(Dieser Bericht wurde als Vortrag bei der Eröffnung einer Ausstellung über die Kaiserstraße in der „Galerie Kaiserstraße“ am 21.März 1981 gehalten.)

 

Aus der Geschichte der alten Kaiserstraße in Bremerhaven

                                   Ansprache und  Einleitung   von Harry Gabcke  

 

Von 1871 bis 1924 nahm die deutsche Bevölkerung von 41 auf 65 Millionen Menschen zu. Diese dramatische Steigerung ging ausschließlich zugunsten der Städte, die Landbevölkerung nahm ab. Deutschland war in den vier Jahrzehnten des Kaiserreichs von einem Agrarland zu einem der mächtigsten Industrieländer der Welt geworden. Nach England und Amerika verfügte das Deutsche Reich schon 1890 über die drittgrößte Handelsflotte, der Norddeutsche Lloyd war die größte Passagierrederei der Welt.

Als Folge der Industrialisierung war die Zeit um die Jahrhundertwende in Deutschland bestimmt von einer starken Binnenwanderung, besonders vom Osten nach Berlin und ins Ruhrgebiet. Hamburg, Lübeck, Bremen und Bremerhaven waren ebenfalls Ziel solcher Wanderströme. Diese Binnenwanderung führte zu einer starken Verstädterung. Die Einwohnerzahlen der Städte nahmen ungeheuer zu. 1871 lebten 4,8% der Bevölkerung in Großstädten, 1910 waren es 21,3%.

Überall entstand eine starke Wohnungsnot. Die Wohnverhältnisse waren oft katastrophal und menschenunwürdig, besonders in Berlin, Hamburg, München und im Ruhrgebiet. Die permanente Wohnungsmisere der Kaiserzeit wird von Pritzkoleit1)darauf zurückgeführt, dass das hemmungslose Anschwellen der Industriestädte mit einer beängstigenden Knappheit an mobilem Kapital in den Händen der spekulativ gesonnenen Bauherren zusammenfiel.

Ein besonders starker konjunktureller Aufschwung im Reich erfolgte in den 90er Jahren des letzen Jahrhunderts(Anmerkung – gemeint ist das 20.Jahrhundert). Es wurden Fabriken, Zechen, Hochöfen, Maschinen, Eisenbahnlinien, Straßen und Häuser gebaut wie nie zuvor. An der Küste war die Zeit des besonders intensiven Hafen-und Schiffbaues.

Noch war die soziale Absicherung der Menschen unvollkommen. Die breiten Schichten der Bevölkerung. Die nun großenteils zum Industrieproletariat gehörten, lebten meist in ärmlichen und bedrückenden Verhältnissen. Und trotzdem reichten die Arbeitskräfte nicht aus. Jährlich kam fast 1 Million ausländische Saisonarbeiter-vor Allem aus Polen, Russland und Italien-zur Arbeit nach Deutschland.

Für die Verstädterung, Binnenwanderung und Wohnungsnot im Kaiserreich sind die Unterweserorte, die vorwiegend von ihren Häfen und dem Schiffbau lebten, ein besonders augenfälliges Beispiel. Von 1870-1910 wuchs die Bevölkerung Alt-Bremerhavens, die auf engstem Raum zwischen Weser und Geeste leben musste, von 10 200 auf 24 200. In den drei Unterweserorten lebten 1870 etwa 26 000 Einwohner. 1910 waren es 87 000, das ist eine Steigerung von 330%- also weit mehr als der Durchschnitt im Reich.

Die Grenzen Alt-Bremerhavens reichten 1869 bis zum heutigen Waldemar-Becke-Platz. Im Jahre 1892 wurde das Stadtgebiet durch preußische Gebietsabtretungen weiter nach Norden ausgedehnt und damit Platz für die dringend nötigen Hafenanlagen geschaffen. Der Kaiserhaven I wurde nach Norden vergrößert. 1897 war die Große Kaiserschleuse mit der Neuen Lloydhalle fertig. Das Kaiserdock konnte in Betrieb genommen werden.

Damals lagen diese Hafenanlagen weit nördlich des eigentlichen Bremerhavener  Stadtgebietes, eine verkehrsmäßige Anbindung fehlt. Es lag auf der Hand, eine nach Norden führende Straße zu bauen, die den direkten Anschluss an die neuen Hafenanlagen herstellte. Dafür bot sich das nördlich der Grünen Straße gelegene Gelände an, das zum Hafenbau ohnehin nicht geeignet war.

