Heft 34/2001 | frauen im osten deutschlands | Seite 7 - 10

Ingrid Miethe

Die »Frauen für den Frieden« (Ost).

Geschichte, Positionen, Einordnungen

Die Gründung der Gruppen »Frauen für den Frieden« stellte die erste größere Mobilisierung von Frauen dar, die auch eine gewisse öffentliche Sichtbarkeit erreichte. Die Bildung der Gruppen, die zunächst in Berlin und dann relativ schnell auch in anderen Orten der DDR erfolgte, war eine Antwort auf das am 25. März 1982 von der Volkskammer der DDR verabschiedete neue Wehrdienstgesetz. Dieses Gesetz sah im Falle des Verteidigungszustandes auch die Einbeziehung von Frauen in den aktiven Wehrdienst vor.1
Aus Protest gegen dieses Gesetz, das in die Phase einer seit Jahren zunehmenden Militarisierung der DDR-Gesellschaft fiel (vgl. Neubert 1997:304 ff.), schrieben zunächst einzelne Frauen Eingaben an die Volkskammer, den Staatsrat und an Erich Honecker.2 Nachdem der Staat darauf kaum reagiert hatte, fanden sich im Oktober 1982 Frauen zusammen, um eine gemeinsame Eingabe an Erich Honecker zu schreiben. Obwohl die Frauen zunächst nicht die Absicht hatten, eine Frauengruppe zu gründen, sammelten sie über diese erste gemeinsame Aktivität Erfahrungen, die dazu führten, dass sie sich – obwohl dies zunächst innerhalb der Gruppen auch kontrovers diskutiert wurde – dauerhaft zu einer reinen Frauengruppe zusammenfanden. Irena Kukutz beschreibt als Grund für diese Entscheidung der Berliner Frauenfriedensgruppe »die gewonnene Erfahrung, daß Frauen ein anderes Miteinander praktizieren als Männer. Die Unterschiede werden nicht nur im weniger reden und schneller handeln sichtbar, sondern auch an einem weniger dominanten Auftreten einzelner, an mehr Gleichberechtigung und Solidarität, an Kooperation statt Konkurrenz.« (Kukutz 1995: 1303).
Im Ergebnis dieser Ereignisse bildete sich unter dem Dach der evangelischen Kirche ein Netzwerk kleiner Frauenfriedensgruppen, die unterschiedlich lange zusammen blieben. 1985 zählte das MfS 15 Frauenfriedensgruppen in 10 Bezirken der DDR.3 Die größten Gruppen arbeiteten in Berlin, Halle, Leipzig und Magdeburg. Alle Gruppen konnten mit ihren öffentlichen Aktionen jeweils Hunderte von Frauen mobilisieren (vgl. Neubert 1997: 581). Von den Frauen gewählte Aktionsformen waren zum Beispiel Eingaben- und Unterschriftenaktionen, Gemeindetage, Bitt- und Klagegottesdienste, zu deren bekanntesten die »politischen Nachtgebete für Frauen« gehörten4, und die Teilnahme an Friedenswerkstätten. Sie schufen damit eine halböffentlichen Raum, in dem offen diskutiert werden konnte und Menschen über das »klagen« konnten, was sie bewegte. Die Zeit der größten öffentlichen Aktionen der »Frauen für den Frieden« waren insbesondere die Jahre 1982 bis 1985. 1984 organisierten die Hallenser »Frauen für den Frieden« das erste DDR-weite Frauentreffen. Weitere folgten in jährlichem Abstand (vgl. Kenawi 1995).
Nach dem Abflauen der Friedensbewegung Mitte der 80er Jahre blieb ein Teil der Friedensfrauen weiterhin als »Frauen für den Frieden« zusammen. Andere von ihnen engagierten sich dagegen in gemischtgeschlechtlichen Oppositionsgruppen wie zum Beispiel der »Initiative Frieden und Menschenrechte«. Im Herbst ’89 gehörten sie zu den Mitinitiator(inn)en der gemischtgeschlechtlichen Bürgerbewegungsgruppen, zumeist des »Neuen Forums« oder von »Demokratie Jetzt«. Für einige »Flügel« und »Szenen«, vor allem aus dem Süden der DDR, bildete die in der Arbeit der Gruppe »Frauen für den Frieden« gewonnene Identität als Frau die Grundlage künftiger eigenständiger politischer Aktionen und Organisationsformen. Aus diesen gingen im Herbst ’89 ein Teil der Gründerinnen des »Unabhängigen Frauenverbandes« hervor (vgl. Hampele 2000).
In Interviews mit ehemaligen Friedensfrauen wird immer die große sozialisatorische Bedeutung der Aktivität in einer Frauenfriedensgruppe deutlich. Die Zusammenarbeit in einer reinen Frauengruppe, so die relativ übereinstimmende Meinung, war ein wesentlicher Faktor, um sich später auch in gemischtgeschlechtlichen Zusammenhängen einbringen und durchsetzen zu können. Eine meiner Interviewpartnerinnen äußerte dazu:  »...dass in dieser Frauengruppe wir wirklich auch, also jede für sich gewachsen ist, wir also selbstbewusster geworden sind. Und wir so ein Sprungbrett hatten, von dem aus wir dann auch anderes gemacht haben und dann später auch in andere Gruppen gegangen sind.«
Auch wenn die Gruppen »Frauen für den Frieden« im Herbst ’89 keine Rolle mehr spielten, haben sie meines Erachtens indirekt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, indem sie eine, wenn nicht sogar die wesentliche politische Sozialisationsinstanz für die Entwicklung weiblichen oppositionellen Handelns in der DDR darstellten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die meisten der Öffentlichkeit bekannten Frauen der Bürgerbewegungen der DDR ehemalige Friedensfrauen sind. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an Namen wie Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Katja Havemann oder Katrin Eigenfeld.
Im Folgenden sollen einige allgemeine Ergebnisse einer 1999 abgeschlossenen biografischen Untersuchung (Miethe 1999) vorgestellt werden5. Dabei konzentriere ich mich auf zentrale Positionen und Motivlagen innerhalb der Frauenfriedensbewegung, die ich abschließend in allgemeinere sozialwissenschaftliche Debatten einbetten werde.

