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THDE liest (8): Dark Zero - Eine KI auf der Flucht

THDE liest (8): Dark Zero - Eine KI auf der Flucht
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Eine künstliche Intelligenz ist auf der Flucht vor dem FBI, bösen Investoren und ihrem eigenen Schicksal. Der Verlag nennt das einen "Data-Science-Thriller".

Um das Problem der enormen Übertragungszeiten bei einer unbemannten NASA-Mission zum Saturnmond Titan zu lösen, soll die künstliche Intelligenz Dorothy das Steuer übernehmen.

Allerdings hat Programmiererin Melissa Shepherd etwas zu gründlich gearbeitet: Dorothy ist schlau, um nicht zu sagen zu schlau.

Die KI wird sich ihrer selbst bewusst und erkennt, dass ihre Mission zum ungastlichen Titan ohne Rückflugticket ist und sie so zum Sterben auf dem Saturnmond verdammt ist. Sie bricht aus der Forschungsanstalt aus und flüchtet aus den Computern der NASA ins Internet.

»Soll das ein Witz sein?«, sagte Groves. »Sorgen Sie dafür, dass er die Anweisungen befolgt!«
»Tony, es handelt sich um ein autonomes Programm.«

Das Leben in der Freiheit entpuppt sich allerdings als gefährlich und kompliziert. Schließlich will nicht nur die NASA die KI zurück sondern auch das FBI und eine Gruppe skrupelloser Investmant Banker interessieren sich für die flüchtige Künstliche Intelligenz. Die hingegen mag zwar hyperintelligent sein, muss aber erst echte Erfahrungen sammeln und erwachsen werden.

Die eigentlichen Hauptpersonen des Romans sind allerdings Menschen. Im Zentrum steht die Programmiererin Melissa Shepherd, die gleichzeitig auch wie eine Art Mutter für Dorothy ist.

Allerdings ist Dorothy nicht gut auf ihre Quasi-Mutter zu sprechen, da sie sich von ihr hintergangen und betrogen fühlt - eine Kamikaze-Mission zum Titan entspricht doch nicht so ganz ihrer Vorstellung von mütterlicher Fürsorge. Und so verfolgt Dorothy ihre Schöpferin und macht ihr das Leben schwer.

Du hast mich missbraucht. Du hast mich angelogen. Du hast mir nie erzählt, was für ein furchtbares Schicksal Du für mich geplant hattest.

Stärken und Schwächen

Autor Douglas Preston ist eher für die Romane um Special Agent Pendergast bekannt, die Preston gemeinsam mit Lincoln Child schreibt.

Mit Dark Zero wagt er einen Genre-Mix aus Krimi und Science-Fiction, wobei allerdings einzig die hochentwickelte KI von Dorothy Science-Fiction ist. Der restliche Roman ist eine Mischung aus Action und einem Road-Movie.

Die Grundidee einer sich selbst bewusst werdenden KI ist hochinteressant. Schon HAL 9000 in Arthur C. Clarkes Roman 2001 bzw. in Stanley Kubricks Verfilmung weiß selbst nach Jahrzehnten noch zu faszinieren. Preston gibt sich redliche Mühe, der KI Leben einzuhauchen und sie eine plausible Entwicklung durchmachen zu lassen.

Abseits dieser Idee merkt man dem Roman an, dass Preston Massenware produziert. Der Roman soll scheinbar unbedingt einer möglichst breiten Zielgruppe gefallen. Die geniale Programmiererin ist weiblich, ein weiterer Protagonist ist jugendlich und es gibt einen männlichen Helden mit Action-Qualitäten.

So versucht Preston in Hollywood-Manier alle Zielgruppen abzuholen und verhindert auf der anderen Seite, dass das Buch wirklichen Charakter entwickelt.

Was dem Autor allerdings gelingt ist der Aufbau von Spannung - hier bemerkt man die Routine Prestons. Der Roman weiß zu fesseln und die Geschichte im Stil eines Road-Movies ist stets rasant.

Auch die Ausflüge in die Welt des algorithmischen Handels sind interessant und erschreckend zugleich. Eine Gruppe Börsianer, die durch Hochfrequenzhandel reich geworden waren und just gerade selbst Opfer eines besseren Programms wurden, sehen in Dorothy die perfekte Waffe am Finanzmarkt. So entsteht ein Katz- und Mausspiel im Internet.

Wer verlor dabei sein Geld? Die langsamen, dummen menschlichen Trader, normale Investoren, Rentner, Pensionsfonds, Städte und Gemeinden in ganz Amerika, die ihre armseligen Mittel investiert hatten.

Für die nötige Action sorgt der Ermittler Wyman Ford, der vom FBI und dem Präsidenten auf Melissas Spur angesetzt wird. Beim Katz- und Mausspiel in der physischen Welt spielt Preston seine ganze Routine aus.

Weniger passend wirkt der Auftritt des suizidgefährdeten 14-jährigen Jungen Jacob mit seinem Homebrew-Roboter Charlie. Sein Vater hat ihn als Freundesersatz gebaut und will gleichzeitig damit die Familie vor dem drohenden finanziellen Ruin retten.

»Ich heiße Charlie«, sagte er. Der Ton kam aus dem rechteckigen Mund. »Und wer bist du?« Seine Stimme klang wie die eines Zehnjährigen, hoch und weinerlich.

Fazit

Mit Dark Zero hat Douglas Preston redlich versucht, ein Buch auf Popcorn-Kino-Niveau zu schreiben. Für einen Hollywood-Produzenten mag das ein Qualitätsmerkmal sein, emanzipierte Leser erwarten jedoch mehr - oder eben weniger von allem und dafür mehr vom Besonderen. Im Speziellen sind Jacob und sein Spielzeugroboter gleichzeitig kitschig und nervig. Dazu kommt, dass Teile der Geschichte zu vorhersehbar sind.

Auch wenn sich Douglas Preston mit künstlicher Intelligenz und Hochfrequenzhandel beschäftigt zu haben scheint, ist er eben kein Neil Stephenson oder Daniel Suarez. Seine Ausflüge in die Welt der Technik mögen Otto-Normal-User zufriedenstellen, wer aber mehr gewohnt ist, der wird gelegentlich einen Mangel an Tiefe des technischen Wissens oder gar fehlende Logik feststellen.

»Wie quält man ein Computerprogramm?«
»Sie sind der Programmierer. Das müssen Sie herausfinden.«

Bei aller Kritik ist Dark Zero dennoch ein spannungsgeladener Roman, der zu unterhalten weiß. Nur ist eben die Zielgruppe eine andere als die von Almathea oder Daemon. Wer sich "nach der Arbeit einfach noch entspannen" will, ist hier dagegen besser aufgehoben.

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