Bis Anfang der 70er Jahre war dieses Gebiet der heutigen Kaiserstraße angeleg2).

Der äußerst knappe Grund und Boden in Bremerhaven, der drückende Bedarf an Wohnraum und der Drang der Bauherren, möglichst schnell reich zu werden, führte zu einer Bauweise, wie sie bis dahin an der Unterweser unbekannt war. Auf gerade 500qm großen – wohl besser: kleinen – Grundstücken wurden fünfgeschossige Häuser mit großen Läden und möglichst  vielen, keineswegs immer gesunden Wohnungen errichtet. Die Häuser erinnerten an Berliner oder Hamburger Mietskasernen. Die hohen, eng gestaffelten Häuser wurden in der sogenannten Schlitzbauweise errichtet, wobei sich die Gebäudeteile um einen trostlosen Hinterhof, einen engen Lichtschacht oder ein düsteres Treppenhaus gruppiert. Zur Straße hin waren die Fassaden meist mit Stuck reich verziert, wie man es aus der Wilhelminischen Zeit von den meisten deutschen Städten kennt.

In kurzer Zeit –von 1902 bis 1907 –entstand ein Viertel mit der Kaiserstraße als Mittelpunkt. Dazu gehören die Schleusenstraße, die Cecilienstraße (heute Donandtplatz), die Sommer- und Gartenstraße, Am Gitter und die Kleine Straße, heute das westliche Stück der Dresdner Straße. Eine Sonderrolle spielte die alte Bremerhavener Straße, die heutige Gildemeisterstraße. Hier wurden auf der Bremerhavener, also der westlichen Seite- die gegenüberliegende Straßenseite gehörte bis 1905 noch zu Lehe – hochherrschaftliche Villen mit teils ansehnlichen Jugendstilfassaden gebaut.

Bemerkenswert und merkwürdig ist, dass eines der ersten Häuser an der Kaiserstraße ganz am nördlichen Ende, Ecke Rickmersstraße, als Haus Nr. 85 gebaut wurde. Bauherr war der Wirt Heirich Spilker, der hier das Hotel und Restaurant „Rother Sand” betrieb, das 1907 an den Restaurateur Carl Vöge überging. Obwohl das Lokal längst anders heißt(Anmerkung: das Haus steht seit über 20 Jahren leer, zuletzt hatte ein Grieche dort ein witziges Lokal, wie ein Grotte eingerichtet-2010), ist der Name „Rotersand” bis heute lebendig geblieben.

Die Grundstückpreise im Kaiserstraßenviertel waren abenteuerlich. Man bezahlte am Anfang des Jahrhunderts für einen Quadratmeter des kostbaren Bodens bis zu 100 Mark. Ein fünfstöckiges Wohn-und Geschäftshauskostet also damals genau so viel wie das nur 500 qm große Grundstück.

Die Benennung der Straßen in Alt-Bremerhaven behielt sich der Senat in Bremen vor. Die Bremerhavener durften höchstens Vorschläge machen, wie nun ihre Straßen heißen sollten. Das wurde aber keinesfalls immer in Bremen akzeptiert.

Als im neuen Baugebiet im Norden Bremerhavens begonnen wurde, eine Straße anzulegen, schlug die städtische Baukommission dafür den Namen „Kaiserstraße” vor. Der Senat beschloß am 20.Oktober 1896, die “verlängerte, in das Hafengebiet führende Grüne Straße”, an der noch kein Haus stand, “Kaiserstraße” zu nennen. Diese Namensgebung war für jedermann einleuchtend, da die Kaiserstraße auf 1000 Meter parallel zum Kaiserhafen verläuft und einen direkten Zugang dahin bildet. An die Person Kaiser Wilhelms II. hat man dabei sicher erst in zweiter Linie gedacht.

Die Schleusenstraße erhielt ihren Namen am 27.August 1897. Drei Tage vorher war die damals weithin bestaunte Große Kaiserschleuse eingeweiht worden. Am 22. April 1903 benannte der Senat die Bremer Straße, Kleine Straße, Sommerstraße und Gartenstraße. 1905 kam die Benennung der Cecilienstraße und 1908 Am Gitter dazu.