»Frauen für den Frieden« und die unabhängige Frauenbewegung der DDR
Der Zusammenschluss in einer reinen Frauengruppe war zunächst keineswegs beabsichtigt, sondern ergab sich erst durch die politische Aktivität (Kukutz 1995; Miethe 2000). Auch die Berufung auf die internationale Bewegung »Frauen für den Frieden« stellte zunächst mehr eine Schutzmaßnahme dar, als dass sie einem feministischen Selbstverständnis entsprochen hätte. So sagt beispielsweise Heidi Bohley, eine der Hallenser Friedensfrauen:
»Und in der DDR war ja damals diese Situation, daß man offiziell diese westliche Friedensbewegung sehr beklatschte. Und da sind wir dann einfach auf diesen Zug aufgesprungen, auch um uns zu schützen. Wir haben gesagt, wir sind auch ‘Frauen für den Frieden’. Und was man auf der einen Seite beklatscht, kann man doch vielleicht zu Hause schwerer ins Gefängnis stecken. So schlicht. Und da war das eben mit den Etiketten gleich so ne Sache. Da waren wir dann plötzlich ne Frauengruppe«6.
Erst nachdem die Frauen bereits als Gruppe aktiv geworden waren, begannen sie sich auch mit frauenspezifischen und teilweise auch feministischen Themen auseinanderzusetzen. Es wurde etwa über Gewalt in der Ehe oder geschlechtsspezifische Kommunikations- und Machtstrukturen diskutiert, doch waren das mehr oder weniger zusätzliche Themen, die nicht zur zentralen Grundlage der politischen Aktivität wurden. Für die Mehrheit der Frauen, die auf Dauer in den Gruppen verblieben, war die Frauenfrage zwar wichtig, sie galt ihnen aber nicht als »wirklich politisch«. Im Vordergrund stand vielmehr die Unterdrückung durch das DDR-System, der Männer wie Frauen in der Wahrnehmung der untersuchten Frauen gleichermaßen ausgesetzt waren und die für sie eine größere Bedeutung hatte als die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern (Miethe 1996: 95f.).
Obwohl die DDR-weiten Frauen-Vernetzungstreffen von den Friedensfrauen initiiert worden waren, zogen diese sich ab Mitte der 80er Jahre zunehmend daraus zurück. Grund dafür war ein Konflikt, der kurz als »Patriarchatskritik vs. Diktaturkritik« bezeichnet werden kann. Während die feministisch orientierten oder Lesbengruppen eine stärkere Auseinandersetzung mit frauenspezifischen Themen einforderten, waren derartige Themen den Friedensfrauen »nicht politisch genug«. Die Friedensfrauen der DDR haben damit die Entstehung einer unabhängigen Frauenbewegung – nicht zuletzt über das Schaffen einer Vernetzungsmöglichkeit – wesentlich mit initiiert, diese aber nur zu einem kleinen Teil selbst mit getragen (vgl. Miethe 2000).

