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Prauss, Gerold: Die Einheit von Subjekt und Objekt

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Eine Philosophie gegen die Quantenphysik
Gewicht: 0.85 kg

Rezension:

Es sind die fundamentalsten Probleme überhaupt, mit denen sich der Philosoph Gerold Prauss in seinem neuen Buch herumschlägt: Die Fragen nach dem Wesen von Raum und Zeit und dem Verhältnis von Subjekt und Objekt, die er mit der Hilfe einer sehr weit gespannten und anspruchsvollen Argumentation zu lösen versucht.

Prauss zählt zu den renommiertesten Kantforschern der Gegenwart, und auch in diesem Buch spielt dessen Philosophie eine dominierende Rolle; von ihr geht Prauss aus, und ihre Fehler versucht er zu korrigieren. Nun wirft man Kants Philosophie von Raum und Zeit gerne vor, sie sei ebenso wie die Physik Isaac Newtons längst überwunden. Denn diese Physik besitze allein für den Mesokosmos Gültigkeit – also nur in der Welt, in der wir leben, nicht aber in der ganz kleinen Welt der Atome oder der ganz großen Welt des Alls, in der Welten entstehen und vergehen. Bereits die Relativitätstheorie hat die Raumkonzeption Newtons überwunden, noch mehr aber die heutige Physik, zum Beispiel die (allerdings keinesfalls unumstrittene) Stringtheorie mit ihren phantastisch vielen Dimensionen.

Wie grundstürzend die Einsichten von Prauss sind, kann man daran sehen, dass er zu zeigen versucht, dass es bereits „eine vierdimensionale Ausdehnung nicht geben“ kann, und „erst recht auch keine von noch höheren Dimensionen“, wie sie in der Physik heute angenommen wird. Denn die Dreidimensionalität unseres Raumes ist nicht etwa in der menschlichen Physis begründet, sondern eine „geometrische Notwendigkeit.“ Durch die Annahmen der Relativitätstheorie sieht er sich in seinen Überlegungen bestätigt, aber die Stringtheorie lehnt er entschieden ab. In den beiden letzten Paragraphen seiner Abhandlung geht er dann mit der Mathematik ins Gericht – mit keinen geringeren als mit Georg Cantor und David Hilbert –, deren Begriff der Unendlichkeit er scharf zurückweist. Er stellt der Mathematik seinen eigenen Begriff des Kontinuums entgegen, das sich für ihn nicht etwa aus einer Menge verschiedener Punkte zusammensetzt – wie das Kontinuum der Infinitesimalrechnung. Für Prauss ist das Kontinuum vielmehr „diese Ausdehnung als Einheit einer Ganzheit“ (577). Wenn ich ihn richtig verstehe, geht für den Autor die Einheit allem anderen voran.

Für Prauss sind Raum und Zeit nichts Gegebenes, sondern „etwas zu Erzeugendes“ – nämlich von uns selbst, und in seinem Buch geht es darum, den Weg zu Raum und Zeit aufzuzeigen („herzuleiten“), also ihre Geburt aus dem Subjekt, dessen Ursprung er als Punkt zu begreifen versucht. Sein Ziel ist es also, das Verhältnis von Ich und Welt zu begründen – ein Verhältnis, das er nicht als ein äußerliches Gefüge, sondern als ein „Geglieder“ (507) bestimmt – mit diesem von ihm selbst kreierten Begriff beschreibt er die Einheit von Subjekt und Objekt, die seinem Buch den Titel gibt.

Das methodische Prinzip dieses Buches ist die Herleitung aus dem „ontologisch Minimalen“ als der Keimzelle unserer Welt. Minimal muss dieser Ausgangspunkt sein, weil der Philosoph mit so wenig Voraussetzungen wie irgend möglich auskommen will, und so geht er statt von der Linie vom Punkt aus, der sich zu Raum und Zeit gleichermaßen ausdehnt. Denn immer kann „nur ein Punkt von dieser oder jener Art der Ausdehnung sich ein Bewusstsein bilden, und nicht umgekehrt.“ (298) Das Ich ist also das erste, die Welt das zweite, denn „Punkt“ ist nur ein anderes Wort für Bewusstsein, Ausdehnung für Welt, wie man in dem folgenden Zitat erkennt, in in dem auch die idealistische Ausrichtung der Philosophie von Gerold Prauss deutlich wird: „Nur „er“ (der Punkt) kann „dabei die Ursache und auch nur sie die Wirkung sein“ (325; sie = Ausdehnung). „Trotzdem nämlich handelt es sich dabei doch um jene unlösbar-unmittelbare Einheit zwischen Punkt und Ausdehnung der Zeit, wie sie modellgemäß als die Dynamik eines Punktes auftritt, der zu einem stetig-neuen wird.“ (325f.) Das ist in einer sehr nüchternen, ja kargen und nicht immer leicht verständlichen Sprache nur ein anderer Ausdruck für das Verhältnis zwischen dem in der Zeit lebenden, sich stets mit seinen Sinneseindrücken verändernden Bewusstsein und seiner Welt.