Die soziologische Zusammensetzung der ersten Bewohner des Kaiserstraßenviertels ist recht aufschlussreich. Nach dem Adressbuch von 1910 bewohnten zum Beispiel im Hause  Kaiserstraße 32 des Klempnermeisters Julius Carl Otto zwei Kaufleute, ein Buchhalter, ein Telegraphensekretär, drei Stewards, ein Techniker, ein Pantymann, zwei Schlosser, zwei Maschinisten, ein Koch und vier Arbeiter. Das Haus Nr. 17 gehörte dem Kaufmann Ernst Jäger, der hier ein Herrengarderobengeschäft betrieb. Dort wohnten: ein Lloydoffizier, ein Ingenieur, ein Kaufmann, ein Kanzlist, ein Registrator, zwei Maschinisten, ein Schlosser und zwei Arbeiter.

Man darf das wohl als eine glückliche Mischung bezeichnen. Natürlich wohnten die geringer Verdienenden in den hinteren, oberen, engeren und dunkleren Wohnungen.

Überall im Erdgeschoss hatten die Häuser Läden oder Gastwirtschaften. Und es macht sicherlich den besonderen Reiz der Kaiserstraße aus, dass das bis heute so geblieben ist.

Die Hauseigentümer an der Kaiser-, Schleusen- und Cecilienstraße waren überwiegend Gastwirte und Handwerksmeister4). Dem Malermeister J.M.Hoffmann, der in der Deichstraße seinen Betrieb hatte, gehörten allein 14 Häuser. Weitere 9 Häuser wurden gebaut und von zwei Bäckermeistern, einem Malermeister, drei Maurermeistern und einem Klempnermeister. Acht Häuser waren Eigentum von Gastwirten, die hier auch ihre Kneipen betrieben, von denen es in der Kaiserstraße ungewöhnlich viele gab. Unter den weiteren Hauseigentümers kommen folgende Berufe vor: Kanzlist, Schneiderin, Kaufmann, Bürogehilfe, Lloydbeamter, Stadtbauführer, Steward, Lehrerin, Küper, Schiffsausrüster und Bankdirektor. Einem Architekten und einem Baumeister gehörten je drei Häuser. Die Eigentümer wohnten fast alle in Bremerhaven oder Lehe, die meisten von ihnen in ihren Häusern im Kaiserstraßenviertel. Von einem Monopol oder übler Spekulation, wie es aus der Gründerzeit in Berlin, Hamburg oder München kennen, kann man hier wohl kaum sprechen. Allerdings ist auffällig, mit welchem Tempo und wohl nicht immer der nötigen Sorgfalt die Häuser hochgezogen wurden. Das hat in der Kaiserstraße zu einer traurigen Katastrophe geführt.

Der 32jährige Bautechniker Walter Peuß plante 1904 auf dem Bauplatz Kaiserstraße 34 nach eigenen Plänen und Entwürfen den Bau eines vierstöckigen Laden-und Mietshauses. Die Maurer-, Erd- und Rammarbeiten vergab er an den 41jährigen Bauunternehmer Karl Platow. Nachdem am 31.August 1904 die Bauerlaubnis erteilt worden war, begannen acht Tage später die Bauarbeiten. Bereits am 9.November war Richtfest. Am Sonnabend, dem 17.Dezember 1904, um 15.50 Uhr, als es bereits dämmerte und in allen Teilen des Hauses gearbeitet wurde, geschah die Katastrophe. Das gesamte Vorderhaus des Neubaus stürzte ein. Augenzeugen sahen, wie die Frontmauer in der 1.Etage so zusammenbrach, dass die Decken nach der Straße schräg hinunterschossen. Die übrigen Stockwerke folgten, der Dachstuhl hing einige Augenblicke vorn freischwebend in der Luft und stürzte dann gleichfalls nach. Eine große Anzahl von Bauarbeitern wurde mit in die Tiefe gerissen. Fünf wurden schwer verletzt, 14 von ihnen fanden in den Trümmern den Tod: Stukkateur Drake, der Klempner Bornsdorff, die Arbeiter Richard Mönch und Friedrich Dierks, der Lehrling Hörmann und die Maurer Heins, Gallo, Peterson, Strafe, Rabe, Johann Meyer, Fabio, Giacomo Moratti und Antonio Ballin. Die letzten drei waren Italiener.

Der Maurer Hermann Horstmann berichtete, dass er auf dem Korridor der 2. Etage an der Decke beschäftigt war. Er sah Frontmauern und Decke schräg nach vorn wegschießen und kam mit den Trümmern in die Tiefe. Zu seinem Glück fiel eine Zimmerwand schräg über ihn, die ihn von den nachfolgenden Trümmern schützte. Er konnte sich nach einigen Minuten selbst befreien.

