Thema schnell geschlossen. Warum ich mit 50 Jahren immer noch in Schichten arbeite obwohl mir dies, speziell die Nachtschicht, immer schwerer fällt? Weil unter anderem unsere völlig verrückte Arbeitswelt auch diese Berufe erfordert und weil unsere eigentlich menschenverachtende Arbeitswelt für mich keine Alternative bereit hält. Nach dem Motto: Friß Vogel oder stirb! Und in der Tat kürzt die regelmäßige Schichtarbeit die Lebenserwartung mehr oder weniger drastisch ein.

Was ist nun der Grund für meinen Wutanfall, der Anlass meines Schreibens? Ich bin es als Nachtschichtler schon gewohnt, daß ich mit Ruhestörungen leben muss. Wann immer eine Baumaßnahme, ein Abriss, Baumpflegearbeiten oder Sanierungen im Haus stattfinden – ich kann damit rechnen, daß zumindest die am meisten Lärm machenden Tätigkeiten dieser Maßnahmen in einer meiner Nachtschichtwochen durchgeführt werden. Von Verkehrslärm rede ich da noch gar nicht, denn ich wohne mit Absicht in einem eigentlich relativ ruhigen Viertel. Doch diese Ruhe und Beschaulichkeit wird erkauft mit dem Einsatz von allerlei lärmenden und nervtötenden Erfindungen der Neuzeit: Rasenmähgeräte, Kettensägen, Laubsauger und -bläser, Kehrmaschinen, Schneeschiebegeräte, Bagger, Presslufthämmer etc. „Früher“ hat man für diese Arbeiten Menschen genommen, die es bildungstechnisch nicht ganz so sehr drauf hatten. Sie waren vertan, die Arbeiten wurden erledigt und diese Menschen hatten, wenn schon keinen Reichtum zu erwarten, so doch ein Auskommen. Die Menschen gibt es immer noch, nur die Arbeiten sind anders geworden. Sehr zum Leidwesen vieler.

Dieses Jahr habe ich in meinem eigentlich ruhigen Wohnviertel bereits eine Nachbarwohnungssanierung, Baumfäll- und Pflegearbeiten, Neuverlegungen und Sanierungen von Versorgerleitungen und Dienstanbieterkabeln sowie diverse Pflegemaßnahmen des Wohnumfeldes erlebt. In einem hohen Prozentsatz in den Nachtschichtwochen, versteht sich. Meistens helfe ich mir mit Gehörschutz und komme damit mehr oder weniger gut über die Runden – bis auf ganz krasse Ausnahmen, zum Beispiel der Einsatz einer Rüttelplatte unterm Schlafzimmerfenster. All diese Arbeiten werden auch nicht erträglicher, nur weil sie ordnungsgemäß angekündigt werden. Schlafmangel bleibt Schlafmangel, ob mit oder ohne Ansage! An den (Nacht-)Schichtarbeiter denkt man dabei eh nicht. Und keiner, der jemals über einen etwas längeren Zeitraum in Schichten gearbeitet hat, kann sich auch nur ansatzweise die geschilderten Probleme vorstellen.

Man stelle sich mal folgenden Aushang vor:

„Sehr geehrte Damen und Herren, in der Zeit vom/bis finden in ihrem Haus zwischen 22.00 Uhr und 06.00 Uhr Sanierungsarbeiten statt. Es ist mit Beeinträchtigungen zu rechnen. Wir bitten dies zu entschuldigen.“

Oder „Sehr geehrte Damen und Herren, in der Zeit vom/bis finden vor ihrem Schlafzimmer zwischen 22.00 Uhr und 06.00 Uhr Baumpflegearbeiten statt. Auf Grund der Uhrzeit ist die Installation einer Flutlichtanlage nicht vermeidbar. Es ist mit Beeinträchtigungen insbesondere beim Nachtschlaf zu rechnen. Wir bitten dies zu entschuldigen.“

Oder: soll der Betroffene doch gleich Urlaub nehmen und am Tag schlafen!