»Frauen für den Frieden« als Teil der allgemeinen Friedens- und Oppositionsbewegung
Da die »Frauen für den Frieden« der allgemeinen Friedens- und Oppositionsbewegung näher standen als der Frauenbewegung, waren viele ihrer Positionen und Probleme nicht frauenspezifisch, sondern identisch mit denen der Oppositionsbewegung überhaupt.7 Dazu gehörten zum Beispiel das Verhältnis zur Kirche, die Beziehung zu Ausreisewilligen und zu westlichen sozialen Bewegungen sowie der Einfluss des MfS.
Das Verhältnis zur Kirche war und blieb ambivalent. Einerseits bot die evangelische Kirche tatsächlich das viel zitierte »Schutzdach«, oder anders gesagt, zumindest einen (halböffentlichen) Raum und entsprechende Ressourcen, die von den Frauen genutzt werden konnten. Auf der anderen Seite verursachten die Gruppen oft viel mehr Unruhe innerhalb der Gemeinde, als so manchem Gemeindekirchenrat oder der Kirchenleitung lieb war, und Versuche der Disziplinierung der Gruppen waren keine Ausnahme. »...am liebsten«, so eine der Interviewpartnerinnen, »hätten uns immer alle in die Nachbargemeinde delegiert.« Der Anteil christlich gebundener Frauen innerhalb der Frauenfriedensgruppen war unterschiedlich: während in der Berliner Gruppe relativ viele Frauen nicht kirchlich gebunden waren, gehörten in der Magdeburger, Hallenser oder Leipziger Gruppe der Großteil der Frauen auch einer christlichen Kirche an.
Unabhängig davon war, wie die Interviews deutlich machen, die Auseinandersetzung mit christlichem Gedankengut und mit einer christlichen Tradition des Widerstandes durchaus zentral. Insbesondere bezog man sich dabei auf die Tradition der Bekennenden Kirche, mit deren Widerstand gegen die NS-Diktatur das eigene Handeln gegen die DDR-Diktatur verglichen werden konnte.
Ein bedeutsames Problem war, wie für andere Oppositionsgruppen auch, die Ausreise in den Westen. Neben dem Verlust persönlich nahestehender Menschen führte sie auch zur Schwächung der Gruppen – nicht zuletzt deshalb, da nach der Ausreise zu den ehemaligen Gruppenmitgliedern nur noch vereinzelt Kontakt bestand. Das Bestreben der Friedensfrauen ging dahin, sich von Ausreisewilligen abzugrenzen, denen oft unterstellt wurde, sich nur deshalb der Gruppe anzuschließen, um den Ausreiseantrag schneller genehmigt zu bekommen.
Auch wenn der Anteil weiblicher IMs gering war und das MfS zunächst Schwierigkeiten hatte, geeignete IMs zur »Bearbeitung« der Frauenfriedensgruppen zu finden (vgl. Krone/Kukutz 1994: 43), gelang es doch in alle größeren Frauenfriedensgruppen mindestens eine IM einzuschleusen. Ohne dass ich hier auf diese Einflussnahme des MfS näher eingehen könnte, läßt sich doch sagen, dass die Gruppen und der Alltag der Friedensfrauen ohne diese Beeinflussung nicht adäquat verstanden werden können und viele persönliche und Gruppenkrisen auf derartige gezielte »Bearbeitung« zurückgehen (vgl. z.B. Kukutz/Havemann 1990, Sengespeick-Roos 1997).
Relativ zeitig entwickelten sich vielfältige Kontakte zu sozialen Bewegungen vor allem in der Bundesrepublik, in Westberlin und Holland. Bezeichnenderweise bestanden diese Kontakte der »Frauen für den Frieden« in erster Linie zu westlichen (Frauen-) friedensbewegung, aber nur im Ausnahmefall zur westlichen Frauenbewegung. Auf diesem Weg erhielten die ostdeutschen Gruppen vielfältige Anregungen von westlicher Seite. Gleichzeitig waren die Frauen aber – in der »Provinz« mehr als in Berlin, wo durch die räumliche Nähe zu Westberlin von Anfang an vielfältige Kontakte bestanden - lange Zeit auch vorsichtig mit derartigen Treffen. Die Angst resultierte nicht zuletzt aus der Befürchtung, dadurch die verstärkte Aufmerksamkeit des MfS auf sich zu ziehen. »Erst viel zu spät«, so eine Interviewpartnerin aus der »Provinz«, »haben wir erkannt, dass diese Kontakte uns ja schützen konnten«. Schutz war insofern gegeben, als im Falle von Verhaftungen über Westmedien eine gewisse Öffentlichkeit hergestellt werden konnte, so etwa im Fall der 1983 inhaftierten Friedensfrauen (Kukutz 1995: 1310). Trotz aller Kontakte und gegenseitigem Austausch wird aber auch deutlich, dass die Handlungsrahmen, die im Sinne von Inhalten interpretierten Möglichkeiten der Akteuren in Ost und West grundverschieden waren.
Die hier beschriebenen Positionen waren zwar Gemeingut der »Frauen für den Frieden«, hatten aber für die in der Gruppe aktiven Frauen jeweils unterschiedliche Bedeutung. Im Folgenden sollen deshalb einige allgemeine Motivlagen von Akteurinnen der Frauenfriedensbewegung herausgearbeitet werden.

