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SENDETERMIN Di, 3.1.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Die Wiederbelebung schrumpfender Dörfer

Kein Laden, kein Arzt, keine Kneipe und viel Leerstand – demografischer Wandel und Abwanderung in die Städte gefährden das Landleben. Doch das Schrumpfen der Bevölkerung muss nicht zwangsläufig zu Niedergang und Verödung führen. Bundesweit wird nach Rezepten zur Wiederbelebung der Dörfer gesucht – im dünn besiedelten Osten, aber auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Entscheidend ist das Engagement einzelner Bürger. Wo sie den Dorfumbau aktiv in die Hand nehmen, wird das Landleben wieder attraktiv. Nachbarschaftshilfe, regionale Kooperation und moderne Informationstechnik können dabei helfen.

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Entschleunigung

Das Ortszentrum ist ein entscheidender Faktor für die Attraktivität von Dörfern, davon ist die Dresdener Raumplanerin Alexandra Weitkamp überzeugt. "Neubaugebiete helfen nicht. Sie führen nur dazu, dass niemand mehr die Gebäude im Innenkern möchte." Auch verführen die zu großen Straßen zum Schnellfahren. Wer die Dörfer beleben will, müsse den Verkehr entschleunigen.

Eine schöne neue, gepflasterte Straße führt in ein Neubaugebiet mit nur einem Haus.

Eine schöne neue, gepflasterte Straße führt in das Neubaugebiet Merzalbens – mit nur einem Haus.

Treffpunkte

Ein anderes Dorf. Merzalben, 30 Kilometer von Martinshöhe entfernt, gleiche Größe, gleicher Bevölkerungsschwund, gleiche Probleme. Aber andere Antworten. Jeden Mittwoch kehrt etwas Leben ins Dorfzentrum zurück. Dann baut Fritz Nagel seinen Obst- und Gemüsestand auf. Blumenkohl, Kartoffeln, Salat, frisches Obst – die Kundschaft füllt ihre Einkaufstaschen. Vor allem die älteren sind froh über das Angebot. "Sie brauchen nicht wegzufahren und haben hier vor Ort eine kleine Auswahl und das ist in Ordnung." Der wichtigste Anreiz, bei Nagel einzukaufen, sei allerdings der soziale Austausch. "Die haben sich, obwohl die im selben Ort sind, schon ewig nicht mehr gesehen. Früher hat man sich beim Bäcker getroffen und Neuigkeiten ausgetauscht. Was sollen sie heute machen? Heute kommen sie zu mir, und ich profitier' eben da davon, dass ich ein bisschen was verkaufe."

Jobs im Dorf: Landleben 2.0

Ein schönes Wohnumfeld reicht auch nicht: Denn Berufspendler, die früh aufbrechen und abends mit den Einkäufen aus der Stadt zurückkehren, lassen ein Dorf ebenfalls veröden. Es muss auch Arbeitsplätze geben. Die Landwirtschaft kann das nicht mehr. Doch so paradox es klingt: Gerade die Globalisierung und der moderne Datenverkehr können Dörfer zu begehrten Standorten machen.

Instrumentenbauer Jens Ritter etwa hat seine Werkstatt in Deidesheim. Auch weil hier die Miete günstig ist. Auf eine "zentrale Lage" ist er nicht angewiesen. Seine Kunden kommen aus Nashville, Los Angeles, Seoul oder Tokio, die Büroarbeiten lässt er in Antwerpen erledigen. Einige Dutzend E- und Bassgitarren baut Jens Ritter hier jedes Jahr. Viele tausend Euro teure Einzelanfertigungen, manche sogar mit Diamanten besetzt. Prince und George Benson haben sie gekauft, auch Musiker von Madonna oder Christina Aguilera. "Unsere Kunden setzen unseren Link auf ihre Seiten. So werden Nutzer weltweit auf uns aufmerksam." Vor 20 Jahren hätte so ein Geschäft in einem abgelegenen Dorf an der Weinstraße keine Chance gehabt.