Natürlich geht das nicht und es wird auch nicht passieren. Aber über drei Millionen Nachtschichtlern passiert dies regelmäßig. Und in der Tat haben schon Kollegen von mir wegen bevorstehender Sanierungsarbeiten oder Baumaßnahmen Urlaub genommen. Nur kann dies nicht Sinn und Zweck eines Urlaubes sein! Krankschreibung wäre richtig! Die Augen der Krankenkassenmitarbeiter/-innen und/oder des Arbeitgebers möchte ich sehen, wenn eine Krankschreibung wegen Ruhstörung und Schlafmangel eingeht. DAS wäre doch mal ein Versuch wert!

Wenn ich als Schichtarbeiter wegen Wechsel des Schichtrhythmusses nachts nicht schlafen kann und bis drei Uhr in meiner Wohnung umher geistere, dann gebe ich mir Mühe nicht allzu laut zu machen – das heißt, Fernseher, Stereoanlage und so weiter gedämpft in Betrieb nehmen. Am Tag, wenn es meine Ruhezeit betrifft, interessiert das niemanden und nicht die Bohne. Da ist es einzig und allein mein Problem!

Zurzeit wird die Wohnung über mir für eine Neuvermietung saniert. Was eigentlich eine gute Sache ist und für den Vermieter wünschenswert, ist für mich eine Qual. Und in der Tat weiß ich im Moment nicht, ob ich heulen oder verzweifeln soll und ob ich Männlein oder Weiblein bin. Das Baugeschehen ist die zweite oder dritte Woche im Gange. Diese Woche habe ich Nachtschicht und da wird die Sau so richtig raus gelassen. Wie oben schon gesagt: wenn ich bedenke, daß ich noch bis Samstag-Früh Nachtschicht habe, schwinden mir die Sinne. Der Tag heute ist der bisherige Höhepunkt. Unaufhörlich drehen sich Bohrmaschinen und Bohrhämmer. Dagegen sind die Geräusche von Mörtelquirls direkt Musik in den Ohren, so sanft wie diese durchdringen. Dazu Schritte, Stimmen, das Bewegen von Gegenständen usw. Mir kommt es vor, als würden die Sanierungsarbeiten direkt neben meinem Bett ablaufen. Die Sanierung eines Weltkriegsbunkers aus bewehrtem Stahlbeton in eine moderne Loft-Wohnanlage kann eigentlich nicht schrecklicher klingen. Bei jedem Stillstand der Maschinen denkt man, „Aah, Ruhe. Ob ich man jetzt mal für eine halbe Stunde die Augen zumachen kann?“ Man wird ja schon genügsam in seinen Ansprüchen. Aber nein, 5 bis 10 Minuten geht das Spiel von vorn los. Und so geht das von morgens nach 07.00 Uhr bis nachmittags nach 17.00 Uhr. Bloß da brauche ich mich dann auch nicht mehr hinlegen. Da ist der Drops bereits gelutscht.

Ich bin jedenfalls am Verzweifeln, mir graut es vor den restlichen drei Nachtschichten diese Woche und eine Änderung dieses Problems sehe ich auch zukünftig nicht. The same procedure as every year, James!

Was ich nun erreicht habe? Nichts. Ich habe Dampf ablassen können und habe die schlaflose Zeit totgeschlagen. Mehr ist nicht passiert.

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Die Fotografin als Motiv (2012)

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Alles eine Frage der Perspektive: Die Fotografin als Motiv

Jeder der fotografiert, kennt das sicher: Das Bildresultat ist durchschnittlich oder nicht der Rede wert. Wenn da nicht ein Zweiter zugegen wäre, der die Fotografin bei all ihren Verrenkungen als das bessere Motiv in dieser Situation ablichtet.