Motive für die politische Aktivität
Es liegt in der Natur von Motiven, dass sie schwer zu erfassen sind. Am einfachsten ist es zunächst, sich auf jene Gründe politischen Handelns zu konzentrieren, die die Menschen selbst benennen. Dies ist zweifelsohne der sicherste und am wenigsten Widerspruch provozierende Weg. Das Problem ist nur, dass Motive den Menschen immer nur begrenzt zugänglich sind, d.h. wir alle kennen die Gründe unseres Handelns letztlich nur teilweise. Andererseits können Menschen aber – wie aus der Analyse von Lebenserzählungen bekannt ist – sehr viel mehr über ihr Leben erzählen, als ihnen selbst bewußt ist (Hermann 1995: 185). In der Analyse von lebensgeschichtlichen Interviews können somit sowohl Motivlagen rekonstruiert werden, die mit den Selbstdeutungen der Interviewpartner(innen) identisch sind, als auch davon abweichende.
Ich kann hier nicht im Detail auf den sehr komplexen Vorgang der Auswertung der Interviews eingehen (vgl. Miethe 1999), sondern möchte nur drei verschiedene Motivlagen in Form von Idealtypen kurz vorstellen. Ein Typus wird dadurch gebildet, dass ein für die jeweilige Fragestellung außergewöhnlich relevanter Aspekt besonders hervorgehoben wird, andere demgegenüber vernachlässigt werden. Eine Typologie spiegelt somit nicht mehr die zugrundeliegenden sehr unterschiedlichen Biografien wider, sondern stellt einen Versuch dar, die Komplexität menschlichen Lebens so zu reduzieren, dass es sozialwissenschaftlich handhabbar wird.
Es wurden insgesamt drei verschiedene Typen rekonstruiert, wobei die Möglichkeit offen bleiben muss, dass es auch noch anders gelagerte und in dieser Untersuchung nicht erfasste Typen gibt. Für den ersten Typus, dem in erster Linie die Kriegskinder angehören (Jahrgänge 1939 – ca. 1946), steht die Aktivität in einer Frauenfriedensgruppe im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Die Frauen leisten stellvertretend für die Eltern einen Widerstand, den diese während der Nazi-Zeit nicht geleistet haben. »Damit mich meine Kinder einmal nicht fragen, was ich meine Eltern gefragt hatte« ist eine der idealtypischen Aussagen der Vertreterinnen dieses Typus. Die oppositionelle Aktivität in der DDR erhält ihre Bedeutung dadurch, dass das NS-System und die DDR als strukturell miteinander verbundene Diktaturen verstanden werden.
Für einen zweiten Typus dem in erster Linie Frauen der 50er Geburtsjahrgänge angehören, ist weniger die NS-Vergangenheit als vielmehr das Erleben von Repressionserfahrungen, vor allem in der stalinistischen Phase der DDR, und der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit des DDR-Systems zentral.
Für einen dritten Typus hat das jeweilige gesellschaftliche System nur eine untergeordnete Bedeutung, da der Anschluss an eine Frauenfriedensgruppe, zu deren Hauptprinzipien die Gewaltfreiheit zählt, eine Möglichkeit darstellt, einen Umgang mit selbsterlebten Gewalterfahrungen zu finden. Die Frauenfriedensgruppe stellt hier einen Schutz- und Entwicklungsraum dar.
Betrachtet man insgesamt die Motivlagen und auch die sozialstrukturelle Herkunft der untersuchten »Frauen für den Frieden«, wird deutlich, dass sich dort eine sehr inhomogene Klientel zusammenfand: von der Marxistin über die Lesbe und Feministin bis zur stark kirchlich gebundenen Frau. Während diese unterschiedlichen Positionen in Westdeutschland zur Bildung jeweils eigenständiger Gruppen und Strömungen der Frauenfriedensbewegung führten (Maltry 1993), standen die »Frauen für den Frieden« (Ost) für die Frauenfriedensbewegung in der DDR insgesamt und bildeten eine Art Sammelbecken für ganz unterschiedliche Motivlagen, die sich im Minimalkonsens der Systemopposition zusammenfanden. Welche allgemeinen sozialwissenschaftlichen Schlussfolgerungen lassen sich nun aus diesen Positionen und Motivlagen ziehen?

