"Selektive Empörung"

Rudolf Steiner rassistisch und antisemitisch?
Kommission präsentiert die Fakten

Am 1. April 2000 hat die von dem international tätigen Menschenrechtsanwalt Ted van Baarda geleitete Kommission "Anthroposophie und die Frage der Rassen" im niederländischen Zeist den Abschlussbericht ihrer vierjährigen Arbeit der Presse vorgestellt. Damit erfolgt ein gewichtiger Beitrag aus den Niederlanden zu kürzlich in Deutschland erhobenen Vorwürfen gegen Rudolf Steiner und die Anthroposophie.

Hat Rudolf Steiner (1861-1925), der Begründer der Waldorfpädagogik, der anthroposophischen Medizin und des biologisch-dynamischen Landbaus rassistisch gedacht und regt seine Anthroposophie zum Antisemitismus an? Solche Alarmmeldungen geisterten durch deutsche Medien, als Beleg dienen immer wieder die gleichen Zitate.

Die niederländische Kommission hat die Fakten jetzt mit der denkbar grössten Vollständigkeit auf den Tisch gelegt. Sie hat die 89 000 Seiten der Steiner-Gesamtausgabe mehrfach durchgearbeitet, vorwiegend Stenogramme freigehaltener Vorträge und Gesprächsvoten. Dabei hat sie 16 Äusserungen gefunden, die, wenn sie im heutigen Umfeld genauso gemacht würden, diskriminierenden Charakter hätten.

Eine derartig aufwendige, juristisch orientierte Untersuchung der Äusserungen eines Autors dürfte einmalig sein.

Der Medienbeauftragte der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, Martin Barkhoff: "Ich kann gut nachfühlen, wie geschockt man durch einige von den 16 Zitaten sein kann, besonders wenn man sie als typisch und massgeblich für das anthroposophische Denken präsentiert bekommt. Aber dieser Schock ist ein Kunstprodukt.

Rein quantitativ betrachtet, sind es Ausreisser in 16 Stellen in über 89000 Seiten aus zum Teil mehr als 100 Jahre alten Texten.

Inhaltlich sagen die Textstücke das Gegenteil der Anthroposophie aus: sie spielen in der Anthroposophie keine Rolle und sind den meisten Anthroposophen auch nicht verständlich.

Macht man sich dann noch die Mühe, jedes Zitat in seinen genauen historischen Kontext einzuordnen wie 'Kampf für die Judenassimilation Ende des 19. Jahrhunderts' oder 'bildhafte Paradoxe als Denkprovokationen für eine Bauarbeiterversammlung' usw, dann bleibt von den Schock-Zitaten nichts übrig als "selektive Entrüstung."

 

Zusammenfassung

Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland
Der Medienbeauftragte

Abschlussbericht der niederländischen Kommission
"Anthroposophie und die Frage der Rassen"


Die niederländische Kommission "Anthroposophie und die Frage der Rassen" hat am Samstag, den 1. April ihren Abschlußbericht dem Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden vorgelegt. In diesem Abschlußbericht bestätigt die Kommission ihr früheres Ergebnis aus dem Zwischenbericht vom Februar 1998 (In deutscher Übersetzung erschienen in der Schriftenreihe "Kontext, Band 1"im Info3 Verlag.)

Demnach enthält das Gesamtwerk Rudolf Steiners (1861-1925) weder eine Rassenlehre, noch kommen Aussagen vor, die in der Absicht getroffen wurden, Menschen oder Personengruppen wegen ihrer Rassenzugehörigkeit zu beleidigen und die deshalb als rassistisch angesehen werden könnten. Nach dem Urteil der Kommission enthält das Gesamtwerk Rudolf Steiners jedoch eine Anzahl von Aussagen, die nach heutigen Maßstäben diskriminierenden Charakters sind oder als diskriminierend erfahren werden könnten.

Die Kommission folgert, dass 16 Aussagen Rudolf Steiners, wenn sie heute als eigene Behauptung in der Öffentlichkeit vertreten würden, nach niederländischem Recht verbotene, diskriminierende Aussagen wären; das sind vier mehr als in dem Zwischenbericht ermittelt. Eines davon wurde, wie in seiner Autobiographie nachgelesen werden kann, bereits zu Lebzeiten Steiners von einem jüdischen Bekannten als verletzend erfahren.