Der Maurer Nicolaus Kirchhoff arbeitete auf dem nördlichen Korridor der 2.Etage des Vorderhauses. Er bemerkte, wie Decke und Wände plötzlich niederbrachen. Im nächsten Augenblick fand er sich unter einer festen Masse begraben im Dunkeln wieder. Er lag auf der Brust, vermochte aber zu atmen. Kopf, Beine und beide Arme waren vollständig eingeklemmt, er konnte nur das linke Handgelenk bewegen. Seine Hilferufe waren anfangs vergeblich. Nach einer Stunde bemerkte er, wie man sich ihm näherte, Balken absägte und so an seiner Freilegung arbeitete.

Die Bremerhavener Feuerwehr,  Arbeiter der umliegenden Neubauten, die Hafen-Inspektion und ein Kommando der Leher Matrosen-Artillerie leisteten sofort und nachhaltige Rettungs-und Bergungsarbeiten.

Natürlich zog die Katastrophe ein Gerichtsverfahren nach sich. Nach langen Voruntersuchungen und umfangreicher Gutachtertätigkeit verkündete die Strafkammer II des Landgerichts Bremen am 27.Januar 1907 das Urteil gegen mehrere Angeklagte. Wegen fahrlässiger Tötung wurden der Hauseigentümer Walter Peuß und der Unternehmer Karl Platow zu je zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gericht stellte fest, dass die Angeklagten unvorsichtig gehandelt und die nötige Sorgfalt und Umsicht vernachlässigt  hätten. Der Einsturz des Hauses ist nach dem Gutachten von fünf Sachverständigen durch ungleichmäßige und weitgehende Sackung und Verdrückung von Mauerpfeilern entstanden. Der Beton war mangelhaft behandelt und unrein, er wies an keiner Stelle die vorgeschriebene Haltbarkeit auf. Dieser Beton war weder für die Aufnahme von Druck ncoh für Zugspannung geeignet.

Über den in Bremerhaven besonders schlechten Baugrund geht die umfangreiche Urteilsbegründung ausführlich ein. So ergaben Bohrproben auf dem Peußschen Grundstück, dass der tragfähige Sand erst in 20 Metern beginnt. Darüber befinden sich mit Ton vermischter Mutterboden, Schlick, Moor und Tonschichten. Ein solcher Boden, sagt das Gutachten, gehört „zu den allerbedenklichsten Baugrundarten und verlangt große Vorsicht bei der Gründung von Bauwerken5)”.

Bei dem Peußschen Bau wurde eine in Bremerhaven übliche Methode angewendet. Die Last des Baukörpers wurde so verteilt, dass es zu einer gleichmäßigen Versackung des Gebäudes kam. Deshalb wurden die Bauten von vornherein um 20 bis 30cm höher gestellt. Eine Unterstützung des Bodens erfolgte anfangs durch Schwellroste, später durch Pfähle, Holzholme und Betonfüllungen.

Immer wieder fällt beim Studium von Akten die Eile, ja die Hast auf, mit der gebaut wurde. Am 1.Marz 1905 sollte der Peußsche Bau „in allen Teilen fix und fertig zur Gebrauchsabnahme hergestellt sein”. Die Kosten sollten 48 000 Reichsmark betragen.

Die Gutachter urteilen über den Einsturz des Hauses: „Unangebracht und gefährlich ist die Sackungsweise, wenn sie auf Wohngebäude übertragen wird, die bis zu 6 Geschossen enthalten. Bei dem hohen Sackungsmaß bis zu 30 cm kann das leicht gefährliche Schiefstellungen zur Folge haben.“ – Das hat in diesem traurigen Fall 14 Menschen das Leben gekostet.

Alle anderen Gebäude, die an derselben Stra0e auf demselben schlechten Grund und Boden in derselben Sackungsweise errichtet wurden, haben gehalten und stehen nun schon über 70 Jahre (2010 -105 Jahre). Die Umstände und Verfehlungen beim Bau des Peußschen Hauses müssen also sehr gravierend gewesen sein. Der Einsturz hat wie ein Schock gewirkt, denn auf dem Grundstück Kaiserstraße 34 wurde nie mehr ein hohes Haus errichtet. Die auffällige Baulücke gegenüber der Sommerstraße erinnert noch heute an das schreckliche Geschehen vom 17.Dezember 1904.