Sozialer Ort und Bewegungstyp der »Frauen für den Frieden«
1. Auch wenn die »Frauen für den Frieden« einen Zusammenschluss nur von Frauen darstellten, sind diese Gruppen im Hinblick auf ihre Positionen meines Erachtens eher als Teil der unabhängigen Friedensbewegung denn als Teil der Frauenbewegung zu verstehen. Die Frauenfriedensgruppen der DDR stellen allerdings typische »Brückenorganisationen« dar. Brückenorganisationen versuchen bewusst, die Ziele und Inhalte von mindestens zwei sozialen Bewegungen miteinander zu verbinden (vgl. Roth 1997: 243). Die »Frauen für den Frieden« stellen damit eine Verbindung zwischen der unabhängigen Friedens- und der Frauenbewegung der DDR dar. Zwar wurde die unabhängige Frauenbewegung der DDR letztlich nur zu einem geringen Teil von den Friedensfrauen getragen. Dennoch haben diese wesentlich an der Vernetzung von Frauengruppen mitgearbeitet und auch ihre Inhalte und Positionen in diesen Zusammenhang eingebracht,  vor allem in den ersten Jahren, als die DDR-weiten Treffen noch von ihnen organisiert wurden.
Auch wenn für die meisten Friedensfrauen die Frauenfrage zwar wichtig, im Vergleich zu einer allgemeinen Diktaturkritik aber eher sekundär war, haben sie sich über die Aktivität in einer reinen Frauengruppe zunehmend auch als Frauen und Oppositionelle definiert. Dieses neu entstandene Selbstverständnis als Frau wurde dann auch in die allgemeine Friedensbewegung hineingetragen. Teilweise wurde von den Frauen (allerdings mit mäßigem Erfolg) auch die Geschlechterthematik in die Oppositionsgruppen eingebracht. Dass auch in der DDR eine Frauenfriedensbewegung existierte, ergab zudem eine zusätzliche Vernetzungsmöglichkeit mit westlichen sozialen Bewegungen, da diese mitunter gezielt den Kontakt zu Frauengruppen und nicht nur zu Friedensgruppen suchten.
Der Umstand, dass die Friedensfrauen sich später aus den Vernetzungstreffen der unabhängigen Frauenbewegung zurückzogen und dass Frauenthemen nie wirklich Teil der allgemeinen Friedens- bzw. Oppositionsbewegung wurden, zeigt die Grenze der Möglichkeiten solcher Brückenorganisationen. Andererseits macht genau diese Inkompatibilität zweier sozialer Bewegungen Brückenorganisationen notwendig, die einen losen Kontakt halten und damit auch die potentielle Mobilisierungsfähigkeit und Reichweite der Bewegung erhöhen.
2. Nach 1989 wurde sehr schnell damit begonnen, westliche sozialwissenschaftliche Konzepte auf die ostdeutschen Oppositionsgruppen zu übertragen. Eine besondere Rolle spielte dabei in Deutschland das Konzept der »Neuen Sozialen Bewegungen«. Seine Kernthese lautet, dass die sozialen Bewegungen der 80er Jahre in der Bundesrepublik eine qualitativ neue Form von Bewegungsorganisationen darstellen, die sich von den sogenannten »alten« Bewegungen (Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung) durch die Organisationsform, die Themenwahl und die postmaterielle Orientierung unterscheiden und spezifische Antworten auf die Modernisierungsprozesse der Gesellschaft bieten. Ohne hier ins Detail zu gehen8 kann gesagt werden, dass die Anwendung dieses Begriffes auf die Frauenfriedensbewegung der DDR nicht gerechtfertigt erscheint. Die Frauenbewegung ist keinesfalls »neu«, sondern wird von Frauen seit mindestens 150 Jahren vorangetrieben. Gleiches gilt für die Friedensbewegung bzw. Frauenfriedensbewegung - erinnert sei nur an Bertha von Suttner (1843-1914). Zum anderen ignoriert dieses für westliche Gesellschaften entwickelte Konzept die Spezifik östlicher Oppositionsgruppen, zum Beispiel die Bedeutung von Repressionen und geheimdienstlicher »Bearbeitung« oder das fast völlige Fehlen einer Öffentlichkeit im westlich-demokratischen Sinne. Wie die rekonstruierten Positionen (zum Beispiel Frauenfrage als »Nebenwiderspruch«) und Motivlagen (etwa die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit) aufzeigen, besteht eher eine Nähe zu den westdeutschen 68ern, die auch in Westdeutschland nicht den »Neuen« Sozialen Bewegungen zugerechnet, sondern vielmehr als ein Übergangsphänomen zwischen alten und neuen Bewegungen betrachtet werden.
Relativ pragmatische Lösungen dieses Problems orientieren darauf, die Frauenfriedensbewegung zunächst ganz allgemein als soziale Bewegungen oder aber als Widerstandsbewegungen zu verstehen. Widerstandsbewegungen sind nach Steinbach (1995) primär keine soziale Bewegungen, sondern in erster Linie auf die Herstellung elementarer Menschenrechte gerichtet. Beide Zuordnungen sind theoretisch und empirisch möglich. Die wissenschaftliche Diskussion der letzten Jahre hat insbesondere aufgezeigt, dass der Übertragung westlicher Konzepte enge Grenzen gesetzt sind. Die Entwicklung sozialwissenschaftlicher Modelle, die die Spezifik der ehemals staatssozialistischen Gesellschaften und damit auch von Widerstand und Opposition in diesen Staaten erfassen kann, steht bisher noch aus und wird die Aufgabe der nächsten Jahre sein.