An späterer Stelle bekennt sich Prauss, der natürlich die Problematik einer strikt idealistischen Position kennt, zu einem „relativen Idealismus“. Das bedeutet, dass er ein Gleichgewicht von (mit Kant gesprochen) Spontaneität und Rezeptivität annimmt. Das wird in dem folgenden, auch sprachlich für diesen Autor typischen Zitat deutlich: „Gerade wenn als ein spontan Agieren jedes solche Subjekt sich vergleichen läßt mit dem spontan Agieren auf dem Grund des Kosmos, muß dann zu diesem Agieren auch ein Reagieren noch gehören, das ein Reagieren auf dieses Agieren sein muß; folglich kann auch dieses darauf Reagierende nur etwas sein, das dann in irgendeinem Sinn zu diesem Subjekt selbst hinzugehören muß.“ (535) Die Entstehung des Kosmos wird hier parallel zur Erzeugung der Welt durch das Subjekt gesehen, und diese Erzeugung und damit das Bewusstsein ist das Primäre. Trotzdem ist es keinesfalls so, dass ein Bewusstsein sich seine Welt aus sich heraus erschafft, wie es ein absoluter Idealismus annehmen müsste, sondern dass die Spontaneität des Subjekts in der (Um-) Gestaltung seiner Sinneseindrücke zu seiner Welt besteht. Ohne eine Welt um uns herum und ohne unsere Sinnlichkeit, mit der wir sie wahrnehmen, könnten wir unsere Welt nicht erzeugen.

Es sind die ersten 500 Seiten des Buches, auf denen Prauss in Überlegungen, die man sich gar nicht schwierig genug vorstellen kann, zu einer Konzeption von Raum und Zeit gelangt, die nach seinem eigenen Verständnis sowohl dem Konzept der Relativitätstheorie Albert Einsteins als auch jenem der Quantenphysik entspricht. Hier, schreibt Prauss, wird endlich die Asymmetrie der Zeit, wird also der „Zeitpfeil“ verständlich, den er als „’Null-Vektor’ von stetig-neuem Punkt der stetig-neuen Gegenwart mit stetig-neuer Zukunft und Vergangenheit“ bestimmt. Denn während sich der Raum in alle Richtungen erstreckt, kennt die Zeit nur eine einzige Richtung. Bei dem folgenden Zitat sollte man „Punkt“ durch „Bewusstsein“, „Ich“ oder „Subjekt“ ersetzen. „Dann handelt es sich dabei nämlich um jenen sich ausdehnenden Punkt, der jeder einzelnen von seinen Ausdehnungen bis zuletzt zugrundeliegt und als bewußt-begleitender auch jede einzelne von ihnen bis zuletzt noch zur bewußt-begleiteten erhebt. Und das mitsamt dem faktisch-kontingenten Inhalt, der in Form von ihnen jeweils auftritt und in Form schließlich objektivem Raum und objektiver Zeit als dieses oder jenes der empirisch-physischen Objekte wirklich wird bzw. werden kann.“ (493) Das Zusammen von Spontaneität und Rezeptivität versucht er auch einzufangen, wenn er unsere Welt als „das erscheinend-eingebildete Geglieder des Kontinuums von Raum und Zeit“ (606) bestimmt.

An diesem Zitat wird ein wirklicher Mangel deutlich. Prauss unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen Bewusstseinsarten, die bereits jeder von uns selbst kennt, die aber natürlich auch für alle Wesen auf diesem Planeten verschieden sein müssen. Auch Tiere leben in Raum und Zeit und verändern sich, aber kann man das Bewusstsein eines Tieres mit dem eines Menschen gleichsetzen? Kennen Tiere nicht ebenfalls die verschiedensten Bewusstseinsarten – angefangen von ganz rudimentären bis hin zu solchen, die in manchen Aspekten dem des Menschen ähneln? Auch habe ich bis zuletzt nicht richtig verstanden, was Prauss unter einem Selbstbewusstsein versteht, wie er es also vom Bewusstsein unterscheidet.

