Extrem treu

Sie gelten als absolut bedingungslose Anhänger ihrer Mannschaft: Ultra-Fans. Ein Einblick in die größte jugendliche Subkultur Deutschlands.

Sie tragen Tattoos ihres Vereins, sie ballen ihre Hände zu Fäusten, sie brüllen. Mit nacktem Oberkörper jubeln sie sich in den Wahn. Sie nennen sich „Fanatics“. Sie sind ultra. „Ich lebe für diesen Club. Sieben Tage die Woche, 24 Stunden an jedem Tag“, sagt einer von ihnen.

Längst gibt es Ultras nicht mehr nur im Spitzen-Fußball: Sie flüchten vor der Kommerzialisierung ihres Sports und den fortwährenden Sicherheitsdebatten in untere Ligen oder andere Sportarten.

Rainer Wendt, der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagt: „Kampfbetontere Sportarten wie Eishockey sind die ersten, die sich diese Gruppierungen aussuchen. Es gab dort bereits Veranstaltungen, wo wir mit starken Kräften vor Ort sein mussten.“

Maik T. (30) ** ist Ultra. Allerdings einer, der weder gewaltbereit ist, noch jemals Fußballfan war. Er ist Gründungsmitglied der Ultragruppierung „Fanatics Ost“: die Fanatischen aus dem Osten. Sein Verein, das sind die Eisbären „Dynamo“ Berlin.

Trotz kühler Temperaturen in der Arena feiern die Ultra-Fans oberkörperfrei. (Foto: Jay Smith*)

Mysterium Ultra

Wer sind diese Ultras? Ihr Ansehen in der Öffentlichkeit ist katastrophal. Gewalt, Chaos, Pyrotechnik – Schlagwörter, die man mit ihnen verbindet. Man hört viel Negatives über sie, doch das ist den meisten mittlerweile egal. „Die Presse macht zumeist, was sie will, dann brauchen wir auch nichts mehr dazu beitragen“, sagt ein fanatischer Fan. Ultras suchen sich ihre Feindbilder und finden sie auch schnell.

Die Ultra-Gruppen der Fußball-Bundesliga

Bemerkenswertes Selbstverständnis

„Ultra ist für uns eine Geisteshaltung, eine grundsätzliche Einstellung zum Fan-Dasein ... Wir sind die Hauptsache! WIR sind das Spiel und der Verein (bzw. dessen Reste)“, schrieben die Ultras des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt auf ihrer Homepage. Sie definieren sich als Kern der Fanszene, sogar als Kern des gesamten Sports. Sie erheben einen elitären Anspruch auf den Sport und das Fantum. Und blicken auf die „normalen“ Fans hinab.

„Fast nur pauschalisiert“

Und dennoch: „Ultras werden zu sehr auf ihre negativen Eigenschaften reduziert. Ich kenne weltweit keine andere Subkultur, bei der so wenig differenziert, sondern fast nur pauschalisiert wird“, sagt Ultra-Experte Christoph Ruf, Journalist und Autor des Buches „Kurvenrebellen“. „Man vergisst ihre Kreativität und Leidenschaft. Das Ultra-Dasein bedeutet viel mehr als das, was man die Öffentlichkeit darüber weiß.“

Mehr als 25.000 Ultras gibt es in Deutschland, vor allem junge Männer im Alter von 15 bis 25 Jahren. Sie bilden die größte jugendliche Subkultur. Die meisten Ultra-Fans gibt es im Fußball, immer mehr von ihnen auch im Eishockey, Handball oder Basketball. Ultras lieben und leben ihren Verein – und rebellieren gegen die Gesellschaft.

Rebellentum und kindliche Kreativität

Christoph Ruf beschreibt das Ultra-Selbstverständnis so: „Wir leben heute in einer vereinsamten Ellenbogen-Gesellschaft. Solidarität und Zusammenhalt spielen kaum eine Rolle mehr, Familien erodieren. Man wird überall überwacht, steht stark unter Druck und darf seiner Kreativität nicht mehr freien Lauf lassen.“ Ultra-Gruppierungen böten dann den Rückhalt, den junge Menschen in der Gesellschaft oft nicht mehr finden: eine Mischung aus Rebellentum und kindlicher Kreativität. „Ultras sind oft ein Familienersatz“, sagt Reiner Calmund, Ex-Manager von Bayer 04 Leverkusen.