So kann die Informationstechnik helfen, schrumpfende Regionen wieder zu beleben. Fachleute sprechen vom Landleben 2.0 – oder von "smart rural areas". So heißt auch ein millionenschwerer Forschungsschwerpunkt des Fraunhofer-Instituts für experimentelles Software-Engineering in Kaiserslautern. Peter Liggesmeyer ist der Chef. Er plädiert auch für neue Logistikkonzepte. Etwa den Linienfrachtbus – im Grunde eine Wiederbelebung des Systems "Postkutsche".

Idyll: Eine alte Dorfbäckerei

Wohl dem Dorf, das noch eine eigene Bäckerei hat...

"Postkutsche" per App?

"Weder Personenbeförderung noch Paketbeförderung rechnen sich für sich genommen in dünn besiedelten Räumen. Also sollte man sie wieder zusammenführen und die beiden Systeme technisch verknüpfen." Hier könnten, so Liggesmeyer, auch Privatpersonen eingebunden werden, die bestimmte Wege täglich fahren und gegen Entlohnung bereit sind, Pakete den letzten Kilometer zum Empfänger zu befördern.
Eine Smartphone-App kann dabei Angebot und Nachfrage bündeln. Auch regional erzeugte Lebensmittel könnten so einen direkten Weg vom Erzeuger zu Endkunden in benachbarten Dörfern finden. Und Patienten müssten nicht mehr für jeden Facharztbesuch den beschwerlichen Weg in die nächste Kreisstadt antreten.
Niedergelassene Ärzte und einige wenige Allgemeinmediziner könnten sich Facharztexpertise per Telemedizin im Falle des Falles dazuholen. Leider, sagt Liggesmeyer, fehle dafür auf dem Land oft noch die Infrastruktur – vor allem schnelles Internet. In der ländlichen Pfalz liegt die Versorgungsrate unter 20 Prozent, einige Dörfer haben noch nicht einmal Handyempfang.

Aktives Vereinsleben

Das Erfolgsgeheimnis ist die Dorfgemeinschaft. Zu dieser Erkenntnis ist auch der Bevölkerungswissenschaftler Reiner Klingholz bei seinen deutschlandweiten Studien über schrumpfende Dörfer immer wieder gekommen.
"Die Vereinsdichte sagt viel. Je höher die Vereinsdichte in einem Dorf ist, desto stabiler ist es." Menschen, die sich organisieren – oder im Sportverein oder im Musikverein – ziehen mit ihrer Freude am Engagement auch Neuzuzügler an.

Oft hängt es von einzelnen Aktiven ab, ob in einem Dorf ein aktives Vereinsleben gedeiht. Fachleute wie Raumplanerin Alexandra Weitkamp sprechen von "Kümmerern": "Wenn Sie Glück haben, haben sie eine Art Vordenker, der die Leute mitnimmt. Andernfalls sollte man drüber nachdenken als Gemeinde, ob man sich da nicht Hilfe von außen nimmt und sich vielleicht auch jemanden einkauft, der einem hilft, Visionen zu entwickeln für das Dorf und etwas entwickeln kann."

Dienstleistungstauschbörsen

So wie Nathalie Franzen, professionelle Dorfmoderatorin. Seit vielen Jahren berät sie kleine Gemeinden in Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg. In Busenhausen im Westerwald hat sie geholfen, eine Dienstleistungstauschbörse einzuführen. Währung: Arbeitszeit. "Wenn ich jemandem eine Stunde die Rosen schneide, kann ich diese Stunde bei jemand anderem einlösen – z.B. in Form einer Reparatur oder selbstgestrickten Socken."

Ein trostloses verlassenes Anwesen steht zum Verkauf

Manchmal bleibt nur eines übrig: das Haus verkaufen.

Geht der Plan für alle auf?

Dennoch: Nicht jedes Dorf ist mit solchen Maßnahmen zu retten, meint Reiner Klingholz. Wenn ein Ort keine Perspektive mehr hat, dann wäre es besser, den Umzug der letzten Bewohner zu unterstützen anstatt krampfhaft in eine immer schlechtere Versorgung zu investieren.
"Wir können nicht hergehen und sagen: Wir versorgen alle Orte, so entlegen sie sind und so dünn besiedelt sie sind nach einem Standard wie wir es früher gewohnt waren. Das ist nur ein Inhalt von Sonntagsreden, den Politik seit Jahren gar nicht mehr erfüllen kann."

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