Die Kommission kommt erneut zu dem Ergebnis, dass Mutmaßungen, Rassismus gehöre inhärent zur Anthroposophie oder Steiner gehöre gar zu den ideellen Wegbereiter des Holocaust, kategorisch abgelehnt werden müssen. Es hat sich vielmehr herausgestellt, dass Steiner im Gegenteil bereits von 1900 an unter anderem in der deutschen Zeitschrift "Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" vor den Gefahren des Antisemitismus gewarnt hat.

Die bezeichneten 16 Aussagen stuft die Kommission als ungeschickt, bedenklich, stark beleidigend oder ernsthaft diskriminierend ein. Die letztgenannte Qualifikation bezieht sich zum Beispiel auf die Bemerkung, weiße schwangere Frauen würden durch die Lektüre einer bestimmten Art von "Negerroman" mulattenähnliche Kinder bekommen. Von den vier im Abschlussbericht zusätzlich bewerteten Zitaten bezieht sich eines auf Personen mit einem negroiden Äußeren, eines auf Asiaten und zwei auf Juden.

Die Kommission empfiehlt, diese Stellen aus der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe künftig nur noch kommentiert zu veröffentlichen. Das gilt auch für die Zitate der Gruppe 2, die zwar nicht als im juristischen Sinne diskriminierend im Sinne des heutigen Strafrechts eingestuft wurden, die jedoch in der Gefahr stehen, ohne entsprechende Interpretation leicht mißverstanden zu werden oder im geringeren Maße als diskriminierend erfahren zu werden (beispielsweise durch die zeitgebundene Wortwahl oder durch Verwendung anthroposophischer Fachbegriffe). In dem Zwischenbericht wurden 50 solcher Zitate genannt; im Abschlußbericht sind es 67. In die Gruppe 3 wurden alle Zitate eingestuft, die weder diskriminierenden Charakters sind noch einer Kommentierung bedürfen. Es betrifft alle übrigen der 162 untersuchten Zitate.

 

Abweichende Bedeutung

Die Verantwortung für die Wiedergabe der Äusserungen Steiners sowohl im Sinne eines eigenen Standpunktes wie als Beleg gegenwärtiger Anschauungen liegt bei den heutigen Autoren und Rednern. Sie sollten sich vergegenwärtigen, dass bestimmte Begriffe und Aussagen, auch wenn sie von Steiner ausschließlich im beschreibenden, charakterisierenden Sinne verwendet wurden heute emotionsbeladen sind und ungewollt eine diskriminierende Wirkung haben können. Es handelt sich hierbei um die Verantwortung von Rednern und Autoren gegenüber heutigen Zuhörern und Lesern, einschließlich Angehöriger ethnischer Minderheiten.

Weil die Bedeutung der Begriffe sich mit der Zeit ändert, kann die wortwörtliche Wiedergabe von Zitaten Rudolf Steiners deren Inhalt verändern. Überholte Begriffsbedeutungen können einen durchaus nachteiligen Eindruck vermitteln. Die Formulierung zum Beispiel, auch Neger seien Menschen, kann im heutigen Kontext ernsthaft diskriminierend wirken. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert wurden die nicht-europäischen Völker und Rassen im allgemeinen nicht selbstverständlich mit den europäischen Menschen zu der gleichen Art gerechnet. Vor diesem Hintergrund damaliger Denkgewohnheiten dürfte die Bemerkung damals eine emanzipatorische Ermahnung enthalten haben.

 

Judentum und Zionismus

Die Kommission hat für ihren Abschlußbericht auch die Auffassungen und Aussagen Steiners über Juden, das Judentum sowie über den Zionismus ausgewertet und beurteilt. Dieser Teil der Studie zeigt, dass Rudolf Steiner sich stark dagegen gewehrt hat, die Begriffe "Rasse" und "Volk" zu Masstäben für den politischen Begriff der Nation zu machen. Er war allgemein ein Gegner der Bildung ethnisch homogener Staaten. Aus diesem Grund hat er sich zu seiner Zeit auch prinzipiell gegen den Zionismus als staatsbildende Idee ausgesprochen und sich für die Integration des Judentums in eine gemeinsame, jedoch differenzierte europäische Kultur eingesetzt. Die Zugehörigkeit zum Judentum war für ihn ein religiöses und kulturelles Element, und damit nicht als Grundlage zur Bildung eines Staates in der modernen Welt geeignet.