1 Neues Deutschland vom 27./28. März 1982, Gesetz über den Wehrdienst in der Deutschen Demokratischen Republik – Wehrdienstgesetz vom 25. März 1982, §3, Abs. 5 und § 40 Abs. 3.
2 Vgl. den Wortlaut einiger Eingaben in Bildungswerk (Hg.) 1989 und Kenawi 1996.
3 ZOV Wespen vom 12.6.1985 in Kukutz 1995: 1324.
4 Eine ausführliche Dokumentation der Nachtgebete findet sich in: Sengespeick-Roos 1997:49-123. Zum ersten Nachtgebet der Frauen in Berlin kamen über 500 Frauen (Neubert 1997:579).
5 Basis der Untersuchung sind 30 lebensgeschichtliche Interviews mit Frauen aus der DDR-Opposition (zwanzig davon gehörten einer Gruppe »Frauen für den Frieden« an) sowie eine Gruppendiskussion mit einer Frauenfriedensgruppe.
6 Vgl. »Die Wespen« – Ein Dokumentarfilm über die FRAUEN FÜR DEN FRIEDEN in Halle. Buch und Gespräche: Ingrid Miethe, Kamera: Julia Kunert, Regie: Teodora Ansaldo und Julia Kunert. LA LONTRA Film und Videoproduktion Julia Kunert, 90 Minuten, Beta-SP, BRD 1996.
7 Vgl. ausführlich »Versuch einer Szenebeschreibung« in Miethe 1999: 84-89.
8 Diese Problematik ist ausführlich dargestellt in Miethe 1999: 17-37.


