THDE liest: Der Armageddon-Zyklus von Peter F. Hamilton

Eine Science-Fiction-Serie mit 5800 Seiten bzw. über 170 Stunden Hörbuchmaterial? Da muss ganz schön viel passieren - und genau so ist es auch.

Die Handlung

Das Buch spielt im 26. Jahrhundert und die Menschheit hat sich zwischenzeitlich über hunderte Welten ausgebreitet.

Auf Mutter Erde hingegen toben heftige Armada-Stürme, weil scheinbar in unserer nächsten Zukunft der Klimawandel nicht aufgehalten werden konnte; die Menschen leben in Kuppeln (sogenannten Arkologien). Dennoch ist die Erde noch das wirtschaftliche Zentrum der menschlichen Konföderation.

Politisch hingegen spielt die Erde kaum noch eine Rolle. Die raumfahrende Menschheit unterscheidet zwischen den Edeniten, Menschen mit stark biotechnologischem (im Buch BiTek genannt) Hintergrund und einer Art Kollektivgesellschaft, und den Adamisten, die eher unsere geistigen Kinder sind und auf herkömmliche Technologie bauen.

Hauptprotagonist der Reihe ist der 21-jährige Joshua Calvert, der eine Mischung aus Schatzjäger und Archäologe darstellt. Er durchforscht die Trümmer einer untergegangenen Alienrasse, deren Überreste als Asteroidengürtel um eine Sonne kreisen. Er ist zwar eigentlich Adamist, lebt aber auf dem edenitischen Habitat (Raumstation) Tranquility. Neben seinem unglaublichen Gespür für Schätze scheint er auch ein enormes Händchen für Frauen zu haben.

Zweiter Schauplatz der Handlung ist die frisch gegründete Kolonie Lalonde. Auf ihr lebt und arbeitet es sich noch äußerst primitiv. Folglich haben die Kolonisten - unter ihnen Familie Skibbow - ein arbeitsreiches und beschwerliches Leben. Noch beschwerlicher und arbeitsreicher ist aber das Leben der sogenannten Zettdees. Sie sind deportierte Häftlinge und gelten - wenn überhaupt - nur als Menschen zweiter Klasse.

Quinn Dexter ist ein solcher Zettdee und nicht nur ein ausgemachtes Riesenarschloch vor dem Herrn, sondern war zuvor auch Mitglied einer Sekte auf der Erde, die Gottes Bruder (Satan) verehrte. Quinn hat sich das Ziel gesetzt, seinen Status Quo in der Kolonie zu verbessern.

Doch dann geschieht etwas völlig Unerwartetes: Einige Menschen werden von toten Menschen aus dem Jenseits übernommen und zu Besessenen - und die Possessoren breiten sich wie eine Epidemie auf Lalonde aus.

Hier findet ihr weitere Buch-Rezensionen von uns:
>>>   Daniel Suarez: Daemon
>>>   Phillip Peterson: Paradox
>>>   Al Gore: Die Zukunft
>>>   Neil Stephenson: Amalthea
>>>   Michael J. Sullivan: Zeitfuge
>>>   Ramez Naam: Nexus
>>>   Daniel Keyes: Blumen für Algernon
>>>   David Lagercrantz: Verschwörung
>>>   Douglas Preston: Dark Zero
>>>   Horst Evers: Alles außer irdisch
>>>   Isaac Asimov: Foundation-Trilogie
>>>   Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre
>>>   Andreas Eschbach: Herr aller Dinge

Science-Fiction und mehr

Dank des zeitlichen Settings, der Raumschiffe und der vielen zukünftigen Technologien ist der Armageddon-Zyklus unbestritten Science-Fiction bzw. kann als Space Opera bezeichnet werden. Dennoch tummeln sich hier gleich verschiedenste Genres in einem kunterbunten Mix.

Nicht ungewöhnlich sind selbstverständlich spürbare Action-Anteile mit Raumschlachten und Kämpfen auf und um Planeten. Ungewöhnlich hingegen ist der merkliche Horroranteil, der durch die Seelen aus dem Jenseits und Quinns Luziferverehrung in das Buch Einzug nimmt.

Quasi als Antagonist hat das Buch auch eine Reihe philosophischer Nuancen und beschäftigt sich mit Religion und verschiedenen Gesellschaftsformen. Damit gibt es (erneut) beachtliche Parallelen zum Isaac Asimovs Foundation-Zyklus. Die mystischen Aspekte werden durchaus auch von den Namen der Romane verdeutlicht: So heißen zwei der Bücher Seelen-Gesänge bzw. Der nackte Gott.

Zu guter Letzt nimmt Hamilton auch was Sex angeht, kein Blatt vor den Mund - und als Brite fällt ihm dies sicherlich leichter als einem amerikanischen Kollegen. Aber dennoch drängt sich öfters der Verdacht auf, dass Hamilton es in den ersten Bänden etwas übertreibt: Joshua Calvert mimt den modernen Don Juan und ist bei seiner Jagd auch außerordentlich erfolgreich. Zum Glück legt sich dieser Aspekt der Serie dann jedoch irgendwann.