Die Studie erläutert andererseits auch, warum Steiners Aussagen über das Judentum und den Zionismus und welche davon zu Missverständnissen und Kritik Anlaß gegeben haben. 1897 polemisierte Steiner als Essayist im "Magazin für Litteratur" scharf und persönlich gegen die Gründer des Zionismus, Herzl und Nordau. Er warf ihnen Übertreibung und Missbrauch des zur damaligen Zeit aufkommenden Antisemitismus für ihre eigenen politischen Ziele vor, während die Pogrome in Russland bereits einen Flüchtlingsstrom Richtung Deutschland und Österreich verursacht hatten. Weil Steiner damit im Wesentlichen die Vision der Assimilation vertrat, die sich bei ihm durchgehend findet, kann Steiner nach Auffassung der Kommission unmöglich des Antisemitismus beschuldigt werden, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt dessen Gefahr unterschätzte. Nichtsdestoweniger könne allein schon der bagatellisierende Charakter seines Urteils und die benutzten Formulierungen in dem betreffenden Essay nach dem Trauma des Holocaust in unserer Zeit als ernsthaft diskriminierend erlebt werden. Deshalb hat die Kommission das betreffende Zitat in der Gruppe 1 eingeordnet.

Das gilt auch für eine Äußerung in einem Aufsatz über die Rolle des Judentums in der Weltgeschichte, den der 27jährige Steiner in einer Buchrezension für die "Deutsche Wochenschrift" 1888 veröffentlichte. Steiner stellte die Eigenständigkeit des Judentums als isolierte Gruppierung innerhalb Europas in Frage, während er gleichzeitig den günstigen Einfluss des Judentums auf die europäische Kultur in einem breiteren Zusammenhang würdigte. Eine Stelle, die in diesem Zusammenhang auf Kritik gestoßen ist, lautet: "Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten."

Steiner war selbst betroffen, als dieser Artikel von seinem jüdischen Arbeitgeber Specht dessen Kinder er als Hauslehrer unterrichtete als für Juden verletzend erlebt wurde. Aus diesem Grund pflichtet die Kommission Steiners Biograph Christoph Lindenberg bei, der diese Stelle als "Entgleisung" qualifizierte. Sie selbst stellt fest, dass an der betreffenden Stelle eine "zu scharfe Formulierung" für den eigentlich gemeinten Standpunkt der Assimilation verwendet wurde. "Heute, nach dem Holocaust, kann diese Formulierung selbstverständlich nicht mehr in anständiger Weise verwendet werden. Für die Kommission ist diese Formulierung, wenn sie heute aktuell verwendet würde, ernsthaft diskriminierend gegenüber Juden" urteilt die Kommission im Wortlaut.

 

Anfängliche Unterschätzung des Antisemitismus

Rudolf Steiner widersetzte sich am Ende des 19. Jahrhunderts vehement den Plänen Theodor Herzls unter dem von ihm formulierten Zionismus dem Judentum einen staatlichen Rahmen, eine "Heimstätte", zu verleihen. Später hat Steiner seine Auffassung konsequent erweitert und sowohl das Ideal wie die Gründungen ethnisch homogener Staaten mit grossem Einsatz kritisiert. Aus einem Selbstbestimmungsrecht von Völkern (anstelle von Bevölkerungen) sah er vor allem Kriege, Minderheitenunterdrückung und zivilisatorischen Verfall hervorgehen, wobei er besonders auf Jugoslavien hinwies. Im Übrigen stellt die Kommission überraschend fest, dass Rudolf Steiner und sein Zeitgenosse Theodor Herzl als junge Intellektuelle zu wesentlichen Themen fast identische Auffassungen vertraten. Beide befürworteten die Emanzipation der Juden, beide schätzen den aufkommenden Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts anfänglich als ungefährlich ein und beide waren schockiert von der Affäre um Dreyfus und traten, überzeugt von dessen Unschuld, sofort öffentlich für ihn ein; wie sich später herausstellte: zu Recht.