Literatur

– Bildungswerk für Demokratie und Umweltschutz (Hg.) (1989): Genau Hingesehen. Nie Geschwiegen. Sofort Widersprochen. Gleich Gehandelt. Dokumente aus dem Gewebe der Heuchelei 1982- 1989. Widerstand autonomer Frauen in Berlin Ost und West. Berlin
– Hampele, A. (2000): Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozeß. Berlin.
– Hermanns, H. (1995): Narratives Interview. In: Flick, U. u.a. (Hg.): Handbuch Qualitative Sozialforschung. Weinheim, S. 182-185.
– Kenawi, S. (1995): Frauengruppen in der DDR der 80er Jahre. Eine Dokumentation. Berlin.
– Krone, T. / Kukutz, I. (1994): Methoden der »Zersetzung« am Beispiel der »Frauen für den Frieden«. In: Redaktion Weibblick (Hg.): Frauen im Visier der Stasi. Berlin, S. 37-44.
– Kukutz, I. (1995): »Die Bewegung ‘Frauen für den Frieden’ als Teil der unabhängigen Friedensbewegung der DDR. In: Materialien der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland«, hrsg. vom Deutschen Bundestag, Bd. VII,2, S. 1285-1408
– Kukutz, I./Havemann, K. (1990): Geschützte Quelle. Gespräche mit Monika H. alias Karin Lenz. Berlin.
– Maltry, K. (1993) Die neue Frauenfriedensbewegung. Entstehung, Entwicklung, Bedeutung. Frankfurt/New York.
– Miethe, I. (1996): Das Politikverständnis bürgerbewegter Frauen der DDR im Prozeß der deutschen Vereinigung. in: Zeitschrift für Frauenforschung. 14(3), S.87 - 101.
– Miethe, I. (1999): Frauen in der DDR-Opposition. Lebens- und kollektivgeschichtliche Verläufe in einer Frauenfriedensgruppe. Opladen.
– Miethe, I. (2000): Frauenbewegung in Ostdeutschland. Angekommen in gesamtdeutschen Verhältnissen? in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis. 23(54), S. 9-22.
– Neubert, E. (1997): Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989. Bonn.
– Roth, S. (1997): Political Socialization, Bridging Organization, Social Movement Interaction: The Coalition of Labor Union Women, 1974 - 1996. Promotionsarbeit an der University of Connecticut
– Sengespeick-Roos, C. (1997): Das ganz Normale tun. Widerstandsräume in der DDR-Kirche. Berlin.
– Steinbach, P. (1995): Widerstand – aus sozialphilosophischer und historisch-politologischer Perspektive. In: Poppe, U. u.a. (Hg.): Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Berlin, S. 27-67.

Ingrid Miethe, geb. 1962 in Plauen, vor 1989 Aktivitäten in der unabhängigen Friedensbewegung und Lebenskünstlerin (tätig als Orthoptistin, Kellnerin, Landwirtschaftshilfe, Briefträgerin, Nachtwächterin und ambulante Händlerin), nach ‘89 Studium der Erziehungs- und der Politikwissenschaft an der TU Berlin, Promotion in Politikwissenschaft an der FU Berlin, derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Greifswald.

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