THDE liest: 'Herr aller Dinge' von Andreas Eschbach

Wenn es etwas selteneres als deutsche SF-Autoren gibt, dann sind das erfolgreiche deutsche SF-Autoren. Hier stechen definitiv Andreas Eschbach und Frank Schätzing hevor, die sogar international Erfolge feiern können.

Von Tokio zum Pol

Mit Herr aller Dinge hat Eschbach einen Roman geschrieben, der für die Kategorie Klassiker vielleicht noch nicht alt genug sein mag - er erschien erst 2011. Dennoch hat er das Zeug zu einem Klassiker.

Schon zu Beginn muss der Leser mit einem Voruteil aufräumen: Ein Buch, das von Kindern handelt, ist ein Kinderbuch. Dieser Verdacht drängt sich leicht auf, ist aber zumindest hier völlig fehl am Platz. Allerdings verweilt die Handlung auch nicht lange in dieser Zeit seiner Protagonisten.

Der Roman beginnt mit einem markanten Satz, der stellvertretend für das ganze Buch steht:

"Ich weiß jetzt, wie man es machen muss, damit alle Menschen reich sind", sagte Hiroshi.

Horishi sitzt während dieses Satzes auf einer Schaukel und die Adressatin seiner Worte, Charlotte, ist zehn Jahre alt. Die beiden sind Freunde und dennoch unterschiedlich. Sie die Tochter des französischen Botschafters in Japan, er der Sohn der japanischen Wäscherin der Botschaft.

Von diesem Tag an kreisen die beiden umeinander wie zwei Himmelskörper. Diese Freundschaft und Beziehung zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Der zweite rote Faden ist eben jener Plan, der im noch kindlichen Gehirn Hiroshis entstand.

Hier findet ihr weitere Buch-Rezensionen von uns:
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>>>   Isaac Asimov: Foundation-Trilogie
>>>   Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre

Damit Hiroshi mit der Umsetzung dieses Planes beginnen kann, muss er allerdings noch viel lernen und vor allem erwachsen werden. Dankenswerterweise erspart Eschbach dem Leser den langen und schwierigen Prozess des Erwachsenwerdens und macht recht großzügige Zeitsprünge in der Geschichte.

Von kleinen und großen Dingen

Bemerkenswert ist die Idee, die Hiroshi schon so früh ereilt: Obwohl dies "nur" ein Roman ist, könnte sie auch in der realen Welt funktionieren. Und genau diese visionären Gedanken machen den Reiz guter Science-Fiction-Literatur und eben auch den Reiz von Eschbachs Romanen aus.

Science-Fiction-Romane sind eben keine Fantasy-Literatur, die Situationen aus der Luft greift und als gegeben postuliert. Vielmehr wird häufig eine Zukunft gezeichnet, die sich von unserer Gegenwart ableitet. In manchen Romanen sind das eventuell nur wenige Jahre, in anderen hingegen wird gar inverse Geschichtsbetrachtung betrieben, indem Jahrtausende extrapoliert werden.

Eschbachs 'Herr aller Dinge' gehört zur ersten Kategorie. Auch wenn der Zeitrahmen der Handlung nicht genau definiert wird, ist dem Leser doch klar, dass die Handlung in der nahen Zukunft spielt. Das erleichtert selbst dem Nicht-SF-Leser den Einstieg und lässt den Roman nicht nach einem "klassischen" SF-Roman aussehen.

Am naheliegendsten wäre es jetzt, über die Natur von Hiroshis Idee zu berichten. Doch dies würde allzuviel der Story vorwegnehmen - und das wollen wir euch als potenziellen Lesern nicht antun.

Nur so viel sei verraten: Eschbach unterbrach die Ausarbeitung des Romans, weil Michael Crichton einen Roman mit ähnlicher Thematik veröffentlichte. Stattdessen setzte sich Eschbach dann noch mehr mit Geld und Reichtum auseinander und schrieb sein bis dahin größtes Werk Eine Billion Dollar. Erst anschließend widmete er sich wieder Hiroshi und Charlotte.

Fazit

Herr aller Dinge zeichnet sich gleich in mehreren Bereich aus. Neben der visionären Idee gelingt es Eschbach, die technischen Sachverhalte fundiert und dennoch einfach verständlich zu beschreiben.

Er verleiht den Hauptfiguren zudem überraschend viel Tiefe und Profil. Während Hiroshi von seiner Idee besessen ist, verfügt Charlotte über eine ganz spezielle Gabe: Sie kann die Geschichte eines Gegenstandes durch Berührung desselben erspüren.

Dennoch ist Hiroshi als Protagonist kein allmächtiger Held. Mindestens einer seiner hochtrabenden Pläne erweist sich in der Realität als fateler Irrtum und führt zum gegenteiligen Effekt - nicht immer reichen eben gute Absichten und eine technische Lösung.

Durch all diese Eigenschaften und Zutaten ist Eschbach ein Roman gelungen, der auf vielfältige Weise zu faszinieren weiß. Dies gilt nicht nur für eingefleischte Technik- oder SF-Fans, sondern in besonderem Maße auch für den normalen Leser - vorausgesetzt er kann sich auf eine Geschichte mit philosophischen Anklängen und einer Länge von etwa 700 Seiten einlassen.

Wer lieber hört als liest sollte unbedingt zur ungekürzten Hörfassung greifen, um den eklatanten Verstümmelungen durch Kürzungen zu entgehen.

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4 Kommentare
    Dein Kommentar
  • Ch4rl13
    Da sind einige sehr interessante Bücher dabei, die ich vermutlich sonst nicht gefunden hätte. Aus diesem Grund auch einfach mal ein dickes Danke für die Rezensionen. Macht weiter so :-)
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  • Bodo
    vielen Dank für die Blumen. Da macht die Arbeit doch gleich doppelt so viel Spaß!
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  • Desertdelphin
    Das Buch ist absolut TOP! Und das Ende eines der beängstigsten und genialsten Mindfucks die je geschrieben wurden! Jedenfalls für alle die gerne in großen Maßstäben vor sich hin träumen.
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  • gst
    Yop! Hatte das vor Monaten durch und fand das Buch echt klasse. :)
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