Aus dem ergänzenden Material geht hervor, dass Steiner den Antisemitismus, den er stets scharf abwertete, zunächst massiv unterschätzte. In dem Zeitraum ab 1900, als Steiner einem Kreis von Künstlern und Intellektuellen um den gerade verstorbenen jüdischen Schriftsteller Jacobowski angehörte, war ihm die Gefahr des Antisemitismus präsent und er revidierte sein diesbezügliches Urteil. Er setzte sich in der Bekämpfung des Antisemitismus ein, ebenso wie er den Rest seines Lebens bis 1925 ständig und nachhaltig vor der Gefahr des aufkommenden Nationalismus warnte.

Er schrieb, er habe die Hartnäckigkeit antisemitischer Empfindungen bei den Studenten und in der Bevölkerung so nicht erwartet. Er war davon ausgegangen, dass diese Empfindungen immer mehr als unberechtigt erkannt und daher überwunden werden würden. Unter Einfluss unter anderem des damals radikalen Politikers Georg von Schönerer stellten sie sich als alles andere als ein Überbleibsel alter Zeiten heraus. Steiner bezog wiederholt und unumwunden Stellung in den "Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", unter anderem in einer Artikelserie unter dem Titel "Verschämter Antisemitismus".

Den Antisemitismus hatte er mittlerweile als "Gefahr sowohl für Juden als für Nichtjuden" und als "Kulturkrankheit" erkannt, die aus einer Gesinnung hervorging, gegen die nicht deutlich genug Stellung bezogen werden kann. In diesem Zusammenhang ist es bezeichnend für Steiners konsequente Haltung, dass er bereits 1919 die berüchtigte Protokolle der Weisen von Zion als antisemitische Fälschung bezeichnete, zwei Jahre bevor die Times dies ausführlich belegen konnte. Unveränderlich blieb er aber der Meinung, dass die Zeit der Eigenständigkeit des Judentums als städtische Diaspora, ebenso wie die anderer Völker, vorbei war, und, zitiert nach seinem Zeitgenossen Kunowski, "verschmelzen [müsse] in der Glut einer neuen Kultur, die den Rassenhass verbrennt".

 

Gleichbehandlung der "Rassen"

Die Kommission bedauert, dass in der öffentlichen Diskussion um Anthroposophie und Rassismus die Gesellschaftstheorie Rudolf Steiners bisher außer Acht geblieben ist. Am Ende des 19. Jahrhunderts hat in der Auffassung Steiners ein neues Zeitalter begonnen. Eines der wichtigsten Kennzeichen dieser neuen Ära ist das kosmopolitische Element, die Bestrebung, nationalistische Tendenzen und die Unterscheidung der Rassen zu überwinden. Unter anderem deshalb setzte Steiner sich als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg aktiv für seine Gesellschaftsvision, die sogenannte "soziale Dreigliederung" ein. Maßgeblich ist darin die Bedeutung, die Steiner der Freiheit des Individuums beimisst, das sich immer stärker aus den alten Formen der Gruppenbindung befreit.

Steiner hat den Versuch unternommen, die Verschiedenheit der Rassen und insbesondere der Völker mit dem Ziel zu beschreiben, ein besseres gegenseitiges Verständnis zu ermöglichen. In Bezug auf die Rassen war er der Meinung, dass eine Betonung ihrer Unterschiedlichkeit nicht mehr zeitgemäß sei. In der Diskussion um die "soziale Frage" nach dem Ersten Weltkrieg setzte Steiner sich nicht nur für Kulturvielfalt, sondern gleichermaßen für die Gleichberechtigung aller Bürger unabhängig ihrer Herkunft aus den verschiedensten Völkern und Rassen als allgemein gültiges Gesetz ein. Das war in einer Zeit, in der Gleichheit vor dem Gesetz noch keineswegs selbstverständlich war noch nicht einmal innerhalb der weißen Bevölkerung. Der vorliegende Abschlußbericht erwähnt in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Friedenskonferenz von Versailles ausdrücklich den Vorschlag verworfen hat, die Gleichbehandlung der Rassen in die Völkerbundcharta aufzunehmen.

Steiner widersetzte sich jedem Versuch, die Begriffe "Rasse" und "Volk" zu Massstäben für die Begriffe "Staat und "Nation" zu machen. Anlässlich seiner Kritik gegen den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson und dessen Doktrin eines Selbstbestimmungsrechtes der Völker hat Steiner eindringlich vor der Gefahr des aufkommenden Nationalismus gewarnt. Merkwürdigerweise wurde Steiners Warnung vor der Begriffsverbindung von Rasse und Nation in der öffentlichen Diskussion bisher nicht erwähnt, schreibt die Kommission.

