Fall Niklas: Jacke mit Blut und zweiter Tatverdächtiger gefunden

Fall Niklas: Jacke mit Blut und zweiter Tatverdächtiger gefunden

Von Jochen Hilgers und Christoph Hensgen

Es ist eine Spur, die den Hauptverdächtigen im Fall Niklas schwer belastet: eine Jacke, an der sein Blut klebt. Diese Jacke haben Ermittler in der Wohnung von Walid S. gefunden. Für die Staatsanwaltschaft ist es der entscheidende Beweis dafür, dass er Niklas getötet hat.

Bislang hatte die Bonner Staatsanwaltschaft immer behauptet, es gebe in den Ermittlungen keinen einzigen objektiven Beweis. WDR-Recherchen haben jetzt das Gegenteil ans Licht gebracht.

Ermittler sprechen von einem entscheidenden Puzzle-Teil

Ein Mann im Anzug wird mit zahlreichen Mikrophonen interviewt

Oberstaatsanwalt Robin Faßbender

Nach dem Fund der Jacke steht für die Staatsanwaltschaft zweifelsfrei fest, dass Walid S. (20) der Täter ist. Für die Ermittler ist sie ein entscheidendes Puzzle-Teil, das Oberstaatsanwalt Robin Faßbender als Leiter des Verfahrens seit Tagen verschwiegen hat. 

Walid S. hat sich Jacke angeblich nur geliehen

Für die Verteidigung hingegen hat die Jacke nur wenig Beweiskraft. Der Beschuldigte behauptet nämlich, dass ihm die Jacke nicht gehört. Und dass er sie sich erst im Verlaufe der Tatnacht bei einem Freund geliehen hat, weil ihm kalt geworden sei. Der Besitzer der Jacke hat das Kleidungsstück nach eigenen Angaben in der Nacht tatsächlich verliehen. Wie er aber behauptet nicht an Walid S., sondern an einen anderen Freund. Handelt es sich dabei um den dritten Tatverdächtigen? Zeugen hatten berichtet, dass drei junge Männer am Tatort auf das spätere Opfer Niklas getroffen waren. Sagen die Betroffenen die Wahrheit? Oder versuchen sie sich gegenseitig zu decken?

Wer hat die Jacke bei der Tat getragen?

Beim Anblick der vielen persönlichen Botschaften und Bilder an der Gedenkstelle hatten viele Menschen Tränen in den Augen.

Viele Menschen kamen zu Niklas Gedenkstelle, um Abschied zu nehmen

Die entscheidende Frage ist: Wer von den Dreien hat die Jacke kurz nach Mitternacht, als Niklas zu Tode geprügelt wurde, tatsächlich getragen? Der Hauptverdächtige Walid S.? Oder Hakim P., der Besitzer der Jacke? Auch er sitzt in Untersuchungshaft. Allerdings wegen eines anderen Delikts, wie der WDR erfuhr. Hakim P. gehört damit auch zu den Verdächtigen, die den Tod von Niklas auf dem Gewissen haben könnten. Auch der dritte mögliche Träger der Jacke ist identifiziert und wurde bereits verhört, ist inzwischen aber wieder auf freiem Fuß. Die Ermittlungsbehörden hatten auch auf mehrfache Nachfrage immer wieder behauptet, von den beiden mutmaßlichen Mittätern keine Spur zu haben.

Alkohol und Drogen im Spiel

Nach Informationen des WDR-Studios Bonn gehen die Ermittler derzeit von folgendem Szenario aus: Der Hauptverdächtige und weitere Freunde treffen sich wie so oft am Wochenende im Bad Godesberger Kurpark. Dort konsumieren sie reichlich Alkohol und Drogen. Die Freundin des Hauptangeklagten ist mit dabei im Kurpark. Gegen Mitternacht verschwinden der Hauptverdächtige und zwei seiner Freunde. Einer trägt die Jacke, an der später Niklas' Blut gefunden wird. Die Ermittler nehmen an, dass die drei später auf Niklas und seine Clique treffen. Es kommt zum Konflikt mit den tödlichen Folgen. Später kehren sie in den Kurpark zurück. Die Frage, wer Niklas zu Tode geprügelt hat, ist damit aber nicht beantwortet.

Bad Godesberg - Im ehemaligen Diplomatenviertel gärt es

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 03.06.2016 | 21:20 Min.

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Erst Freund von Niklas bringt Polizei auf die Spur des Hauptverdächtigen

Demonstranten und Polizisten

Die Ermittlungen der Polizei dauern an

Wie der WDR außerdem erfuhr, hat der beste Freund von Niklas die Polizei erst auf die Spur von Walid S. gebracht. Er war zusammen mit einem weiteren Freund dabei, als Niklas angegriffen wurde. Nach der Tat recherchierte er, und nicht etwa die Polizei oder die Staatsanwälte, bei Facebook, durchforstete die Internetauftritte von Bad Godesberger Jugendgangs – und erkannte den mutmaßlichen Haupttäter wieder. Bei dem finden Ermittler der Mordkommission schließlich die Jacke mit Niklas' Blut. Ein Verdienst akribischer Suche im Internet, der nicht auf das Pluskonto der Ermittler geht.

Wie stark belastet die Jacke Walid S. tatsächlich?

Welche Beweiskraft aber hat dieser Fund? Neben der Jacke mit den Blutspuren finden die Polizisten keinen einzigen weiteren objektiven Beweis. Auch keinen weiteren forensischen Beweis. Also kein T-Shirt, keine Hose oder Schuhe, an denen Niklas Blut klebt. Weil sich Walid S. die Jacke tatsächlich nur geliehen hat? Oder weil er seine Kleidungsstücke nach der Tat gereinigt oder gar vernichtet hat? Warum aber lässt er dann nicht auch die Jacke verschwinden? Möglicherweise war die Blutspur an der Jacke nicht mit bloßem Auge erkennbar. Eine Mikrospur also.

Haftprüfungs-Termin bei Gericht

Blumen, Kerzen und Kränze liegen um ein Holzkreuz

Niklas Tod löste große Trauer aus

Nach dem gewaltsamen Tod des 17-jährigen Niklas P. sollte eigentlich heute (20.06.2016) eine Haftrichterin entscheiden, ob der bisherige Hauptverdächtige weiter im Gefängnis bleibt. Der Haftprüfungstermin wurde aber um mindestens eine Woche verschoben.

Wann der Haftprüfungs-Termin nachgeholt wird, ist noch unklar. Fest steht schon jetzt: Die Haftrichterin hat eine sehr schwere Aufgabe. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung werden versuchen, die Juristin von ihrer jeweiligen Position zu überzeugen. Hinzu kommt der öffentliche Druck, denn eine ganze Stadt wartet auf die Entscheidung im Landgericht.

 

Stand: 20.06.2016, 15:12