Wissenschaftsjahr 2007 - Person

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Person

"Geisteswissenschaften!" – das kann manchmal auch ein mitleidiger Stoßseufzer sein. Wenn sich zum Beispiel ein ganz normaler, keineswegs ungebildeter Mensch, der nie daran gezweifelt hat zu wissen, was eine Person ist (nämlich einfach ein Mensch und in der Rechtssprache auch eine Körperschaft), zu einem Kaffeekränzchen zeitgenössischer Philosophen verirrte. Der jüngst verstorbene Sir Peter Strawson, ein Vertreter der analytischen Philosophie, säße dort und erklärte, eine Person sei ein Seiendes (Entität), dem Prädikate für körperliche Eigenschaften sowie für Bewusstseinszustände zuzuschreiben seien. Der Begriff Person setze sich aber aus diesen beiden Prädikaten nicht zusammen, sondern sei nicht weiter analysierbar.

Dem ebenfalls (persönlich) anwesenden amerikanischen Philosophen Harry Frankfurt läge ein gewichtiger Einwand auf der Zunge: Die beiden Zuschreibungen reichten keineswegs aus, wäre dann doch auch ein Dackel eine Person. Es sei unbedingt die Willensfreiheit als Merkmal hinzuzunehmen. Andererseits stehe fest, dass Außerirdische keine Menschen, sehr wohl aber Personen sein könnten. Nun spränge der Ethiker Peter Singer auf: Ganz recht, zwischen Mensch und Person müsse unterschieden werden. Nur diejenigen dürften Personen heißen, die sich ihrer eigenen Identität bewusst seien. Und Menschen im Koma, fragte Robert Spaemann erregt?

Dackel, Außerirdische, unanalysierbare Seiende – auch wenn es nicht so scheint, unser Beobachter, dessen intuitiver Begriff von Person keineswegs falsch ist, wäre in eine der lebhaftesten geisteswissenschaftlichen Debatten unserer Zeit hineingeraten: Was ist der Mensch? Dabei reichen die Versuche, sein Wesen in der Person zu erkennen, weit zurück. Der Begriff "persona" entstammt der Maske des Schauspielers im alten Rom. Zu weitreichenderen Überlegungen gab er erstmals unter den christlichen Kirchenvätern Anlass, weil zu erklären war, was es bedeutete, dass sich das eine göttliche Wesen in drei Formen manifestierte, als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Man nannte die drei Instanzen aus der Not heraus Personen.

Wirklich wichtig wurden die Überlegungen aber erst in der Neuzeit, als das Subjekt autonom wurde und sich die Person von der Seele trennte. Die Folge: Eine solche Person hat gewisse Freiheiten und eine gewisse Verantwortung für die eigenen Handlungen. Daraus ergeben sich Rechte und Pflichten höchster Ordnung, Menschenrechte und Menschenpflichten. Deren so ungeheure Verletzung in der jüngeren Geschichte schwingt immer mit, wenn heute über die Person nachgedacht wird.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden in der Philosophie die Grundpositionen entwickelt, auf die Theoretiker bis heute zurückgreifen. Der englische Philosoph John Locke, der die Existenz einer Seelensubstanz ablehnte, fragte sich, wie dann personale Identität über den Moment hinaus möglich sei. Antwort: durch Selbstbewusstsein. Immanuel Kant verwendete den Personbegriff darüber hinaus zur Kennzeichnung moralischer Qualität: Personen sind vernünftige, autonome Wesen und als solche nur den Gesetzen unterworfen, die sie sich selbst geben; sie besitzen Würde und Rechte. Gegen die reine Selbstbestimmung betonte Hegel die Gemeinschaft und den freien Willen: Eine Person entwickle sich erst dadurch, dass ein Subjekt in Beziehung zu anderen trete. Die Person realisiere sich in einem Prozess der wechselseitigen Anerkennung.

Die charakterlichen Kennzeichen einer realen Person (metaphorisch so benannte Kollektive bis hin zum Staat einmal ausgenommen) werden als Persönlichkeit gefasst. Die Psychologie hat mit der Analyse von Persönlichkeitsstörungen bis hin zur "Depersonalisation" etwa nach extremen Erfahrungen zu einem entwicklungsgeschichtlich erweiterten Verständnis von Persönlichkeit beigetragen: Sehr verschiedene Stadien werden von ihr überspannt, die gewissermaßen Einheit in der Vielheit garantiert. Heute geht es in der angewandten Philosophie vor allem deshalb um eine klare Begründung dessen, was eine Person ist, damit – so die Hoffnung – jeder (auch biowissenschaftlichen) Verletzung ihrer Würde wirksam Einhalt geboten werden kann.


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