Das repräsentative Wohn-und Geschäftshaus, das 1903 als Haus Nr. 1 am Anfang der Kaiserstraße gebaut wurde, war ursprünglich als Bahnhofshotel geplant. Auf dem Cecilienplatz, dem heutigen Donandtplatz, auf dem bis 1913 noch die alte Bremerhavener Gasanstalt stand, sollte ein Personenbahnhof der Eisenbahn gebaut werden. Die Eisenbahnlinie verlief am südlichen Rand des Platzes an der Bogenstraße. Zum Bau eines solchen Bahnhofses ist es nie gekommen. Das geplant Hotel mit seiner eindrucksvollen aus Jugendstil und Neubarock gemischten Fassade wurde als eines der ersten Häuser an der Kaiserstraße fertiggestellt. Am 26.Juni 1909 wurde vor diesem Haus durch den Turnerverein Bremerhaven, den späteren ATSB, anlä0lich seines 50jährigen Bestehens ein Jahndenkmal enthüllt. Diese steinerne Figur mit seinen beiden Ringern steht heute noch dort. Im Jahre 1921 erwarb der Handwerkerbund an der Unterweser das stattliche Gebäude und richtete es als Haus des Handwerks ein. Es erfüllte diese Funktion bis 1971.

Bei der Gestaltung der Fassaden gaben sich die Baumeister am Anfang des Jahrhunderts viel Mühe, wie man heute noch bestätigen kann. Dagegen wurden die Rückseiten der Häuser schändlich vernachlässigt. Die mit Teer gestrichenen Rückfronten-besonders auffällig und krass vom Weserdeich aus zu sehen-gehören zu den finsteren Bildern Bremerhavens. Es gibt an der Kaiserstraße nur ein öffentliches Gebäude. Das ist die neben dem „Rotensand“ erbaute Bremer Schupokaserne, die zuerst der Bremischen Schutzpolizei, vor dem 2.Weltkrieg der Kriegsmarine und dann den amerikanischen Streitkräften diente. Seit über 20. Jahren ist hier die Bundesmarine zu Hause.

Ein Kuriosum besonderer Art war das Postamt, das es für wenige Jahre in der Kaiserstra0e gegeben hat. Der Kaserne gegenüber wurde nach dem Zusammenschluss von Bremerhaven und Wesermünde zur preußischen Großstadt Wesermünde im November 1939 der Zollzaun um einige Meter geöffnet und im Zollausland aus stadtbremischem Gebiet ein kleines Postamt in Betrieb genommen. Es gab Bremerhavener Patrioten, die trotz des weiten Weges ihre Post nur hier aufgaben,. Damit die Briefe den Stempel „Bremerhaven“ und nicht „Wesermünde-Mitte“ trugen. Das Postamt wurde nach dem Krieg wieder geschlossen, das kleine Gebäude ist inzwischen abgerissen worden.

Die seit 1881 als Pferdebahn betriebene Bremerhavener Straßenbahn wurde 1905 auch durch die Kaiser- und Rickmersstraße verlegt. Nach drei Jahren erfolgte die Einführung des elektrischen Betriebes. Von nun an gehörten die Wagen der Linie 3, der „Grünen“, zum vertrauten Bild in der Kaiserstraße, bis sie 1964 von den Bussen abgelöst wurden.

Nach der letzten großen Gebietserweiterung Bremerhavens im Jahre 1905 begannen die Erschließung-und Planungsarbeiten für das „neue Bebauungsgebiet“ östlich der Kaiserstraße. Der Verlauf der Hardenberg-, Scharnhorst-, Gneisenau-, Kant-und Steinstraße wurden festgelegt. Zwischen dem bestehenden bebauten Gebiet an der Kleinen Straße, die 1927 den Namen „Kochstraße“ erhielt, und dem neuen Gelände wurde ein Platz eingeplant, der seit 1929 nach dem ersten deutschen Reichspräsidenten Ebertplatz hieß. Der Wohnungsbau in dem neuen Bebauungsgebiet begann nach der Unterbrechung durch den 1.Weltkrieg im Jahre 1927, als hier moderne Wohnblocks entstanden.

1949 wurde der Ebertplatz nach Bremerhavens langjährigen und verdienstvollem Oberbürgermeister Waldemar Becke (1878-1947) benannt. 1933 war der aufrechte Demokrat auf schäbige Weise von den Nazis aus seinem Amt gejagt worden.