Jetzt zeige ich mal, wie Karin fotografiert. Das ist nicht schlechter, als meine dokumentierten Verrenkungen gestern :-)

Rückblick, „Ich mache Fotos“: KLICK HIER

Das Schöne ist ja, daß Karin sich ihrer Verrenkungen ebenso bewusst ist, wie ich. Aber ebenso (auch wie ich) erst zu spät merkt, daß SIE das eigentliche Motiv ist. Und wenn man jemanden liebt, schaut man öfter hin. Dann ergeben sich schon paar nette Schnappschüsse. Wobei ich die wirklich kompromittierenden oder zweideutigen Fotos (nicht, was ihr jetzt denkt) weggelassen habe.

Zu Beginn hatte Karin noch ihren kleinen Fotoapparat. Aber fotografiert hat sie schon, wie eine Große. Wobei: so richtig groß ist sie ja auch heute noch nicht 😉 Deshalb der Stein . . . .

Kastanienblüten muß man mit Schwung fotografieren, der Zopf muß waagerecht liegen.

Da geht es bei Pusteblumen schon einfacher!

Das Kyffhäuserdenkmal wirkt um so größer, je mehr man in die Hocke geht:

Karin ist dermaßen mit dem ständig ins Bild hängendem Zweig beschäftigt, daß sie zu spät merkt . . . .

. . . wie ICH sie beobachte 😉

Blick zum Feldberg im Schwarzwald. Der Blick war wirklich atemberaubend. Der Blick zu Karin aber auch.

Wenn die müden Füße in den Motorradstiefeln zum Motiv werden . . . .  Wenigstens kann sie hier schon wieder lachen :-( Kurz zuvor musste ich noch zusehen, daß ich ihr nicht in die Schusslinie gerate

Das Foto, das hier entstand, war ein Grashüpfer. Der wollte einfach nicht still sitzen. Und Albrecht neckt . . .

Ab jetzt hat auch Karin ein großes Rohr!!

Und zum Abschluss habe ich auch von Karin ein Kleidchenfoto gefunden. Mit wehendem Kleidchen sogar :-)

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Der Fotograf als Motiv (2012)

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Alles eine Frage der Perspektive: Der Fotograf als Motiv

Jeder der fotografiert, kennt das sicher: Das Bildresultat ist durchschnittlich oder nicht der Rede wert. Wenn da nicht ein Zweiter zugegen wäre, der den Fotografen bei all seinen Verrenkungen als das bessere Motiv in dieser Situation ablichtet.

Zeige doch mal, wie Du fotografierst!

Karin „Bikerbiest“ meinte einmal zu mir: „Du darfst nicht immer nur zeigen, WAS Du fotografierst. Zeige doch mal, WIE Du fotografierst!“ Und in der Tat ist oftmals die Verrenkung des Fotografen am Ende das bessere Motiv, grins.  

Leider besitze ich nur ein paar der Schnappschüsse, die mich zeigen. Die, bei denen ich Raupen hinterher krieche, mich auf die Augenhöhe von Pilzen begebe oder an einem Arm hängend am Abgrund stehe – die sind in Karins Besitz. Aber Vorsicht mein Schatz: Ich habe da auch einige Fotografenschnappschüsse von Dir    

Zu dem letzten Foto gibt es von mir KEINE Stellungnahme. Außer: Wir waren mit dem Motorrad auf dem Weg zum Schauinsland im Schwarzwald und hatten die Ortsdurchfahrt von Freiburg bei Spätsommerwärme, Baustellen, Umleitungen und Freitagnachmittag-Verkehr hinter uns. Am Fuße des Schauinsland waren wir reif für eine Pause und entledigten uns unserer hitzegestauten Klamotten 😉

Nur im „Kleidchen“ mache ich mich gerade für ein Foto bereit, als ich selbst heimtückisch abgelichtet werde . . . .

Die Verrenkungen des weiblichen Fotografen findet Ihr dann hier:

KLICK HIER

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