THDE liest: Die Knochenuhren von David Mitchell

Sechs Bücher in einem Jahr und der World Fantasy Award 2015 - das sind Gründe genug, "Die Knochenuhren" zu lesen und hier zu besprechen. Selbst wenn der Roman nur zum Teil von der Zukunft handelt.

1985 bis 2043

Die Knochenuhren beginnt im Jahr 1985 und folgt der beinahe sechzehnjährigen Holly Sykes über viele Jahrzehnte. Sie ist Hals über Kopf in einen älteren Mann verliebt, was ihren Eltern gar nicht passt.

Damit beginnt der Roman im Stil einer Coming-of-Age-Geschichte und wirkt beinahe wie ein Jugendbuch. Doch wie schon bei Eschbachs vorzüglichem Herr aller Dinge kann dieser Eindruck trügen.

Denn zwar wird Holly während der Gesamtgeschichte immer älter, doch geschieht dies in großen Sprüngen. Wir begleiten sie bis ins Jahr 2043. Das Besondere daran ist, dass jeder Zeitabschnitt bzw. Teil des Buches aus Sicht eines anderen Protagonisten spielt und dennoch von Holly handelt.

Auf dem Weg begegnen uns stets neue Protagonisten. Angefangen mit dem Cambridge-Studenten Hugo Lambs, über einen Kriegsberichterstatter bis hin zum zynischen Buchautor Crispin Hershey hat die Protagonistenreise stets neue Stationen und Perspektiven.

"Halten Sie mich bitte nicht für unhöflich, Miss Moore, aber ich führe lieber eine Zahnwurzelbehandlung an mir selber durch oder wache neben Aphra Booth im Zuchtgehege einer außerirdischen Tierschau auf oder lasse mir aus nächster Nähe sechsmal mitten ins Herz schießen, als Ihre Gedichte zu lesen."

-- Crispin Hershey

So folgen wir Hollys Lebensweg und insbesondere ihren Beziehungen. Holly wird älter und weiser - und doch lassen einige frühe Erfahrungen sie bis ins hohe Alter nicht los.

Hier findet ihr weitere Buch-Rezensionen von uns:
>>>   Daniel Suarez: Daemon
>>>   Phillip Peterson: Paradox
>>>   Al Gore: Die Zukunft
>>>   Neil Stephenson: Amalthea
>>>   Michael J. Sullivan: Zeitfuge
>>>   Ramez Naam: Nexus
>>>   Daniel Keyes: Blumen für Algernon
>>>   David Lagercrantz: Verschwörung
>>>   Douglas Preston: Dark Zero
>>>   Horst Evers: Alles außer irdisch
>>>   Isaac Asimov: Foundation-Trilogie
>>>   Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre
>>>   Andreas Eschbach: Herr aller Dinge
>>>   Peter F. Hamilton: Armageddon-Zyklus
>>>   Markus Stromiedel: Zone 5

Von Horologen und Anachoreten

Allerdings gibt es noch eine weitere Besonderheit des Romans, die aber insbesondere zu Beginn nur selten aufblitzt. Neben der normalen Handlung in der realen Welt gibt es noch eine zweite Ebene, die vom Krieg der Horologen gegen die Anachoreten handelt.

Meist taucht dieser Handlungsstrang nur kurz auf und ist ebenso schnell wieder verschwunden - und bleibt es auch für viele Seiten. Erst spät im Roman verdichtet sich dieser Teil der Handlung so sehr, dass daraus eine schlüssige Geschichte und damit etwas Verständliches wird.

Der Name der Anachoreten ebenso unverständlich wie der mystisch-fantastische Teil dieser Geschichte. Denn eigentlich heißen sie Anachoreten der Kapelle der Dämmerung des Blinden Katharers vom Thomasiter-Kloster am Sidelhorn-Pass. Kein Wunder also, dass sie meist nur Anachoreten genannt werden.

Dieser Teil der Geschichte ist im Gegensatz zur restlichen Handlung verblüffend schwarz-weiß gemalt. Während die eine Seite abgrundtief böse erscheint, ist die andere das genaue Gegenstück. Beide hingegen vereint, dass sie entweder das ewige Leben suchen oder bereits gefunden haben.

Hier finden sich starke Parallelen zu Mitchells sehr erfolgreichen Roman Wolkenatlas, der von Tom Tykwer unter dem Namen Cloud Atlas verfilmt wurde - sehenswert!

