THDE liest (12): Der Fall Jane Eyre: Muss die Zukunft in der Zukunft liegen?

Jasper Fforde ist der der einzige (oder zumindest erste) Autor, der für seine Bücher Patches anbietet. Das ist aber sicherlich nicht der einzige Grund, warum wir die Reihe bei uns besprechen.

Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum?

Der Fall Jane Eyre ist der erste (abgeschlossene) Band einer bisher siebenbändigen Kultreihe um die LitAg Thursday Next. Anstatt die Romane aber in der Zukunft anzusiedeln, tummeln sie sich in einer Parallelwelt.

Beginnen wir mit der Antwort auf ein paar Fragen. Was für eine Parallelwelt und was in Shakespeares Namen ist eine LitAg?

Irgendwo ganz anders

Die Romane spielen im Britischen Commonwealth bzw. dem was noch davon über ist. Im Gegensatz zu unserer Realität hatten die Nazis in der Romanwelt England erobert, konnten aber wieder vertrieben werden.

Dummerweise reibt sich die Nation aber seit 131 Jahren im Krimkrieg mit Russland auf (in unserer Welt endete der Krim-Krieg übrigens im Jahr 1856). Selbst Wales konnte sich unabhängig erklären und ist jetzt die Volksrepublik Wales.

Viel schwerer wiegt allerdings der Unterschied, dass Literatur in dieser Welt wichtiger ist als bei uns. Wichtiger? Nein, viel wichtiger oder eher sehr viel wichtiger!

Von LitAgs und SpecOps-Agenten

Literatur ist so wichtig, dass es für Literaturverbrechen eine eigene Polizei gibt: SpecOps-27. Allerdings sagt schon Nummer 27, dass sie unter den 30 Einheiten des Special Operation Networks dann eben doch nicht ganz so wichtig ist.

"Wer zu den SpecOps will", so eine Redensart, "muss schon ein paar Schrauben locker haben …"

SO-27 wacht über profane Delikte wie Buchfälschungen und Bücherdiebstahl. Allerdings sind einige Aufgaben deutlicher diffiziler oder gar verrückter - doch dazu später mehr.

Von Thursday Next

Protagonistin Thursday Next hat früher im Krimkrieg gedient, war anschließend Polizistin und hat sich jetzt zur LitAg hochgedient. Und ihr "verrückter Name" hat Programm:

Ich kam an einem Donnerstag zur Welt, daher der Name. Mein Bruder wurde an einem Montag geboren und erhielt folglich den Namen Anton. Meine Mutter hieß Wednesday, kam aber an einem Sonntag zur Welt – warum, weiß ich nicht –, und mein Vater hatte überhaupt keinen Namen – nach seinem Abgang löschte die ChronoGarde seinen Namen und seine Identität.

Die Chronogarde ist übrigens SO-12 und beschäftigt sich mit Zeitreisen.

Thursdays Haustier ist ein Do-It-Yourself-Klon eines Dodos. Überhaupt wird in Thursdays Welt ziemlich wild herumgeklont. Eine der SpecOps-Einheiten wird sogar von einem geklonten Neandertaler geleitet.

Doch was Thursday zu etwas Besonderem macht, ist ihre Fähigkeit, Bücher bzw. ihre Handlung zu betreten. Und damit wächst auch der Aufgabenbereich und die Bedeutung von SO-27 deutlich.

Das Spiel mit Worten und Ideen

Was den Roman (bzw. die ganze Buchreihe) zu etwas ganz Besonderem und letztlich zu Kult macht, ist Ffordes spezielle Art und Weise mit Worten und mit Konzepten zu spielen.

"Ich bin nicht mit dem Colonel hier. Das war reiner Zufall."

"Ich glaube nicht an Zufälle."

"Ich auch nicht. Ist das nicht ein Zufall?"

"Der Student sah mich verwirrt an."

Dank der Chronogarde gibt es eine beachtliche Menge Zeitreisen in den Romanen. Ob Jasper Fforde ein Problem mit Zeitparadoxa hat? Sicher nicht. Die Frage ist eher, ob Zeitparadoxa ein Problem mit Jasper Fforde haben.

Viele der verrückten Entwicklungen und Erfindungen stammen aus der Feder von Thursdays Onkel Mycroft Next.

"Hat der Gedächtnislöscher eigentlich funktioniert, Onkel?"

"Was?"

"Der Gedächtnislöscher. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, warst du gerade dabei, ihn zu testen."

"Ich weiß nicht, wovon Du sprichst, liebes Kind."

Und das ist nur der Anfang. Seine vermutlich größte Erfindung sind die Hyper BücherwürmerPlus, die das Reisen in Bücher erlauben.

Handlung

Ach ja, muss nicht auch noch etwas über die Handlung gesagt werden? Natürlich ist die Handlung nicht so nebensächlich, dass sie erst jetzt erwähnt werden sollte, aber jetzt ist es eh zu spät, es zu ändern.

Der Erzbösewicht Acheron Hades stiehlt das Originalmanuskript von Dickens' Martin Chuzzlewit. LitAg Thursday Next versucht das Verbrechen aufzuklären und wird immer mehr in einen Strudel von Ereignissen gerissen, die über ihre eigentliche Tätigkeit und Verantwortung hinausgehen.

Dabei bleibt es natürlich nicht - aber mehr muss hier gar nicht verraten werden.

Fazit

Neben den Wortspielen befleißigt sich Fforde auch besonderer Spiele mit Grammatik und anderen Sprachaspekten. Hierbei kommt Fforde allerdings erst gemächlich in Fahrt und folglich steigt auch die Qualität der Romane stetig an. Dadurch ist der erste, hier besprochene, Band vermutlich nicht der Beste aus der Reihe, aber immerhin der beste Einstieg.

Die meisten - vielleicht sogar alle - Namen im Buch haben eine tiefere Bedeutung. Wer tiefer hineintauchen will, der findet eine Liste der Figuren in der englischen Wikipedia. Im Deutschen kommt das ein oder andere natürlich nicht perfekt rüber.

Überhaupt ist die Reihe so Englisch, wie ein Buch nur sein kann. Denn neben den englischen Wort- und Grammatikspielen lebt sie auch vom Spiel mit englischer Literatur. So handelt Der Fall Jane Eyre naturgemäß viel von und auch in Charlotte Brontë'e Roman Jane Eyre. Aber auch Charles Dickens und William Shakespeare spielen eine große Rolle.

Wer in den englischen Klassikern nicht so bewandert ist, kann dies ergo nonchalant ändern.

Die Thursday Next-Reihe ist für all jene etwas, für die Sprache mehr bedeutet, als ein Mittel, sich eine Pizza zu bestellen - und anschließend wird Sprache für alle Leser nie wieder das sein, was sie noch zuvor war.

Wer mehr über das Next-Universum herausfinden möchte, findet neben den Patches für die Bücher auch eine Menge anderer (witziger) Informationen auf Ffordes Webseite.

Ihr möchtet noch mehr lesen? Hier findet ihr weitere Buch-Rezensionen von uns:

>>>   Daniel Suarez: Daemon
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>>>   Neil Stephenson: Amalthea
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