Auf gewisse Art und Weise war Hamilton mit diesem erotischen Aspekt seiner Zeit einige Jahre voraus. Denn sechs Jahre nach dem Erscheinen des ersten Armageddon-Bandes im Jahr 1999 erschien Stephenie Meyers erster Band der Eclipse-Reihe Bis(s) zum Morgengrauen - und seitdem wird man durch keine Buchhandlung gehen können, ohne romantische Geschichten in Genres sehen zu können, wo bisher für Romantik oder gar Sex kein Platz war.

Wo wir gerade bei Bänden sind: Eigentlich besteht der Armageddon-Zyklus aus drei Büchern. In Deutschland wurden daraus aber - wie leider allzu oft üblich - gleich sechs Bände gemacht und dann auch noch aus einem verwandten Buch mit Kurzgeschichten ein nominell siebter Teil gebastelt. Die Aufteilung von Büchern für den deutschen Markt ist eine sehr ärgerliche und für den Leser kostspielige Angewohnheit einiger Verlage und pure Geldschneiderei.

Jenseits, Religionen und die Zukunft

Der Zyklus handelt von einer Menschheit, die am Scheideweg steht. Trotz aller Errungenschaften tritt doch die grundlegendste Eigenschaft des Lebens auf den Plan und stellt die Menschen  vor eine große Probe: Tod bzw. Jenseits.

Die erste und große Antwort darauf sind Krieg und Zerstörung - und doch scheint immer wieder durch, dass dies nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Deshalb befinden sich die Menschen auf der Suche nach einer Antwort, die der Problematik gerecht wird.

Bisherige Kampfkonzepte gehen auf kleiner wie auf großer Ebene nicht auf. Vernichtet man einen Planeten mit Besessenen, dann weiß man, dass die Seelen einfach woanders im Universum wieder auftauchen. Gleiches gibt aber auch persönlichen Konflikten zusätzlichen Zündstoff.

"Also gut. Aber wenn Sie mich anlügen, dann sollten Sie lieber sichergehen, dass Sie mich erledigen. Wenn nicht, krieg’ ich Sie am Arsch, ganz gleich, was es kostet. Und – selbst wenn Sie mich erledigen, kann ich zurückkommen und Sie immer noch kriegen, was?"

Verschiedene Gruppen verfolgen verschiedenste Ansätze mit unterschiedlichem Erfolg. Auch und besonders Religionen spielen hierbei selbstverständlich eine Rolle, da sie eine Art Abo auf das Jenseits bzw. dessen Interpretation zu haben glauben.

“Unsere gesamte Spezies hat ihre spirituelle Unschuld verloren.”

Keine große Hilfe dabei ist die eigentlich freundlich gesonnene außerirdische Rasse der Kiint, deren Antwort schlicht lautet, dass die Menschheit ihre eigene Lösung finden und ihren eigenen Weg gehen muss.

Auf der Suche nach dem persönlichen Glück und der Rettung der Menschheit streift Joshua Calvert durch das bekannte Universum und begegnet dabei verschiedensten Gesellschaftsformen. Aufgewachsen im paradiesischen Habitat Tranquility mit seiner BiTek, über das feudale Königreich Kulu bis hin zum Agrarplaneten Norfolk, der moderner Technik komplett entsagt und ein archaisches Gesellschaftssystem pflegt.

Dadurch gibt es doch eine recht große Parallele zu den letzten Bänden von Asimovs Foundation-Zyklus - und da Hamilton ein bekennender Asimov-Fan, ist, dürfte das Ganze also kein Zufall sein.

Fazit

Diese Rezension ist keine Rezension eines einzelnen Buches, sondern des ganzen Zyklus. Einen einzelnen Roman herauszupicken ergibt wegen der geschlossenen Gesamthandlung keinen Sinn. Hamilton lässt sich bei der Entwicklung der Geschichte Zeit und so beginnt der erste Roman - verglichen mit dem Gesamtzyklus - noch recht gemächlich.

Das erleichtert natürlich auch das Kennenlernen der über 100 Personen der Romane. Wer dennoch mal eine Person nicht einordnen kann, findet am Ende jedes Buchs ein Personenregister. Aber auch so fällt es nicht schwer, durch die große Menge der Figuren durchzublicken. Dies liegt daran, dass die Figuren deutlich gezeichnet sind und der Leser so nicht vor einem Einheitsbrei kapitulieren muss.

Bleibt also noch die Frage, ob die Geschichte beinahte 6000 Seiten wert ist - und das lässt sich ruhigen Gewissens bejahen. Während des Lesens kommt wahrlich keine Langeweile auf; alle Handlungsstränge und Personen fügen sich nahtlos in die Geschichte ein und haben entsprechende Relevanz.

Letztlich hat das Buch nicht nur einen enormen Umfang - auch die Geschichte hat Größe und man hat das Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben. Wer also ca. 170 Stunden Lese- bzw. Hörmaterial konsumieren will, ist mit dieser Buchserie sehr gut bedient.

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