Auffangbehälter für radioaktive Flüssigkeit | Bildquelle: dapd

Umstrittene Lieferungen Deutsches Uran für US-Atomwaffen?

Stand: 11.05.2017 06:00 Uhr

Die Firma URENCO, die einen Sitz in Deutschland hat, liefert Uran - auch in die USA. Bislang dient der radioaktive Export dort zur Stromerzeugung. Doch Washington könnte das Uran auch für seine Atomwaffen gut gebrauchen.

Von Jürgen Döschner, ARD-Energieexperte

Mittwoch, 10. Dezember 2014: Ein Lkw mit angereichertem Uran verlässt das Gelände der Firma URENCO im westfälischen Gronau. Das Ziel: Die US-Brennelementefabrik "WesDyne/Westinghouse" in Columbia, South-Carolina. Eigentlich kein besonderes Ereignis. Die USA betreiben rund 100 Atomreaktoren und sind größter Kunde von URENCO-Gronau. 2016 wurden rund 440 Tonnen angereichertes Uran in die Staaten geliefert - mehr als an alle anderen Abnehmer zusammen, einschließlich Deutschland.

Doch das Ziel an jenem 10. Dezember 2014 war ein besonderes. Die Brennelemente-Fabrik in Columbia ist Teil des US-Atomwaffenprogramms. Neben normalen Brennstäben für kommerzielle Atomkraftwerke werden bei "Westinghouse" auch spezielle Brennstäbe zur Herstellung von Tritium gefertigt: sogenannte "Tritium Producing Burnable Absorber Rods", kurz TPBAR.

Was ist Tritium?

Tritium ist ein radioaktives Gas, das zur Leistungssteigerung in allen modernen Atomsprengköpfen benötigt wird. Wegen seiner geringen Halbwertzeit von zwölf Jahren müssen jährlich knapp sechs Prozent des Tritiums in den rund 7000 Atomsprengköpfen der USA ersetzt werden.

Strom für mehr als eine Million Haushalte

Von Columbia gehen die TPBAR-Brennstäbe per Lkw in den Nachbarstaat Tennessee, zum Atomkraftwerk Watts Bar 1 in Spring City. Der Reaktor mit den speziellen Brennstäben produziert Strom für mehr als eine Millionen Haushalte. Und, als bislang einziger Reaktor in den USA, das für die Atomwaffen so wichtige Tritium. Bezahlt und unter strenger Aufsicht der "National Nuclear Security Agency" (NNSA), einer Unterabteilung des US-Energieministeriums.

Ob dabei auch Uran von URENCO zum Einsatz kam, ist unklar. Allerdings gab es laut Dokumenten des US-Kongresses schon 2006 Verträge zwischen der URENCO-Niederlassung in den USA und dem AKW-Betreiber "Tennessee Valley Authority" (TVA) zur Belieferung der Reaktoren "Watts Bar" und "Sequoyah".

Offiziell hat bislang die strikte Haltung der US-Regierung den Einsatz von URENCO-Uran für das Atomwaffenprogramm offenbar verhindert. US-Gesetze verbieten derzeit den Einsatz ausländischer Materialien oder Technologien für den militärischen Nuklearsektor.

Eine dünne Grenze zum Militär

Doch der Druck auf Washington steigt, diese Regeln aufzuweichen. Denn die USA haben seit 2013 keine eigene Urananreichungsanlage mehr. Gleichzeitig wächst aber der Bedarf an Tritium. Militärexperten warnen vor einer "drohenden Krise für die Tritium-Produktion" und sehen mittelfristig die Einsatzfähigkeit der US-Atomwaffen in Gefahr. Der Rechnungshof des US-Kongresses forderte deshalb schon 2014 eine Lockerung der strengen Regeln. Alternative wäre die Entwicklung und der Bau einer eigenen Urananreicherung, was viel Zeit und noch mehr Geld kosten würde.

Das Beispiel Tritium zeigt, wie dünn die in zahlreichen internationalen Abkommen gezogene Grenze zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Atomkraft ist. Dessen war sich wohl auch URENCO bewusst und ließ 2005 in einem "Legal Memorandum" die Frage klären, ob es gegen geltende Abkommen verstieße, wenn Uran der US-Niederlassung von URENCO zur Herstellung von Atombomben-Tritium eingesetzt würde. Das Ergebnis: Man sehe keine rechtlichen Hindernisse. Tritium sei schließlich nur ein "Abfallprodukt", das bei der Stromerzeugung entstehe. Einstimmig abgesegnet wurde diese Einschätzung vom obersten URENCO-Aufsichtsgremium, in dem auch die Bundesregierung vertreten ist.

Debatte über Rechtmäßigkeit - "vertraulich"

Auf die Frage, ob diese Einschätzung noch heute gilt, reagierte das Bundeswirtschaftsministerium zugeknöpft. "Die Sitzungen und Unterlagen des Gemeinsamen Ausschusses sind vertraulich, sodass ich hierzu keine Stellung nehmen kann", erklärte eine Sprecherin des Ministeriums schriftlich.

Der Münsteraner Bundestagsabgeordnete und Mitglied im Ausschuss für Reaktorsicherheit, Hubertus Zdebel (Linkspartei), forderte gegenüber dem WDR von der Bundesregierung eine klare Stellungnahme, dass es Uranlieferungen für das US-Atomwaffenprogramm niemals geben wird. Mit solchen Lieferungen würde der schmale Grat zwischen militärischer und ziviler Atomnutzung klar überschritten.

Die Geschäftsleitung von URENCO hat auf die Anfragen des WDR bislang nicht reagiert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Mai 2017 um 05:20 Uhr

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