Der Adler ist das Wappentier von Eintracht Frankfurt - in der Fankurve erwacht er eindrucksvoll zum Leben. (Foto: Holger Urbschat*)

Ein Polizeibeamter über seine schwierige Freundschaft zu einem Ultra.

Vor dem Wintergame 2013 in Nürnberg zünden Eisbären-Ultras Pyrotechnik. (Foto: Jay Smith*)

Feindbilder

A.C.A.B. (All Cops are Bastards) - zu lesen auf Bannern, Fahnen oder Aufklebern. Diese vier Buchstaben verdeutlichen: Die Polizei ist das Ultra-Feindbild Nummer eins.

„Ultras setzen sich eigene Normen. Sie bauen einen eigenen Staat im Staat auf“, sagt Achim Zahn, Leiter der Polizeiinspektion Mainz. „Das Ultra-Dasein bedeutet, sich ohne staatliche Reglementierungen auszuleben.“ Oft kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Fronten.

Einsatz von Schusswaffen?

„Wir werden von den Ultras als Scheiß-Bullen und Drecksschweine angesehen. Die Einsätze für unsere Beamten werden immer gefährlicher“, sagt Zahn. Er berichtet vom Derby Mainz gegen Frankfurt im November 2013, als 250 mutmaßliche Ultras sechs Polizeibeamte fast umgetrampelt hätten. „Die Gewaltspirale dreht sich immer weiter. Irgendwann kommt der Tag, an dem es unsererseits fast zwangsläufig zu einer Notwehrsituation und zu einem Schusswaffengebrauch kommt“, sagt Zahn. „Wir wollen das nicht. Aber diese Situation wird kommen.“

Keine Hooligans

Ob daran ausschließlich die Ultras Schuld sind? Fanforscher Jonas Gabler sagt: „Teilweise wird bei der Polizei etwas vereinfacht. Auffällige Fans werden manchmal vorschnell als Ultras bezeichnet.“ Ultras werden wiederum gelegentlich mit Hooligans verwechselt. Hooligans suchen sich den Sport als Plattform für Gewalt, sind am Sport an sich allerdings nicht interessiert - im Gegensatz zu den Ultra-Fans.

„Irgendwann gibt es Haftstrafen“

Trotzdem stellt Christoph Ruf eine große Gewaltbereitschaft von Ultras fest: „Wenn es zu Prügeleien mit der Polizei kommt, gibt es keine Fairnessregeln mehr. Der Polizist, aber auch der rivalisierende Fan, der dir gegenüber steht, wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen, sondern nur noch als Ziel für Gewalt", sagt er. „Es wird mit einer Brutalität zugeschlagen und zugetreten, die erschreckend ist." Andererseits beklagen auch Ultra-Fans überdimensionierte Polizeieinsätze und Übergriffe durch Beamte. „Ich möchte nicht verschweigen, dass es auch unter uns Polizisten das eine oder andere schwarze Schaf gibt", gesteht Zahn.

Vernünftige Kommunikation zwischen Polizei und Ultras gibt es fast gar nicht mehr, beklagt Polizeidirektor Zahn. „In Zukunft muss sich etwas ändern. Wenn die Ultras weiterhin nicht mit uns kommunizieren wollen, dann kenne ich nur noch schwarz oder weiß“, sagt er. „Dann wird es bei einer weiteren Eskalation wohl oder übel irgendwann Haftstrafen geben.“

Bengalische Feuer
 
Meist ist Pyrotechnik der Grund für Auseinandersetzungen zwischen Ultras und Polizei. Ultras sehen Pyrotechnik als entscheidenden Bestandteil ihrer Fankultur. Doch das Abbrennen bengalischer Feuer im Stadion ist gesetzlich verboten und gefährdet Unbeteiligte. „Pyros sind so, als würde ich gerne eine Bombe im Fanblock loslassen ... das geht einfach nicht", sagt Moderator und Fußballfan Oliver Pocher. Ein Kompromissversuch scheiterte 2012: Ultras erklärten sich bereit, Pyrotechnik kontrolliert in abgegrenzten Bereichen der Kurve zu zünden. Doch die Verbände brachen die Gespräche kurzerhand ab. Seitdem sind die Fronten endgültig verhärtet.

