Ex-Verfassungsschützer Temme
Der ehemalige Verfassungsschützer Andreas Temme im Mai als Zeuge vor dem NSU-Untersuchungsausschuss. Bild © picture-alliance/dpa

Im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss ist Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme am Montag von einem Kollegen der Lüge bezichtigt worden. Temme war 2006 in einem Kasseler Internetcafé, als dort Halit Yozgat erschossen wurde - will aber nichts bemerkt haben.

Nach dem Mord am Internetcafé-Besitzer Halit Yozgat in Kassel im April 2006 hat am Montag ein Verfassungsschützer seinen ehemaligen Kollegen Andreas Temme belastet. Der damalige Leiter der Kasseler Außenstelle, Frank-Ulrich Fehling, bezichtigte Temme im NSU-Untersuchungssausschuss des Landtags der Lüge. Als er ihn kurz nach der Tat gefragt habe, ob er das Internetcafé kenne, habe Temme das verneint.

Später stellte sich heraus, dass Temme sich viele Male in dem Café aufgehalten hatte, auch zur Tatzeit. Er will aber weder die Tat noch die Leiche gesehen haben. Fehling sagte am Montag, er sei "maßlos enttäuscht" gewesen, dass Temme ihn damals belogen habe.

Ex-Kollege: Temme wollte Online-Flirts verheimlichen

Bei den tödlichen Schüssen auf Yozgat - der Mord wurde erst fünf Jahre später dem rechtsterroristischen NSU-Trio zugerechnet - war Temme nach eigenen Angaben privat im Internet in Flirtportalen unterwegs. Er wurde von der Polizei erst zwei Wochen nach den Schüssen ausfindig gemacht und vorübergehend festgenommen.

Dass Temme sich nicht freiwillig bei der Polizei meldete, erklärte Fehling am Montag mit Scham. Temme sei frisch verheiratet gewesen und habe seine Online-Bekanntschaften verheimlichen wollen.

Andreas Temme
Temme bei einer Tatortbegehung im Internetcafe Bild © hr

Die Ermittlungen gegen Temme wurden später eingestellt. Der NSU-Ausschuss geht der Frage nach, ob der ehemalige Verfassungsschützer oder von ihm geführte V-Leute an der Tat beteiligt waren oder früh schon mehr davon wussten.

SPD sieht Zweifel an Glaubwürdigkeit bestätigt

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Die SPD-Landtagsfraktion sah am Montag ihre Zweifel an der Glaubwürdigkeit Temmes bestätigt. Die Linksfraktion sprach von einem überforderten Verfassungsschutz, der selbst naheliegende Schlüsse nicht gezogen habe. Auch die Grünen bemängelten, dass Spuren in Richtung des Terror-Trios NSU nie verfolgt worden seien.  

Fehling sagte, Temme habe damals eine Vielzahl dienstrechtlicher Fehler begangen. So hätte Temme auf keinen Fall eine Waffe im Büro haben dürfen. Diese hatte die Polizei bei der Durchsuchung gefunden. Verfassungsschützer haben keine Waffe, wie der Zeuge Fehling bestätigte. Den Besitz der Waffe hatte Temme mit der Mitgliedschaft im Schützenverein erklärt.

Zeuge: Temme hatte "Stein im Brett"

Der vom Dienst suspendierte Temme sei weiter als "Kollege" behandelt worden, sagte Fehling. Dies sei die Anweisung aus der Wiesbadener Zentrale des Landesamts für Verfassungsschutz gewesen. Dort habe Temme, der als sehr guter Mitarbeiter galt, "einen Stein im Brett" gehabt.

Die FDP-Landtagsfraktion forderte Aufklärung der von Fehling beschriebenen "wohlwollenden, überfreundlichen Behandlung“ Temmes in Wiesbaden. Außerdem müssten die erneut zu Tage getretenen Hilfestellungen der Mitarbeiter des Landesamts zu Temme weiter hinterfragt werden.

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