Es ist bemerkenswert, dass Prauss in einer „Welt des Gegenübers von Objekten für Subjekte“ (516) lebt. Andere Erkenntnistheoretiker lehnen es heute strikt ab, überhaupt noch das Subjekt-Objekt-Modell zu gebrauchen.

Man kann sich die Lektüre dieses Buches gar nicht schwierig genug denken, denn Prauss ist ein äußerst scharfer Denker, der das Problem immer weiter und weiter verschärft – er ist keiner, der sich vorschnell zufrieden gibt, sondern er setzt immer wieder von neuem an, um seine Frage nach dem Ursprung von Raum und Zeit und damit vom Bewusstsein und dem Gegenüber von Subjekt und Objekt neu zu stellen. Seine unbedingte Redlichkeit kann man unter anderem daran erkennen, dass er sich wiederholt selbst in Frage stellt, indem er auf ältere Bücher von sich zurückgreift und deren Fehler benennt und korrigiert. Dabei ist seine intellektuelle Schärfe so erstaunlich wie seine Argumentationsbögen lang – immer wieder muss der Leser zurückblättern, um sich des Anfanges zu versichern. Es handelt sich deshalb um eine höchst anspruchsvolle, zweifellos aber auch lohnende Lektüre, denn wie eben bei der Frage nach der Drei- oder Mehrdimensionalität des Raumes angedeutet, behandelt Prauss die alles entscheidenden Fragen. Wenn er recht haben sollte (und der Rezensent hegt diesen Verdacht), dann haben die Physiker viel zu tun, um ihre falschen Modelle dieser Welt zu korrigieren.

Leider gibt es aber auch zu kritisieren. Prauss argumentiert als Erkenntnistheoretiker, aber es wäre gut gewesen, gelegentlich auch die Ergebnisse der philosophischen Anthropologie zu berücksichtigen. Erst in den letzten Abschnitten geht der Autor beiläufig auf den Leib und dessen Sinnlichkeit ein („das Empirisch-Inhaltliche seines eigenen Körpers“), den doch wohl jedes Bewusstsein haben muss und mit dem es in einer engen Wechselbeziehung steht, wenn man sie nicht gleich als identisch betrachtet. Prauss beweist zum Beispiel sehr schön, dass das Sehen „die Grundlage für jede andere Art von Wahrnehmungsbewußtsein“ (374) sein muss, aber er versäumt es, hier an Überlegungen von Hans Jonas und Helmut Plessner oder auch an solche der Lebensphilosophie anzuknüpfen, die seine Position durchaus bestätigen können.

Und noch etwas ist wichtig. Der Autor Prauss hinkt dem Denker weit hinterher und vermag es leider überhaupt nicht, seine Gedanken in einer sprachlich angemessenen Form vorzutragen. Das beginnt schon damit, dass er „jener“ und „dieser“ als bestimmte Artikel benutzt oder seine Begründungen kaum jemals mit einer Konjunktion wie „weil“ oder „deshalb“ einleitet, sondern immer mit einem Hauptsatz und anschließendem Doppelpunkt ankündigt: „So wird dadurch nämlich auch noch umgekehrt gesichert:“ und ähnlichen Wendungen. Oder man genieße folgenden Satz: „Der Sinn dieser Begriffsbildung erweckt den Schein, als ließen ‚Teile’ oder ‚Grenzen’ sich als angebliche Gattungen spezifieren zu ‚aktualen’ oder ‚wirklichen’ und ‚potentiellen’ oder ‚möglichen’ als angeblichen Arten beider, deren jede jeweils eine Art von Teilen oder eine Art von Grenzen wäre, was hier aber nicht der Fall ist.“ (54) Die Apostrophierung der Arten als angeblichen ist absolut überflüssig, ebenso überflüssig wie der hinterherhinkende Nachsatz. Die Argumentation ist schon schwierig genug, man braucht sie nicht noch schwieriger zu machen durch derart hilflose Sätze.

So ist der Leser hin- und hergerissen; immer wieder muss man das Wissen und den Ernst des Autors bewundern und ihm dankbar sein für die Genauigkeit, Schärfe und Tiefe seiner Argumentation; aber man wünscht sich wirklich, dass er seine Überlegungen in einer anderen Weise vortragen würde.

© S. Diebitz

weitere Titel des Autors

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Format gebunden
Seiten 672
Jahr 2015
Verlag Verlag Karl Alber

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