Wilson wurde von Steiner wiederholt mit dem Argument angegriffen, ein solches Selbstbestimmungsrecht führe zwangsläufig zum Fremdenhass und der Bestrebung, ethnisch homogene Nationen zu bilden. Des Weiteren habe Wilson geflissentlich übersehen, dass versucht wird, die Frage, was ein "Volk" ist, mittels politischer Debatten zu entscheiden und sie damit der Willkür nationalistisch orientierter Politiker zu unterwerfen mit allen Folgen, die sich daraus ergeben. Jeder Versuch, die Frage nach der Volkszugehörigkeit eindeutig zu beantworten, führe zwangsläufig zu der Bestrebung, "sauberes Blut" zu selektieren. Steiner erwähnte in seiner Kritik an Wilson den ethnischen Kampf in dem damals sich bildenden Jugoslawien als Beispiel für die Folgen nationalistischer Selbstbestimmungsbemühungen.

 

Untersuchung der Kritik

Die Kommission geht in diesem Teil der Studie auch der Kritik nach, wonach der Anthroposophie unter anderem eine Nähe zur Ideologie des Nationalsozialismus vorgeworfen wird sowie fehlenden Stellungnahmen gegen die Nazis in den dreißiger Jahren bemängelt werden.

Zu dem ersten Vorwurf stellt die Kommission klar, dass keinerlei inhärente Beziehung der Anthroposophie zu Ideologien besteht, die auf Rassismus, Faschismus oder Antisemitismus beruhen. Die Weltanschauung Steiners, in der Rasseneigenschaften für die Zukunft keinerlei Bedeutung beigemessen wird, die die Überwindung von Rassenvorurteile sowie Nationalismen dringend nahelegt und die die Durchdringung von Völkern und Rassen vorschlägt und voraussagt, widerspricht der Blut-und-Boden-Theorie der Nazis. Das geht auch aus der Begründung des Verbots der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland durch die Nazis im Jahre 1935 hervor.

Unabhängig von dieser grundsätzlichen Erwägung anerkennt die Kommission die Möglichkeit berechtigter Kritik gegenüber bestimmten zeitgeschichtlichen Verbindungen von einzelnen Anthroposophen zu den Nazis. Diese Beziehungen sind gegenwärtig am Umfassendsten dokumentiert in dem Standardwerk von Uwe Werner "Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus" 470 Seiten R.Oldenbourg Verlag München 1999. (Zu diesem Buch sind die Pressematerialien bei der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland noch erhältlich).

 

Selektive Empörung

Zum Schluss weist die Kommission erneut darauf hin, dass es in den Niederlanden kaum vorgekommen ist, historische Veröffentlichungen wie diejenigen Rudolf Steiners, dermaßen streng einer Überprüfung zu unterziehen. Sie schreibt: "Die Zahl der Seiten, auf der Aussagen vorkommen, die als diskriminierend erlebt werden können, umfaßt weniger als ein Promille der gut 89.000 Seiten umfassenden Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe. Anthroposophie und Sozialdarwinismus widersprechen sich. Unterstellungen, Rassismus wäre der Anthroposophie inhärent oder Steiner wäre in konzeptioneller Hinsicht ein Wegbereiter des Holocaust, haben sich als kategorisch unrichtig erwiesen. Die Kommission kommt zu der festen Überzeugung, "dass Rudolf Steiner im Vergleich zu anderen Vorkriegsautoren und Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts (etwa Hegel oder Albert Schweitzer) das Opfer selektiver Empörung geworden ist."

Im Übrigen wird auf den Originalbericht in niederländischer Sprache verwiesen, den die Antroposofische Vereniging in Nederland herausgibt. Der Originalbericht kann gegen Voreinsendung eines Eurocheques über NLG 151 oder DEM 135 oder CHF 110 bei der Antroposofische Vereniging in Nederland, Boslaan 15, 3701 CH Zeist, Niederlande, bezogen werden.

Weitere Informationen bei Antroposofische Vereniging in Nederland, Boslaan 15, 3701 CH Zeist, Niederlande, e-Mail: secretariaat@antrop-ver.nl.

Die Veröffentlichung des Abschlußberichtes in deutscher Sprache wird vorbereitet.




www.waldorf.net     Stand: 7.04.2000