„Wenn du als Spieler auf den Platz kommst und siehst, dass in der Fankurve bengalische Feuer gezündet werden, bekommst du ein mulmiges Gefühl“, sagt der Ex-Nationalspieler und jetzige Sport1-Experte Thomas Strunz. „Du musst ja vielleicht vor der Kurve noch einen Eckball schießen. Dann hoffst du nur, dass du nichts abbekommst.“ Die Leidtragenden sind auch die Vereine. Sie müssen die fälligen Geldstrafen bezahlen, sobald Pyrotechnik gezündet wird. „Die Ultras müssen einsehen, dass das Thema Pyrotechnik ein für allemal erledigt ist“, sagt Christian Heidel, Manager des 1. FSV Mainz 05. „Aber es gibt immer wieder ein paar Unverbesserliche, die diese Dinge anzünden, die so gefährlich sind.“

Prestigeobjekt Schal

Zum Alltag der Ultras gehören auch ausgelebte Rivalitäten mit anderen Ultra-Gruppierungen, im Stadion wie auch außerhalb. Weit verbreitet in der Szene ist das „Schalziehen“ (Entwenden eines gegnerischen Fanschals). Wenn dies gelingt, verliert der bestohlene Ultra seine Ehre. Das gleiche gilt für Banner und Fahnen. Das größte Prestigeobjekt ist die so genannte Zaunfahne, hinter der sich die Ultras im Stadion versammeln. Gelangt diese in die Hände einer gegnerischen Gruppe, muss sich die „entehrte“ Gemeinschaft auflösen. So wie die Ultras Mönchengladbach im Jahr 2008, nachdem ihnen verfeindete Ultras des 1. FC Köln („Wilde Horde“) die Zaunfahne gestohlen hatten.

„Auch ohne Ultras gute Stimmung" - Oliver Pocher, Moderator und Fußballfan.

„Oliver Pocher, Moderator und Fußballfan

„Ultras vergessen andere Fans" - Christian Heidel, Manager des 1. FSV Mainz 05. (Foto: Mainz 05 / Zimmermann*)

Beim Derby gegen Eintracht Braunschweig ist die gesamte Fankurve von Hannover 96 in eine grün-weiß-schwarze Choreographie gehüllt. (Foto: Holger Urbschat*)

Rituale

Heimspiel der Eisbären Berlin: In der gesamten Fankurve haben die Ultras blaue, weiße und rote Fahnen verteilt, 3.000 „Dynamo“-Fans schwenken sie euphorisch. In wochenlanger Arbeit planen die Ultras Choreographien, malen Fahnen, Banner oder Doppelstockhalter - als Zeichen der grenzenlosen Liebe zu ihrem Verein.

Hauptsache, der Support stimmt

Die Kosten bewegen sich oft im vierstelligen, bei aufwändigen Fußball-Choreographien, die die gesamte Fankurve "schmücken", sogar im sechsstelligen Bereich. Die Ausgaben tragen die Ultras meist selbst, manchmal gibt es Spenden. Wie das Spiel am Ende ausgeht? Das ist fast zweitrangig - Hauptsache, der Support stimmt. Jede Ultra-Gruppierung hat eigene Lieder, das gesamte Spiel wird durchgesungen. Mit seinem Megaphon gibt der „Capo“ (Italienisch für „Anführer") den Takt der Kurve vor.

„Auf unsere Choreos darf man stolz sein" - Ecki, Ultra der Eisbären "Dynamo" Berlin.

„Als Capo im Block, das ist eine Sucht"

„Vom Geschehen auf dem Eis bekomme ich meistens nicht viel mit. Aber das ist nicht schlimm“, sagt Eisbären-Capo Maik. Er steht mit dem Rücken zum Spielfeld, mit dem Gesicht zu den anderen fanatischen Fans. „Wenn die ganze Kurve singt, gibt mir das innerlich viel mehr, als wenn ich gemütlich jedes Tor sehen würde. Als ‚Capo’ im Block zu stehen, das ist schon eine Sucht“, sagt er.

Manche nervt der Klangteppich

Doch der Dauergesang der Ultras gefällt nicht jedem Fan. Den Ultras wird vorgeworfen, bei ihren Liedern zu wenig auf das Spielgeschehen einzugehen. Bei einer knapp verpassten Torchance wollen die „Durchschnittsfans“ lieber den Vereinsnamen brüllen, anstatt beim ewig selben Lied der Ultras einzustimmen. Ihnen geht der dauerhafte Klangteppich der Ultras auf die Nerven.