Für einen Roman, der sich zu beachtlichen Teilen stark im anspruchsvollen Bereich des Mainstreams bewegt, sind die Fantasy-Episoden ziemlich abgespackt. Mitchell zelebriert diese Teile förmlich und sprengt damit die Grenzen der Genres. Selbst für Fantasy-erprobte Leser sind diese Abschnitte harter Tobak - für Otto-Normal-Leser dürften sie ein wahres Fantasy-Feuerwerk darstellen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sie unpassend oder gar schlecht sind. Nur wirken sie anfangs wie ein Fremdkörper, der erst allmächlich vom Gesamtwerk assimiliert werden muss.

Die Zukunft und alles wird gut oder auch nicht

Unsere Buchreihe bespricht ganz generell Bücher über die Zukunft - und mit Die Knochenuhren würden wir diese Zielsetzung deutlich strapazieren, wenn nicht ein Teil des Romans in der Zukunft spielen würde bzw. auch utopische oder dystopische Anteile hätte.

Ersteres wird gleich mehrstufig erfüllt. Die Geschichte um den zynischen Buchautor Crispin Hershey spielt in der Zeit von 2015 bis 2020 und damit teilweise in der Zukunft. Allerdings wirkt dieser Part aufgrund der zeitlichen Nähe und der Schilderungen eher wie eine Gegenwartsbeschreibung.

Dies ändert sich im letzten Teil des Romans, der im Jahr 2043 spielt. Hier wird es dann gewohnt dystopisch. Warum "wie gewohnt"?

Schon in unseren letzten Besprechungen waren die Vorhersagen unserer Zukunft äußerst düster. Im Armageddon-Zyklus ist die Erde nur noch innerhalb von speziellen Gebäuden bewohnbar und die Erdoberfläche aufgrund von Armadastürmen unbewohnbar. Auch in Zone 5 gibt es infolge des Klimawandels und der Umweltverschmutzung besondere Stürme. Hinzu kommen soziale Ungerechtigkeiten und Klassenbildung.

Damit scheinen viele Buchautoren die Folgen des vielerorts noch geleugneten Klimawandels vorwegzunehmen. Da lässt sich nur hoffen, dass diese Romane keinen prophetischen Charakter haben. Aber leider sehen die Vorhersagen des Sachbuchs Die Zukunft von Al Gore sehr ähnlich aus und verheißen nichts Gutes.

Mitchells dystopische Zukunftsvision basiert größtenteils darauf, dass der Menschheit das Öl/Benzin ausgeht. Die Folgen sind gravierend - auch wenn wir hier natürlich nicht weiter auf das Ende des Buchs eingehen wollen. Mit dem Niedergang Europas geht gleichzeitig ein Aufstieg anderer Nationen einher, zum Beispiel Chinas.

"Die Zivilisation ist wie die Wirtschaft oder Tinkerbell: Wenn die Leute nicht mehr an sie glauben, stirbt sie."

Wer sich noch näher mit dem potenziellen Versiegen des Ölhahns beschäftigen will, findet in Andreas Eschbachs Roman Ausgebrannt eine lebensnahe Schilderung aus deutscher Sicht.

Fazit

Die Knochenuhren ist ein außergewöhnlicher Roman. Dabei ist er weder Fantasy, SF noch etwas anderes genau Spezifizierbares. Auf brachiale Art und Weise vereint Mitchell alle Gattungen und schafft etwas Neues, das gelegentlich ebenso verstörend wie faszinierend ist.

Durch die wechselnden Protagonisten und Perspektiven fällt eine Identifikation nicht immer ganz leicht. Hinzu kommt, dass einige der Protagonisten nicht unbedingt Sympathieträger sind und auch nicht wirklich zu den Guten gehören. Einzig Holly zieht sich wie ein silberner Faden des Guten durch den Roman. Und so ist Holly dann auch der Leuchtturm, an dem sich Roman und Leser innerhalb des Buchs orientieren (müsen).

Unser Fazit: Wer nicht auf der Suche nach einem guten Buch ist, sondern gleich sechs gute Bücher finden will, für den führt an Die Knochenuhren kaum ein Weg vorbei - selbst wenn ein einzelner Teil vielleicht nicht ganz den persönlichen Geschmack treffen sollte.

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