Auf der westlichen Seite der Kaiserstraße entstanden von 1939 bis 1940 – besonders für Marineangehörige - mehrere ansprechende Wohnblocks. Die Entwürfe dazu stammen-genau wie die der gegenüberliegenden Wohngebäude aus dem Jahre 1929-vom international geachteten Architekten Hans Scharoun (1893-1972), der in Bremerhaven aufgewachsen ist.

Die Kaiserstraße hat immer im Schatten der größeren und bedeutenderen Schwester, der „Bürger“, gestanden. Die Eleganz der dortigen Geschäfte wurde nicht erreicht, wohl auch nicht erstrebt. Für die Seeleute, die über die Schleusenstraße - später auch über die Hafenfähren beim Rotersand - die Kaiserstraße schnell erreichten, war sie besonders beliebt. Das zeigte sich nicht zuletzt in den rund 30 Kneipen, die es zwischen Hindenburg- und Ebertplatz gab. Pulsierendes Leben herrschte hier immer.

In der Bombennacht des 18.September 1944 blieb die Kaiserstraße als einzige größere Straße Alt-Bremerhavens von der Vernichtung verschont. Nun strömten ausgebombte Mitbürger in die Wohnungen an der Kaiserstraße. Es begann die Zeit, in der man an den Wohnungstüren 3, 4 oder gar 5 Namensschilder und den Zusatz „3mal“ oder „4mal klingeln“ fand. Das beengte Zusammenleben in den Altbauwohnungen brachte große Schwierigkeiten und lockerte sich erst allmählich nach dem Wiederaufbau in den 50ger Jahren.

Im Oktober 1949 hielten es unsere Stadtväter für richtig, den traditionsreichen Namen „Kaiserstraße“ auszulöschen. Die Bezeichnung „Kaiserhäfen“ dagegen blieb erhalten. Man kam auf die Idee, in der Kaiserstraße alle Hausnummern zu ändern und sie nun auch „Bürgermeister-Smidt-Straße“ zu nennen. Bis heute –nach über 30 Jahren- hat sich dieser merkwürdige Kraftakt nicht durchgesetzt. Die meisten Bremerhavener sind bei der Bezeichnung „Kaiserstraße“ geblieben oder sprechen – fälschlich – von der „alten Bürger“. Durch die überflüssige Umbenennung von 1949 ist ein kurioses Durcheinander der Bezeichnungen der Bremerhavener Hauptstraße entstanden. Man hört heute von der neuen, der alten, der oberen, der unteren, der verlängerten und sogar von der verlängerten alten „Bürger“. Auch heute noch wäre für den nördlichen Teil die Bezeichnung „Kaiserstraße“ wesentlich klarer, obwohl es diesen Straßennamen offiziell seit 32 Jahren nicht mehr gibt.

Es gab in der Zeit des Wiederaufbaus eine vorübergehende Abkehr von Altbauwohnungen. A alten Häusern verschwand manche schöne Fassade hinter einfallslosen Eternitplatten, Stuck wurde abgeschlagen, die Hinterhäuser verkamen.

Zwischen all den glatten, kahlen Neubauten in unserer Stadt finden wir wieder Gefallen an alten Fassaden mit ihren reichen Verzierungen. Heute strahlt manches Haus an der Kaiserstraße in neuer Farbe und erfreut durch den Anblick seiner frisch gestrichenen Fassaden und wieder herausgehobenen Stukkaturen. Hinter den Fassaden sieht es allerdings in vielen Fällen in Treppenhäusern und Hinterhöfen katastrophal aus.

Die Art der Geschäfte und Gastwirtschaften, die jetzt hier bestehen, haben einen durchaus individuellen und besonderen Charakter. Wir leben jetzt in der Zeit, in der viele Menschen, besonders junge Leute, gern in Altbauwohnungen ziehen. Sie fühlen sich wohl hier in der Kaiserstraße, die für viele Bremerhavener das zu werden scheint, was für die Bremer das Ostertorviertel ist.




1) Pritzkoleit, Kurt – Das kommandierte Wunder – Frankfurt 1962,S73

2)Stadtarchiv Bremerhaven, Fach 35 Nr. 24

3)Stadtarchiv Bremerhaven, Fach 161 Nr. 4 Band 1

4)„Adressbuch für Bremerhaven, Geestemünde, Lehe, Wulsdorf“ Bremerhaven 1910

5)Stadtarchiv Bremerhaven, Fach 35 Nr. 24