Ein weiteres Problem: Ultras wollen ihre selbst gemalten Fahnen am liebsten das gesamte Spiel über schwenken. Doch damit versperren sie anderen Fans, die sich in die Nähe der Ultras „verirrt“ haben, die Sicht auf das Spielfeld.

Das Wappen von Borussia Dortmund im Signal Iduna Park. (Foto: Marcel Friederich/UnterANDEREN)

„Ich laufe nicht wie die Jungs mit den Bengalos herum" - Anne, Ultra der Eisbären Berlin.

Zukunft

Frauen in der Kurve? Diese Frage löst bei vielen Ultras hitzige Diskussionen aus. In Karlsruhe, Dresden oder Mönchengladbach ist es für Frauen nahezu unmöglich, sich in der Ultraszene zu engagieren. Sie dürfen nicht mit dem aktiven Kern zu Auswärtsspielen fahren oder niemals selbst Ultra-Gruppenkleidung tragen.

Besonderes Engagement der Frauen

„Wir haben nichts gegen Frauen, aber sie stören die Harmonie in einer Gruppe von Männern“, erklärt ein Ultra-Mitglied eines ostdeutschen Fußballclubs. „Wir haben als Ultras schon genug Probleme, da braucht man nicht noch zusätzlich Stress mit Frauen.“ Die wenigen Frauen, die in den Gruppierungen aktiv sind, zeigen meist besonders großes Engagement. Sie organisieren Auswärtsfahrten oder verwalten die Haushaltskasse - so wie Anne von den Fanatics Ost. Sie ist das einzige Mädchen bei den Ultras der Eisbären Berlin.

Großkreutz: „Für mich gehören Ultras einfach dazu“

Egal ob mit oder ohne Frauen: Kevin Großkreutz mag die Ultras. Bevor er Profi bei Borussia Dortmund wurde, stand der Fußballer selbst zwölf Jahre lang auf der Südtribüne im Fanblock. „Ich finde es schade, dass die Ultras immer in einen Topf mit gewaltbereiten Hooligans geworfen werden – das entspricht nicht den Tatsachen“, sagt Großkreutz. „Man muss sich nur mal anschauen, was diese Jungs beispielsweise für Choreos machen – ich habe Poster davon zu Hause. Wie viel Geld und Zeit die Ultras nur für Borussia Dortmund investieren, ist einmalig. Sie leben für diesen Verein, sind für die Stimmung verantwortlich“, sagt Großkreutz: „Für mich gehören die Ultras einfach dazu.“ Auch André Rankel, Kapitän der Eisbären Berlin, sagt: „Die Ultras sind für uns Spieler sehr wichtig. Sie pushen uns extrem.“

Durch Pyrotechnik am Ende?

Doch wie lange wird es Ultras noch geben? Christoph Ruf glaubt, dass die Ultras, zumindest im Fußball, „perspektivisch am Scheideweg“ stehen. Knackpunkt sei das Thema Pyrotechnik: Ultras wollen sich das Abbrennen von Bengalos nicht nehmen lassen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) jedoch sind strikt dagegen. „Das sind zwei Züge, die aufeinander zu rasen“, sagt Ruf. „Nach aktuellem Stand ist kein Kompromiss möglich. Stattdessen wird die Radikalisierung auf beiden Seiten zunehmen.“

Ruf befürchtet: „Wenn nun weiterhin sinnlos in der Gegend herumgezündelt wird und die andere Seite mit aller Macht jedes Lichtlein verfolgt, könnte dies das Ende der Ultras bedeuten.“ Mehr Pyrotechnik bedeuten früher oder später mehr Repressalien und strengere Kontrollen, glaubt Ruf. Irgendwann könne es sogar zu „englischen Verhältnissen“ kommen: dem Verbot von Stehplätzen. „Wenn die Repressalien zu groß werden, verliert das Ultra-Dasein seine Attraktivität“, sagt Ruf. „Deshalb könnte es passieren, dass in fünf bis zehn Jahren kaum noch Nachwuchs in die Ultraszene hineinwächst.“

 

 

* Fremdmaterial
** Name der Redaktion bekannt

„Die Ultras ziehen andere Fans mit" - André Rankel, Kapitän der Eisbären Berlin.

„Übeltäter hart bestrafen und therapieren" - Reiner Calmund, Ex-Manager Bayer 04 Leverkusen.