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Veröffentlicht: 05.07.2016, 14:51 Uhr

Bachmannpreis-Gewinnerin Manchmal wache ich auf und denke: Heute bin ich ein Ei

In Klagenfurt hat soeben eine ziemlich unentdeckte Autorin den Bachmannpreis gewonnen – mit ihrem zweiten Text in deutscher Sprache.

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© Picture-Alliance Alles kam unerwartet für Sharon Dodua Otoo: Der Text in deutscher Sprache, der Bachmann-Wettbewerb und schließlich der Hauptpreis. Doch sie verdienen einander.

Klagenfurt? Als die britische Autorin Sharon Dodua Otoo von Sandra Kegel, Literaturredakteurin in diesem Feuilleton, erstmals auf den Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis angesprochen wurde, wusste sie nichts davon. Unter den Voraussetzungen dafür, dass solche Wettbewerbe jemanden entdecken, der noch unentdeckt ist, könnte der Umstand, dass die Castingshow ihrerseits der Kandidatin unbekannt ist, eine der günstigsten sein. Im Märchen wäre es genau so: Es wird gefunden, was gar nicht gesucht werden wollte. Trotz aller Verzweiflung in Verlagen, was zu drucken sei, trotz aller Dichte an Literaturfestivals, Scouts und Agenturen gibt es jedenfalls noch Literatur, die man finden muss, weil sie selbst kaum weiß, dass sie gesucht wird.

Jürgen Kaube Folgen:

So gibt es, der Beweis ist angetreten, britische Autoren, die noch nicht wissen, wie gut sie auf Deutsch sein könnten. Oder um das Klagenfurter Beispiel des vergangenen Jahres zu nehmen, als Nora Gomringer mit einem Stück gewann, das ihr ebenfalls von Sandra Kegel „abverlangt“ worden war: Lyriker, die sich mit Gewinn für alle zu Teilzeitarbeit an Prosa überreden lassen. Oder um es noch genereller zu formulieren: Es gibt Schriftsteller, die bereit sind, etwas zu machen, was auch für sie selbst unerwartet ist und nicht erst in alle Richtungen schauen, bevor sie loslegen.

Sprechende Eier sind selten in der Weltliteratur

Die Geschichte vom pensionierten Raketeningenieur Gröttrup und seinem Frühstücksei, die einander beobachten, kam unerwartet. Sprechende und zugleich an der Sprache leidende Eier sind selten in der Weltliteratur, Typen wie Gröttrup aber auch. Er war Assistent Wernher von Brauns an der V2-Rakete, ging mit seiner Familie nach dem Krieg in die Sowjetunion, um dort mit seinem einstigen Chef in einen Fernwettbewerb einzutreten, und schließlich nach Deutschland zurückkehrte, wo er erst die Informatik begründete und dann die Chipkarte erfand. In diesem Profil eines Lebens einen literarischen Stoff zu entdecken bedarf es wenig. Um so mehr für die Sache mit dem Frühstücksei auf Dingseelenwanderung, das beschließt, nicht hart zu werden, um den Ingenieur auf sich aufmerksam zu machen.

Muss man von außen kommen, um sich so etwas in einem Text zu trauen, der natürlich viel zu kurz ist, um entfalten zu können, was darin steckt? Die 1972 geborene Autorin, die als alleinerziehende Mutter von vier Söhnen seit zehn Jahren in Berlin wohnt, wuchs in einem Londoner Viertel auf, in dem mit ihren Eltern und Geschwistern als einzige schwarze Familie unter Weißen lebte. Für diese frühe Erfahrung von Fremdheit fand sie lange Zeit keinen Ausdruck, wie sie sagt. Ihre Eltern konnten nicht helfen, denn sie waren erwachsen, als sie aus Accra nach England übersiedelten.

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Die kindliche Erfahrung des Andersseins ist in den beiden Novellen, die Sharon Dodua Otoo bislang im Verlagskollektiv Edition Assemblage veröffentlicht hat, manifest. „Synchronicity“ aus dem Jahr 2014 und „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“ von 2013 hat Otoo allerdings auf Englisch verfasst. Und auch die Buchreihe „Witnessed“, in der sie als Herausgeberin schwarzen Autoren in Deutschland ein Forum gibt, erscheint auf Englisch. „Herr Gröttrup setzt sich hin“ ist überhaupt erst der zweite Text, den Otoo auf Deutsch geschrieben hat. Es liegt eine schöne Ironie darin, dass jemand, der sich hierzulande mehr auf seine Hautfarbe als auf seine Herkunft angesprochen fühlt, mit einem Text über ein weiches Ei, das einen deutschen Raketenbauer aus der Habituszone Loriots irritiert, den bekanntesten deutschen Literaturwettbewerb gewinnt. So, wie der Text selbst ein Versprechen ist auf mehr von Gröttrup und dem allwissenden Ei.

Glosse

Echse, hilf!

Von Andrea Diener

In einer Welt voller Filterblasen können sich Rechts und Links nicht einmal mehr über wissenschaftliche Themen verständigen. Doch Hoffnung naht – aus dem Mesozoikum. Mehr 1

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